Auch Obdachlose integrieren, aber wie?

„Wir dürfen die Obdachlosen nicht aufgeben, sonst geben wir uns selbst auf“, lautet das Credo der Ärztin Dr. Jenny De la Torre Castro, die 1994 erstmals Menschen ohne Krankenversicherung in einem winzigen Behandlungszimmer im Ostbahnhof kostenlos medizinisch versorgte und die sich zwölf Jahre später mit der Eröffnung eines Gesundheitszentrums für Obdachlose in Berlin Mitte einen Traum erfüllte.

Nicht alle denken aber wie die aus Peru stammende Medizinerin, für die Obdachlosigkeit eine soziale Krankheit und ein Problem der Gesellschaft ist. Jüngstes Beispiel aus Neukölln: Der fraktionslose Bezirksverordnete Jörg Kapitän (AfD) schlug während der Sitzung des Kommunalparlaments am Mittwochabend vor, Menschen mit stinkenden offenen Beinwunden nicht mehr im öffentlichen Nahverkehr zuzulassen, um die Attraktivität des ÖPNV zu steigern. Diese Äußerung machte die Tagesspiegel-Reporterin Madlen Haarbach umgehend via Twitter öffentlich.

„Unser Blick auf den vieldiskutierten Begriff der Integration hat sich verändert. Im Fokus stehen für uns grundsätzlich nicht einzelne Bevölkerungsgruppen, sondern die Gesamtheit der Menschen in unserem Bezirk“, erklärte das Bezirksamt in seinem Grundsatzpapier „Integration durch Normalität. Für ein gutes Zusammenleben in der interkulturellen Großstadt“, das im Herbst 2018 veröffentlicht wurde. Dass der Verordnete Kapitän an den Rand gedrängte Menschen lieber weiter ausgrenzen als eingliedern will, ist keine Überraschung. Viel wichtiger ist, was die demokratischen Bezirkspolitiker in Neukölln sagen und was die Bezirksverwaltung tut, um besonders schutzbedürftigen Bevölkerungsgruppen zu helfen. Das Elend der Obdachlosen in der Stadt schreit bekanntlich nicht nur im Winter zum Himmel.

=Christian Kölling=