Auftakt einer Diskussion auf lokaler Ebene über Klimawandel, Sozialstruktur und Lebensqualität in Neukölln

podi umweltgerechtigkeit_st.clara neukoelln„Um das Thema Umweltgerechtigkeit kümmert sich niemand ernsthaft“, ist Danny Freymark, Sprecher für Umweltschutz der CDU-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, vor Beginn der Veranstaltung überzeugt. Das Kommunalpoli-tische Bildungswerk Berlin e.V. und der BUND Berlin haben vorgestern gemeinsam zum Podiumsgespräch „Geringere Mieten – höhere Belastungen? Der Zusammenhang zwischen Klimawandel, Sozialstruktur und Lebensqualität in Neukölln“ ins Gemeindehaus von St. Clara in der Briesestraße eingeladen. Der Umweltpolitiker Freymark aus Lichtenberg hat auf Wunsch der beiden Veranstalter klimeczek_freymark_reusswig_podi umweltgerechtigkeit_st.clara neukoellndie Moderation übernommen.

Zu seinen Gästen gehören Dr.-Ing. Heinz-Josef Klimeczek aus der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt sowie Dr. Fritz Reusswig, Wissenschaftler am Potsdam Institut für Klimafolgenforschung. Beide sind gekommen, um die Umweltgerechtigkeitskarte Berlin und den dazugehörenden mehr als 300 Seiten starken Bericht vorzustellen. Die Studie ist die erste ihrer Art in Europa. Sie belegt, dass Menschen in sozial benachteiligten Quartieren gegenüber Bewohnern gehobener Wohngebiete häufiger mit größeren Umweltproblemen konfrontiert sind. Als umweltgerechtigkeitskarte berlinExperten mit Kiezerfahrungen aus dem mehrfach belasteten Neuköllner Norden sitzen außerdem Birger Prüter, Klimaschutzmanager am Klausener-platz in Charlottenburg und Anwohner des Tempelhofer Feldes, sowie Simon Gerlinger, der eine Masterarbeit über Stadtentwicklung und Nachhaltigkeit in seinem Wohnquartier Donaus-traße-Nord geschrieben hat, mit auf dem Podium.

Eingangs gibt Dr.-Ing. Klimeczek in einer 20-minütigen Powerpoint-Präsentation einen umfassenden Überblick über den Situationsbericht, der mit Kernindikatoren und Ergänzungsindikatoren über Luftschadstoffe, Lärm, erhöhter Sterblichkeit, Bioklima, Grünflächen und Wärmebelastungen im Sommer gespickt ist. Sogar über defekte straßenbeleuchtung flughafenkiez_neuköllndie künstliche Helligkeit in der Nacht, die Fachleute Lichtverschmutzung nennen, sind detaillierte Daten vorhanden. „Europaweit wohl einzigartig haben wir die Lichtverschmutzung für die Berliner Kieze einzeln dargestellt“, berichtet Klimeczek.

Dr. Fritz Reusswig, der zu dem Team gehört, das für den Senat die Machbarkeitsstudie Klimaneutrales Berlin 2050 erstellte, ist zuversichtlich, dass der Klimaschutz und die Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel mit für Umweltgerechtigkeit sorgen können. Wie wichtig diese Umweltgerechtigkeit ist, macht Reusswig an einem drastischen Beispiel deutlich: Schon heute würden in den stark verdichteten Innenstadtbereichen Berlins an extrem warmen Tagen mehr alte Menschen aufgrund der Hitzebelastungen vorzeitig sterben als durch Verkehrsunfälle, vermutet Reuss. Ein Tabu, das bislang nicht thematisiert werde. Reusswig ergänzt: Im Entwurf des Berliner Klimawandelgesetzes ist in Paragraph 13 jedoch ein Wärmemonitoring vorgesehen, um die Folgen des Klimawandels in Berlin zu prueter_podi umweltgerechtigkeit_st.clara neukoellnerfassen und die Entwicklung zu beobachten.

Birger Prüter, Anwohner des Tempelhofer Feldes und als Klimamanager am Klausener Platz in Charlottenburg tätig, sieht die energetische Sanierung von Wohnhäusern als unverzichtbar an, um Energie einzusparen und so den schädlichen CO2 Ausstoß möglichst auf Null zu reduzieren. Sorgen machen Prüter allerdings die infolge der energetischen Sanierung wahrscheinlich steigende Mieten. „Das wird alles auf die Mieter umgelegt. Wie soll das weitergehen?“, fragt er fast verzweifelt. Eine Mieterin in seinem Haus, die ihr ganzes Leben lang dort wohnte, habe im Vergleich zu ihm nur „eine Spottmiete“ gezahlt, sagt Prüter: „Nachdem die Frau gestorben war, zogen neue Mieter in die Wohnung. Die zahlen das Dreifache der Miete, die ich bezahle. Sie zahlen das gern und freuen sich, das sie am Tempelhofer gerlinger_podi umweltgerechtigkeit_st.clara neukoellnFeld wohnen dürfen“, berichtet Prüter aus seiner Alltagserfahrung weiter.

Simon Gerlinger (l.), der seine Masterarbeit über Stadtentwicklung und Nachhaltigkeit im Neuköllner Wohnquartier Donaustraße-Nord schrieb, schildert eine seiner Ansicht nach paradoxe Situation: „Objektiv sind die Daten im Hinblick auf Bioklima, Luftbelastung und Sozialstruktur schlecht und es besteht hoher Änderungsdruck. Subjektiv fühlen die Einwohner sich aber wohl in ihrem Quartier. Und obwohl nur 160 von 1.000 Einwohnern überhaupt ein Auto besitzen, wird die Parkplatznot als ein großes Problem angesehen“, lautet Gerlingers irritierender Befund. „Die Politiker müssen mehr wagen“, schlussfolgert er, anders käme der stadtbaumkampagne_fontanestraße neuköllnKlimaschutz nicht voran.

Die anschließende Diskussion mit dem Publikum kreist einerseits um die beiden Fragen, wie wichtig das Umweltbewusstsein der Bevölkerung für notwen-dige Veränderungen ist bzw. welche Bedeutung Einkommen und Bildung für umweltbewusstes Verhalten haben. Andererseits tauschen die Veran-staltungsgäste mit dem Podium gute Praxisbeispiele aus, wie der Klimawandel und seine Folgewirkungen gemildert werden können. Ein Anwohner aus dem Rollbergviertel beschwert sich, dass die Wohnbauten-Gesellschaft Stadt und Land die Dach- und Fassadenbegrünung in seinem Block aufgegeben habe, anscheinend weil die Pflege zu aufwändig sei. Dr. Christian Hoffmann, u. a. Sprecher des Quartiersrates Flughafenstraße, fordert mehr Straßenbäume, weil trotz der Kampagne Stadtbäume für Berlin die Zahl der Straßenbäume zurückgegangen sei. Und Georg Kössler, der zur Abgeordnetenhauswahl für die Grünen in Neukölln radweg_neuköllnkandidiert, kritisiert dass der Bezirk Neukölln wegen Geld- und Personalmangels nicht fähig gewesen sei, am Bundeswettbewerb Klimaschutz im Radverkehr teilzunehmen, wodurch zu erwartetende Fördergelder für die Ertüchtigung der Radinfrastruktur verschenkt worden seien.

Birger Prüter kann aufgrund seiner Arbeit als Klimamanager vom Projekt Schattenspender berichten, mit dem am Klausener Platz Menschen über 65 Jahren bereits geholfen wird, die Hitzetage besser zu überstehen. Fritz Reusswig ermuntert dazu, sich für mehr Dach-, Fassaden- und Hofbegrünung einzusetzen. „Es muss nicht immer Efeu sein“, sagt er. In Hamburg gebe es beispielsweise ein Algenhaus, dessen Fassade freymark_podi umweltgerechtigkeit_st.clara neukoellnCO2 speichern und gleichzeitig aus Algen-Biomasse erneuerbare Energie herstellen könne.

Einen interessanten Aspekt bringt schließlich Danny Freymark (r.) in die Debatte ein, um Umweltgerechtigkeit aus der herkömmlichen Sozialdiskussion heraus-zuhalten. „Kann es sein, dass Umweltgerechtigkeit kein Armutsthema ist, sondern ein Thema für die Allge-meinheit?“, fragt er rhetorisch und fügt an: „Von guten Umweltbedingungen profitieren Arme wie Reiche gleichermaßen.“ Auch Reusswig weiß, dass längst nicht nur arme Menschen in Berlin unter schlechten Umweltbedingungen leiden. „Das Thema Umweltgerechtigkeit gehört in die Mitte der Gesellschaft!“, lautet deshalb seine Forderung. Bis es dort angekommen ist, bleibt aber noch viel zu tun. Herbert Lohner, Referent für Naturschutz beim BUND Berlin, ist mit dem Abend aber dennoch zufrieden: „Das war das erste Mal, dass wir das Thema Umweltgerechtigkeit auf lokaler Ebene angesprochen haben. Dem Auftakt in Neukölln müssen viele ähnliche Veranstaltungen in den übrigen Bezirken folgen.“

=Christian Kölling=

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