„Pflegekinder sind wie kleine Wundertüten“: 40. Jubiläum des Bundesverbands der Pflege- und Adoptivfamilien

In Deutschland leben derzeit über 84.000 Pflegekinder, und jedes Jahr erhalten etwa 1.000 Kinder über Adoption neue Eltern. Für die Unterstützung von Pflege- und 40-jahre-pfad-e-v-_berlinAdoptivfamilien ist ein gut funktionierendes Beziehungs-geflecht zwischen sozialen Eltern, Kindern, leiblichen Eltern und der Jugendhilfe auf kommunaler Ebene entscheidend. Wie hoch in Neukölln der Anteil von Pflegeeltern im deutschlandweiten Vergleich ist, ist nicht bekannt. Vermutlich wird der Anteil in Britz, Buckow und Rudow aber höher als im nördlichen Bezirk und in der Gropiusstadt liegen.

In Berlin feierte am vergangenen Freitag der Bundes-verband der Pflege- und Adoptivfamilien e. V. (PFAD) sein 40-jähriges Bestehen im Centre Monbijou in Mitte. Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig, Schirmherrin der Jubiläumsveranstal-tung, würdigte in ihrer Festrede die Arbeit des Verbandes und dankte für das schwesig_40-jahre-pfad-e-v-_berlinEngagement bei der Unterstützung von Pflege- und Adoptivfamilien.

Kinder brauchen Verlässlichkeit. Sie müssen wissen, wo sie herkommen und wo sie hingehören. Das ist für Pflegekinder ohnehin schon schwerer, als für andere Kinder. Oft erleben sie Beziehungsabbrüche und Bindungsverluste“, sagte Ministerin Schwesig (l.). Ihr Ziel sei es, dass Kinder in Pflege- und Adoptivfamilien gleiche Chancen für ein gutes Aufwachsen haben wie alle anderen Kinder. „Ich möchte mit einem neuen Gesetz die Rechte von bahlke_40-jahre-pfad-e-v-_berlinPflegeeltern stärken“, kündigte Familienministerin Manuela Schwesig an.

Stephanie Balke (r.), die in einer Hamburger Pflegefamilie aufwuchs, berichtete aus ihrer Kindheit bei der leiblichen Mutter: „Ich habe schon als Siebenjährige meine kleine Schwester gewickelt. Das war für mich als Kind nicht wirklich gut.“ Aufmerksam sei das Jugendamt auf den Fall geworden, als die kleine Stephanie beim Elternabend in der Schule ihres älteren Bruders erschien, „weil die Mutter wieder betrunken auf der Couch lag“, so Balke. Heute setzt sich Stephanie Balke in Hamburg für die Rechte von Pflegekinder ein, die sich im Konflikt zwischen Behörden, leiblichen und sozialen kehl_40-jahre-pfad-e-v-_berlinEltern oft allein gelassen fühlen.

Um Pflege- und Adoptiveltern in Berlin-Neukölln ganz praktisch zu unterstützen, gibt es einen Stammtisch, den Christiane Kehl (l.), Beisitzerin im Vorstand des Bundesverband der Pflege- und Adoptivfamilien e. V., initiierte. Auch eine Beratung für angehende Pflege-eltern, die Kinder aufnehmen möchten, wird ange-boten. „Pflegekinder sind wie kleine Wundertüten, in denen auch unliebsame Überraschungen stecken können. Pflegeeltern brauchen deshalb Hilfe, auch wenn sie bereits Erfahrung mit der Erziehung leiblicher Kinder haben“, sagte Kehl dem FACETTEN-Magazin. Auch eine Facebook Seite für die Selbsthilfe-Initiative richtete Nicole Stiewe ein. Sie erzieht ein Kind ihrer Schwester und muss dabei immer wieder erfahren, dass Verwandte als Pflegeeltern ganz spezielle Probleme haben, die andere nicht kennen.

Experten wie die Berliner Rechtsanwältin und Friedrichshain- Kreuzberger Abgeordnete Marianne Burkert-Eulitz, die ebenfalls das Jubiläum des PFAD e. V. besuchte, wollen mehr als nur die von Familienministerin Manuela Schweswig angekündigte Reform des Achten Sozialgesetzbuches (SGB 8). „Im Bürgerlichen Gesetzbuch muss eine Änderung in Paragraph 1632, Absatz 4 vorgenommen werden“, forderte die Sprecherin für Kinder, Jugend und Familie der Grüne-Fraktion im Abgeordnetenhaus diskussion_40-jahre-pfad-e-v-_berlinam Rande der Veranstaltung.

Bei der abschließenden Podiumsdiskussion unter dem Motto „Weil ALLE Kinder unsere Zukunft sind – die Familie als gesellschaftliche Ressource“ wurde sogar eine Änderung des Artikel 6 des Grundgesetzes ins Gespräch gebracht, um das Kindeswohl, das in Artikel 39 der UN Kinder-rechtskonvention erwähnt wird, auch in der deutschen Verfassung ausdrücklich zu verankern. Bedenken dagegen meldete nur Rechtsanwalt Thomas Mörsberger an, der davor warnte, allgemeine Menschenrechte in Rechte für einzelne Gruppen wie Kinder oder Senioren aufzusplittern.

Jenseits der juristischen Fachdiskussionen tragen die bezirklichen Jugendämter eine ganz konkrete Verantwortung für das Wohlergehen der Kinder. Oft sind sie personell zu schlecht ausgestattet, um gute Jugendhilfeplanung machen zu können. „In Rheinland-Pfalz sind drei Jugendämter von 41 gut. Für die anderen brauchen wir ein Gesetz“, äußerte ein Veranstaltungsteilnehmer seinen Unmut. In Hamburg gründeten Pflegeeltern sogar einen Pflegeelternrat, um die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Jugendhilfe zu sensibilisieren und die Problemsicht der sozialen Eltern deutlich zu machen. „Ich bin froh, dass wir nicht überall Pflegeelternräte einrichten müssen“, sagte eine Teilnehmerin sarkastisch. In jeder Region gibt es andere Ausgangslagen und jeder Einzelfall ist anders. Nicht nur für entsprechende Stellen in Neukölln gilt deshalb: Das Wichtigste zum Wohl des Kindes ist auf kommunaler Ebene eine gute Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten.

=Christian Kölling=

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