Heiße Eisen am Richardplatz

1_rixdorfer schmiede_neukölln„Bezirksamt Neukölln setzt mich und meinen Betrieb nach 8 Jahren Auf- bauarbeit für das kulturelle Bildungs- und Handwerkszentrum vor die Tür der Rixdorfer Schmiede.“ Mit dieser Nachricht schockte Gabriele Sawitzki Ende letzter Woche ihre Facebook-Freunde. Fassungslosigkeit und Ent- setzen schwappten durch die Com- munity, zu Petitionen und Protest- schreiben an das Bezirksamt wurde aufgerufen. Reaktionen, als hätte Sawitzki verkündet, dass in der historischen Schmiede demnächst eine Spielhalle eröffnet oder das Gebäude auf dem Ri- chardplatz gleich ganz abgerissen werde, um dort ein Shoppingcenter zu bauen. 3_rixdorfer schmiede_neuköllnDem ist jedoch nicht so!

Was also genau ist passiert? Im Juni 2004 hatte die Schmiedin einen Vertrag mit fünfjähriger Laufzeit für die Nutzung des Anwesens mit dem Neuköllner Bezirksamt abgeschlossen. Seit 2009 wurde der stets automatisch für ein jeweils weiteres Jahr verlängert, auch weil es keine anderen Interessenten gab. Das änderte sich in diesem Sommer. Ausge- rechnet Martin Böck, der als Kunst- und Messer- schmied bislang Sawitzkis Untermieter in der Rix- dorfer Schmiede war, bewarb sich um den Haupt-mietvertrag. Schon das legte neuen  Zündstoff ins bereits seit gut zwei Jahren kriselnde Miteinander. Dass Böck den Vergabe- kriterien sowie den neuen Konditionen des vom Bezirksamt vorgelegten Pacht- vertrags zustimmte, ihn – im Gegensatz zur Mitbewerberin – unterschrieb und so in einem freihändigen Vergabeverfahren zum neuen Hauptmieter wurde, zündete die Lunte martin böck_rixdorfer schmiede_neuköllnzwischen der Frau fürs metallverarbeiten- de Grobe und dem Mann für die schmiede- rischen Feinheiten.

„Am 21.12.2012 geht bestimmt nicht die Welt unter, aber einer wichtigen Berliner Begegnungs- und Bildungsstätte hat das Bezirksamt Neukölln zum Jahresende den Untergang beschert. (…) Wird Berlin sich auf diese Weise einen weiteren Fauxpas leisten? Wird das Feuer und das Flair vom Richardplatz, so so viele und so vieles begeistert, angezündet und bewegt hat, künftig wieder auf Sparflamme  brennen?“ Schon diese Sätze aus der Einladung, mit der Gabriele Sa- witzki gestern zur Pressekonferenz in die Rix- dorfer Schmiede geladen hatte, ließen nichts Gutes vermuten. Wer sich davon nicht abschrecken lassen hat, landete mitten in einer Gemengelage aus Enttäuschung, Unverständnis, Verletzungen, Wut und prognostizierten Eventualitäten auf der einen Seite. Auf der anderen stand Martin Böck, der wirkte, als wünsche er sich augen- blicklich den vom Maya-Kalender angekündigten Weltuntergang herbei, um diese für alle Beteiligten unwürdige Schlammschlacht  zu beenden.

Sie habe die Schmiede gemeinwesenorientiert ausgerichtet und dem Ort durch Kulturveranstaltungen und soziales Engagement eine Strahlkraft verliehen, die weit über den Bezirk Neukölln hinaus reichte, erinnerte 4_rixdorfer schmiede_neuköllnSawitzki an ihren zweifellos großen sozialen und unternehmerischen Ein- satz, für den sie vor vier Monaten mit der Franz-von Mendelssohn-Medaille ausgezeichnet wurde. Böck hingegen habe einen eher privatwirtschaftlichen Fokus. Nun werde er durch die Ver- gabekriterien des Bezirksamts ge- zwungen, die Schmiede als Museum und Kulturort mit gewerblichem An- teil zu führen. Das könne doch nicht klappen. Auch frage sie sich, wie er das alles finanziell stemmen wolle. Bisher habe die Miete rund 50 Prozent unter der gelegen, die ab Januar fällig wird, und Böcks Kostenbeteiligung habe gerade mal ein Fünftel des gesamten finanziellen Aufwands ausgemacht. Der Löwenanteil von 80 Prozent sei von ihr aufgebracht worden, was nicht zuletzt durch das als berufliches Standbein geführte Metallbau-Unternehmen möglich war.

Das mit der 80/20-Kostenaufteilung stimme definitiv nicht, meldete sich endlich auch Martin Böck zu Wort. Was jedoch richtig sei, ist, dass er keine zweite Werkstatt habe, die den Betrieb der Schmiede notfalls subventionieren könnte. Das unterneh- 2_rixdorfer schmiede_neuköllnmerische Risiko laste folglich kom- plett auf ihm und der Entwicklung des Ortes. Natürlich werde sich die Aus- richtung des gewerblichen Seg- ments ändern, kündigte Böck an: „Ich bin Messerschmied, habe seit 12 Jahren den Meisterbrief und produzie- re alles, was kleiner als ein Kühl- schrank ist, auch als Zuarbeit für an- dere Metallbauer.“ Selbstverständlich werde er auch das von Gabriele Sa- witzki begonnene Anliegen fortführen, in der Schmiede Auszubildende für das Schmiede-Handwerk einzustellen. Schließlich habe er schon bei der Schmiede- ausbildung von Henriette Abitz einen Großteil übernommen.

„Ich hab überhaupt keine Zweifel, dass die Zukunft der Schmiede im gleichen Stil wie bisher weitergeht“, bemerkt ein Anwohner. „Kulturveranstaltungen während des Festivals 48 Stunden Neukölln, beim Alt-Rixdorfer Weihnachtsmarkt, bei der Langen Nacht der Museen und beim Tag des offenen Denkmals wird es auch in Zukunft geben“, versichert Martin Böck. „Und daran, dass die Rixdorfer Schmiede sonntags für Besichtigungen geöffnet ist, wird sich ebenfalls nichts ändern.“ Das klingt weder nach Sparflamme, noch nach einem Untergang zum Jahresende.

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Das Erbe unter unseren Füßen

Rostige Nägel, eine Rasiercreme-Tube, Flaschen,  Scherben von Tellern mit dem Aufdruck „Schönheit der Arbeit“, ein Schaltplan, Identitätsmarken grabungen 2012, lufthansa-zwangsarbeiterlager, tempelhofer feld berlinamerikanischer Soldaten, Emaille-Töpfe, Grabstellen und Sarg- griffe, Tuben mit Salben gegen Geschlechts- krankheiten, Gabeln, Reste von Stahlhelmen, Kämme, ein Souvenir für Ursula, Flugzeugteile:  Die vor einem Vierteljahr begonnene Spuren- suche auf dem Tempelhofer Feld (wir berich- teten)  hat ein so skurriles wie makaberes Sam- melsurium zutage gefördert. Gestern stellten die an den Grabungen beteiligten Institutionen einige der knapp 10.000 Fundstücke vor, die innerhalb weniger Wochen auf der Fläche des Lilienthal-Zwangsarbeiterlagers der Lufthansa geborgen wer- grabungsfunde 2012, lufthansa-zwangsarbeiterlager, tempelhofer feld berlinden konnten.

„Es ist besonders die Menge, die uns überrascht hat“, sagt Landes- konservator Prof. Dr. Jörg Haspel (2. v. l.), „und die Tatsache, dass vieles so dicht unter der Grasnarbe lag.“ Schon in 30 Zentimetern Tiefe wurde aus dem Suchen ein Finden. Den- noch seien es extrem schwere Gra- bungen gewesen, betont Dr. Karin Wagner (r.), die im Landesdenkmalamt Berlin den Fachbereich Archäologie leitet. grabungsfunde 2012, lufthansa-zwangsarbeiterlager, tempelhofer feld berlin, jan trenner (grabungsleitung)Schließlich hätten die Wissenschaftler in belasteten, womöglich noch mit Kampfmitteln kontaminierten Bö- den nach dem „Erbe unter unseren Füßen“ gesucht. Was das praktisch bedeutete, veranschaulicht Gra- bungsleiter Jan Trenner mit einem kniehohen Metall- gefäß, das beim Auffinden für Adrenalinschübe sorgte. Dass es sich bei dem Exponat um einen Behälter handelt, in dem Nahrungsmittel aufbewahrt wurden, sei erst durch Untersuchungen festgestellt worden.

Bei anderen Dingen war es trotz der Komplexität der Nutzung des Gebiets leichter, ihnen ihre Geschichten zu entlocken. Die Toilettenartikel sind Zeugnisse der Besatzungszeit. Die Sarggriffe gehen auf die Zeit vor dem 1. Weltkrieg zurück, als der Friedhof am Columbia- damm, der heute durch eine Backsteinmauer vom Tempelhofer Feld getrennt ist, weit bis in das ehemalige Flughafenareal hineinragte. „Die Flugzeugteile stammen von Kampfmaschinen, die  während des 2. Weltkriegs hier in den Werkshallen der Lufthansa von Zwangsarbeitern montiert und repariert wurden“, erklärt Prof. Dr. Reinhard Bernbeck (M.) vom Institut für Vorderasiatische Archäologie der FU Berlin. „Die  vielen gefundenen Nägel,  die alle  bei  7  Zentimetern umgebogen sind, lassen

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grabungsfunde 2012, lufthansa-zwangsarbeiterlager, tempelhofer feld berlinauf die Dicke der Holzwände der 12 Meter langen Baracken des Lagers schließen.“ Etwa 4.000 Männer und Frauen aus Frankreich, Belgien und Osteuropa wur- den hier von der Lufthansa als Zwangs-arbeiter für die Rüstungsindustrie einge-setzt, schätzt man. Konkretes, so Bern- beck, gehe aus einem Forschungsbe- richt hervor, der allerdings vom Luftfahrt-Konzern  nicht zugänglich  gemacht wer- de. Der Dokumentarfilm „Fliegen heißt Siegen: Die verdrängte Geschichte der Deutschen Lufthansa“ sei diesbezüglich aber auch sehr aufschlussreich, bemerkt Professor Haspel. Durch die Grabungen auf dem Tempelhofer Feld kommt grabungsfunde 2012, lufthansa-zwangsarbeiterlager, tempelhofer feld berlinweiteres Licht in das abgedunkelte Kapitel der Vergangenheit der Kranich-Airline.

Zudem leisten die Funde einen wertvollen Beitrag zur Stadtgeschichte. Inwieweit die haptischen Relikte der Nazi-Zeit Einfluss auf die Konzepte für die künftige Nutzung des Tempelhofer Felds haben werden, ist noch unklar. Fakt ist, dass die Wissen- schaftler im kommenden Jahr gerne ihre archäologischen Grabungen im Bereich des KZ Columbiahaus und des Richthofen-Lagers fortsetzen würden. Derzeit werde grabungsfunde 2012, lufthansa-zwangsarbeiterlager, tempelhofer feld berlinmit der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung an der Verlängerung der Kooperationsvereinbarung gearbeitet, sagt Landeskonservator Haspel. Auch sei eine Experten-gruppe unter Andreas Nachama, dem Direktor der Stiftung Topographie des Terrors, eingerichtet worden, die ein Gedenkstättenkonzept für das Tempelhofer Feld entwi- ckeln werde.

„Wir begreifen die Ausgrabung und die Würdigung der Funde aber auch als Vorbereitung auf das Berliner The- menjahr 2013 und grabung 2012, lufthansa-zwangsarbeiterlager, tempelhofer feld berlin, jan trennerden Tag des offenen Denkmals im nächsten Tag“, sagt Jörg Haspel. Ersteres werde unter dem Motto „Zerstörte Vielfalt – Berlin in der Zeit des Nationalsozia- lismus“ stehen, letzter beschäftigt sich mit dem Aspekt „Jenseits des Guten und Schönen: Unbequeme Denkmale?“. Das seien doch geeignete Anlässe, sich in- tensiv mit der eminent wichtigen Frage zu beschäftigen, wie man nationalsozialis- tische Großanlagen erhalten, erschließen und für nachfolgende Generationen entwickeln kann, findet er.

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