Eine Kuh macht Muh, viele Kühe machen Mühe

milchhof mendler rudow_neukoellnEs riecht nicht wie Neukölln, es klingt anders und fühlt sich auch anders an, aber es ist Neukölln – gerade noch so jedenfalls. Wer auf dem Milchhof Mendler ist, hofschild_milchhof mendler rudow_neukoellnist der Berliner Stadtgrenze und somit Brandenburg erheblich näher als der Endstation der U7 in Rudow.

Ein Potpourri aus warmem Kuhstallduft und frischem Heu kriecht in die Nase, die Sounds klappernder Hufe und eines knatternden Treckers vermischen sich: Indizien für die Ankunft im Landleben. Drei Kälber, geboren im Februar und März, die in einem Verschlag außerhalb des Kuhstalls leben, bilden das Empfangskomitee. Wer ihnen zu nahe kommt, wird hemmungslos abgeleckt, kaelber_milchhof mendler rudow_neukoellnwer Futter anreicht, ist nicht minder willkommen. Das Youngster-Trio bereitet perfekt auf das vor, worauf man sich auch bei etwas oder sehr viel größeren kuh_milchhof mendler rudow_neukoellnArtgenossen gefasst machen muss: Kühe sind äußerst neugierig und kontaktfreu-dig.

Rund 100, darunter 38 Milchkühe, leben auf dem Milchhof Mendler in Rudow. Paradies möchte Georg Mendler das Pendant zum Großstadttrubel, das sein Zuhause ist, nicht nennen. „Aber ich möchte nicht tauschen“, sagt er. „Es ist zwar viel Arbeit, doch auch ein bisschen Hobby.“ Überrascht hat ihn ersteres nicht, denn die Familie betreibt schon seit den 1920er Jahren Landwirtschaft – bis 1982, als sie nach Rudow umgesiedelt wurde, in der Steinmetzstraße in Schöneberg. Den georg mendler_milchhof mendler_neukoelln-rudowHof im südlichsten Zipfel von Neukölln führt Georg Mendler (l.) zusammen mit seinem drei Jahre jüngeren Bruder Joachim. Unterstützt werden sie von drei Vollzeitkräften und Mendlers Sohn, auf dem nun die Hoffnung liegt, dass die Tradition des Familienbetriebs fortgesetzt wird. Sein Junior sei schon jetzt täglich um kuhstall_milchhof mendler_neukoelln-rudow5.30 und 16.30 Uhr für das Melken zuständig, gibt der 64-Jährige einen Einblick in die Arbeitsteilung, in die vor allem die Schwerpunkte Milchvieh, Zuchtvieh-Vermarktung, Pensionspferde und der Hofladen eingetaktet werden hofladen milchhof mendler_neukoelln-rudowmüssen.

Das kleine Geschäft gegen-über vom Ziegengehege ist ein großer Wirtschaftsfaktor für den Betrieb – und der Grund dafür, dass Mendlers trotz dramatisch niedriger Milchpreise gut dastehen. „Wir leiden nicht darunter, weil bei uns rohmilchverkauf hofladen_milchhof mendler rudow_neukoellnalles über Direktvermarktung läuft und wir unsere Rohmilch nur ab Hof verkaufen“, stellt Georg Mend-ler klar. Für einen Euro wird der Liter abgegeben, bei Abnahme größerer Mengen gibt es gestaffelte Rabatte – und das Bewegen des Hebels der jahrzehntealten Pumpe wird zum Fitnesstraining. Selten sei es nicht, dass sich Kunden gleich mit mehr als dem eindecken, was gemein-hin milchschild hofladen_milchhof mendler rudow_neukoellnin Haushalten verbraucht wird: „Besonders Migranten, die Käse noch selber machen und dafür Rohmilch benötigen, sind eine starke Kundengruppe.“ Zudem sorgen die Stadtnähe des Hofs und das Bedürfnis vieler Berliner nach hochwertigen, regionalen Lebensmitteln dafür, dass sich Mendlers nicht an den Tropf und das Preisdiktat der Molkereien hängen müssen.

schwarz-bunte und limousinrinder_milchhof mendler rudow_neukoellnEine Kuh, die 20 Liter Milch pro Tag gibt, brauche 60 Liter Wasser, 5 Kilogramm Heu, jeweils die dreifache Menge an Gras- und Mais-Silage sowie 1 Kilogramm Kraftfutter, informiert melktechnik_milchhof mendler_neukoelln-rudowein Schild an der Backsteinwand des Stalls. Dazu kommen diverse andere Kosten für Personal, technisches Equipment, Tierarzt etc.. Nicht mal die hanebüchenste Milchmädchenrechnung würde das Resultat ergeben, dass Landwirte mit einem Literpreis von unter 20 Cent, den sie beim Abverkauf an Molkereien erhalten, überleben können. „Bei den aktuellen Milchpreisen packen Bauern heu_milchhof mendler rudow_neukoellnbares Geld dazu, und da werden einige bei drauf-gehen“, schätzt Georg Mendler die Situation ein, die vorgestern zum Milch-gipfel mit Bundesagrarminister Christian Schmidt führte. Um einigermaßen wirtschaften und es sich vielleicht sogar mal erlauben zu können, abends Essen oder ins Kino zu gehen, brauche ein Milchbauer wenigstens 35 bis 40 Cent pro Liter Rohmilch. Man braucht nur rudimentärste Rechenkünste, um zu dem Ergebnis zu gelangen, dass das unvereinbar mit kuhstall_milchhof mendler rudow_neukoellnDumpingpreisen im Einzelhandel ist, wo der Liter Vollmilch schon für unter 50 Cent den Besitzer wechselt.

„Aber was wolln Sie mit so ’nem Hof machen?“, fragt Mendler. Rund 70 Hektar – zum Vergleich: der Volks-park Hasenheide bringt es auf nur etwa 50 Hektar – misst das Anwesen der Brüder einschließlich der Felder, auf denen das kälber_milchhof mendler_neukoelln-rudowViehfutter angebaut wird: „Dadurch müssen wir nur Stroh und Kraftfutter zukaufen.“

Im Alter von 18 bis 20 Monaten erlebt eine Kuh auf dem Milchhof Mendler ihre Erstbesamung. Das geschehe hier noch natürlich, berichtet Georg Mendler. Ergo: Der Bulle darf direkt in Aktion treten und die Befruchtung erfolgt nicht – wie auf anderen Höfen – mit tiefgefrorenem Sperma, das vom Tierarzt in die Kuh eingeführt wird. Neun Monate später kommt das Kalb zur Welt und „am Tag nach der Geburt von der kuehe_milchhof mendler rudow_neukoellnMutter weg, um anfangs mit dem Nuckeleimer ernährt zu werden.“ Bei der Kuh setzt mit dem Ende der Tragzeit die Milchbildung ein; mit etwa 8.000 Litern beziffert der Neuköllner Landwirt die jährliche Ertragsleistung. Nach 10 bis 12 Wochen darf der Bulle wieder ran, und der Zyklus beginnt von vorne. So würden auf dem Hof in Rudow Jahr für Jahr um die 50 Kälber geboren, wobei nur selten menschliche Mithilfe nötig sei: Die weiblichen Nach-kommen der Milchkühe dürfen bleiben, die männlichen werden jungbullen_milchhof mendler rudow_neukoellnmeist im Alter von futtertroege_milchhof mendler_neukoelln-rudowzwei bis drei Wochen verkauft.

Anders ist es bei den rot-braunen Limousin-Rindern, einer französischen Rasse, die einerseits Hobby von Georg Mendler sind und andererseits als Zuchttiere eine lukrative Erwerbsquelle für den Betrieb. Zurzeit werden 15 Limousins auf dem Hof gehalten: „Meistens verkaufen wir sie anderen Bauern oder Züchtern.“ Einige kommen wegen ihres feinfasrigen, zarten Fleischs mit nur geringem Choleste-ringehalt rinderauslauf_milchhof mendler rudow_neukoellnaber auch zum Schlachthof und kehren als Filet, Hüft- oder Rumpsteak, Rouladen oder Gulasch auf den Hof zurück, um ins Sortiment des Ladens aufgenommen zu werden: „Bis zu 800 Kilo Lebendgewicht hat so ein Limousin-Bulle, das pferdepension_milchhof mendler rudow_neukoellnergibt um die 480 Kilo Nutzfleisch.“

Bis vor gut 20 Jahren hatten Mendlers außerdem ein zweites Nutzvieh-Standbein, doch die Schweinemast wurde wegen novellierter Haltungsvorschriften aufge-geben. Seitdem können Stadtkinder auf den Freilauf-Anlagen rund um die Stallungen nicht nur Kühe bestaunen, sondern auch Pferde. „Aktuell haben wir an die 50 Boxen für Pensions-pferde ziege_milchhof mendler rudow_neukoellnvermietet“, berichtet Georg Mendler. „Sie werden von uns gefüttert, gemistet und auf die Weide gebracht, um alles andere kümmern sich die Besitzer.“

Die beiden Hunde, die auf dem Hof herumlaufen und die Besucher freundlich beschnüffeln, gehören zur Familie. Katzen gibt es selbstverständlich auch. Und Hühner, die Mendler so despektierlich wie schmunzelnd als Spielzeug-hühner bezeichnet, weil sie – wie die Ziegen – wirtschaftlich nutzlos sind: „Die Eier, die wir im Hofladen anbieten, sind rohmilch_milchhof mendler rudow_neukoellnaus Brandenburg.“ Käse, Butter und andere Milchprodukte werden ebenfalls nicht von Mendlers hergestellt, sondern von einer Landmolkerei im benachbarten Bundesland.

Den weitaus kürzesten Weg zwischen Erzeuger und Verbraucher legt die Rohmilch zurück: Vom Euter bis in die braune Pfandflasche sind es nur wenige Schritte und ein paar routinierte Züge am Hebel der Pumpe. Das ist heute, am Internationalen Tag der Milch, der seit 1958 immer am 1. Juni für den Konsum von Milch wirbt, nicht anders als an den restlichen Tagen des Jahres. Denn die gutmütig dreinschauenden Neuköllner Wiederkäuer sind Dienstleister, die weder an Feiertagen pausieren noch Urlaub machen. Seit 16 Jahren ist der 1. Juni ebenfalls der Weltbauerntag: In Brandenburg gibt es aktuell rund 5.300 landwirtschaftliche Betriebe, in Neukölln immerhin zwei – beide gehören Familien, deren Name mit M beginnt, wie Muh.

Der Hofladen vom Milchhof Mendler (Lettberger Str. 94) hat von Montag bis Freitag zwischen 7 und 11, samstags von 7 bis 12, sonntags von 8 bis 10 und dienstags, donnerstags und freitags außerdem zwischen 15 und 17 Uhr geöffnet.

=ensa/kiezkieker=

Advertisements