Ein neuer Ort, an dem Nachbarschaft entstehen, wachsen und gedeihen soll

Knapp 2 Kilometer liegen zwischen dem Oben und Unten des flächenmäßig zweit- größten Neuköllner Quartiersmanagement-Gebiets. Wer im Norden vom Schillerkiez, nachbarschaftstreff im schillerkiezam Columbiadamm, wohnt, hält sich deshalb gemeinhin eher selten im Süden, um die Siegfriedstraße her- um, auf. Dass drei Friedhöfe horizon- tale Schneisen in den Kiez schlagen und dessen unteres Drittel vom Nor- den abkoppeln, kommt erschwerend hinzu und beeinflusste auch die Pla- nung eines Bürgerzentrums maßgeb- lich. „Schon 2006 haben wir festge- stellt, dass ein solcher Ort als Anlaufpunkt gebraucht wird“, erinnert Weiterlesen

Eine Studie, die etwas andere Verdrängung in Neukölln und das Zerren ums Tempelhofer Feld

topos-studie sozialstrukturentwicklung in nord-neukölln, senatsverwaltung für stadtentwicklung berlin

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„Sozialstrukturentwicklung in Nord-Neukölln“ heißt die 63-seitige Studie, die TOPOS Stadtforschung im Auftrag der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung erstellte und Montagabend vor rund 100 Interessierten  in der Mensa des Campus Rütli präsentierte.

Deren wohl wichtigste Erkenntnis scheint, dass für die Situation im Norden des Bezirks der Begriff Gentrifizie- rung neu definiert werden muss. „Deutliche soziostruk- turelle Aufwertungstendenzen“, so die Studie, „sind nur im Gebiet Reuterplatz zu erkennen“. Dort gebe es den höchsten Anteil an Gentrifiern, jeder vierte Haushalt im Quartier falle in die Kategorie der Besserverdienenden. Für alle anderen Kieze gelte hingegen, dass in ihnen ein Zuzug vieler Pioniere, d. h. jungen Leuten mit hoher Bildung und eher niedrigem Einkommen, zu registrieren sei, sich aber keinesfalls ein Gentrifizierungsprozess abzeichne. Eine Verdrängung finde aber sehr wohl statt, schränkt Studienleiter  Sigmar Gude ein und weist damit auf die Neuköllner Eigenart des Gentrifizierungs-Begriffs hin: „Arme Mieter verdrängen noch ärmere Mieter.“

Schlussfolgerung kann also nur sein, dass auch für Geringverdiener finanzierbare Wohnungen gebraucht werden, um den Prozess zu stoppen. „Wohnungsbau auf dem Tempelhofer Feld“, schlug Ephraim Gothe, Staatssekretär für Bauen und Wohnen, als praktikable Maßnahme vor. Dort entstehende Neubauten, präzisierte er, seien aber selbstverständlich nicht für Einkommensschwache sondern für gehobenere Gehaltsklassen, um die Konkurrenzsituation auf dem Wohnungsmarkt zu entschärfen.

Mit der Zukunft des ehemaligen Tempelhofer Flughafens beschäftigte sich am Montagabend auch ein Anderer:  Dr. Lothar Köster, der Initiator der Bürgerinitiative „100 % Tempelhofer Feld“. Der Gesetzentwurf zum Volksbegehren/Volksentscheid zur vollständigen und dauerhaften Erhalt des jetzigen Zustands sei nun fertig, teilte er in einer Pressemeldung mit, wäh- rend Gothe auf dem Campus Rütli noch die TOPOS-Studie als Legitima- tion zur Bebauung der einzigartigen Fläche bemühte.

Im Wesentlichen, so die Bürgerini- tiative, schreibe dieses Gesetz den Verbleib des Tempelhofer Flugfeldes im Eigentum des Landes Berlin vor und verbiete die Veränderung durch Bebauung oder Umgestaltung. Das Tempelhofer Feld solle in seiner Gestalt langfristig erhalten und dauerhaft kostenlos zugänglich bleiben.

Der Gesetzentwurf werde „in den nächsten Tagen offiziell eingereicht“, kündigt Köster im Namen der Bürgerinitiative „100 % Tempelhofer Feld“ an. „Sobald die zuständige Senatsstelle für Stadtentwicklung und Umweldschutz ihre vom Gesetz vorge- schriebenen Kostenschätzungen erstellt haben, beginnen wir mit der Sammlung der Unterschriften.“ In der ersten Phase würden 20.000 gültige Unterschriften benötigt werden, um die Unterstützung der Bevölkerung Berlins für dieses Volksbegehren nachzuweisen. „Angesichts des breiten Zuspruchs und der klaren Alternativen wird diese erste Sammelphase keine erheblichen Probleme bereiten“, sind Lothar Köster und seine Mitstreiter überzeugt.

=ensa=

Durchleuchtung garantiert: Nord-Neuköllner auf dem Röntgentisch

Wer im Norden Neuköllns wohnt, hat in letzter Zeit vielleicht nicht nur Post in Sachen Zensus 2011 und Berlin-Wahl bekommen, sondern womöglich außerdem einen vierseitigen befragung nord-neukölln 2011,topos stadtforschungFragebogen von TOPOS Stadt- forschung, der im Auftrag der Senatsver- waltung für Stadtentwicklung entstand.

Befragung Nord-Neukölln 2011 steht in Fett- druck auf dem, und im Anschreiben erfährt der Adressat, dass er einer von rund 9.000 Haus- halten ist, die „durch eine Zufallsstichprobe ausgewählt“ wurden. In Neukölln habe es in den vergangenen Jahren viele Veränderungen und einen verstärkten Zuzug gegeben, Pro- bleme wie z. B. Arbeitslosigkeit seien jedoch nach wie vor nicht beseitigt. Auswirkungen auf die Bezahlbarkeit von Wohnungen könnten Folgen der Entwicklung sein. Deshalb wolle man nun per Fragebogen die Sozialstruktur und gesellschaftlichen Veränderungen so- wie die Meinungen zum Wohngebiet und dessen Entwicklung ermitteln, um möglicherweise entstandene Probleme oder Verbesserungen analysieren zu können.

Funktionieren soll das durch Fragen zur Wohnung, Fragen zur Nachbarschaft und zum Gebiet und Fragen zum Haushalt. Jeweils sechs sind es bei den ersten beiden Themenkomplexen. In welcher Straße liegt die Wohnung, wie groß ist sie und wie ausgestattet? Wie hoch  ist die Miete und wurde die in den letzten drei Jahren erhöht? All das ist von Interesse. Ebenso: Welche Qualität und Intensität haben die nachbarschaftlichen Kontakte? Was fehlt und was stört im Kiez?  Welche Ver- besserungsvorschläge sind nach eigenem Dafürhalten die dringlichsten? Bei einigen Fragen müssen nur Kreuze befragung nord-neukölln 2011,topos stadtforschung, fragen zum haushaltge- setzt werden, bei anderen sind Text- felder auszufüllen.

Das Prozedere setzt sich auf den letzten beiden Seiten fort, auf denen sich alles um den eigenen Haushalt und dessen Ange- hörige dreht, 19 Fragen lang. Geschlecht, Geburtsjahr, berufliche Stellung, höchster Abschluss der Berufsausbildung und wann dieser absolviert wurde, aktuelle Tätigkeiten der Haushaltsmitglieder: Nichts, was nicht unerforscht bleiben soll. Gehören zum Haushalt ein oder gleich mehrere Autos?  Wird Wohngeld bezogen? Wie hoch ist das Haushalts- nettoeinkommen? Welche Nationalitäten wohnen zusammen und welche Spra- chen werden in den eigenen vier Wänden gesprochen? Hat ein Haushaltsmitglied die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen? Trägt man sich mit vagen Umzugsgedanken oder haben die womöglich schon konkretere Formen?

Ein Dank für die Mitarbeit beschließt die Erforschung der Nord-Neuköllner. Die Angabe des Namens sei nicht vorgesehen, teilt der Begleitbrief mit, und die Ant- worten würden selbstverständlich anonym ausgewertet werden. Außerdem wird darauf hingewiesen, dass die Teilnahme an der Umfrage freiwillig ist. Aber die Angeschriebenen erfahren auch: „Senden Sie den Fragebogen bitte auf jeden Fall zurück, auch wenn Sie ihn nicht ganz vollständig ausgefüllt haben.“ Ein Freiumschlag liegt dafür natürlich bei.

=ensa=

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