„Alle reden über Integration, keiner redet über uns – die Deutschdozent_innen“

die deutschule neukoellnFür alle Flüchtlinge, die nach Neukölln kommen, sind Sprach- und Integrationskurse ein unentbehrliches Kernstück aller Integrationsanstrengungen. Anträge ausfüllen, Arbeit suchen, die Kinder in der Schule unterstützen – ohne Grundkenntnisse der deutschen Sprache läuft so gut wie nichts wirklich rund. Und wer in Deutschland leben möchte, sollte zumindest einige Dinge über die Geschichte, die Kultur und die Rechtsordnung des Landes wissen.

Allein im fußläufigen Bereich der Flüchtlingsunterkunft im ehemaligen C&A-Haus in der Karl-Marx-Straße sind deshalb gut ein halbes Dutzend Angebote für Integrations- und Sprachkurse derzeit in der Datenbank des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge  Weiterlesen

Ärzte und Hosen für lau

Ein Konzert-Wochenende der Superlative ist vorbei. Freitagabend rockten Die Toten Hosen das Tempelhofer Feld, gestern und vorgestern legten Die Ärzte nach. Es werde „sehr, sehr laut“ werden, hatte die Berliner Punkrock-Band angekündigt – und nicht zuviel versprochen, im Gegensatz zu den Veranstaltern: Der Aufbau der Bühne auf dem Vorfeld des ehemaligen Flughafen sei „so konzipiert, dass es nicht möglich ist, das Konzertgeschehen  auch aus  dem  Park zu erleben“, sagte ein  Sprecher  der

bitte ruhe

Loft Concerts GmbH dem Tagesspiegel. Zudem werde dafür gesorgt, dass „der Ton nur gedämpft über das gesamte ehemalige Flughafengelände Weiterlesen

Volle Pulle in die Steinzeit

Man muss nicht durch die Neuköllner Ederstraße gehen oder im Sauvage schlem- men, um ans Paläolithikum, also: die Steinzeit, erinnert zu werden. Denn am heutigen Tage werden immer noch Rituale praktiziert, die – wiewohl erst seit dem Ende des 19. Jahrhunderts in Mode gekommen – steinzeitlich anmuten. Gemeint  sind die alko-

steinzeit_neukölln

holische Getränke konsumierenden Gruppen von Vätern, Männern oder Herren, die betont lustig, mit oder ohne Gefährt ins Grüne ziehen, um sich beim Bierkistenrennen und anderen trinksportlichen Wettkämpfen zu messen. Statistisch nachgewiesen ist, dass an diesem Tag die meisten alkoholbedingten Unfälle verursacht werden, auch ist die Zahl der Schlägereien exorbitant hoch. Bleibt zu wünschen: Marmor, Stein und Eisen bricht, doch hoffentlich der Vater nicht!

=kiezkieker=

Vorbildlich, aber nur eine Ausnahme von der Regel

Dieser Tage an einer der Kreuzungen entlang der Sonnenallee in Neukölln. Ver- kehrsteilnehmer, die aus der Seiten- auf die Hauptstraße abbiegen wollen, haben die Lizenz zum Rollen, die fußgängerampel_neuköllnFußgängerampel mahnt entsprechend mit tiefstem Rot zum Stehenbleiben. Vier Erwachsene tun das auch, geben trotz Schneetreibens vorbild- lichste  Vorbilder für den etwa 10-jährigen Jungen ab, der ihnen gegenüber steht. Jedenfalls sekundenlang. Dann entschei- det er sich – nach einem kurzen Blick in Richtung der Wartenden und einem noch kürzeren in die Seitenstraße – die rote Ampel rote Ampel sein zu lassen und überquert mit aller Aufmerksamkeit für das Display seines Handys die Straße. Nichts passiert, Glück gehabt. Die Frage einer jungen Frau, ob er glaube, dass seine Eltern Spaß daran hätten, ihn im Krankenhaus oder auf dem Friedhof zu besuchen, bleibt unbeantwortet – und vielleicht wegen der Kopfhörer auf den Ohren sogar ungehört.

Weniger Glück hatten zwei Jungen, die gestern Abend in der Flughafenstraße von einem LKW erfasst und schwer verletzt wurden. Ob sie selber die Schuld am Unfall tragen, ist derzeit noch unklar. Fakt ist aber laut einer Sonderuntersuchung „Verkehrsunfälle mit Kindern in Berlin“ im Rahmen der Verkehrsunfallstatistik 2011: „Mit einem Anteil von ca. 67 % waren Kinder (734 Verursacher) durch falsches Verhalten im Straßenverkehr selbst Verursacher der Verkehrsunfälle.“ Größte Gruppe ist dabei die der 11- bis 14-Jährigen (382 Verursacher). Außerdem ergab die Untersuchung, dass in zwei von drei Fällen Jungs Unfallverursacher sind und „fast jedes fünfte (18,64%) verursachende Kind als Fußgänger beim Missachten von Lichtzeichenanlagen“ zu verzeichnen ist. Insgesamt betrachtet, so die Untersuchung, unterscheiden sich Kinder in ihrem Fehlverhalten aber nicht wesentlich vom Fehl- verhalten anderer Altersgruppen.

=ensa=

Kollision der Emotionen

„Was für ein schauderhafter Anblick! Wenn ich könnte, würde ich da selber hochklettern und die Luftballons abmachen.“ Die alte Dame, die seit Jahrzehnten in börek haus_flughafenstraße neuköllnder Mainzer Straße wohnt, kommt beinahe täglich an der Bäckerei in der Neuköllner Flughafen-straße vorbei, die gestern vor einer Woche zum Tatort wurde.

Es ist wahrlich ein bizarres Stillleben, das sich am Börek Haus bietet: Über der mit Packpapier doppelmord börekhaus_flughafenstr neuköllnver- klebten Schaufenster- front eine üppige Luft- ballongirlande, leuch- tende Schilder an den Scheiben, die auf die Neueröffnung hinwei- sen, ein Polizeisiegel unter dem Türknauf und Kerzen und Blumen auf dem Fenstersims. Freude, Stolz, Trauer, Entsetzen und Wut prallen ungebremst aufeinander. „Eine Frau ist kein Objekt, man kann sie nicht besitzen“, steht auf einem handgeschriebenen, schwarz umrandeten Zettel. Der Mann, der in der erst kürzlich eröffneten Bäckerei seine Ex-Freundin und deren Schwester mit Kopfschüssen hinrichtete, sah das offenbar anders. Erstere starb noch am Tatort, letztere erlag Stunden später im Krankenhaus ihren Verletzungen.

In der Flughafenstraße geht das Leben weiter – vor dem Börek Haus etwas lang- samer und leiser. Kaum jemand geht achtlos und unberührt an dem Ort vorbei, an dem sich die beiden Schwestern eine neue berufliche Existenz aufbauen wollten und ihr Leben ließen.

=ensa=

Update (13.2.13): Der Verein Aufbruch Neukölln ruft alle Bürgerinnen und Bürger auf, sich am 18. Februar von 17 – 18 Uhr an einer Kundgebung gegen Gewalt in der Flughafenstr. 35 in Neukölln zu beteiligen.

An diesem Ort hat vor gut einem Monat ein Mann in einem Imbiss zwei Frauen getötet. Eine der erschossenen Frauen soll seine Ex-Partnerin gewesen sein, die andere ihre Schwester. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Vätergruppe sowie der Mütter- und Frauengruppen des Vereins Aufbruch Neukölln haben einen Monat nach dieser Bluttat den dringenden Wunsch geäußert, den Tatort zu besuchen und der getöteten Schwestern zu gedenken. Unabhängig von der Herkunft des Täters und der Opfer sowie des Tatmotivs sei es wichtig, ein Zeichen zu setzen und Gewalt, wo auch immer sie vorkomme, zu ächten, sagten die Frauen und Männer, die sich regelmäßig in Gesprächskreisen treffen.

Ein Sturz und seine Folgen

Bisher war die Sache für Berlins Bezirke ganz einfach: Mutierte ein Gehweg immer mehr zur tückischen Stolperfalle, wurden 20 Euro in ein Schild und dessen Montage gehwegschäden neuköllninvestiert, um auf die Gefahr hinzuweisen – und die Angelegenheit war erledigt. Wenn trotzdem jemand ob einer Unebenheit auf dem Bür- gersteig strauchelte und auf juristischem Wege Schadensersatz und Schmerzensgeld einzu- klagen versuchte, wiesen die Gerichte das Ansinnen mit Hinweisen auf die leeren städ- tischen Kassen zurück. Diese würden es un- möglich machen, so die jahrelang praktizierte Argumentation, dass die Stadt bzw. die Bezirke ihrer  Pflicht zur Instandhaltung des Straßen- landes nachkommen können.

Diese Tradition gilt nun dank einer aufmüpfigen Rentnerin nicht mehr: Im September 2009 wurde gehwegschäden neuköllnsie von einem Pankower Bürgersteig zu Fall gebracht und zog sich beim Sturz schweren Verletzungen zu. Knapp drei Jahre später war ihr zunächst vom Land- gericht Berlin und in zweiter Instanz vom Kammergericht verhandelter Rechtsstreit am Bundesgerichtshof angekommen. Und das entschied unter dem Aktenzeichen III ZR 240/11 im Namen des Volkes, dass das Bezirksamt Pankow, indem es besagten Gehweg nicht reparieren ließ, eine „schuldhafte Amtspflichtverletzung“ begangen habe. Es reiche nicht, Gefahrenstellen durch Schilder kenntlich zu machen, entschieden die Richter, sondern gemäß Berliner Straßengesetz § 7 (2) müsse dem auch eine  „alsbaldige Wiederherstellung des verkehrssicheren  Zustands“  folgen.

Rund 3.500 Euro Schmerzensgeld und Scha- densersatz muss der Bezirk Pankow der Rentnerin nun zahlen. Und als Folge des BGH- Urteils sind die Leiter anderer Berliner Tief- bauämter in heller Aufruhr, berechtigterweise. Er sehe „erhebliche Konsequenzen“, sagte Wieland Voskamp, Chef des Neuköllner Tiefbauamts, in einem Gespräch mit dem Tagesspiegel. Bei den regelmäßigen Straßen- begehungen, sicherte er zu, werde man  „verstärkt darauf achten“  und  „bei Bedarf unverzüglich Abhilfe schaffen“. Stellen, an denen nun überprüft werden kann, was mit „unverzüglich“ gemeint ist, gibt es in Neukölln, wo manche Bürgersteig-Stolperfalle  längst  zum  Fahrradständer  taugt,  reichlich.

=ensa/ina=

Omnipräsent in Neukölln: Geheimnisträger Tagesspiegel

Nach der Geschäftsaufgabe eines Ladens in akzeptabler oder besserer Kiezlage kam es in Nord-Neukölln im letzten Jahrzehnt normalerweise zu folgendem Szenario: Irgendwann wur- den die Schaufenster mit türkischen oder arabischen Zeitungen abgeklebt und hinter dem Sichtschutz begannen die Vorbereitungen für die Eröffnung eines Handyshops oder eines als Kulturverein, Imbiss oder Spätkauf getarnten Spielcasinos. Beliebt waren die neuen Nachbarn bei niemandem.

Heute dagegen sind es meist im stattlichen nordischen Format ge- druckte Tagesspiegel-Ausgaben, die vorübergehend verbergen, mit wel- chem Geschäftsmodell es der Neu- mieter versuchen will. (Die Berliner Morgenpost sieht man – obwohl gleich groß – seltener, andere Berliner Tageszeitungen wegen ihrer kleineren Formate kaum.) Ist die Phase der Renovierung und mit ihr die der Geheimniskrämerei vorbei, wird das bedruckte Papier entfernt und der Blick auf ein neues Café, eine Galerie oder ein Designer-Atelier frei. Auch diese Branchen sind den Anwohnern nicht per se will- kommen, sondern für manchen ein Synonym für Gentrifizierung. Beliebter als Daddelbuden sind sie in aller Regel aber doch.

=ensa=