Gehweg-Sanierung im Schillerkiez nutzt Flaneuren wie ihren Bäumen

Das Bezirksamt Neukölln ließ Anfang des Jahres ein Gutachten zum Zustand der Straßenbäume im Schillerkiez anfertigen. Oft könne ein Umbau der Straßen und Gehwege empfehlenswert sein, um die vorhandenen Straßenbäume zu stärken und die Bedingungen für Neupflanzungen deutlich zu verbessern, lautete eine Schlussfolgerung daraus. Der Neuköllner Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung, Umwelt und Verkehr Jochen Biedermann will jetzt -dort wo es möglich ist- entsprechend handeln. Mit einem symbolischen Spatenstich startete er am vergangenen Montagvormittag im Schillerkiez ein Bauprojekt, das sowohl den Zufußgehenden als auch ihren Straßenbäumen nutzen wird.

Die Gehwege aus Bernburger Mosaikpflaster sind auf einem etwa 330 Meter lange Teilstück der Weisestraße Weiterlesen

Beziehungsweise

Die Weisestraße liegt im Neuköllner Schiller- kiez und ist eine Paral- lelstraße zur prominen- ten Schillerpromenade. Letztere ist der Ku- damm des Schillerkie- zes, erstere dafür ein kleines Stück länger. In der Weisestraße ist auch die Karl-Weise-Grundschule ansässig. Viele haben diese – oft nicht ganz freiwillig – näher kennen gelernt.

Wer war aber dieser Karl Weise? Als Schüler brachten ihm seine Streiche häufig Prügel ein und mehr als einmal wechselte er die Schule. Auch nicht immer auf eigene Initiative hin. Dass einmal eine Schule seinen Namen trägt hat er zu Lebzeiten nicht mehr erlebt. Oder sollte man besser sagen: nicht mehr erleben müssen? Doch zurück ganz an den Anfang.

Karl Weise wurde im November 1813 in Halle an der Saale geboren. Sein Kreißsaal war der Kellerraum einer Essigbrauerei. Mit seinen Geschwis- tern hätte er eine eigene Fußball- mannschaft plus eines Auswechsel- spielers stellen können; insgesamt zwölf Kinder gehörten zur Familie.

Als Sohn eines Zimmermanns erlernte auch Karl ein Handwerk – das des Drechslers. Nach seiner Lehre ging er, wie damals üblich, für drei Jahre auf Wanderschaft. In Berlin, wo er von 1842 bis 1848 lebte, schloss er bei einem Berliner Drechslermeister seine Meisterprüfung ab. Im Mai 1848 zog er nach Freienwalde (heute ist es eine 12.000 Einwohner-Stadt, die sich Bad Freienwalde nennt) und lebte dort bis zu seinem Tode im Jahr 1888.

Kinder hatte Karl Weise auch. Jedoch brachte er es nur auf eine halbe Fußballmannschaft. Beide Geschlechter paritätisch verteilt. Neben Auguste, Henriette Clara und Ottilie Marie Adophine gab es einen Karl Friedrich, einen Friedrich Wilhelm karl weiseund einen Barnim Friedrich Johannes. Barnim? Ein Blick in wikipedia zeigt, dass Freienwalde noch innerhalb der Begrenzung der Barnimhochfläche liegt. Daher nur Mut, wenn Sie überlegen, Ihren Sohn Berlin oder Neukölln zu nennen.

Als Karl Weise von 1842 bis 1848 in Berlin wohnte und lebte, besuchte er nicht ein einziges Mal Rixdorf, das damals noch weit vor den Toren Berlins lag. Weshalb dann die Benennung einer Straße, dies im Jahre 1894, und der Namensgeber für eine Schule in Rixdorf? Gemach.

Neben seinem Beruf als Drechslermeister pflegte Karl Weise noch ein großes Hobby. Er drechselte mit Leidenschaft Verse. Theodor Fontane hat Karl Weise in Freienwalde besucht und beginnt seine schriftliche Schilderung dieses Besuches passenderweise mit einem Vers:
Drechselt Pfeifen in guter Ruh
Und macht auch wohl
´nen Vers dazu.
Aus der Begegnung zwischen Fontane und Karl Weise entwickelte sich eine Freundschaft, die lebenslang anhielt. Als Karl Weise im Alter zu verarmen drohte, weil die aufkommende Zigarettenraucherei seiner Pfeifendrechslerei, von der er hauptsächlich lebte, schwer zu schaffen machte, wurde er u. a. von Fontane finanziell unterstützt. In einem Brief von Fontane aus dem Jahr 1862 findet sich folgende Bemerkung: „Von sechs bis acht reizende Fahrt nach dem Schlossberg, von acht bis elf mit dem Dichter und Drechslermeister Weise beim Biere geplaudert.“ Theodor Fontane widmete Karl Weise in seinen „Betrachtungen durch die Mark Brandenburg“ ein ganzes Kapitel mit dem Titel „Hans Sachs in Freienwalde“.

Jetzt aber schlussendlich zu der Beziehung zwischen Rixdorf und Karl Weise. Im Jahre 1874 trug er im Rixdorfer Handwerker-Verein sein Gedicht mit dem Titel „Loblied auf Rixdorf“ vor, dessen Eingangssätze abschließend zitiert werden. Dieser Vortrag und das Gedicht waren der Anlass, dass dann im Jahr 1894 im Schillerkiez eine Straße seinen Namen bekam: Weise- straße. Glücklicherweise hat sich bei der Namensgebung für die Schule niemand nach den Schulerfahrungen des jungen Karl Weise erkundigt. Obwohl, eigentlich hätte er mit seinem damaligen Betragen gut auch in heutiger Zeit die Karl-Weise-Grundschule besuchen können. Weshalb er in seinem Gedicht eingangs schreibt, dass er 10 Jahre in Berlin gewesen sei, obwohl es doch nur sechs Jahre waren? Vielleicht erinnerte er sich nicht mehr richtig daran oder ihm kam die Zeit länger vor. Oder die zehn Jahre sind einzig und allein dem Versmaß geschuldet.

Hier nun der Anfang seines Gedichts „Loblied auf Rixdorf“:

Zehn Jahre einst in Berlin gewesen
und heute Rixdorf erst gesehen?
Wo hätt´man je gehört, gelesen,
dass so Entsetzliches geschehn! –
Drum, Freunde, wahr´ ich keiner Zunge,
die heut mich durch den Gruss blamiert,
solch´ Dichter ist ein fauler Junge,
der nie nach Rixdorf hinspaziert!
Doch zwischen sonst und jetzt, ihr Lieben,
liegt vieles, ja das wissen wir,
wär´ Rixdorf, wies einst war, geblieben,
so wär´t ihr allesamt nicht hier.
Jetzt ist im Glanz und Schmuck gegeben.
Doch wem verdankt´s auch dieser Ort?
Des Volkes geistig regerm Streben,
der Bildung und dem freien Wort.
Wer von Berlin nach Rixdorf reiste,
den gab man einst verloren schon,
und wen der Sand nicht ganz verspeiste,
der hiess Fortunas Lieblingssohn.
So klangs vor mehr denn dreissig Jahren,
drum stand nach Rixdorf nie mein Sinn,
denn nichts als Dünger sah man fahren,
aus Spree-Athen nach Rixdorf hin.
Jetzt gibt´s Palais und prächt´ge Strassen,
dass jedes Augen staunen muss,
nicht eine Kuh sieht man mehr grasen,
auch fährt, und ich mach´ keine Phrasen,
jetzt schon dorthin ein Omnibus.

=Reinhold Steinle=
(unter Zuhilfenahme von Hainer Weißpflugs Artikel „Hans Sachs in Freienwalde“)

Reinhold Steinle ist am 26. Mai wieder in der Gegend rund um die Weisestraße unterwegs. Seine Stadtführung „Vom Schillerkiez zum Roll- bergviertel“ startet um 15 Uhr am Backparadies in der Hermannstr. 221. Anmeldung erwünscht: Tel. 53 21 74 01; die Teilnahme an der mindestens 90-minütigen Tour kostet 10 Euro (erm. 7 Euro).