Frauen in Obdachlosigkeit: „Wir müssen eine Katastrophe verhindern!“

In der „Nacht der Solidarität“ vom 29. auf den 30. Januar findet in Berlin eine Zählung von Obdachlosen statt. Damit wird erstmals eine Übersicht über Obdachlosigkeit und die Grundlage für den Bedarf an Unterstützungs- und Hilfeangeboten geschaffen. Im Vorfeld dieser Zählung führt die Landeszentrale für politische Bildung fünf Veranstaltungen durch. Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Sozialverbänden, Politik, sozialen Einrichtungen und Betroffenenselbstorganisationen diskutieren die aktuelle Lage und was getan werden muss, um die Lebenssituation der Betroffenen zu verbessern.

Die zweite Veranstaltung der Reihe fand am Mittwochabend im Nachbarschaftsheim Neukölln statt. Bezirksbürgermeister Martin Hikel, Birgit Münchow von der Arbeiter-Wohlfahrt Berlin, Florian Balser von der Jugend-Selbsthilfe-Initiative MOMO-The Voice sowie Frieda, eine nur mit ihrem Vornamen vorgestellte Bewohnerin des Obdachlosencamps in der Rummelsburger Bucht, tauschten ihre Gedanken und Erfahrungen zum Thema „Frauen in Obdachlosigkeit“ aus.

„Man muss sich mehr behaupten. Man muss als Frau seinen Mann stehen“, eröffnete Frieda das knapp zweistündige Gespräch und gab einen authentischen Erfahrungsbericht aus ihrem Alltag in der Rummelsburger Bucht. Ohne Wasser und Sanitäranlagen lebten die Obdachlosen dort unter Bedingungen, wie die Menschen vor 300 Jahren. „Wenn du eine ganze Zeit lang obdachlos bist, dann gewöhnst du dich auch daran“, bilanzierte Frieda ihre Situation nüchtern. Moralischen Halt gebe ihr ein kleiner Job in der Kreativwirtschaft, obwohl der Verdienst längst nicht ausreiche, um den Lebensunterhalt zu bestreiten. „Wovon ich mich ernähre?“, wiederholte sie die Frage der Moderatorin Anne Stiede und antworte: “Ich geh‘ containern.“

Birgit Münchow, Fachreferentin für Wohnungslosenhilfe, Frauen und Gleichstellung der AWO Berlin, brachte ihr umfangreiches Expertenwissen in die Gesprächsrunde ein. „Vor 17 Jahren kam ich als Referentin aus Wuppertal nach Berlin. Zuerst konnte ich es nicht glauben, aber damals gab es in Wuppertal mehr Plätze für wohnungslose Frauen als in ganz Berlin“, eröffnete sie ihre Stellungnahme: „Die Wohnungslosigkeit von Frauen war lange Zeit nicht im Fokus unserer Hilfe.“ Obwohl seit der Durchführung von Strategiekonferenzen zur Wohnungslosenhilfe eine Trendwende erkennbar sei, habe sich die Situation wegen des Anstiegs der Mieten in Berlin drastisch verschlechtert, erläuterte Münchow anhand zahlreicher Beispiele. Selbst die Arbeit der Betreuungseinrichtungen sei durch den Gewerbemietenanstieg teilweise bedroht. Es gebe zuwenig Obdächer nach dem Allgemeinen Sicherheits- und Ordnungsgesetz (ASOG). Wer in solch einer Unterkunft einmal angekommen sei, könne auf dem regulären Berliner Wohnungsmarkt kaum noch eine Wohnung finden. Besonders erschreckend sei die Zunahme der Zahl von Straßenkindern. Besorgniserregend sei ebenso die steigende Zahl wohnungsloser Familien bzw. alleinerziehender Mütter mit Kindern. „Wir müssen eine Katastrophe verhindern!“, wiederholte Münchow während ihres Vortrags zwei oder drei Mal eindringlich, aber unaufgeregt, so dass ihr Appell fast überhört wurde.

„Uns fehlt die verlässliche Zahlengrundlage“, sagte Bezirksbürgermeister Hikel und unterstrich, wie nützlich die Zählung während der bevorstehenden „Nacht der Solidarität“ neben anderen Erhebungen ist. Ausdrücklich wies Hikel auf das fünfköpfige Präventionsteam Soziale Wohnhilfe hin, das in Neukölln gegründet wurde, um Wohnraum bei drohender Kündigung zu erhalten und Zwangsräumungen zu verhindern. Eva-Marie Schoenthal, Vorsitzende des Sozial-Ausschusses der BVV Neukölln, sagte mir am Rand der Podiumsdiskussion, dass das Präventionsteam seit seiner Gründung bereits in rund 1.000 Fällen erfolgreich geholfen habe.

Das nächste Forum im Vorfeld der „Nacht der Solidarität“ steht unter dem Motto „Lobbyarbeit für obdachlose Menschen“ und findet am 21. Januar um 18.30 Uhr im Don-Bosco-Zentrum (Otto-Rosenberg-Straße 1) statt: Was ist das Bild von Obdachlosigkeit in der Berliner Öffentlichkeit? Wer macht Lobbyarbeit für obdachlose Menschen? Wie und wo vertreten sie selber ihre Interessen? Welche Organisierungsansätze gibt es in Berlin?

Es diskutieren:
Juliane Witt (stellvertretende Bezirksbürgermeisterin und Stadträtin Marzahn-Hellersdorf),
Werena Rosenke (BAG Wohnungslosenhilfe),
Prof. Dr. Susanne Gerull (Alice-Salomon Hochschule) und Christian Linder von der MOTZ (angefragt).
Moderation: Johanna Treblin (Neues Deutschland)

Die Teilnahme ist entgeltfrei.

Melden Sie sich bitte online unter https://www.berlin.de/politische-bildung/veranstaltungen/veranstaltungen-der-berliner-landeszentrale/lobbyarbeit-fuer-obdachlose-menschen-874629.php an.

=Christian Kölling=