„Jeder in der Umgebung weiß es“: Die Emserianer machten sich auf die Suche nach Leerstand in Neukölln

emserianer-fahne_rathaus neukoellnDer Tagesordnungspunkt „Einwohnerfragestunde“ ist oft einer, der in der Neuköllner Bezirksverordnetenver-sammlung in wenigen Sekunden abgehandelt werden kann – weil gar nicht erst Fragen eingereicht wurden oder die Fragesteller der Sitzung fernblieben. Anders bei der letzten BVV. Schon im Vorfeld hatten die Emserianer angekündigt, insbesondere zum Thema Immobilien-Leerstand Antworten erhalten zu wollen.

Wie verfährt das Bezirksamt mit leerstehenden Woh-nungen und Häusern oder der Zweckentfremdung durch die Nutzung als Ferienappartments? Wie viele Objekte konnten nach Leerstandsanzeigen wieder dem Wohnungsmarkt zugeführt werden? Und: Werden Leerstände überhaupt systematisch erfasst? Das waren die Fragen, die eine Sprecherin der Weiterlesen

Not macht erfinderisch

Dieses Schild im Museum Neukölln soll keinesfalls besagen, dass dort Logis-Gäste aufgenommen werden. Es ist lediglich ein Exponat der Dauerausstellung „99 x Neu-kölln“. Gleichzeitig dokumentiert es aber, dass hohe Mieten und Wohnungsnot schon vor über 100 Jahren für viele Berliner ein Problem waren. Da virtuelle Immobi-lien- und Mitwohnportale noch erfunden werden mussten, wurde mit derartigen Tafeln

möblierte schlafstelle-schild_museum neukölln

an den Häusern um Schlafgänger geworben. Die Hauptmieter konnten so gegen Aufgabe der Privatsphäre ihre Mietkosten reduzieren und die Wohnungen halten; Geringverdiener hatten wenigstens für Stunden ein Bett samt Dach überm Kopf.

Was weg ist, ist weg

An der Hasenheide, wo bisher das Autohaus Eduard Winter eine Filiale betrieb, ist nun Platz, viel Platz.  SP12 heißt das Grundstück in der vor wenigen Wochen veröffent-lichten  Wohnungsbau-Potenziale-Studie für  Neukölln, die wiederum 94 Wohneinhei-

hasenheide 74_sp12 wohnbaupotenzial-studie neukölln

 ten für das Areal ausweist. Ob es genau so viele oder mehr oder doch weniger werden, wird sich zeigen. Noch wird nicht gebaut, sondern nur abgetragen. Im Stadt- entwicklungsamt des Bezirks war kurzfristig niemand zu erreichen, der Auskünfte über die aktuellen Planungen für das Baugrundstück geben konnte.

Wo früher getrödelt wurde, wird nun geklotzt

Zwischen dem JobCenter Neukölln, der alten Kindl-Brauerei und dem neuen KfH- Nierenzentrum soll es passieren: Dort – an der Mainzer Straße, wo einst an den Wochenenden  getrödelt  wurde – wird  im nächsten Sommer damit  begonnen, nach

1_trödelmarkt mainzer straße_neukölln 2_trödelmarkt mainzer straße_neukölln

„über zehnjähriger Pause“ erstmals wieder neue Wohnungen in Neukölln  zu bauen. 119 Eigentumswohnungen mit Größen von 38 bis 200 Quadratmetern und Qua- dratmeter-Preisen zwischen 2.870  und 3.970 Euro sollen hier  frei nach dem  Inves-

kindl-areal_wohnungsbau-projekt 12053 neukölln

toren-Motto „12053 – aufblühendes Neukölln“ entstehen. Neubau rechne sich in Neu- kölln erst seit Kurzem für Investoren, wird Nikolaus Ziegert, dessen Firma die Wohnungen ins Portfolio aufnimmt, vom DEAL-Magazin zitiert: Man sei gebeten wor- den, heißt es weiter, „wenn möglich nur an Menschen zu verkaufen,  die auch selbst hier wohnen wollen“.

Potenziale einer Mittelinsel

Wer die Bauten mitten auf der Neuköllner Hermannstraße nur flüchtig beachtet, könnte fast auf die Idee kommen, dass hier die Vorbereitungen für ein Modellprojekt „Wohnen in verkehrsgünstigster Lage“ in vollem Gange sind. Auch der Eindruck, es

1_sanierung u-bahnhof boddinstraße_neukölln2_sanierung u-bahnhof boddinstraße_neukölln

werde hier begonnen, ein neues urbanes Tourismuskonzept umzusetzen, könnte sich aufdrängen. Doch mitten auf der Hermannstraße soll weder den Engpässen auf u-bahnhof boddinstraße neuköllndem Neuköllner Wohnungsmarkt begegnet werden, noch dienen die Baumaßnahmen dazu, die Betten- kapazitäten für Touristen im Bezirk zu erweitern. Nein, hier passiert, was ebenso überfällig ist wie effiziente Maßnahmen zur Entspannung des Wohnungsmark- tes: Der lange Zeit versiffteste, trostloseste und vielleicht hässlichste U-Bahnhof Berlins  bekommt endlich eine Grundinstandsetzung nebst barrierefreiem Ausbau.

Ungemütliche Aussichten

winterfester fahrradsattel_neuköllnBei Autos gehören Sitzheizungen zum Standard oder können problemlos nachgerüstet werden, wenn Rücken, Hintern und Oberschenkel nach Wär- me verlangen. Radfahrer können die- sem Bedürfnis nur sehr viel einge- schränkter nachkommen. Entspre- chend ungemütlich ist es in der kalten Jahreszeit für sie.

Ungemütlicher wird es auch in Neu- kölln, wenn nicht jetzt gehandelt wird. Denn: Bewahrheitet sich die Bevölkerungsprognose für Berlin und die Berliner Bezirke 2011 – 2030, die Stadtentwicklungssenator Michael Müller gestern in einer Sitzung des Senats vorstellte, wird die Zahl der Neuköllner  bis 2030 auf rund 338.000 (+ 6,5 %) angewachsen sein und etwa 20.000 Menschen mehr als aktuell werden Wohnraum brauchen. Andere Bezirke trifft es noch härter: Bei Spitzenreiter Pankow wird für die nächsten 18 Jahre sogar ein Wachstum von 16,3 % erwartet.

Wer’s glaubt …

Früher war alles … anders: Wer noch vor einigen Jahren auf die relative Schnelle per Inserat einen Nachmieter für seine Wohnung im Norden Neu- köllns suchte, hatte weitgehend seine Ruhe und es bestenfalls mit einem überschaubaren Kreis potenzieller Inte- ressenten zu tun.

Werden heute für eine Wohnung in Neukölln neue Mie- ter gesucht, ähnelt der Menschenauf- lauf vor der Haustür oft einer Spontan-Demo. Daran ändern auch die nichts, die vorher schon da waren, um die Mär vom Außenklo zu suggerieren oder mit ihren ideologischen Visionen frisch gestrichene Hauswände zu verschandeln und sich so in Abschre- ckung zu versuchen.

.

Auf eigene Faust auf Route 8

Niemals, sagen sie, wären sie auf die Idee gekommen, sich per Shuttle-Bus durch die 1. Lange Nacht der Wohnungsbesichtigungen kutschieren zu lassen: „Wie idio- 1. lange nacht der wohnungsbesichtigungen in berlin, neuköllntisch wäre das denn, mit der U-Bahn von der Gro- piusstadt zum Alex zu fahren, um von da aus wieder zurück nach Neukölln zu gurken?“ Die Aussicht, sich dann womöglich mit einer kompletten Busladung Menschen durch Treppenhäuser und Wohnungen schieben zu müssen, habe außerdem dazu bei- getragen, das Unternehmen Wohnungssuche völlig individuell anzugehen. Der Mittfünfziger zieht eine Papierrolle aus seiner Jackentasche, seine Frau eine Taschenlampe aus ihrer. In der Toreinfahrt zum Objekt in der Hermannstraße 224 ist es alles andere als hell. Das Ehepaar hat sich die Beschreibungen und Besichtigungszeiten der fünf Neuköllner Woh- nungen, die sie interessieren, im Internet ange- schaut und ausgedruckt: „In der Treptower Straße 14 waren wir gerade.“ Dummerweise hätten sie übersehen, dass der modernisierte Altbau keinen Balkon hat. Der Neubau an der Ecke Flughafenstraße hat eine Loggia – und sogar einen Aufzug. Das sei wegen der alten Dackeldame günstig, die ebenfalls 1. lange nacht der wohnungsbesichtigungen in berlin, neuköllnzur Familie gehöre.

Zwei Mitarbeiter der Immobilienfirma, die das Haus verwaltet, empfangen das Paar aus der Gropiusstadt und führen es durch die 2-Zimmer-Wohnung. Die Einbauküche gehöre zum Inventar, die Loggia gehe in Richtung Westen. „Und das hier“, kündigt der Makler an und öffnet die Tür zu einem etwa 1 Qua- dratmeter großen Abstellraum, „wäre perfekt für einen kleinen begehbaren Kleiderschrank.“ Ihr aktueller Schrank sei 3 Meter lang, deckenhoch und würde gerade mal so reichen, erfährt er. Spätestens nach der Begehung der Loggia ist für das Ehepaar klar, dass die Wohnung von der Liste der Objekte 1. lange nacht der wohnungsbesichtigungen in berlin, neuköllngestrichen wird, die in- teressant sein könnten: Wie solle man denn einen Balkon nutzen, der zwei Etagen über der Hermann- straße liegt? Auch unter dem angepriesenen „modern gefliesten Wannenbad“ und einem „gärtnerisch gestal- teten Innenhof“ hatten sich die beiden etwas anderes vorgestellt. „Das hier wirkt schon alles sehr nach Ladenhüter“, finden sie und beschließen, sich als nächstes die Wohnung am Britzer Damm 100 anzu- gucken.  Die habe drei Zimmer, eine Loggia zum Innen- hof und würde auch noch innerhalb des Warmmiete-Limits von 800 Euro liegen. Für zwei Studenten, die eine WG gründen wollen, gehört die Neubauwohnung in der Hermannstraße ebenfalls schon nach flüchtiger Begutachtung in die Kategorie „Geht gar nicht!“: Die Küche mit dem runden Erker sei ja nett geschnitten, dass alle Zimmer in Richtung Kreuzung lägen jedoch völlig unakzeptabel. Der Makler empfiehlt ihnen eine nur wenige Minuten entfernte 2-Raum-Altbauwohnung, die ebenfalls WG-geeignet sei. In einer halben Stunde beginne dort die Besichtigung.

1. lange nacht der wohnungsbesichtigungen in berlin, neuköllnDer Aufgang des Hauses in der Hermannstraße 73 wirkt gepflegt, ein Bewegungsmelder sorgt beim Betreten des Hinterhofs für dessen Ausleuchtung. „Fahrradständer sind hier, das ist schon mal prak- tisch“, stellt Daniel fest. Praktisch finden er und sein Kumpel Ben es auch, dass direkt nebenan ein Discounter und eine U-Bahnstation sind und es im Haus einen Döner-Imbiss gibt.

Die Wohnung in der 2. Etage hat abgezogene Dielen und ein modernes Bad und sammelt damit schnell 1. lange nacht der wohnungsbesichtigungen in berlin, neuköllnweitere Pluspunk- te. In der Küche verliert sie wieder einen, denn Platz zum Sitzen ist in dem schmalen L-förmigen Schlauch nicht. „WG-tauglich sieht anders aus“, finden die beiden Studenten nachdem sie sich die Zimmer angeguckt haben: das entschieden kleinere ist ruhig, weil es zum Hof geht, das größere hat 1. lange nacht der wohnungsbesichtigungen in berlin, neuköllneinen Balkon – über der Hermannstraße. Das mit der Baustelle sei bald erledigt, ver- spricht der Makler. „Dann haben wir in der Wohnung aber immer noch ein Platzproblem“, entgegnet Daniel. Ben stimmt ihm zu und untermauert damit, dass die beiden Studenten sicher nicht die neuen Mieter dieser Wohnung werden. Der Makler schlägt ihnen vor, sich noch das Objekt in der Warthestraße 73 anzusehen. Dort gäbe es zwar auch zwei Zimmer unterschiedlicher Größe, aber die Küche sei groß genug, um in ihr einen Esstisch zu stellen. Dass die Wohnung ebenfalls unter 600 Euro Warmmiete liegen würde, kommt als überzeugendes Argument hinzu.

Daniel und Ben holen sich noch Döner für 1,50 € als Proviant für den Weg in die Warthestraße. Der weiße Shuttle-Bus der Route 8 durch Neukölln fährt an ihnen vorbei, als sie kauend auf der Hermannstraße stehen. Das Bedauern darüber bleibt aus. Den hätten sie ganz bestimmt nicht nehmen wollen, geben die beiden zu, weil sie die Lange Nacht der Wohnungsbesichtigung angesichts des ohnehin schon angespannten Immobilienmarkts in Berlin grundsätzlich „voll daneben“ fänden: „Würden wir nicht dringend was suchen, würden wir das bestimmt nicht mitmachen.“ Auf Entertainer, die ihnen Neukölln und die Neuköllner erklären wollen, könnten sie dabei jedoch gut verzichten.

=ensa=

Von Unkenrufen und Ist-Zuständen

Was der Reuterkiez schon hinter sich hat – eine Invasion kreativer und intellektueller Vorboten einer  Aufwertung, die schlimmstenfalls in einer Gentrifizierung endet – steht als nächstes ob der Attraktivität des angrenzenden Tempelhofer Feldes dem Gebiet rund um die Schillerpromenade bevor. Erstmal ist es jedoch nicht mehr als eine  Vorahnung dessen, was passieren könnte – obwohl manche, die in pekuniärer, ideologischer oder wie auch immer gearteter Hinsicht etwas davon haben, sie gerne zum Ist-Zustand erklären.

Zur Verwunderung vieler Anwohner und Gewerbetreibender im Kiez. Die nehmen zwar durchaus eine Veränderung wahr, sehen aber im vermehrten Zuzug von Twens und jungen Familien noch lange keine sich anbahnende Yuppisierung, die für sie zur Verdrängung führen könnte, oder – im Falle der Geschäftsleute – in astronomische Höhen schießende Umsätze. Anders als mit „entspannt abwartend“ lassen sich die Ge- mütslagen wahrlich nicht beschreiben.

Ohne Frage, es gibt auch im Schillerkiez inzwischen Wohnungen, die bei Neuvermie- tung mit 10 Euro pro Quadratmeter zu Buche schlagen und damit die Propaganda derer schüren, die eine Aufwertung des Viertels zum Luxus-Kiez sehen wollen und zum Wi- derstand aufrufen. Aber zwischen diesen Ausnahmen und der Normalität liegen Welten.

Heute Morgen in der Oderstraße. Wer die immobilienmäßige Realität in Augenschein  nehmen will, muss früh aufstehen. Um halb 9 bittet eine Hausverwaltung zur Besichtigung zweier 2-Zimmer-Wohnungen mit freier Sicht übers Tempelhofer Feld. Eine liegt in der 1., die andere in der 2. Etage eines 50er-Jahre-Hauses. Jede ist 62 Quadratmeter groß, frisch renoviert und mit Gasetagenheizung, Wan- nenbad und Balkon zum großen grünen Innenhof ausgestattet. Die Netto-Kaltmiete liegt für beide Wohnungen bei 320  Euro, macht 5,16 Euro pro Qua- dratmeter.

_ensa_