Die junge Frau und das Meer

nordseeNeukölln am Meer, das war mal. Schon vor zwei Jahren endete das Theaterprojekt mit dem Sehn-suchtsort im Titel, der sich durch viel Wasser und Himmel auszeichnet. Seitdem müssen sich alle, die den Horizont gerne weit entfernt sehen, mit Berlins Wiesenmeer, dem Tempelhofer Feld, begnügen.

Es fast vor ihrer Haustür zu haben, reichte Melanie Heitkämper irgendwann nicht mehr. Der Prozess sei schleichend gewesen, rekapi-tuliert die gebürtige Bremerin, die nach ihrem Lebensmitteltechnologie-Studium in Bremerhaven nach Berlin kam, erst in Prenzlauer Berg wohnte und vor acht Jahren schließlich dort landete, wo ihre Mutter geboren wurde: in Neukölln. „Berlin ist toll“, vitrine hermannplatz_kuestenmaedel berlin_neukoellnfindet sie auch heute noch – dass es ohne Berlin und seinen kreativen Pulsschlag ihr Label Küstenmädel nicht gäbe, spielt bei der Begeisterung gewiss keine Neben-rolle. Doch das Aber dahinter wurde zunehmend stärker. Erst fernab von Deichen, Ebbe und Flut, einer salzigen Brise und dem Vitamin See stellte Melanie melanie heitkaemper_kuestenmaedel berlin_neukoellnHeitkämper fest, wie sehr ihr das Meer fehlt: „Diese Sehn-sucht hab ich dann durch das Küstenmädel kompensiert.“

Den Namen des Labels und die Idee, Mode, Schmuck und Accessoires im Maritim-Look zu designen, habe es schon lange gegeben, erzählt sie. 2011 begann sie mit der Umsetzung ihrer Vision: Eine Freundin hatte Geburtstag, kuestenmaedel-buedel_neukoellnsollte als Geschenk ein eigens kreiertes T-Shirt bekommen, und gemeinsam mit einer anderen Freundin, die sehr gut zeichnen kann, entwarf Melanie Heitkämper ein Motiv. „Das hat gleich Wellen geschlagen, und ich hätte sofort in Serie gehen können, aber es fehlte noch das professionelle Design für den Druck und ein eigener Schriftzug“, erinnert sich die 44-Jährige. Beides konnte der in ebenfalls in Berlin lebende Grafiker Anthony Christensen beisteuern: „Der slogan kuestenmaedel berlin_neukoellngrobe Entwurf war schnell fertig. Aber was soll die Deern anhaben? Was soll auf den Kopf? Wie soll die Schrift aussehen?“ Der Feinschliff am Corporate Design habe dann noch sehr lange gedauert; 2012 waren die Voraussetzungen für den markenrechtlichen Schutz des Labels Küstenmädel geschaffen und Melanie Heitkämper fing an, ihre moin-button_kuestenmaedel berlin_neukoellnKreationen zu verkaufen statt zu verschenken.

Zuerst gab es nur T-Shirts und Beutel, die die Nord-deutsche natürlich Büdel nennt. Hoodies, Postkarten, Buttons, Aufnäher, Geschenkpapier, Anker-Konfetti, Mützen, Silberschmuck und anderes mehr kam erst später dazu: „Vor allem durch die Präsenz bei Kreativmärkten und die Kontakte mit Kunden und anderen Ausstellern wurde weiterer Bedarf klar.“ 2013 eröffnete Melanie Heitkämper zudem bei DaWanda ihren Küstenmädel-Shop, im selben Jahr testete sie erstmals neukoellner stoff-markt_kuestenmaedel berlin_neukoellndas Abenteuer OpenAir-Markt bei Neuköllner Stoff am Maybachufer. „Es war spannend, ob ich in Berlin, das ja nicht an der Küste liegt, überhaupt was verkaufe. Aber ich bin nie ohne etwas verkauft zu haben wieder nach Hause kollektion kuestenmaedel berlin_neukoellngegangen.“

Ihre Prioritäten haben sich dennoch im Laufe der Zeit verlagert: Weg von wetterabhängigen Locations, hin zu Indoor-Kreativmärkten, Internet-Shops und Verkaufstischen in thematisch passenden Läden. Die meisten sind selbstverständlich an der Küste – oder zumindest in deren Nähe: in Hamburg, Bremen, Bremerhaven, Olden-burg, Schwerin, der Marzipanstadt Lübeck und dem an der Weser gelegenen Örtchen Dedesdorf, zu dem Melanie Heitkämper seit drei Jahren eine ganz besondere Beziehung hat. Doch auch in Berlin gibt es mit RootzFlaming Squeegee und VoPo Records einige Shops, in denen Kreationen des Labels mit Rettungsring und einer Matrosin mit Fernrohr im flyer kuestenmaedel berlin_neukoellnLogo erhältlich sind. Eine noch südlicher gelegene Ver-kaufsstelle war bisher Nürnberg.

„Aber der Küstenmädel-DaWanda-Shop ist am meisten gewachsen, und im letzten Jahr kam noch die Vintage- und Rockabilly-Plattform Frau Lux dazu.“ Letztere schafft die Querverbindung zu einer weiteren Leidenschaft der Neuköllnerin: der Mode der 1950er Jahre. „Damals gab es noch viele tolle Motive mit Pin Up-Girls, wobei auch das Maritime immer dazu gehörte. Das hat sich bis heute in der Rockabilly-Szene festgesetzt.“ Folglich bietet die Küsten-mädel-Kollektion ebenfalls reichlich textiles und schmückendes Material mit Retro-Charme, das meiste in kleinen oder limitierten Auflagen. „Bestseller“, berichtet Melanie Heitkämper, „sind die blauen T-Shirts. Und in diesem Jahr konnte ich endlich auch geringelte rausbringen. Das wollte ich von Anfang an, hab aber kein ver-nünftiges nordsee-strandShirt zum Bedrucken gefunden.“ Ein weiterer Klassiker sind die marineblauen Büdel.

Das Faible fürs Meer zeigt sich bei der Designerin aber nicht nur in ihren Kreationen und der Tat-sache, dass Anteile vom Verkauf an die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger gespen-det werden. „Als ich vor drei Jahren das Angebot bekam, im Strandcafé Weserperle in Dedesdorf zu arbeiten, hab ich es sofort angenommen.“ Seit-dem ist sie dem Meer, dem seit 2008 alljährlich am 8. Juni der World Oceans Day gewidmet ist, immer von April bis Oktober ganz nah – und nur noch im Winterhalbjahr in Neukölln. „Es ist spannend zwischen zwei so unterschiedlichen Regionen zu pendeln. Berlin ist schnell, kreativ, immer auf dem neuesten Stand, liefert mir viel neuen Input, ist der Produktionsort meiner Küstenmädel-Sachen, Wohnort vieler Freunde und die Stadt, in der ich meine große Leidenschaft für Live-Konzerte voll auskosten kann.“ Oben im Norden sei es hingegen langsamer und wohltuend entschleunigend. „Für mich ist es so perfekt“, findet Melanie Heitkämper. Die Umstellung von Hektik auf Ruhe und Ruhe auf Hektik schaffe sie regelmäßig in ein bis zwei Wochen. Und wenn im Winter die Seesucht übermächtig wird, gibt es ja immer noch das Tempelhofer Feld mit seiner steifen Brise und dem fernen Horizont.

Lust auf mehr Meer? Die MS Wissenschaft ankert noch bis morgen in Mitte, um die Ausstellung „Meere und Ozeane“ zu zeigen; weitere Stationen ihrer Tour in Berlin sind Wannsee (10. – 12. Juni) und Tegel (13. – 15 Juni).

=ensa=

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