Ende der fahrradpolitischen Armutszeugnisse im Neuköllner Norden eingeläutet?

giffey_info-va neukoelln faehrt rad„Wir wissen, dass nicht alles gut ist, aber Radverkehr ist nur ein Thema neben vielen anderen.“ Mit dieser realistischen, aber auch ernüchternden Einschätzung begrüßte Bezirksbürgermeisterin Dr. Franziska Giffey bvv-saal_info-va neukoelln faehrt rad(r.) gestern im BVV-Saal des Rathauses zahlreiche Bür-gerinnen und Bürger zur Veranstaltung „Neukölln fährt Rad“. Zweieinhalb Stunden später war zu-mindest der mit der Einladung erhobene Anspruch erfüllt: Ein Dialog über die Zukunft des Radverkehrs in Nord-Neukölln scheint tatsächlich in Gang zu kommen. „Ich verspreche Ihnen: Wir werden im Radverkehr einen Fokus auf Nord-Neukölln legen. Ich kann aber nicht versprechen, dass wir alle Ihre Wünsche erfüllen können“, sagte Giffey den Anwesenden stellvertretend für das Bezirksamt. Immerhin: dialog_giffey_ihl_info-va neukoelln faehrt radParkraumbewirtschaftung in Nord-Neukölln wurde an diesem Abend ebenso wenig grundsätzlich ausge-schlossen wie die Einrichtung von Radabstell-möglichkeiten am Fahrbahnrand. Und der bezirkliche radstreifen werbellinstr_neukoellnFahrRat, ein konsultatives Gremium, das den Bezirk in Radverkehrsangelegen-heiten berät, soll wieder neu eingerichtet werden.

Begonnen hat der Abend mit einem Rückblick aller in Neukölln umgesetzten Radinfrastrukturmaßnahmen der letzten neun Jahre, den Bezirksstadtrat Thomas Blesing gemeinsam mit Wieland Voskamp, dem Leiter des Straßen- und Grünflächenamts, gab. Viel Raum nahmen in der Darstellung die Instandhaltung und Modernisierung alter Radwege aus den 1960er bis -80er Jahren ein. Kritik an dieser Bilanz hatte schon vor Beginn der Veranstaltung Saskia Ellenbeck vom Netzwerk Fahrradfreundliches Neukölln in einer Presse-mitteilung geäußert: „Während im Süden in den letzten 9 Jahren rund 32 Kilometer an Radwegen gebaut wurden, kommt der Norden des Bezirkes innerhalb des S-Bahn-Rings hermannplatz_neukoellnauf insgesamt nur 5 Kilometer.“ Das seien gerade rund 500 Meter Radweg im Jahr und entspreche dem tatsächlichen Bedarf überhaupt nicht, rechnete Ellenbeck vor. Dass im Norden Neuköllns der Radver-kehr wächst, konnte auch Voskamp in seinen Vortrag bestätigen. Eine Fahrradzählstelle der Senatsver-waltung für Stadtentwicklung registriere am Maybach-ufer durchschnittlich 5.230 Radfahrer pro Tag. „Die Menge an Radverkehr nimmt zu – auch für Neukölln bestätigt sich dieser Trend“, sagte Voskamp. Im Modal Split seien 2013 auf den Radverkehr 13 Prozent, den motorisierten Individualverkehr 30 Prozent, den öffentlichen Verkehr 27 Prozent und auf den Fußverkehr 31 Prozent entfallen. Berlinweit müssten bis 2030 für das Fahrradparken 34.000 Abstellbügel im fahrradparkplaetze richardstr_neukoellnöffentlichen Straßenland und zusätzlich 31.000 Bike & Ride-Plätze eingerichtet werden. In Neukölln seien derzeit bereits 1.500 Kreuzberger Bügel aufgestellt worden, schätzte Voskamp. „49,6 Prozent aller Wege, die in Neukölln mit dem Auto zurücklegt werden, liegen unter 5 Kilometern“, berichtete der Amtsleiter, der baumassnahmen2017-2019_info-va neukoelln faehrt radregelmäßig mit dem Rad zur Arbeit fährt und seine jährlichen Rad-Kilometer mit „im fünfstelligen Bereich“ beziffert.

Konkret gebe es in Nord-Neukölln derzeit für die Jahre 2017 bis 2019 Planungen mit Finanzierung in der Friedelstraße, der Donaustraße sowie am Weigandufer. Als bereits realisierte Positivbei-spiele führte Voskamp u. a. die Braunschweiger Straße an, wo durch einen Asphaltstreifen in der Fahrbahnmitte der Fahrkomfort für hermannstr_werbellinstr_neukoellnRadfahrer spürbar verbessert werden konnte. Zudem sei die Herrfurthstraße ebenfalls asphaltiert worden und jetzt als Einbahnstraße in Gegenrichtung für den Radverkehr befahrbar.

Allein eine Betrachtung des Rad-Nebenroutennetzes lehnte eine große Mehrheit der Anwesenden aller-dings eindeutig ab. „Wir fordern Radrouten, die auch von Kindern sicher befahrbar sind und dies geht nicht ohne Verkehrsberuhigung“, erklärte Saskia Ellenbeck vom Netzwerk Fahrradfreundliches Neukölln. Das Nebenroutennetz sei in seiner jetzigen Umsetzung weder sicher, noch zügig befahrbar. Eine Nord-Süd-Durchquerungsmöglichkeit des Ortsteils Neukölln fehle voskamp_ihl_giffey_blesing_info-va neukoelln faehrt radvollständig. „Das ist ein fahrradpolitisches Armuts-zeugnis“, kritisierte Ellenbeck. Ihr Mitstreiter Jan Michael Ihl (2. v. l.), selbst im Besitz eines LKW-Führerscheins und gelegentlich mit dem Auto unterwegs, stellte fest: „Alle Radfahrer kennen die Situation, bedrängt und bedroht zu werden. Es gibt viele, die hier radfahren hermannstr_boddinstr_neukoellnwürden, wenn sie sicher radfahren könnten.“

Grundsätzlich wollte diesem Statement auch Bezirks-stadtrat Thomas Blesing nicht widersprechen: „Ich finde es nicht sicher und ich finde es nicht bequem auf der Hermannstraße Fahrrad zu fahren. Und ich mache es auch nicht“, erklärte er und forderte alle auf, im eigenen Interesse, lieber einen kleinen Umweg auf einer ruhigen Strecke des Nebenroutenradnetzes zu wählen.

Um das Thema Radfahren geht es auch heute um 18 Uhr bei der Kiezversammlung, zu der das Netzwerk Fahrradfreundliches Neukölln in Kooperation mit dem Quartiersmanagement Richardplatz Süd einlädt. Titel der Verstaltung in der Mensa der Richard-Grundschule (Richardplatz 14) ist: „Schluss mit Lärm und Abgasen – Wege zu einem verkehrsberuhigten Richardkiez“.

=Christian Kölling=

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