Auch Obdachlose integrieren, aber wie?

„Wir dürfen die Obdachlosen nicht aufgeben, sonst geben wir uns selbst auf“, lautet das Credo der Ärztin Dr. Jenny De la Torre Castro, die 1994 erstmals Menschen ohne Krankenversicherung in einem winzigen Behandlungszimmer im Ostbahnhof kostenlos medizinisch versorgte und die sich zwölf Jahre später mit der Eröffnung eines Gesundheitszentrums für Obdachlose in Berlin Mitte einen Traum erfüllte.

Nicht alle denken aber wie die aus Peru stammende Medizinerin, Weiterlesen

Gute Perspektive statt ungewisser Zukunft

Es hätte nicht viel gefehlt und rund 170 Menschen aus einem Neuköllner Obdachlosenwohnheim wären wieder auf der Straße gelandet: Am 21. April erhielten sie vom Betreiber der Unterkunft die Mitteilung, dass sie wegen der Kündigung des Gebäudemiet-verhältnisses zum Ende des laufenden Monats spätestens bis zum 26. April ausziehen müssen. Zeitgleich wurde das Bezirksamt darüber informiert und erfuhr so, dass es auch mit der Berlin Castle-Betreuung und Begleitung-GmbH – wie das im Zusammenhang mit Flüchtlingsunterkünften in die Kritik geratene Unternehmen PeWoBe seit seiner Umbenennung heißt – Probleme gibt.

Der Bezirk habe zur Betreuung der verunsicherten Bewohner umgehend Sozial-arbeiter in der Lahnstraße 56 eingesetzt. Parallel wurden, wie Weiterlesen

BVV Neukölln beschließt Transparenz beim Zugang zu mehr politischer Beteiligung

Mehr Anstrengungen, um Obdachlose in die Gesellschaft einzugliedern, mahnte kürzlich bei einer Veranstaltung Sozialsenatorin Elke Breiten-bach (Linke) an. Dass Nachbesserungsbedarf nicht nur bei der Prävention vor Wohnungsverlust und bei der Integration obdachloser Menschen in das Regelsystem der Krankenversorgung besteht, sondern auch die Möglichkeiten zur politischen Beteiligung – wie z. B. an Wahlen – verbesserungsfähig sind, zeigt die Annahme des Antrages „Wahlrecht für Obdachlose sicherstellen“ auf der Weiterlesen

Anlauf zur Kältehilfe-Saison 2017/18

Alle Jahre wieder beginnt kurz vor Einbruch der kalten Jahreszeit die hektische Suche nach Notübernach-tungsplätzen für Obdachlose in Berlin, denn sobald das Thermometer unter Null sinkt, droht beim Über-nachten im Freien der Erfrierungstod. „Wir müssen zu einer langfristigen Planung kommen“, kritisierte der Neuköllner Sozialstadtrat Jochen Biedermann (l.) im Januar diesen Jahres die bisherige Praxis im Land Berlin. „Nach der Kältehilfe ist vor der Kältehilfe“, sagte er damals dem FACETTEN-Magazin und forderte, dass spätestens im Frühsommer ein Konzept für die Saison 2017/2018 vorliegen müsse.

Pünktlich zum Abschluss der Kältehilfe-Saison 2016/17, die am 31. März endete, fand am vergangenen Montag ein Treffen für den Erfahrungs- und Weiterlesen

Rund 550 vorhanden, etwa 800 nötig: Lebensgefährliches Defizit bei Schlafplätzen für Wohnungslose in Berlin

u-bahn-station-hermannstrasse_neukoellnSchnee, Bodenfrost, Minusgrade, gefährliches Glatteis auf den Straßen, warnte der Deutsche Wetterdienst am vergangenen Wochenende. Besonders ernst wird es im Januar für Wohnungslose. Sinkt das Thermo-meter unter Null, droht beim Übernachten im Freien der Erfrierungstod. Allein in Berlin leben 3.000 bis 6.000 Wohnungslose – so schätzen Experten – auf der Straße. Eine genaue Statistik gibt es nicht.

„Wir scheuen keinen Aufwand, damit die, die wenig haben, auch etwas bekommen“, versprach der Neuköllner Gesundheitsstadtrat Falko Liecke am Sonnabend. Er war zur 2. Spendenaktion für Obdach-lose als ein Gast von vielen vor die Bahnhofsmission am Zoo in der Charlottenburger Jebensstraße auf die Bühne gekommen. An rund zwei Dutzend Weiterlesen

Aus dem Leben auf der Straße gerissen

U8 leinestr neukoellnEin Stück Bürgersteig an der Treppe zur U8-Station Leinestraße war für ihn so etwas wie ein Zuhause. Aus einem großen blauen Schirm hatte er sich ein Dach gebaut, das ihn und seine Habseligkeiten vor Niederschlägen oder sengender Sonne schützte; der U-Bahn-Schacht U8 leinestr berlin - neukoellnblies ein wenig Wärme  in die Unter-kunft, viele, die gerade im benachbarten Discounter eingekauft hatten, gaben ihm Lebensmittel oder das Wechselgeld. Vor genau einer Woche hatten sie noch versucht, ihm das Leben zu retten, indem sie den Notarzt riefen. Doch der Wohnungslose, den wohl die meisten aus dem Schillerkiez „kannten“, schaffte es nicht und starb; seitdem erinnern Kerzen und Blumen an der Neuköllner U-Bahn-Station an ihn. (Infos über die Berliner Kältehilfe hier.)

Details aus dem Neuköllner Nord-Süd-Gefälle

obdachlosigkeit neukoelln_foto irenaeus ilnickiWer sich nicht auf eigene Eindrücke verlassen, sondern wissen will, wie es den Neuköllnerin-nen und Neuköllnern geht, wie sie leben und wohnen, kann das seit einigen Tagen in einem neuen Kompendium nachschlagen: dem So-zialbericht Neukölln. „Er beschreibt nicht nur die demographischen, sozialen, kulturellen und gesundheitlichen Besonderheiten unseres bunten Bezirks anhand neuester Zahlen – sondern ermöglicht zudem anschauliche Vergleiche der Neuköllner Kieze untereinander, zu anderen Weiterlesen

Würdiger, feierlicher Abschied auf dem St. Thomas-Friedhof

gedenkstelle rolf schmitti schmitt_boddinplatz neuköllnDie Bank auf dem Boddinplatz, auf der Rolf „Schmitti“ Schmitt am 11. August starb, ist immer noch mit letzten Grüßen, Blumen und Kerzen geschmückt. Die Urne mit der Asche des Mannes, dessen Zuhause die Bank war, wurde am vergangenen Dienstag auf dem Neuköllner St. Thomas-Friedhof beigesetzt – so würdig und feierlich, wie es sich die Nachbarn und Bekann-ten gewünscht und durch Spenden ermöglicht hatten. „Es waren um die 30 Leute bei der Be-erdigung“, sagt Bernd Volkert vom Café Laidak, wo die Spendensammlung und alles Organisa-torische koordiniert wurde. Am Grab wurde musiziert und mit drei Wortbeiträgen an den verstorbenen Obdachlosen erinnert. „Alle“, so Volkert, „fanden den Ablauf in ruhiger Trauer und Gedenken sehr angemessen.“ Das eingesam-melte Geld, das nicht mehr für die Bestattungskosten benötigt wurde, wird „vermutlich an die offene Drogenarbeit gespendet“.

Nicht anonym, sondern würdig und mit einer Feier

gedenkbank rolf schmitti schmitt_neuköllnSein Zuhause war seit rund drei Monaten eine Bank auf dem Boddinplatz mitten in Neukölln zwischen Karl-Marx- und Hermann-straße. Vergangenen Dienstag wurde Rolf „Schmitti“ Schmitt frühmorgens tot auf sei-ner Bank gefunden.

Bekannte und Anwohner des Boddinplatzes sammeln nun für eine würdige Beerdigung des 52-Jährigen. Bis zum nächsten Freitag wollen sie 700 Euro zusammenbekommen, um Rolf Schmitt nicht anonym, sondern angemessen und mit einer Feier beizusetzen. „Er hat bei uns immer Weiterlesen

Unter dem Dach der Kirche: Obdachlosen-Nachtcafés in Neuköllner Gemeinden

„Was machen eigentlich die Kirchen?“ Diese Frage stellen vor allem dann viele, wenn – wie jetzt – eine Jahreszeit namens Winter auf das gesamtgesellschaftliche Problem obdachlosen-nachtlager_philipp-melanchthon-kirche neuköllnnamens Obdachlosigkeit trifft. Drei Neuköllner Gemeinden geben darauf so unmissverständ- liche wie tatkräftige Antworten: Sie helfen!

Noch bis zum 22. März öffnet die Philipp-Me- lanchthon-Gemeinde in Neubritz immer sonna- bends ab 21.30 Uhr ihre Kirche und macht den Sakralraum zum Obdachlosennachtlager (Kra- noldstr. 16/Eingang Brautkapelle; Tel. 625 30 02 und während der Öffnungszeiten 628 421 79) für bis zu 60 Frauen und Männer. Die Hilfebe- dürftigen bekommen außer Isomatte und Decke ein Abendessen sowie ein Frühstück und kön- nen im Gemeindehaus duschen und ihre Klei- dung waschen. Abends steht ihnen ein Arzt zur Verfügung; zudem nehmen sich vier Betreuer der Logis-Gäste an – und räumen wieder auf, damit am Sonntagvormittag der Gottesdienst stattfinden kann.

Jeden Freitag lädt die katholische St. Richard-Gemeinde ab 19.30 Uhr (letzter Einlass um 21.30 Uhr) zum Nachtcafé ein (Braunschweiger Str. 18/Eingang Schudomastr.; Tel. 680 570 26). Bis zu 25 Frauen und Männer können hier ver- weilen oder übernachten.

Ebenfalls freitags richtet die evangelische Mar- tin-Luther-Gemeinde ab 20 Uhr (letzter Einlass um 23 Uhr) ihr Obdachlosennachtcafé aus (Ful- dastraße 50/3. OG; Tel. 609 774 90 und während der Öffnungszeiten 609 774 928). Es gibt Platz für 25 Frauen und Männer; das Mitbringen von Tieren ist nicht erlaubt, ebenso das Konsu- mieren von Drogen und Alkohol.

Die Berliner Kältehilfe hat einen Kältehilfe-Wegweiser erstellt, der über Hilfen für Obdachlose, Notunterkünfte, Tagesstätten und Nachtcafés in allen Bezirken informiert.

=ensa=

„Darf ick dit wirklich allet mitnehm?“

trixie-tisch_frank zanders obdachlosenfest_estrel_neukölln„Ham Se och wat für Katzen?“, „Kann man dit och für Ratten nehmen?“ oder „Darf ick dit wirklich allet mitnehm?“ Das sind die Fragen, die den guten Helfer- lein am Trixie Heimtierbedarf-Stand gestern bei Frank Zanders 19. Weihnachtsfest für Obdachlose und Be- dürftige pausenlos gestellt werden. Insgesamt 17.000 Geschenkbeutel mit Hundefutter und -leckerlies oder geschenke für hundehalter_frank zanders obdachlosenfest_estrel_neuköllngleichem für Katzen und Nagetiere, Kratzbäume, riesige Schlafkissen, Transportboxen, Leinen, Geschirre, Halsbänder füllen die Tische im Ho- tel Estrel. Auch die Tierarztpraxis Peter Rosin ist wieder vor Ort. Schon eine Stunde nach Einlass Weiterlesen

Mit Kind und Kegel

obdachlosenunterkunft die teupe_neukölln„Der trinkende Wohnungslose, der auf der Straße lebt, ist nicht mehr die Norm. Ob- dachlosigkeit ist in die Mitte der Gesell- schaft gerückt“, sagt Marcel Deck, und er muss es wissen. Denn Deck leitet das Neuköllner Erstaufnahmeheim Die Teupe und hat täglich mit den Auswirkungen des Engpasses auf dem Berliner Wohnungs- markt zu tun. 150 Plätze in 75 möblierten Zweibettzimmern stehen bedürftigen Män- nern und Frauen im Haus 1 der Einrichtung zur Verfügung. Zusätzlich gibt es eine Notaufnahme mit sechs Betten. „In 2012“, be- richtet Marcel Deck, „hatten wir eine Auslastung von 84,9 Prozent.“ Vor Weiterlesen

„Die älteste Bewohnerin ist 92 Jahre, die jüngste 17 Tage alt“

einzelzimmer domus-rixdorf_neuköllnEin Glas mit Süßigkeiten steht schon als Willkommensgeschenk bereit, das Zimmer mit Bett, Schrank, Tisch, Stuhl und Kühl- schrank ist picobello geputzt. Heute wird es bezogen. „Dann sind wir komplett belegt“, sagt Susanne Hirse, die das im letzten Monat eröffnete Domus-Rixdorf leitet. Wä- re sie Hoteldirektorin, hätte sie guten Grund, stolz auf diese Auslastung zu sein. Aber das Domus-Rixdorf ist kein Hotel, sondern Neuköllns erstes Wohnheim für obdachlose Frauen. Hier, in der Nähe des Neuköllner Schiffahrtskanals, sollen sie vorübergehend – was durchaus Monate bedeuten kann – ein neues Weiterlesen

Warme Getränke und warme Herzen: Tee- und Wärmestube Neukölln feiert ihr 30-jähriges Bestehen

kirchenfest genezareth-kirche neuköllnWährend draußen schon auf das Kirchenfest am kommenden Sonntag hingewiesen wurde, fei- erte man in der Genezareth-Kirche vorgestern Nachmittag erstmal einen runden Geburtstag: geburtstagskuchen_30 jahre tuw neuköllndas 30-jährige Be- stehen der Tee- und Wärmestube Neu- kölln.

Es war die Pfarrerin Annemarie Werner, die das Hilfs- projekt samt Kleiderkammer für Weiterlesen

Himmlisches aus Neukölln

engelbrot, märkisches landbrot, soli-aktion frostschutzengel (gebewo)Dass Peter Steinhoff eine neue Brotsorte erfindet, ist nichts Ungewöhnliches. Das hat er schon oft in seiner inzwischen 35-jährigen Karriere als Bäcker getan. Eher besonders ist für ihn aber, dass das Brot schon einen Namen hat, bevor es überhaupt ein Rezept gibt. Engelbrot  soll es heißen, in Anlehnung an die Frost- schutzengel-Aktion, der es zugute kommen wird, hatte die Geschäftsleitung der Neuköllner Biobäckerei Märkisches backstubenleiter peter steinhoff, engelbrot, märkisches landbrot, soli-aktion frostschutzengel (gebewo)Landbrot entschieden, wo Steinhoff seit 1987 beschäftigt und seit acht Jahren Backstubenleiter ist. „Viel“, erinnert er sich, „fiel mir dazu erstmal nicht ein.“ Nur, dass Deme- ter-Lichtkornroggen-Mehl die Grundlage sein soll, sei ihm schnell klar gewesen.

Samstagmittag in der Produktionshalle von Märkisches Landbrot: Der Engelbrot-Vorteig aus Mehl und Wasser arbeitet bereits seit 24 Stunden in einem 80 Liter-Kessel vor sich hin. Dass Peter Steinhoff heute arbeitet, ist eine Ausnahme; er hat sein Pensum auf eine Fünf-Tage-Woche reduziert. Aber die engelbrot, märkisches landbrot, soli-aktion frostschutzengel (gebewo)erste größere Engelbrote-Produktion anlässlich der am nächsten Tag stattfindenden Terra-Hausmesse wollte er sich nicht nehmen lassen: „Das ist ein ganz wichtiger Termin für uns, weil da viele Inhaber und Angestellte unserer Verkaufsstellen sind und die zum ersten Mal die Gelegenheit haben, das Engelbrot zu probieren.“ Fast drei Kilogramm Bio-Landhonig aus Brandenburg und knapp zwei Pfund biozertifiziertes Meersalz geben der Neukreation ihren ganz besonderen Geschmack. „Etwas in der Richtung haben wir bisher noch nicht im Sortiment“, sagt der 51-Jährige. Aber er macht auch kein Geheimnis daraus, wie das Engelbrot schmecken würde, wenn es nur nach ihm gegangen wäre. Er hätte backstubenleiter peter steinhoff, engelbrot, märkisches landbrot, soli-aktion frostschutzengel (gebewo)es lieber würziger gehabt, mit Ros- marin. Oder fruchtiger, durch Zugabe von Kardamom. Doch die Berliner und Gewürze im Brotteig … „In ande- ren Regionen Deutschlands“, weiß Steinhoff, der aus Baden-Württem- berg stammt, „sind die Kunden etwas offener für Brotsorten, in denen mehr Gewürze als Salz und Pfeffer ste- cken.“ Von anderen Ländern und Kontinenten ganz zu schweigen. Er kann das beurteilen, weil es auf seiner persönlichen Weltkarte nur noch wenige weiße Flecken gibt: „Und wo ich bin, da verbringe ich auch gerne mal ein paar Tage in engelbrot, märkisches landbrot, soli-aktion frostschutzengel (gebewo)einer Backstube, um mitzuerleben, wie dort gearbeitet wird.“

Der Spiralkneter hat die Engelbrot-Ingre-dienzien gründlich vermengt und der Mas- se die gewünschte Konsistenz verpasst. Zwei Kessel weiter rührt sich ein Hubkneter durch den Teig für Dinkel-Saaten-Brote mit Sanddorn-Extrakt-Zugabe, ebenfalls eine Neuerfindung von Peter Steinhoff, die bei der Terra-Hausmesse zur Verköstigung angeboten werden soll. Das  Geräusch, das der Kneter macht, erin- nert an Wattwanderungen. Der Bäckermeister zieht sich den Engelbrot-Kessel zum Arbeitstisch. 910 Gramm roher Teig ergeben ein gebackenes 750-Gramm-Brot in Kastenform. Um freigeschoben, d. h. ohne Form, in den Ofen zu kommen, sei das Brot wegen des hohen Honiganteils engelbrot, märkisches landbrot, soli-aktion frostschutzengel (gebewo)und dessen Zusammenspiel mit hohen Tempe- raturen. Zu schnell würde die Kruste zu dunkel und buckelhart werden. „Abwarten, was ich backstubenleiter peter steinhoff, märkisches landbrot berlin-neuköllnnachher noch mach, damit das in der Kasten- form oben nicht pas- siert!“, fordert Stein- hoff, während er ein Brot nach dem anderen „nach Augenmaß und Handgewicht“ abmisst, zur Kontrolle engelbrot, märkisches landbrot, backstubenleiter peter steinhoff, soli-aktion frostschutzengel (gebewo)wiegt, knetet, formt und in den Metall- kasten legt. Lange prak- tizierte Bewegungen, die er als Backstu- benleiter allerdings nicht mehr allzu häufig macht. 20 Bäcker und drei Auszubildende habe er unter sich, etwa 40 verschiedene Brotsorten würden täglich in den 11 Öfen bei Märkisches Landbrot gebacken. Da gehe es für ihn hauptsächlich um Orga- nisatorisches, um Bestellungen und die Personalplanung. Oder eben um das Erfinden neuer Brotsorten, was bei ihm meist eine Mischung aus Intuition und engelbrot, backstubenleiter peter steinhoff, märkisches landbrot, soli-aktion frostschutzengel (gebewo)Anregungen  von Kollegen sei.

Feinstes Lichtkornroggenmehl rieselt durch ein Sieb auf die Engelbrote: „Das gibt nicht nur eine spezielles Aussehen, sondern schützt auch beim Backen die Kruste.“ Noch ein Etikett auf jedes Brot gedrückt, dann geht es für sie ab in den Ofen, und Peter Steinhoff kann sich um die ungleich kleinere Pro- duktion der freigeschobenen Sorten kümmern: um das Dinkel-Saaten-Brot mit dem „wunderbar molligen“ Teig und das Emmer-Dinkel-Brot, dem kandierte Walnüsse zugegeben sind.

„Das Engelbrot ist das, das am besten ankommen engelbrot, märkisches landbrot, backstubenleiter peter steinhoff, soli-aktion frostschutzengel (gebewo)wird“, ist er über- zeugt. Der milde Lichtkornroggen des Neulings, der ab 1. Okto- ber im Handel erhältlich sein wird, schmecke auch Kindern, die für normalen Roggen nicht zu begeistern seien. Und die leichte Süße mit der dezenten salzigen Note mache das Brot zur perfekten Basis für Stullen aller Art. Dass sich die Einschätzung bewahrheitet, würde im Falle des Engelbrots nicht nur Peter Steinhoffs Arbeitgeber freuen, sondern vor allem die  Frostschutzengel-Aktion  der Berliner Kältehilfe. Denn Neuköllns älteste Biobäckerei spendet 30 Cent vom Verkaufspreis jedes  Engelbrots an das Projekt.

=ensa=

Gelungenes Experiment

Ihre Adresse möchte sie hier nicht lesen, Namen auch nicht. Die Gefahr, dass dann künftig schiefgeht, was bisher völlig problemlos funktionierte, wäre zu groß. „Unser Hausbesitzer weiß natürlich nichts davon“, sagt die Mieterin, die im Parterre des sanierten Neuköllner Altbaus wohnt und den Anstoß für den Akt gelebter Empathie und Nächstenliebe gab, der im vorletzten Winter im Haus Einzug hielt.

„Ich hatte ihn schon öfter bei uns im Kiez gesehen und ihm auch manchmal Geld gegeben“, erzählt sie. Eines Abends, als sie im dicksten Schneegestöber nach Hause kam, habe er im Eingang des Nachbarhauses Schutz gesucht: „Die Frage, ob er sich nicht bei uns im Hausflur unter- stellen will, ist mir so rausgerutscht. Ich hab mich das richtig sagen hören.“ Er habe vollkommen verblüfft gefragt, ob sie das ernst meine, und sie habe es bejaht. „Weil es immer weiter schneite und ich ihn bei dem Wetter nicht wie einen Hund vor die Tür jagen wollte, ließ ich ihn bei uns Treppenhaus übernachten.“

Seitdem habe er etliche frostige Winternächte in seinem Schlafsack in der Nische unter den Briefkästen verbracht, manchmal sogar noch morgens Tee bekommen. „Als ich die Nachbarn aus dem Vorderhaus fragte, ob was gegen einen Obdachlosen als Logisgast spräche, dachten die meisten wohl erstmal, dass ich ’nen Knall hab“, erinnert sie sich schmunzelnd. Doch dann sei man schnell überein gekommen, ein paar Verhaltensregeln aufzustellen und es ausprobieren zu wollen. „Dass er keinen Anlass gibt, dass sich jemand belästigt fühlen könnte, war natürlich das Wichtigste dabei.“ Sie sei selber sehr gespannt gewesen, ob er die Vorgaben einhalten würde: das strikte Rauch- und Alkoholverbot, die Ansage, die Schlafecke sauber zu halten, und nicht mit Kumpanen aus der Wohnsitzlosen-Szene über die vergleichsweise komfortable Notunterkunft zu reden. „Da können Sie sich aber drauf verlassen!“, habe er damals versprochen und sich mit Tränen in den Augen für das Angebot bedankt.

Eine leise Skepsis der Mieter blieb … bis heute unbegründet. Der erste Winter verlief ohne Vorkommnisse, die den Abbruch des Experiments bedeutet hätten, der zweite und der jetzige ebenfalls: „Unser Olo, wie wir ihn nennen, macht es uns wirklich leicht, ganz direkt und effizient Hilfe zu leisten.“ Vor einigen Nächten habe er beschlossen, ohne die auskommen zu wollen – für diesen Winter.

=ensa=

Das Fest vor dem Fest: Weihnachten im Sherwood Forest

Hotte ist auch wieder da. Er legt die Gabel auf dem Tellerrand ab, zählt vom Daumen bis zum kleinen Finger durch. „Das fünfte Mal ist es heute“, sagt er mit Blick frank zander, 17. weihnachtsfeier für obdachlose, estrel neuköllnauf seine rechte Hand, die wie die eines Bauarbeiters aussieht: „Die hat Franky geschüttelt.“ Am liebsten,  überlegt Hotte, würde er sie nun ein paar Tage lang nicht waschen, denn Franky sei sein absoluter Held. Schon damals, als der den Ururenkel von Frankenstein besang, habe er frank zander, 17. weihnachtsfeier für obdachlose, estrel neuköllnihn ge- mocht. Da- mals, als Hot- tes Leben noch im Gleichgewicht war und es normal war, in geschlossenen Räumen zu über- nachten. Der 52-Jährige mit dem fatalen Bruch im Lebenslauf ist einer von gut 2.800 obdachlosen und bedürftigen Menschen bei Frank Zanders alljähr- licher Obdachlosenfeier im Neuköllner Estrel Hotel.

Zander hat am Eingang gestanden und jeden seiner Gäste persönlich begrüßt, die mit fünf BVG- Bussen aus dem gesamten Berliner Stadtgebiet zum Ort des Geschehens chauffiert wurden.  Auch wegen Typen wie Hotte steckt die rechte Hand des Sängers und Entertainers in einem Stützverband. „Wenn man tausenden Leuten die Hand schüttelt, geht das auf die Knochen. Und da sind ja auch ’n paar richtige Handwerker frank zander, 17. weihnachtsfeier für obdachlose, estrel neuköllndabei“, sagt Frank Zander schmunzelnd. Selbst wenn ihm der direkte Kontakt noch so sehr zusetzt, körperlich wie emotional, den lässt er sich nicht nehmen: „Das ist meine Familie! Da gehört’s doch da- zu, dass man sich berührt und dem anderen in die Augen guckt.“ Seine sind oft tränenverschleiert an diesem Nachmittag.

Frank Zanders Familie wurde in den letzten Jahren kontinuierlich größer: 1995, als er erstmals zur Weihnachtsfeier einlud, bestand sie aus rund 300 Mit- gliedern. Heute hat sich die Zahl verzehnfacht und damit Dimensionen ange- nommen, die zu Vorkehrungen zwingen, die für Familienfeste eher unüblich sind: Mitfeiern kann nur, wer sich vorher ein kostenloses Einlassbändchen geholt hat. Dass seine Familie zugleich stetig jünger wurde, bedrückt den gebürtigen Neuköllner frank zander, 17. weihnachtsfeier für obdachlose, estrel neuköllnbesonders: „Ganz schlimm, dass immer mehr Kinder dabei sind.“

Kinder wie Janina. Die Siebenjährige, die mit ihrer Mutter in einem Mutter-Kind-Heim Zuflucht fand, kann ihr Glück kaum fassen. Es gibt frank zander, 17. weihnachtsfeier für obdachlose, estrel neuköllnSü- ßes und Cola, vom von zahlrei- chen Sponso- ren bestückten Geschenketisch durfte sie sich etwas aussuchen und noch bevor das Festessen beginnt, wird sie eine neue Frisur bekommen. „Ich war noch nie in meinem Leben bei einem echten Friseur“, erzählt sie auf- geregt. Sonst schneide ihre Mutter ihr immer die Haare – mit mal gutem und mal weniger gutem Ergebnis. Der heutige Haarschnitt wird gut werden, denn es sind frank zander, 17. weihnachtsfeier für obdachlose, estrel neuköllnProfi-Friseure vom bbw Bildungswerk der Wirtschaft, die am Rand des großen Saals ihren improvisierten Salon eröffnet haben und kostenlose Haarschnitte an- bieten. Als Frank Zanders Sohn Marcus frank zander, 17. weihnachtsfeier für obdachlose, estrel neukölln, marcus zander, hanno bruhnund Hanno Bruhn auf die Bühne ge- hen, um alle Gäs- te zu begrüßen, die nunmehr 17. Weihnachtsfeier für Obdachlose offiziell eröffnen und den vielen ehrenamtlichen Helfern danken, hat Janina ihre neue Frisur und bedankt sich überschwänglich bei der jungen Frau mit der Weihnachtsmann-Mütze dafür.

Marita braucht keinen neuen Haarschnitt. Sie habe eine Freundin, die Friseuse ge- lernt habe. „Ich bin zum ersten Mal hier“, sagt sie. Ihr Tonfall verrät, dass es ihr unangenehm ist. Die Weihnachtsfeier habe sie bisher immer nur im Fernsehen gesehen: „Dass ich mal selber hier sitzen würde …“ Ob das nicht der Fiesling aus GZSZ sei, fragt sie, als Wolfgang Bahro mit zwei Teller mit Gänsebraten, Rotkohl und frank zander, 17. weihnachtsfeier für obdachlose, estrel neukölln, falko lieckeKlößen vorbeiläuft. Maritas Tischnachbarin nickt. Frank Henkel (CDU) und die Grünen-Politikerin Renate Künast sorgen für das Gegenteil von Aufmerksamkeit. „Das Glück hat in letzter Zeit ’nen großen Bogen um mich gemacht. Ist alles richtig scheiße gelaufen“, bringt Marita das Aktuelle ihrer Biografie auf den Punkt. Und nun ist mit Falko Liecke (r.) auch noch einer als pro- minenter Kellner für ihren Tisch zuständig, den sie nicht kennt. Der Neuköllner Bezirksstadtrat für Jugend und Gesundheit stellt einen der beiden Teller vor ihr ab und wünscht Marita lächelnd frank zander, 17. weihnachtsfeier für obdachlose, estrel neukölln, heinz buschkowskyeinen guten Appetit und ein schönes Fest. Neuköllns Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky serviert in einer anderen Ecke des Saals vom Estrel Convention Center. Das wäre einer gewesen, den sie kennt. „Aber der junge Mann war auch nett“, ffrank zander, 17. weihnachtsfeier für obdachlose, estrel neuköllnindet sie. Und die Gans sei einfach köstlich.

Rund 2.800 Portio- nen des Festmahls werden die Küche verlassen haben, wenn die Feier am Abend mit dem großen Finale beendet wird und sich Frank Zander wieder von seiner großen Familie verabschiedet.

Dann hat der, der sich gerne als „moderner Robin Hood“ bezeichnen lässt, auch endlich Zeit für die eigenen Weihnachtsvorbereitungen. Ganz privat und entspannt wolle er das Fest verbringen. „Was ich aber noch gar nicht weiß, ist, wie ich die Kerzen an unseren Baum kriegen soll“, gibt Frank Zander zu. Er habe einen Topfbaum gekauft und der nadele jetzt schon wie doll, ohne dass man ihn anfasst.

=ensa=