„Wer in Berlin kauft, darf die Rechnung nicht ohne die Mieterinnen und Mieter machen“

Vorerst aufatmen können Mieterinnen und Mieter in Berliner Milieuschutzgebieten, deren Häuser kürzlich vom Unternehmen Heimstaden gekauft wurden: Das skandinavische Immobilienunternehmen unterzeichnete am Freitag eine umfassende Abwendungsvereinbarung mit den Bezirken. Heimstaden verpflichtet sich darin u. a., für die Dauer von 20 Jahren auf die Umwandlung der Mietshäuser in Eigentumswohnungen zu verzichten. Zudem sichert der Immobilienkonzern zu, möblierte Wohnungen mit befristeten Mietverträgen in reguläre Weiterlesen

Heimstaden verunsichert Hausgemeinschaften auch am Wildenbruchplatz

„Berlin, hol‘ Dir Dein Haus zurück!“ Ein Transparent am Balkon eines Wohnhauses in der Weserstraße weist daraufhin, dass die Gentrifizierung nun auch südöstlich der Wildenbruchstraße endgültig angekommen ist. Weit mehr als 100 Häuser mit knapp 4.000 Wohnungen hat das schwedische Immobilienunternehmen Heimstaden AB während der vergangenen Monate in ganz Berlin für mehr als 800 Millionen Euro gekauft. Rund um den Wildenbruchplatz in Neukölln, wo es lange Zeit recht ruhig war, sind überdurchschnittlich viele Häuser betroffen. Weiterlesen

„Mein Wunsch ist es, dass dieses Buch dazu motiviert, Zeit und Kompetenzen in den Kampf für eine Stadt von unten zu stecken“

„Strategien gegen Gentrifizierung“, lautet der Titel eines kürzlich erschienenen Buches, das am Donnerstagabend in der Galerie des SPD-nahen August Bebel Instituts im Wedding vorgestellt wurde.

„Warum noch eine Einführung zum Thema Gentrifizie-rung?“, fragte selbstkritisch die Autorin Lisa Vollmer am Anfang ihrer Präsentation. „Mit André Holms ‚Wir bleiben alle‘ und Christoph Twickels ‚Gentrifidingsbums‘ liegen bereits zwei Bücher vor, die leicht verständlich in das Phänomen Gentrifizierung einführen“, ergänzte Vollmer, die seit September 2017 als Post-Doktorandin am Institut für Europäische Urbanistik arbeitet und zuvor wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl Stadtplanung des IfEU war. Im Unterschied zu Holm und Twickel will Vollmer aber eine Darstellung gängiger Weiterlesen

Die Endlichkeit der Möglichkeiten, Platz für das Aushängeschild Neuköllns zu erhalten

kunstraum t27 neuköllnWie viele Galerien, Ateliers und kulturelle Projekträume es in Neukölln genau sind, die schon wegen unbezahl-barer Mieterhöhungen oder der Kündigungen ihrer Mietverhältnisse aufgeben mussten, sei „ganz schwer zu sagen“, muss Dr. Martin Steffens zugeben. Selbst er, der als langjähriger Leiter des Kunstfestivals 48 Stun-den Neukölln bestens in der Szene vernetzt ist, hat keinen belastbaren Überblick darüber, wer warum seinen Standort im Bezirk verlassen hat. Dass einige oder gar viele schlichtweg keine Lust mehr auf Neukölln oder die Existenz als Kunstschaffende hatten, kann und will Steffens nicht ausschließen.

Sehr genau weiß er jedoch, weshalb es den kunstraum t27 nun nicht mehr in der Thomasstraße gibt. „Uns ist regulär gekündigt worden“, sagt Martin Steffens, der auch Vorsitzender des Kunstvereins Neukölln ist, der wiederum die Weiterlesen

Klappe für Klapp

Vierzig Jahre lang stand er Tag für Tag zwischen Tabakwaren, Lottoscheinen, Eis, Süßigkeiten, Zeitungen und Zeitschriften hinter dem Tresen seines Ladens an der Hermannstraße. Das reicht, findet  er, und auch seine Frau ist  der Meinung, dass  ih-

presse klapp_hermannstraße neukölln

nen ein wenig mehr Zeit für Zweisamkeit gut täte. Seit Montag haben sie die, denn Samstag öffnete Herr Klapp sein Geschäft zum letzten Mal. Er freue sich auf den neuen Lebensabschnitt, mochte aber auch den vorherigen sehr, sagte er: „Zu den Verdrängten gehöre ich jedenfalls nicht.“

In Sichtweite – und darüber hinaus

waffelkaffel-umzug_neuköllnEnttäuschung dürfte sich auf die Mienen derer legen, die nur ab und zu ins Waffelkaffel kamen. Und nun: In der Schillerpromenade, zwischen Hermann-straße und Tempelhofer Feld, wo bisher das kleine Café war, ist das Schaufenster abgeklebt. Selbst der Wegweiser zum neuen Domizil wurde inzwischen entfernt. Wobei der auch nur bedingt hilfreich war: Wer es mit detektivischem Spürsinn nach dem Tag des Sommeranfangs geschafft hat, die Herrfurthstraße 9 als Ziel zu entlarven, konnte dort, wo sich ein Gastro- nomiebetrieb an den anderen reiht, zwar auf ein offenbar neu eröffnetes Café stoßen, aber weit und breit kein Waffelkaffel sehen. Aus gutem Grund, denn Weiterlesen

Bildungsurlaub im eigenen Kiez

Sehr schön seien sie gewesen, die Tage mit der Enkeltochter, erzählt die Frau strah- lend dem Mann hinter dem Käsestand auf dem Wochenmarkt. „Sie glauben ja gar nicht, was man  von so einer  20-Jährigen alles  lernen kann. Das war  wie  Bildungs-

Free WiFi_neukölln

urlaub für mich.“ Ob er zum Beispiel schon die Free WiFi-Schriftzüge an manchen Ca- fés und Kneipen im Kiez bemerkt habe, fragt sie. Er schüttelt den Kopf. „Ich dachte bisher, dass die für einen Film Reklame machen.“ Free Willy, den Weiterlesen

Unter Hipstern: Mit Uli Hannemann zu den Kreuzköllnern

Ich hatte ja ein bisschen gehofft, denjenigen bei der Buchpräsentation von Uli Hannemanns erstem Roman „Hipster wird’s nicht“ zu treffen, der mich Neuköllnerin uli hannemann_heimathafen neuköllnauf diesen Autor gebracht hat: ein Kreuz- berger mit Geschmack und der gleichen Vorliebe für Hipster-Lästereien. Das Publi- kum vorgestern Abend im Heimathafen Neukölln sah auch irgendwie nach Kreuz- berg aus – ab 30 aufwärts und mehr oder weni- ger intellektuell wirkend. Nicht ein Hipster in Sicht. Für mich ein guter Start in den Abend.

Es wurde so voll im Saal, dass den begeisterten Zuhörern sogar die Ränge geöffnet wurden. Immer wieder lachend und klatschend, lauschten wir alle der Weiterlesen

„Man darf nur nicht den Geigerzähler dranhalten“

Juliane Beer_Kreuzkölln Superprovisorium„Just in dem Moment rief aus Paderborn die Groß- mutter an, bei der Sam aufgewachsen war. Die Versorgerin, wie Sam sie nannte, seit sie dem Standquartier ihrer Kindheit und Jugend entkom- men war. Als könnte die alte Dame die Szene durchs Telefon mit ansehen, beschwor sie ihre Enkelin, sie möge zur Vernunft kommen und endlich aufhören, sich die Welt in Fehlfarben aus- zumalen. Andernfalls würde es böse mit ihr enden, bevor überhaupt irgendetwas begonnen hatte. Wäre es nicht vielmehr an der Zeit, Marlon, den Freund aus großbürgerlichem Hamburger Haus, zu heiraten? Eine gut bezahlte Stelle würde der bald antreten, was das anging, war die Versorgerin zu- versichtlich.“

Nicht nur, was letzteres betrifft, lag Sams Großmut- ter mit ihren Visionen weit daneben: Die Beziehung zwischen Samanta Wellner, der Enkelin, und Marlon hielt nicht mal zwei Jahre. Gut zwei Jahrzehnte später beginnt die eigentliche Handlung von Juliane Weiterlesen

Tür ist offen!

2_seniorentheatergruppe sultaninen_nachbarschaftsheim neuköllnMit Frau Yildirim hat Kerstin Schneider leichtes Spiel. Die Tür zur Wohnung der gehbehinderten Rentnerin steht – wie meistens – offen. Deshalb muss die Wohnberaterin nicht mal klingeln, um Frau Yildirim den Umzug in eine schöne, sonnige Wohnung mit allem Komfort schmackhaft zu machen. Um sie herum würden nur Menschen ihrer Peergroup leben, schwärmt Kerstin Schnei- der. Weil Frau Yildirim aber mit dem Begriff nichts anzufangen weiß und sich ihre Zukunft in einer Biergruup weder vorstellen kann noch will, spricht die Wohnberaterin dann doch das Wort „Alten- heim“ unverblümt aus. Wenig später ist der Ver- trag unterschrieben, der Umzug besiegelt, und der Luxus-Sanierung Weiterlesen

Das Kreuz mit den Kreuzen

einladungsplakat podi st. clara neuköllnEgal wie stark und aus welcher Richtung dann der Wind weht – in 18 Tagen wird gekreuzt. Im Wahl- BTW2013_Wahlzettel NKkreis 82 Berlin-Neukölln wollen 17 Parteien und 10 Direktkandidaten die Regatta für sich ent- scheiden, um mit dem Rückenwind der Wähler den deutschen Bundes- tag zu entern.

Aber wer sind überhaupt diese Wahlkreisabge- ordneten, die den direk- ten Weg nehmen und Impulse für Neukölln unter der Reichstagskuppel setzen wollen? Mit  Christina Schwarzer (CDU), Ruben Lehnert (Die Linke), Anja Kofbinger (Bündnis 90/Die Grünen) und Anne Helm (Piraten) stellten sich gestern Abend gleich vier der 10 einer Podiumsdiskussion im Weiterlesen

Überall? Nirgendwo? Die Suche nach Neukölln geht weiter!

Ramon Schack ist Journalist, lebt seit einem Jahrzehnt in Berlin und seit gut zwei Jahren in Neukölln. Politischer Extremismus, die offene Gesellschaft samt ihrer Feinde sowie Nahost-Themen sind die Schwerpunkte seiner Arbeit. Nun hat der neukölln ist nirgendwo42-Jährige mit „Neukölln ist nirgendwo“ ein Buch geschrieben, für das er – statt in der Ferne – vor der eigenen Haustür re- cherchieren konnte. „Ich hatte bei Face- book einige Geschichten aus meiner Nach- barschaft erzählt und als Resonanz kam oft der Wunsch, dass man daraus ein Buch machen müsste.“ Dann hat ihn Matthias Dierssen vom Verlag 3.0 angesprochen und die Idee ihren Lauf genommen, erklärt er bei der Buchvorstellung Weiterlesen

Schatten des schönen Scheins

Cool, angesagt, trendy, durchgentrifiziert, teuer, hip, aufgewertet: Dem Reuterkiez – von manchen Kreuzkölln, von einigen Kotzkölln genannt – werden diverse Attribute an-

vermüllung manitiusstraße nansenstraße_neukölln

gehängt, die nie in einem Atemzug mit anderen Neuköllner Kiezen genannt würden. Dabei unterscheidet sich das Viertel stellenweise gar nicht von denen. Das ähnelt Urlaubsregionen, bei denen davon abzuraten ist, von touristischen Trampelpfaden abzuweichen und einmal um die nächste Ecke zu gucken.

Schönes zwischen Unschönem

uhr_reuterkiez neuköllnWenn man schon sehr lange in einem Kiez wohnt, der seit einiger Zeit zum Hotspot ausgerufen wird, sehnt man sich nach alten Zeiten. Ich würde von mir nicht behaupten, dass ich gegen Veränderung bin. Nur wenn Veränderungen für die Menschen, die hier wohnen, nicht zum Besten sind, würde ich gerne so manche Entwicklung stoppen wollen.

Als ich vor über 10 Jahren nach Neukölln in den Reuterkiez gezogen bin, wurde ich mit so manchem Unverständnis seitens meiner Freunde konfrontiert: Wie kannst Du nur?! Das ist ganz schrecklich da, dreckig und ungemütlich! 2006, zum großen Fußballfest in Deutschland, wurde Neukölln von so manchen Politikern zur No-go-Area erklärt. Dazu ein aufmüpfiger Neuköllner Bürgermeister, der immer wieder mit Statements über die Sozialschieflage, natürlich von den Menschen selbst verursacht, durch alle Talkshows getingelt ist. Der auch gerne über die Schwierigkeit mit den vorhandenen Migrationsmitbürgern schimpft.

Die Wirklichkeit war anders: Okay, die Berliner Stadtreinigung schaute nicht so oft vorbei, aber dafür hatten wir Menschen aller Art im Kiez. Es war weder gefährlich noch reuterkiez_neuköllnbeängstigend!

Und heute, über sechs Jahre später: Unzählige Cafés und Bars haben so manchen Trödelladen verdrängt, Clubs und Restaurants viele ehemals Sozialvereine vereinnahmt. Billigere Supermärkte machen Platz für Bioläden. Türkische Kulturvereine mussten für Archi- tekturbüros und Sneakerläden weichen. So was nennt man Gentrifizierung! Die hat sich rasend schnell und unaufhaltsam ausgebreitet und unseren Kiez fest im Griff! Die Folgen sind exorbitante Mieten und die Ver- drängung von Menschen, die nicht in dieses junge, kreative, unglaublich hippe Stadtbild passen. Beun- ruhigend, beängstigend, fast gefährlich – so empfinde ich das heute!

Ich gehe immer noch gerne hier spazieren, staune über die Veränderung, wundere mich über das allgegen-wärtige englisch und französisch sprechende Volk. Gekleidet in einem Stil, der mich an meine Teenager-Zeit der 1980er Jahre erinnert. In ihrer Individualität wirken sie so gleichgeschaltet, dass thielenbrücke neukölln-kreuzberg_foto mayarosaman das Gefühl hat, der immer wieder gleichen Person zu begegnen! Sehr selten hört man Türkisch oder Arabisch.

Und dann findet man mitten auf der Thielenbrücke, die rüber nach Kreuzberg führt, eine Tafel auf dem Boden. Ein biss- chen im Schnee versteckt, blitzt da eine große schwarze Tafel mit der Inschrift So viel Hipster ist nicht zu fassen! Schön hipster-tafel_thielenbrücke neukölln-kreuzberg_foto mayarosamit Hunde- pipi versehen! Da hat jemand auf subtile Weise mit richtig viel Aufwand seine Verwunderung kundgetan!

Danke, wer auch immer das war! Es tut gut zu wissen, dass es Gleich- gesinnte gibt. Auch wenn dieser stille Protest nichts ändern wird, ist es einfach nur schön, dass er da ist!

=mayarosa=

Frauenpower – die Rixdorfer Perlen verteidigen Neukölln

Die Handlung des neuen Stücks der Rixdorfer Perlen, das vorgestern im Heimathafen Neukölln Premiere hatte, ist schnell erzählt: Eine RixdorferPerlen_06_Heimathafen NeuköllnNeuköllner Eck- kneipe, die seit Urzeiten besteht, ist in Gefahr in die Hände eines Groß- investors zu fallen, der hier ein neu- es Gastronomiekonzept verwirklichen will. Dies hätte auch den Verlust der Arbeit für die Kneipenbesitzerin Ma- rianne Koschlewsky (Britta Steffen-hagen), der Amüsierdame Jule (Inka Löwendorf) und der Putzfrau Mieze (Johanna Morsch) zur Folge. Mari- anne hatte die Kneipe von einem guten Freund geschenkt be- kommen, doch leider die Schenkung nie im Grundbuchamt eintragen lassen. Ihr zur Seite stehen der Getränkehändler Ritchie (P.R. Kantate) und scheinbar auch Dr. Dr. Fiedler (Jörg Kowslowsky), der sich im Laufe der Handlung allerdings als einfacher Beamter im Grundbuchamt Neukölln entpuppt. Am Schluss hat der fiese Großinvestor Friedbert Klauke (Andreas Frakowiak), der Donald Trump aus Lichterfelde-West, die Kneipe doch nicht übernehmen können. Ebenso wenig kam Sülzheimer (Alexander Ebeert) zum Zug, denn als Eigentümer hat sich jetzt überraschend … Nein, die Pointe soll hier nicht verraten werden. Dass aber alle RixdorferPerlen_03_Heimathafen Neuköllndrei Frauen aus dem „Feuchten Eck“ am Ende des Stückes keine Singles mehr sind, sondern glücklich verliebt, das muss kein Geheimnis bleiben.

Die Kulisse zeigte die Innenausstattung der Kneipe. Gelungen war die Integration des tollen Klavierpianisten (Felix Raffel) im hinteren Teil der Kneipe. Inka Löwendorf spielte die Jule in hohen roten Stiefeln und mit hohen Absätzen, so dass sie ausschließlich über die Bühne stöckeln musste. Herrlich, wie sie mit diesen Tretern von der Horizontalen in die Vertikale kam. Beim Spiel von P.R. Kantate musste ich unwillkürlich an Kurt Krömer denken. Ich vermute, dass beide ähnlich auf der Bühne RixdorferPerlen_01_Heimathafen Neuköllnagieren und sich deshalb diese Vor- stellung bei mir ergab.

Zurecht einen Riesenapplaus gab es bei dem Lied „Allein“ von Johanna Morsch. Musikalisch eine Cover-version „I Can’t Live Without You“, mit einem schönen deutschen Text. Überhaupt waren die meisten Texte der eingängigen, bekannten Melodien (u. a. Willi Kollo, Udo Jürgens) sehr passend und einfallsreich. Und aus dem Song „We Are The World“, 1985 ein Single-Hit der Band Aid, ein “Wir in Neukölln” zu machen, war ein ausgesprochen schöner Einfall, der witzig dargeboten wurde. P.R. Kantate ließ mich hier Kurt Krömer vergessen und an Michael Jackson RixdorferPerlen_08_Heimathafen Neuköllndenken.

Die Ankündigung „mit Schoten, Songs und Schnäp- perken für alle!“ wurde in allen Teilen erfüllt. Dem Applaus nach zu urteilen war es für die 270 Zu- schauer der Premiere im ausverkauften Saal ein unterhaltsamer Abend. Den Rixdorfer Perlen ist mit „Zum Feuchten Eck an der Sonnenallee“ ein schönes Stück leichter Unterhaltung gelungen. Wobei: Das Thema Gentrifizierung, das das Stück aufgreift, ließ mich auch etwas nachdenklich nach Hause gehen.

Weitere Aufführungen am 25., 26. + 31. Januar sowie am 1., 2., 9. + 10. Februar um 20 Uhr. Eintritt: 20 €/erm. 15 €; Ticket-Hotline: 030 – 61 10 13 13, Vorverkauf im Heimathafen Neukölln-Büro: 030 – 56 82 13 33

=Reinhold Steinle=

Sie ist weg!

„Kommen und Gehen im Schillerkiez – den Wandel gemeinsam gestalten“: Darum ging es bei der Stadtteilkonferenz, zu der das Quartiersmanagement (QM) des Viertels Mitte Dezember in die gothe+giffey+schmiedeknecht_stadtteilkonferenz schillerkiez_izg neuköllnGene- zareth-Kirche eingeladen hatte.

Viel Neues kam dabei erwartungs- gemäß für einigermaßen Informierte nicht heraus. Einzig der in einen Ne- bensatz verflochtene Hinweis, dass QM-Teamleiterin Kerstin Schmiede-knecht (r.) zu den Gehenden zählt, hat überrascht.

Bedauern dürfte ihr Weggang aus dem Schillerkiez kaum hervorrufen. Denn Schmiedeknecht hat es in den 14 Jahren ihrer Tätigkeit für das QM Schillerpromenade  wahrlich nicht auf Beliebtheit ange- legt. Wer per Zugehörigkeit zu einem Gremium wie z. B. dem Quartiersrat mit ihr zu tun hatte und das Gefühl haben wollte, eigentlich passabel mir ihr auszukommen, tat gut daran, ihrer Meinung zu sein oder mit einer anderslautenden hinterm Berg zu schmiedeknecht_qm schillerpromenade_neuköllnhalten. Für diejenigen, die nichts mit ihr und der Institution Quartiersmanagement generell zu tun haben wollten, war sie hin- gegen die personifizierte Zielscheibe und ihr Name ein Synonym für Gentrifizierung. Wiederum anderen war sie so gleichgültig wie der berühmte umkippende Sack Reis in China.

„Dass sie es überhaupt so lange aus- gehalten hat“, wundern sich manche. Zu- nehmend dünnhäutiger sei sie – verständ- licherweise – im Laufe der Zeit geworden. Doch statt ihre Schwachstellen zu zeigen und so zumindest in weiten Kreisen Empathie zu ernten, habe Kerstin Schmiede- knecht sie durch aufgesetzte Härte, Schärfe und verbale Ausbrüche zu kaschieren versucht, ist aus dem Kiez zu hören.

Der 31. Dezember war der letzte Arbeitstag der Quartiersmanagerin im Gebiet rund um die Schillerpromenade. Sie ist weg – und seit dem 1. Januar für das Altstadtma- nagement Spandau tätig. Wer nun die Teamleitung übernimmt, werde sich innerhalb der nächsten Tagen entscheiden, sagt Gunnar Zerowsky vom QM Schillerpromenade. Fakt sei jedoch bereits jetzt, dass man künftig mit 2,3 Stellen auskommen müsse.

Ob die personellen Veränderungen im Quartiersmanagement einen Wandel vom jahrelang praktizierten Top-down-System zu echter Bürgerbeteiligung bedeuten wer- den, wird von vielen bezweifelt. Anderen ist auch das egal.

=ensa=

Lost in Gentrification

Ich muss zugeben, dass ich den Begriff Kreuzkölln normalerweise nie ohne „kotz“ dazwischen schreibe oder sage: Kreuzkotzkölln. Denn ich finde diese Benamsung unsäglich und meine, dass die dort lebenden Menschen fähig sein sollten, mittels eines Stadtplans oder ihres Meldeamtes rauszufinden, in welchem Berliner Stadt- bezirk sie wohnen. Neukölln  o d e r  Kreuzberg. Kreuzkölln ist eine gentrifizierte Hipster-Erfindung. Und vermutlich steht „gentrifizieren“ nicht umsonst als schwaches Verb im Duden. Und cover "lost in gentrification", satyr verlagdamit oute ich mich vielleicht gerade als Verlorene.

„Lost in Gentrification“ heißt jedenfalls ein neues Buch sebastian lehmann, buchpremiere "lost in gentrification", heimathafen neuköllndes Satyr Verlages, heraus-gegeben von Sebastian Leh- mann (o.) und Volker Sur- mann (u.). Es beinhaltet auf knapp 200 Seiten 36 Groß- stadtgeschichten von 32 volker surmann, buchpremiere "lost in gentrification", heimathafen neuköllnAutorinnen und Autoren wie Ahne, Jess Jochimsen oder André Hermann, die alle schon mal in irgendeiner Form mit der Gentrifizierung in Berührung gekommen sind.

Vorgestern hatte das Buch Premiere im Heimathafen Neukölln, und ich saß vorurteilsbehaftet in der ersten Reihe und fühlte mich am rechten Platz. Naja, bis auf die Tatsache, dass mir der nette Mann neben mir immer wieder sein Eau de Knoblauch ins Gesicht pustete. Egal, ich wollte Hipstergeläster hören. Hörte ich auch, aber eben nicht nur, sondern auch Hipsterlästerer-Geläster.

heiko werning, buchpremiere "lost in gentrification", heimathafen neuköllnuli hannemann, buchpremiere "lost in gentrification", heimathafen neuköllnIm Endeffekt: 15 Geschichten gelesen, gesungen, performt – und fast alle davon mit so viel Ironie und/oder Sarkas- mus, dass es schier von der Bühne troff. Brillant vorgetra- gen von Uli Hannemann (r.), tilmann birr, buchpremiere "lost in gentrification", heimathafen neuköllnder leider sehr schnell gehen muss- te, und Heiko Werning (o.), der auch maik martschinkowsky, buchpremiere "lost in gentrification", heimathafen neuköllnnoch super Klavierspielen kann. Von Tilmann Birr (l.), dem ich mitteilen möchte: „Ich habe keinen Freund, aber ’ne Luftpumpe hab ich!“, und von Maik Martschinkowsky (r.), der Strandnixe. Ebenfalls be- frank klötgen, buchpremiere "lost in gentrification", heimathafen neuköllneindruckend: Frank Klöt- martin gotti gottschild, buchpremiere "lost in gentrification", heimathafen neuköllngen (l.), der echt krasse Ge- dichte schreiben und auswen- dig aufsagen kann, Sebastian Lehmann, der heimliche Hip- ster und Mitherausgeber, sowie Martin „Gotti“ Gottschild (r.), der das Publikum so richtig zum Lachen gebracht hat und noch mehr berlinert als icke.

Ich fühlte mich jedenfalls aufs Beste unterhalten, und dem jubelnden, klatschenden Publikum ging es vermutlich auch so. Deshalb möchte ich gar nicht mal so sehr am Rande erwähnen, dass dieses Buch dringend gelesen werden sollte: Von Hipstern und solchen, die es werden wollen, und von Hipster- lästerern wie mir. Gentrifizierung betrifft alle, vom Pionier über den Gentrifyer bis hin zu denen, die unter den Veränderungen im Kiez leiden oder gar verdrängt werden. Dass das Thema  nicht immer nur bierernst  abgehandelt werden muss, beweist das Buch  „Lost in Gentrification“.

=Anna Sinnlos=

Die stärkste Waffe ist die Solidarität!

Schuld an allem Übel dieser Welt ist die Globalisierung: eine recht monokausale Erklärung, die trotzdem bei vielen Zustimmung findet. Bewegen wir uns mit dem Betrachtungshorizont auf lokaler Ebene, wird es komplizierter. Doch es gibt auch hier Menschen, für die es nur  an/aus, schwarz/weiß oder gut/böse  geben darf.

Gerade wurde die Ursache der Gentrifizierung in Neukölln ausgemacht: Tanja Dickert. Sie führt seit vielen Jahren die Ahoj! Souvenirmanufaktur und ist Mitbegründerin der KGB44, der Kreativen Gesellschaft Berlin. Sie ist gebürtige Neuköllnerin, engagiert sich für ihren Kiez. Hier fängt das Problem an. Auf einem Szeneportal wird nun gegen sie als eine Wegbereiterin der Gentrifizierung polemisiert.

Es gibt Menschen, die der Auffassung sind, man könnte Mietsteigerungen, Verdrängung oder vergleichbare Prozesse dadurch besei- tigen, dass z. B. Müllberge die Straßen flan- kieren. „Dreckige Straßen – Niedrige Mieten“ prangt seit fast zwei Jahren an einem Haus in der Boddinstraße. Seitdem hat sich in Bezug auf Sauberkeit nichts drastisch verschlech- tert – verbessert hat sich aber auch nichts, einzig die Mieten sind weiter gestiegen.

Kunst und Kultur sind in den Augen Weniger die nächsten Boten und Wegbereiter der Gentrifizierung. Dass KünstlerInnen das gleiche Recht wie linke Kneipenprojekte, Buchläden oder Fahrradkollektive haben, sich selbstbestimmte Aktionsräume und finanzielle Überlebensstrategien zu schaffen, wird dabei genauso außer acht gelassen wie der Umstand, dass viele der Erwähnten in vergleichbar prekären Situationen leben und arbeiten. Bei den Einen jedoch ist es toleriertes revolutionäres Engagement, bei den Anderen wird es als dumme Selbstausbeutung im Interesse von Kapital und Macht verstanden. Gänzlich unverständlich wird die Hatz auf KünstlerInnen, wenn sich diese auch noch aktiv antifaschistisch, emanzipatorisch und kiezgemeinschaftsstärkend engagieren.

Auf die Idee, dass manche Anti-Gentrifizierungsaktion samt des revolutionären Flairs, den die Aktion zu umgeben scheint, genau den Reiz für Zuzügler ausmacht und sie fast jeden Mietpreis zu zahlen bereit sind, der 10 Euro unter Schwabing-Mitte-Niveau liegt, kommen Menschen eher selten. Die Neuen indes freuen sich, dass sie für ihr Intermezzo in der Haupt- stadt billigen Wohnraum – bei Mün- chener Löhnen – gefunden haben. Und zu Hause können sie den Freunden vom coolen, linken Neu- kölln berichten, ohne sich selber für irgendetwas engagieren zu müssen.

Ich bin vor kurzem von einer tür- kischen Nachbarin angesprochen worden, dass wir unbedingt etwas gegen diese grässlichen Mieterhöhungen im Quartier unternehmen müssen. Langjährige, oft ältere NachbarInnen sind aktuell von Verdrängung betroffen. Von einer Neuköllner Protestbewegung haben sie nichts gehört. Sie fühlen sich auch nicht angesprochen oder sind er- oder abgeschreckt von manchen äußeren Erscheinungsbildern eines berechtigten und notwendigen Kampfes. Wahrgenommen wurde dagegen der so genannte Kreuzberger Weg mit dem Anliegen, eine breite, teils bürgerliche Aktionsgemeinschaft zu formieren und eine große Demo auf die Beine zu stellen. Auch in Neukölln gibt es viele, denen die Situation reicht, die sich engagieren wollen oder es bereits tun. Die meisten von ihnen suchen jedoch nicht die Weltrevolution im Hinterhof und wollen auch keine Müllkippen als Barrikaden gegen Mietwucher errichten. Sie wollen ihr Leben bunt und selbstbestimmt leben. Sie suchen Unterstützung auf Augenhöhe durch Menschen, die sie wahr- und ernst nehmen. Eine Basis dafür ist Vertrauen und Kommunikation auf Kiezebene, gemeinsame Aktionen und gemeinsame Feste. Tanja Dickert ist ein Mensch, der solche Dinge im Kiez gemeinsam mit anderen bewegt.

Wir brauchen keine Spaltereien und keine Fronten untereinander, denn die einzige Chance etwas zu bewirken, ist gemeinsam zu handeln. Wohin elitäres Sektierertum führt, haben viele gescheiterte Kämpfe in der Vergangenheit gezeigt. Vermutlich bin ich nun auch in die „böse Ecke“ gerückt, doch es bleibt mir derzeit nichts anderes übrig, denn für mich gilt immer noch: Die stärkste Waffe ist die Solidarität!

– ein Kommentar von Christian Hoffmann

Ballast abwerfen

antiquariat buchexil-neuköllnUlrike Tschackert hat in den letzten Tagen fleißig Zettel geklebt. Überall im Schillerkiez zwischen Hermannstraße und Tempelhofer Feld ist nun zu lesen: Nachmieter gesucht! 75 qm Gewerbe- räume, Allerstraße 43 (Buchexil) zum 1.8.2012  Auch die Möglichkeit, über virtuelle soziale Netzwerke Interessen- ten zu finden, wurde nicht antiquariat buchexil-neuköllnausgelassen. Dass sich die Nachmieter- Frage derma- ßen kurzfristig klärt, ist trotzdem unwahrscheinlich. „Aber je früher jemand kommt, der den Laden haben will, desto besser“, findet die Buchexil-Chefin. Die Last, den Vertrag bis zum Ende der regulären Laufzeit am Jahresende zu erfüllen, wäre sie gerne los.

Am 1. Juli 2007 eröffnete Ulrike Tschackert die antiquarische Buchhandlung, die von Anfang an auf zwei Standbeine setzte: den Online-Verkauf und die Laufkundschaft. antiquariat buchexil-neuköllnWer nun aber denkt, dass letztere Klientel durch die stetigen Verände- rungen im Kiez und den vermehrten Zuzug bildungsnaher junger Leute einen kometenhaften Aufstieg hin- legte, hat sich getäuscht. „Von denen profitieren zwar die Gastronomen, doch Bücher bestellen sie übers Internet oder sind gleich ganz auf Kindle umgestiegen.“ Das führe nicht selten zu der absurden Situation, erzählt die Buchhändlerin, dass Paketdienste Büchersendungen des führenden Internet-Versandhauses zur Weitergabe an nicht angetroffene Nachbarn bei ihr im Laden abliefern: „So schofelig, die Annahme der Päckchen zu verweigern, will ich aber nicht sein.“ So weit, im Sinne der Kundenbindung auch noch Bestellungen für antiquariat buchexil-neuköllnden Platzhirsch anzunehmen, wird sie allerdings nicht gehen, da dessen Geschäftsmodell keine Buchhändler-Rabatte vorsieht und folglich zum Null-Tarif gearbeitet werden müsste.

Doch es gibt weitere Gründe als die zuneh- mende Internet-Affinität für den Rückgang der Laufkundschaft: Termine bei Physiotherapeuten und Ärzten als Folge  gesundheitlicher Proble- me  machten es für Ulrike Tschackert immer komplizierter, die Öffnungszeiten des Buchexils einzuhalten. „Dazu kommt, dass ich es körper- lich einfach nicht mehr schaffe, schwere Bücher- kisten anzuheben oder zu schleppen.“ In erster Linie das habe zu der Entscheidung geführt, den Laden aufgeben zu wollen. Die Erfahrung, mit überzogenen Mieterhöhungen konfron- tiert zu sein, die schon viele Gewerbetreibende in Neukölln machen mussten, blieb antiquariat buchexil-neuköllnihr – trotz des inzwischen zweiten Haus- eigentümerwechsels – erspart. Die Miete, sagt Ulrike Tschackert, sei sehr fair, anders könne man das nicht nennen.

Was diese Aussage unterstreicht, ist, dass die Unternehmerin dem Haus in der Allerstraße treu bleibt und im Hinterhaus einen Lagerraum für den weit im fünf- stelligen Bereich liegenden Buchbestand angemietet hat. „Das Buchexil-Neukölln  gibt es ja weiterhin“, kündigt sie an, „nur eben den Laden nicht mehr.“ Künftig werde also alles über das bereits etablierte Online-Segment laufen. „Und das wird auch weiterhin gut laufen“, ist Ulrike Tschackert überzeugt und klingt dabei eher erleichtert als zweckoptimistisch.

Überall im Laden stapeln sich leere Bananenkisten, die darauf warten, mit Büchern bepackt und über den Hof getragen zu werden: „Wenn ein Nachmieter da ist, haben wir hier ganz schnell ausgeräumt.“ Außer dem würden aber auch noch Leute gesucht, die Bananenkisten abzugeben haben.

=ensa=

Ende und Anfang in der Neuköllner Manege

jugendfreizeiteinrichtung manege, rütlistraße neuköllnEs war eine Erfolgsgeschichte. Vorgestern endete sie. Der  ge- meinsame Weg der Manege und des Fusion e. V., der vor 14 Jah- ren die Manege erfand und seit- dem zu dem machte, was sie wurde,  ist abgeschnitten. Für die Manege, eine der erfolgreichsten Jugendeinrichtungen mit kunst- und bildungsorientiertem Ansatz in Neukölln, geht es zwar weiter – aber unter der Leitung eines neuen Trägers. Heute nimmt der seine Arbeit auf. Wie aus bestens informierten Kreisen zu erfahren war, ist es die Technische Jugendfreizeit- und Bildungsgesellschaft (tjfbg) gGmbh, die vom Neu- köllner Bezirksamt vor 2 1/2 Wochen im Hauruck-Verfahren zum Nachfolger des Fusion e. V. ernannt wurde.

„Selber denken! Machen!“, das waren schon immer die Leitmotive des Projekts. Und die Jugendlichen, die bis dato nicht eben durch konstruktives Handeln aufgefallen waren, machten. Das einst abgerockte Haus jugendfreizeiteinrichtung manege, rütlistraße neuköllnWetzlar wurde für sie zum zweiten Zuhause, erhielt ein frisches Innenleben nebst einer spektakulären Fassade. Die vermüllte Rütlistraße wurde entrümpelt und als Jugendstraße angelegt. Im Sommer 2003 zogen die beiden riesigen, in einem Gemein- schaftsprojekt erstellten Frösche an die Ecke Rüt- li-/Weserstraße. „Der Bezirk Neukölln“, so der Fu- sion e. V., „gab uns die Möglichkeit, neue Ideen zu erproben und  neue Methoden und Standards in die Jugend- und Sozialarbeit praktisch einzubringen, in einem Feld, wo traditionelle Methoden nicht mehr weiter kamen.“ Über 600.000 Euro akquirierte der Verein in den letzten neun Jahren an zusätzlichen Mitteln, um seine vielfältigen Projekte durchführen zu können, die von den Jugendlichen begeistert angenommen wurden.

Trotz jahrelanger erfolgreicher Arbeit flatterte dem Fusion e. V. im letzten Sommer – wie auch sämtlichen anderen freien Trägern der Jugendhilfe – die  Kündigung ins Haus. Bereits im Frühjahr 2011 war die direkt gegenüber vom Campus Rütli gelegene Manege aus dem Zuständigkeitsbereich der Bezirksamt-Abteilung Jugend in das Ressort Bildung/Schule übergegangen. Ein wegweisender Akt, der technokratisch die künftige Ausrichtung der Jugendeinrichtung zementiert und deutlich macht, dass diese sich mehr denn je an den Bedürfnissen des jugendfreizeiteinrichtung manege, rütlistraße neuköllnLeuchtturmprojekts in der Neuköllner Bildungslandschaft orientieren wird. Die ausgesprochene Kündigung des Fusion e. V. wurde zurückgezogen und der Vertrag erst bis zum April und später bis zum 30. Juni verlängert. Parallel wurde im April vom Bezirks- amt Neukölln wie angekündigt ein  Interessenbekundungsverfahren auf den Weg  gebracht, das die Träger- schaft für die Manege neu aus- schrieb. „Natürlich hätten wir uns darauf auch bewerben können“, sagt Wolfgang Janzer vom Fusion e. V., der zusammen mit seiner Frau Maria Galves de Janzer die Manege leitete, „aber das wollten wir aus mehrerlei Gründen nicht.“ Einer sei die Respektlosigkeit für die geleistete Arbeit und das Engagement, die sich „aus dem ganzen Verfahren und der Tatsache, dass es durchgeführt wird“, erkennen lasse. „Zweitens, weil wir den Verlust jeglicher Autonomie in der asymmetrischen Konstruktion des Campus Rütli–Projekts für kontraproduktiv halten. Wenn die Ineffizienz des Bildungssystems Ursache und Initialzündung des Campus Rütli–Projekts war, dann wird durch die Dominanz von Schule und die Unterordnung der anderen Module unter das Schulsystem, der Bock zum Gärtner gemacht.“ Und außerdem mache der Bezirk in seinem Interessenbekundungsverfahren ein finanzielles Angebot, das ein kleiner freier Träger nicht annehmen kann. Mit der angebotenen Summe ließen sich die Standards, die in der Manege etabliert wurden, nicht halten: „Eine Reduktion der Qualität aufgrund der begrenzten Mittel kommt für uns aber nicht infrage.“ Millionen würden für die Hardware des Cam- pus Rütli in Beton gegossen, kri- tisieren die Janzers, doch für die zum Betreiben der Hardware erforderliche Software gehe das Bezirksamt auf Schnäppchenjagd.

Dass der Fusion e. V. überhaupt eine Chance gehabt hätte, das Interes- senbekundungsverfahren für sich zu entscheiden, darf auch aus einem anderen Grund bezweifelt werden. Die Frage, ob der Campus Rütli ein Musterprojekt sei, beantwortete Marta Galvis de Janzer im August letzten Jahres in einem Interview mit dem Online-Schülermagazin Tonic mit einem klaren „Nein!“. Daraufhin, so die Janzers, seien sie von der Verwaltung zu einer Stellungnahme aufgefordert worden, die sie auch abgaben – ohne jemals eine Reaktion darauf erhalten zu haben. „Wo kommen wir denn hin, wenn man als Träger einer bezirklichen Einrichtung sein Recht auf freie Meinungsäußerung abgeben muss?“, fragt sich Wolfgang Janzer.  Irgendjemand müsse es doch einfach mal sagen, unterstreicht er das Statement seiner Frau.

„Unser Projekt in Neukölln ist damit beendet. Vielleicht pas- sen wir wirklich nicht in die  neue Bildungslandschaft, die hier entsteht und die sich in Zukunft im Einklang mit der Gentrifizierung des Bezirks justieren muss“, konstatierte der Fusion e. V.-Vorstand bereits im Mai in seiner hier veröffentlichten Erklärung. Sie schließt mit dem Satz: „Den Kindern und Jugendlichen der Manege wünschen wir, dass es ihnen gelingen möge, den  Ort, an dem sie aufgewachsen sind und der sie geprägt hat, als ihr Haus zu erhalten.“ Und es sind nicht nur die Janzers, die sich wünschen, dass auch unter der tjfbg-Trägerschaft eine partizipative Ebene für die Manege-Kids besteht und sie ihr Motto  „Gebt ihr uns keine Chance, geben wir uns eine!“  weiterhin leben, um die Erfolgsgeschichte fortzusetzen.

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