Neukölln-Macher auf Augenhöhe

Viele hetzen oder schlendern achtlos an der Backsteinmauer vorbei. Andere sehen sich wenigstens einzelne der 12 großformatigen Portrait-Fotos, die seit drei Wochen an ausstellung "wir machen neukölln", karl-marx-straße, magdalenenkirche,christina stivaliihr hängen. Und dann sind da noch die, die ganz genau hingu- cken, jedes Bild mustern, sich die knappen Informationen über die Por- traitierten durchlesen und sogar den Aushang studieren, der den Sinn und Zweck der Ausstellung an Neuköllns Karl-Marx-Straße preisgibt.

„Die haben was mit der Kirche zu tun. Gemeindemitglieder?“, vermutet ein Passant, der der Fotostrecke offenbar kaum Aufmerksamkeit schenkte. Denn dem ist nicht so. Die Bilder in direkter Nachbarschaft zur Magdalenenkirche sind das Er- gebnis des Projekts „Wir machen Neukölln“ und zeigen Geschäftsleute, die an der Karl-Marx-Straße und im angrenzenden Richardkiez ihre Läden haben. Thomas Brenner ist dabei, der Chef der direkt gegenüber liegenden Körner-Apotheke, die seit vielen Wochen Baustellenrabatte auf einige Arzneimittel gibt, damit Kunden der ausstellung "wir machen neukölln", karl-marx-straße, magdalenenkirche, christina stivaliAufenthalt in Neuköllns Hauptstraße wenigstens finanziell in guter Erinne- rung bleibt. Auch Bao Ngonc Wro- na-Hong, Änderungsschneiderin Ma- rija Zajac, Inken Planthaber, Zeitungs- laden-Inhaber Varinder Kumar Ka- poor, Luis Enrique Drews Albano, Herr Mier  und Gönül Hürriyet Aydin zeigen wie einige andere Gesicht und geben zugleich einen Einblick in die gewerbliche wie auch kulturelle Vielfalt der Gegend. „Es sind vorrangig solche, die im Kiez aktiv sind und ihn mitprägen“, erklärt Projektleiterin Marie Wilz die Auswahl.

Herausgekommen sei eine Art Hommage an die kleinen Kiezläden, die ob des Umbruchs in Neukölln jenseits vom Hype schwierige Zeiten erleben:  „Sie haben nicht nur mit steigenden Mietkosten, sondern auch mit ungleich bemittelteren neuen Konkurrenten zu ausstellung "wir machen neukölln", karl-marx-straße, magdalenenkirche, christina stivalikämpfen. So ernten die früheren Bewohner immer weniger die Früchte ihrer langjährigen Arbeit.“ Angedacht sei auch, die Fotoserie mit Gewerbetrei- benden anderer Neuköllner Kieze fortzu- setzen, sie dann vielleicht sogar in einem Album zu sammeln.

Vorher sollen aber die 12 aktuellen, von der Fotografin Christina Stivali abgelichteten Wir machen Neukölln-Protagonisten unter ein Dach im Richardkiez umziehen. Genaues stehe aber noch nicht fest, sagt Marie Wilz, deren Projekt mit 5.000 Euro aus Mitteln der [Aktion! Karl-Marx-Straße] und des Quartiers- managements Richardplatz-Süd finanziert wurde: „Wir waren positiv überrascht, dieses Jahr noch eine Förderung zu bekommen, zumal die Planung extrem kurzfristig war. Aber es zeigt uns, dass das Interesse am Thema da ist. Letztendlich haben wir das komplette Projekt in weniger als vier Wochen durchgezogen.“ Die guten Kontakte der Finanziers zu den Geschäftsleuten verschaffte den Ausstellungsmacherinnen einen Vertrauensvorschuss. „Trotzdem war ich überrascht, wie schnell sie zugestimmt haben und vor allem, wie wenig Scheu sie davor hatten, fotografiert zu werden und dann ihr Portrait überdimensional auf der Straße hängen zu sehen“, erinnert sich Marie Wilz, die selber im Kiez lebt. „Wir waren wirklich beeindruckt von der Offenheit und der Herzlichkeit aller Gewerbe- treibenden.“ Faktoren, die im Alltag der Einzelhändler und Dienstleister nicht un- wesentlich zum wirtschaftlichen Überleben in Neukölln beitragen.

=ensa=

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