Diskussion zur Situation wohnungsloser und obdachloser Frauen in Berlin

In der Nacht vom 22. Juni werden Freiwilligen-Teams zum zweiten Mal erfassen, wie viele Menschen in Berlin von Obdachlosigkeit betroffen sind. Im Vorfeld der Aktion, die den Namen „Zeit der Solidarität“ trägt, richtet die Berliner Landeszentrale für politische Bildung eine mehrteilige Diskussionsreihe aus, die der Verband soziokulturelle Arbeit organisierte. „Ohne Wohnung, ohne Schutz. Zur Situation wohnungsloser Frauen in Berlin“ hieß das Thema des zweiten Diskussionsabends, der am Donnerstag vor rund 50 Besucherinnen und Besuchern im Domizil der Landeszentrale für politische Bildung in der Charlottenburger Hardenbergstraße stattfand. „Wie sind die Lebensbedingungen der obdachlosen Frauen, die in Berlin auf der Straße leben? Und gibt es frauenspezifische Risiken für wohnungslose Frauen, die zwar eine Unterkunft haben, aber nicht mit einem Mietvertrag absichert in einer Wohnung leben?“, wollte Moderatorin Sharon Maple (M.) von den Podiumsteilnehmerinnen erfahren.

Obdachlose Frauen seien eine besonders vulnerable Gruppe, die sich aus Eigenschutzgründen oft verbergen. Sie könnten deshalb nicht immer auf der Straße erkannt und leicht angesprochen werden, berichtete die Streetworkerin Zuza Maczynska vom Gangway e.V. über ihre Arbeitserfahrungen in Friedrichshain-Kreuzberg. Janita-Marja Juvonen (l.), die selbst einmal obdachlos war und acht Jahre lang in Essen unter einer Brücke lebte, konnte diesen Eindruck vollauf bestätigen. „Wir brauchen mehr niedrigschwellige Angebote, denn obdachlose wie auch wohnungslose Frauen sind oft unsichtbar!“, forderte Claudia Peiters (r.), die die Leiterin der Weddinger Tageseinrichtung Evas Haltestelle ist. Zweitens dürfe es nicht nur Frauenplätze in gemischten Einrichtungen geben, sondern es müsse Orte geben, an denen die Frauen wissen, „das ist mein Schutzraum“, sagten Juvonen und Peiters übereinstimmend. Maczynska widersprach zwar nicht, wies allerdings darauf hin, dass es auch Angebote für obdachlose Paare geben müsse.

Dr. Bahar Haghanipour, Vizepräsidentin des Berliner Abgeordnetenhauses sowie frauen- und gleichstellungspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, erinnerte an die Istanbul-Konvention. Ihre Umsetzung sei , so sagte die Politikerin, die bei den vergangenen Abgeordnetenhauswahlen in der Gropiusstadt kandidierte, „ein Herzens-Thema“ für sie. Die Istanbul-Konvention lege beispielsweise einen Schlüssel für Frauenhäuser fest. Haghanipour bedauerte, dass es zur Wohnungslosigkeit und Obdachlosigkeit von Frauen keine validen Daten gebe. Zudem wies sie auf den Koalitionsvertrag der rot-grün-roten Landesregierung hin. „Die Koalition verfolgt das Prinzip Housing First, verstetigt die existierenden Projekte und weitet sie auf besonders vulnerable Personengruppen aus, das gilt auch bei der vorerst noch notwendigen Unterbringung“, heißt es in dem Dokument auf Seite 41 wörtlich.

Housing First ist ein tolles Angebot. Ich finde es richtig gut“, kommentierte Claudia Peiters. Es müsse aber ebenso an die Prävention gedacht werden: „Die Wohnung zu verlieren, ist ein großes Drama. Eine traumatisierendes Erfahrung!“ Für das Housing First Prinzip, demzufolge Obdachlose erst eine sichere Wohnung erhalten und anschließend ihre persönliche Verhältnisse ordnen können, sprach sich auch Janita-Marja Juvonen aus: „Ich kenne ja nur das Stufenmodell. Es hat bei mir immer nur Abwehr erzeugt. Ich wusste am Ende nicht, was ich tun sollte, wenn keine Sozialarbeiterin mehr in meiner Nähe war.

Weitere Diskussionsveranstaltungen:

Dienstag, 7. Juni, 18.30 – 20 Uhr
„Die Wohnung ist schon vergeben. Zur Situation wohnungsloser und von Wohnungslosigkeit bedrohter Menschen auf dem Berliner Wohnungsmarkt“
Ort: Fabrik Osloer Straße e.V., Osloer Str. 12, 13359 Berlin.
Diskussuion mit: Ülker Radziwill (Staatssekretärin für Mieterschutz und Quartiersentwicklung), Andrej Holm (HU Berlin), Remzi Uyguner (TBB, Fair mieten – Fair wohnen) sowie Sebastian Böwe und Frank Richter (beide Housing First Berlin).

Mittwoch, 8. Juni, 18.30 – 20 Uhr
„Disconnected Youth. Zur Situation wohnungsloser oder von Wohnungslosigkeit bedrohter Kinder und Jugendlicher in Berlin
Don-Bosco-Zentrum, Otto-Rosenberger-Str. 1, 12681 Berlin.
Diskussion mit: Aziz Bozkurt (Staatssekretär für Jugend, Familie und Schuldigitalisierung), Lasse John (Straßenkinder e.V.), Alexandra Haberecht (Berliner Notdienst Kinderschutz) und Jana Stritzke (Notübernachtung Bärensprung).

Beide Veranstaltungen sind kostenlos und ohne Anmeldung.
Weitere Informationen
www.zeitdersolidaritaet.de

=Christian Kölling=

 

%d Bloggern gefällt das: