„Wenn man als Radfahrer nicht um sein Leben fürchten muss, wäre das schon gut“: Neukölln und die Herausforderung Verkehrswende

Quirlig und urban, so kennen und schätzen wir einerseits den Hermannplatz, wo die Sonnenallee, die Hermann- und die Karl-Marx-Straße zusammenlaufen. Andererseits ist das Tor Neuköllns in Berlin jedoch als unübersichtlich und gefährlich verschrien.

Montagnachmittag trafen sich Bezirksbürger-meisterin Dr. Franziska Giffey (SPD) und der für Verkehr zuständige Staatssekretär Jens-Holger Kirchner (Grüne) auf Anregung des Netzwerkes Fahrradfreundliches Neukölln (NFN) mit ihren Rädern am Hermannplatz, um gemeinsam über die Karl-Marx-Straße – mit einem kleinen Umweg durch den Kiez – bis zum Alfred-Scholz-Platz zu fahren. Ziel ihrer Tour war die vom Netzwerk organisierte Podiumsdiskussion „Herausforderung Verkehrswende: Was macht Neukölln?“ im Café Prachtwerk in der Ganghoferstraße. „Da steigt schon mal der Puls und das Herz rast“, musste Bezirksbürgermeisterin Giffey dem Diskussionsleiter Thomas Linde-mann (r.) anschließend im vollbesetzten Café von ihrer Radtour berichten, an der neben Carolin Kruse und anderen Aktiven vom Netzwerk auch der Leiter des Neuköllner Tiefbauamtes Wieland Voskamp sowie der Abgeordnete Georg Kössler (Grüne) teilnahmen. Auf dem Rad mit einem Kinderanhänger durch die Karl-Marx-Straße zu fahren, sei eine Utopie, sagte Giffey, wofür sie einigen Widerspruch aus dem Publikum erhielt. „Wenn man als Radfahrer nicht um sein Leben fürchten muss, wäre das schon gut“, kommentierte der souverän moderierende Lindemann trocken.

Im Anschluss an die große Diskussion zum Radverkehr aus dem Sommer vergangenen Jahres im Rathaus Neukölln, verlief aber auch diese Diskussion sehr harmonisch. Giffey hatte eine große Bezirkskarte mitgebracht, mit der sie und ihr Amtsleiter Wieland Voskamp die Maßnahmen zur Förderung des Radverkehrs ausführlich erläuterten. Unter anderem sollen in Neukölln 20 Autoparkplätze in 128 Fahrradstellplätze umgewandelt werden. „Das ist vertretbar“, sagte Giffey, die in ihrem Privatleben gelegentlich das Rad benutzt. Im Alltag sei das Radfahren mit ihrem Amt allerdings nicht kompatibel, fügte sie hinzu.

In der Investitionsplanung des Bezirkes, auf die das Netzwerk Fahrradfreundliches Neukölln derzeit in seinem Blog hinweist, sind zudem asphaltierte Radstreifen für die Braunschweiger-, Friedel- und Innstraße vorgesehen, um attraktive Nebenrouten für die stark befahrenen Hauptstraßen anzubieten. Zusätzlich soll die Karl-Marx-Straße bis zum Hermannplatz noch vor Abschluss der großen Sanierungsarbeiten für den Radverkehr sicherer gemacht werden.

Wir arbeiten ganz heftig am Radgesetz. Das wird sich schon bis Neukölln rumgesprochen haben“, berichtete Kirchner aus der Arbeit seiner Verwaltung. Der Staatssekretär für Verkehr erinnerte an die rot-rot-grüne Koalitionsvereinbarung die heute viele Maßnahmen ermögliche, die früher noch undenkbar waren. Bis 2021 sollen auch die Sonnenallee und die Hermannstraße deutliche Schwerpunkte für die Förderung des Radverkehrs werden erklärte Kirchner: „Wir brauchen überbezirkliche Radrouten, die nicht an den Grenzen der Bezirke abbrechen.“ Er plädierte außerdem für Parkraumbewirtschaftung in Neukölln, weil er damit als Bezirksstadtrat in Pankow gute Erfahrungen gemacht habe: „Erst ist der Widerstand aus der Bevölkerung groß, aber am Ende freuen sich die Anwohner über preisgünstige Parkmöglichkeiten“, so Kirchners (l.) Erfahrungen.

„Wir wollen die Verkehrswende. Das schaffen wir nur mit einer autoärmeren Stadt“, sagte Carolin Kruse (r.) als Podiumsteilnehmerin für das NFN. In der Innenstadt liege der Radverkehrsanteil inzwischen bei 18 Prozent – und das nicht wegen, sondern trotz der Infrastruktur. Neukölln brauche ein Radkonzept, um mehr Flächengerechtigkeit zwischen allen Verkehrsarten herzustellen und um die Feinstaubbelastungen an der Karl-Marx- sowie der Silbersteinstraße wirkungsvoll zu reduzieren, damit die gesetzlichen Grenzwerte eingehalten werden.

Eine Forderung des Netzwerkes wird vielleicht bald erfüllt: In Neukölln sollen zwei zusätzliche Stellen für die Planung von Radverkehrsanlagen eingerichtet werden. Amtsleiter Wieland Voskamp erklärte nach der Veranstaltung, dass die Ausschreibungen in Kürze veröffentlicht würden. Zudem wird Mitte des März nach längerer Pause wieder der Neuköllner FahrRat zusammenkommen. Bei ihm handelt es sich um ein Gremium, in dem Aktive des Netzwerkes Fahrradfreundlichses Neukölln sowie Vertreter der Verkehrsverbände ADFC, BUND-Berlin und VCD Nordost mit Bezirkspolitikern und bezirklichen Interessenvertretern zusammentreffen, um über die geeigneten Strategien zur Förderung des Radverkehrs in Neukölln zu beraten.

=Christian Kölling=

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Eine Antwort

  1. Da will man dann doch die Hoffnung nicht aufgeben!
    Danke für den guten Bericht und die Links.
    Seit der Oderstraße und dem Mauerweg habe ich auf meinen Alltagswegen lange schon das Gefühl, dass es nicht richtig voran geht.
    Auch eine tägliche Öffnung des ehemaligen „Neuköllner Eingangs“ zum Britzer Garten am Massiner Weg sollte nicht vergessen werden. Dort endete der Radweg vom Hermannplatz, den wir damals mit dem Verein Kinderfreundliche Stadt mit geförderten Aktionen bekannt gemacht hatten.
    Und auch der mehrfach versprochene Zugang zum Mauerweg über die alte Späthbrücke steht noch offen. Bezirk und Bund stehen im Wort.

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