Mit 200 Seiten gegen „einen gewissen Geschichts-Autismus“

kys berliner jugend_bosetzky rodewill_vergangenheitsverlagHorst Bosetzky, vielen als Schriftsteller von Berlin-Krimis und einer mehrbändigen, autobiografisch angelehnten Familiensaga bekannt, hat mit „-ky´s Berliner Jugend“ ein sehr persönliches Buch über seine Kindheit in Neukölln veröffent- licht, das folgerichtig den Untertitel „Erinne- rungen in Wort und Bild“ trägt. Das Kürzel „ky“ war lange Zeit sein Pseudonym. Als gelüftet wurde, dass sich dahinter der Soziologie-professor Horst Bosetzky verbirgt, überraschte das viele Leser.

Bosetzky wurde 1938 in Neukölln geboren und wuchs in einer Hinterhauswohnung in der Ossastraße 39 auf. Hierhin ist er auch für die Arbeit am Buch zurückgekehrt. Darüber hinaus führt er die Leser durch seine Schulzeit in der Rütli- und der Albert-Schweitzer-Schule, wo er 1957 das Abitur ablegen konnte. Außerdem kam er hier aber auch, wie er im Buch erzählt, zu ersten literarischen Ehren: Horst Bosetzky gewann einen Kurzgeschichten-Wettbewerb, zu dem seine Schule aufgerufen hatte. Dass er der Einzige war, der überhaupt eine Geschichte eingereicht hatte, kys berliner jugend_vergangenheitsverlagerfuhr er erst 30 Jahre später, beim ersten Klassentreffen, von seiner ehemaligen Deutschlehrerin. Lei- der verrät Bosetzky in „-ky’s Berliner Jugend“ aber nicht, inwieweit ihn dieser Preis ver- anlasst bzw. sogar motiviert hat, mit dem Schreiben zu beginnen.

Weitere Erinnerungen Bosetzkys kreisen um Kinos, die er in seiner Kindheit und Jugend besuchte, den Schwimmunterricht im Stadt- bad in der Ganghoferstraße und seine Zeit als aktiver Fußballer beim 1. FC Neukölln 1895. Auch seine Rede zum 100-jährigen Jubiläum der Albert-Schweitzer-Schule im Jahr 2007 und der von ihm gespielte Sketch zur 100-Jahr-Feier des Neuköllner Rathauses haben Eingang in das Buch gefunden.

Die durchgängig sehr detaillierten Ausführungen zu einzelnen Orten und Begebenheiten laden sicher Neuköllner, die ungefähr in Bosetzkys Alter sind, ein, sich an ihre Kindheit im Bezirk zu erinnern. Aber auch jüngere Leser, die wissen möchten, was die Großeltern in ihrer Jugend erlebt haben und wie ihr Lebensumfeld damals ausgesehen hat, finden in dem Buch vielfältige Informationen. Wer kann sich schon heute noch vorstellen, dass in ihrer Zeit kaum Autos in den Straßen unterwegs kys berliner jugend_vergangenheits-verlagwaren und eine eigene Toilette, geschweige denn ein eigenes Bad, Luxus war? Oder dass man sich mit Zeitungen als Ersatz für Klopapier behelfen musste?

Weshalb Horst Bosetzky dieses Buch ver- öffentlichen wollte, schildert er gleich im Vorwort: Er sieht sich als „Erinnerungshel- fer“ und beklagt dass er bei Jüngeren „einen gewissen Geschichts-Autismus“ beobach- tet. Sie würden so tun, wirft er seiner Enkel-Generation vor, als ob es vor ihrer Geburt keine Zeit und keine Welt gegeben habe. Wie diese Welt ausgesehen hat, zeigen historische Aufnahmen, denen die Fotografin Rengha Rodewill oftmals aktuelle Fotos mit gleichen Bildmotiven gegenübergestellt.

„-ky’s Berliner Jugend“ (200 Seiten, 14,90 Euro) ist im Vergangenheitsverlag erschienen.
Am 16. März um 20 Uhr stellen Horst Bosetzky und Rengha Rodewill ihr Buch in der Martin-Luther-Kirche (Fuldastr. 50) vor.

=Reinhold Steinle=

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