Bonus unerwünscht

hilde wittur_schillerpalais neukölln„Schade, dass die Ausstellung jetzt vorbei ist“, findet Hilde Wittur. Zehn Tage lang waren im Schillerpalais in Neukölln Werke von ihr und anderen Künstlern schillerpalais neuköllnzu sehen, die als geistig behindert gelten. Ob Hilde Wittur sich auch selber als das empfin- det? Die Frage ist ob- solet. In solchen Kate- gorien denkt die 65- Jährige nicht. Schon bei der Frage, ob sie sich als Künstlerin bezeichnen würde, wird es deutlich: Sie male gerne und viel, sagt sie lächelnd. „Manchmal kommt Kunst dabei raus, manchmal aber auch nicht“, konstatiert David Permantier. Er arbeitet bei der Lebenshilfe Berlin Weiterlesen

Große Kunst für kleine Leute beim KinderKulturMonat

Es ist erst zwei Jahre her, dass zwei Niederländer im WerkStadt Kulturverein in Neukölln aufkreuzten, um dort ein ungewöhnliches Anliegen loszuwerden: Sie wür- den schon seit vielen Jahren in ihrer Heimat ein Kunstfestival für Kinder veranstalten, pk kinderkulturmonat berlinberichteten sie und fragten, ob der Verein ihr Oktober- maand Kindermaand-Kon- zept nicht mal in Berlin aus- probieren wolle.

Zweifel, ob hier wirklich funktioniert, was in hollän-dischen Provinzen funktio- niert, hatten wir natürlich“, erinnert sich Chris Benedict (r.), die Geschäftsführerin des WerkStadt Kulturvereins. Testen wollten sie es trotzdem – und Weiterlesen

Aderlass für die Kunst

schillerpalais neuköllnWenn jemand etwas mit Herzblut macht, steht das Wort meist als Metapher für Leidenschaft. Für die Ausstellung „Traumwelten“, die seit letzter Woche im Schillerpalais gezeigt wird, ist dagegen echtes Blut geflossen. „Einige von unserem Team waren beim Blutspenden, um mit dem Geld, das sie dafür ge- kriegt haben, unser Projekt zu unterstützen“, erzählt Franziska Ratajczak. Sie studiert am Kunsthisto- rischen Institut der FU Berlin und hat zusammen mit 18 Kommilitonen die Ausstellung realisiert, die Ge- traumwelten-ausstellung_schillerpalais neuköllnmälde, Installationen, Plastiken und Foto- grafien 13 zeitgenös-sischer Künstler versammelt: „Alle sind zwischen 20 und 30 Jahre alt und leben zurzeit in Berlin.“  Einer habe sogar ein Atelier in Neukölln, Weiterlesen

Anfassen erwünscht!

tasthölzer-ausstellung_klaus freudenberg_schillerpalais neuköllnMan braucht sensible und trainierte Finger-kuppen, um sehen zu können, was Anja Winter sieht. Materialien, Formen, Tempe-raturen, Texte – auf ihre Augen muss die Endvierzigerin beim Erkennen verzichten. Die angeborene Sehbehinderung hat ihr nur einen Sehrest gelassen. „Das Wort Tasthölzer„, erklärt sie, „hat in Brailleschrift ein Zeichen weniger als in Schwarzschrift, weil die Buchstaben st zu einem zusam- mengefasst sind.“ Sehenden erschließen sich solche Feinheiten beim Abtasten der Reihe aus erhaben geprägten Punkte-tasthölzer_klaus freudenberg_schillerpalais neuköllnKombinationen und kleinen Zwischenräumen erst nach und nach .

„Tasthölzer“ heißt die Ausstellung, die vorgestern Abend im Schillerpalais eröffnet wurde, 12 Holz- objekte des Neuköllner Künstlers Klaus Freu- denberg  zeigt und ausdrücklich zum Anfassen von denen auffordert. „Der taktile Aspekt, den Blinde beim Berühren meiner Exponate erfahren, war auch für mich etwas Neues“, sagt der Holzbildhauer, der vor 15 Jahren „durch Intuition“  zum künstlerischen Umgang mit dem Werkstoff Holz kam.

Abgesägte Bäume vom Straßenrand und aus städtischen Parks, krankes Grün aus Gärten von Freunden, Bekannten oder Verwandten – alles, was Freudenberg inspi- riert und fürs Bearbeiten geeignet erscheint, wird vor dem Häcksler gerettet: „So hat jedes Stück seine eigene Geschichte.“  Im Atelier des Künstlers in Kreuzberg be- kommt die mit  Messern, Beiteln, Sägen und Schleifpapier eine neue  Form von  orga-

tasthölzer_klaus freudenberg_schillerpalais_neuköllnwurzelschnecke_klaus freudenberg_schillerpalais neuköllnakazienschale_klaus freudenberg_schillerpalais_neuköllnlatschenkiefergnom_klaus freudenberg_schillerpalais_neukölln

nisch bis abstrakt sowie einen Namen. Zwei Hände gleiten über das Mandelfahrzeug, eine Frau streichelt die Kurven der Wurzelschnecke, die rechte Hand eines Mannes vernissage tasthölzer_klaus freudenberg_schillerpalais_neuköllnschiebt sich in die Späne der Akazienschale. Klaus Freudenberg (r.) reibt mit Sandpapier über die harte, glatte Oberfläche des Objekts, das er „Pflaumen- schliff“ genannt hat, und regt klaus freudenberg_alpenrinde_schillerpalais neuköllnso neben dem Tast- auch den Geruchssinn an. Andere Skulpturen sind rau, wild und haben so gar nichts von Hand- schmeichlern, sondern wollen vorsichtig erkun- det werden.

Anja Winter hat sich bereits in Freudenbergs Werk- statt ausgiebig mit den einzelnen Exponaten beschäftigt. Im September war sie zum ersten Mal dort; im August hatte Klaus Eichner (r.), Vorstandsmitglied des vernissage tasthölzer_klaus freudenberg_schillerpalais neuköllnSchil- lerpalais e. V., dem Holzbildhauer seine Idee vorgetragen, mit dem Allgemeinen Blinden- und Sehbehinderten Verein Berlin (ABSV) als Kooperationspartner eine „Aus- stellung mit Sachen zum Anfassen“ zu organisieren. „Eigentlich sollte die schon beim Kunstfestival NACHTUNDNEBEL statt-finden“, sagt er. Aber das habe terminlich nicht geklappt: „Deshalb gibt es diesen be- sonderen Beitrag zum Thema Inklusion erst jetzt.“ Sind es einerseits die einzelnen Skulpturen und ihre kontrastierende Zusammenstellung, die ihn besonders machen, so ist es andererseits das Rah- klaus freudenberg_anja winter_vernissage tasthölzer_schillerpalais neuköllnmenprogramm:

An vier Tagen bietet Anja Winter (r.), die als Museumspädagogin arbeitet und seit 13 Jahren Führungen für Blinde veranstaltet, Tastführungen für Sehbehinderte und Sehende durch die Ausstellung  an. Zudem kann sie Sehenden für eine Stippvisite in der Welt der Blinden Simulationsbrillen zur Verfügung stellen, die eine 90-pro-zentige Sehbehinderung vortäuschen. „Für einen Eindruck, was passiert, wenn die Augen als Sinnesorgane ausfallen, sind sie sehr gut“, weiß Anja Winter. „Aber eine wirklich Authentizität können Sehende natürlich auch damit kaum erleben.“ Eine Möglichkeit für eine einprägsame Erfah- rung, mehr sei es nicht.

Das Schillerpalais (Schillerpromenade 4) zeigt die Ausstellung „Tast- hölzer“ noch bis zum 12. Dezember; Öffnungszeiten: Mo. – Fr. 10 – 18 Uhr. Am 9. (11 Uhr) und 12. Dezember (16 Uhr) bietet die Museumspädagogin Anja Winter für Blinde, Sehbehinderte und Sehende kostenlose Tastfüh- rungen durch die Ausstellung an (Anmeldung erforderlich: Tel. 62 72 46 70; die auf der Schillerpalais-Homepage genannten Termine am 7. und 8. De- zember sind bereits ausgebucht).

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Auf eigene Faust

„Mit dem Chauffeur durch die Neuköllner Kulturszene“ – das war jahrelang der Slogan des Kunstfestivals NACHTUNDNEBEL. Nun hat er ausgedient. Bei der heutigen 11. Auflage des Events, die ob „des Rückzugs der öffentlichen Hand aus der Finanzierung von Kunst und Kultur“ von den Organisatoren unter unkomfortab- leren Bedingungen denn je gestemmt werden muss- te, müssen auch die Besucher umdenken. Großraum-taxen, die auf verschiedenen Routen zwischen den Veranstaltungsorten unterwegs sind, um Kultur-Expe- ditionsteilnehmer kostenlos von A nach N und Z zu bringen, gibt es nicht mehr. Wer heute die NACHTUNDNEBEL-Lo- cations erkunden will, muss sich erstmals selber überlegen, wie er sie anläuft oder -fährt – oder an einer der angebotenen Führungen teilnehmen.

Welche Auswirkungen der Wegfall der Chauffeure und damit eines Alleinstellungsmerkmals hat, das bisher sicher nicht unmaßgeblich zur Attraktivität des Festivals beitrugen,  wird sich zeigen. Dass sich die Zahl der Veranstaltungsorte im Vergleich mit dem Vorjahr um ein Zehntel reduziert hat, dürfte hingegen kaum jemandem auffallen, denn es sind immer noch rund 100.

Das Festival wird um 18 Uhr von Neuköllns Bezirksstadträtin Franziska Gif- fey und Katharina Smaldino, der Beauftragten für Menschen mit Be- hinderung, im  Schillerpalais  eröffnet.

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Begegnung der anderen Art: Expedition trifft Demonstration

Gestern Nachmittag im Neuköllner Schillerkiez: Wochenmarkt auf dem Herrfurthplatz, mehr Inventar des städtischen Fuhrparks als Privatautos rund um die Genezareth-Kirche, viele Leute im schwarzen Demonstranten-Outfit und Polizeibe- amte in obligatorischen Schutzmon- turen zwischen Anwohnern und Spa- ziergängern. Und mittendrin: Rein- hold Steinle samt Aktentasche und Gerbera und mit einer Gruppe im Gefolge, die sich von Neuköllns pro- minentestem Stadtführer den Schiller- sowie den benachbarten Rollbergkiez zeigen lassen will.

Knapp 10 Frauen und Männer waren diesmal dabei, obwohl das Wetter eher dazu einlud, es sich an der warmen Heizung gemütlich zu machen. Die Temperatur schaffte es nicht ins Plus, lag gefühlt sogar im zweistelligen Minusbereich. „Ein Mann schwächelte schon etwa eine Viertelstunde nach dem Start und verabschiedete sich wegen der Kälte“, erzählt Reinhold Steinle. „Wir anderen sind dann aus rein kul- turellem Interesse länger im Schillerpalais und in der Genezareth-Kirche geblieben, man könnte aber auch sagen: Wir wollten uns in beiden Orten aufwärmen.“

Die Demonstration beeinflusste die Dauer der Kiezerkundung erheblich weniger: „Wir liefen einfach zwischen den ganzen Grünen und Demonstranten hindurch. Einige Polizisten schmunzelten und andere schauten erst recht ganz streng.“ Wofür oder gegen was die Protestler auf den Beinen waren, wussten weder Steinle, noch seine Expeditionsteilnehmer, noch die von ihnen befragten Passanten. Das erfuhren manche erst durch die Meldung im ersten Nachrichtenblock der rbb Abendschau (ab 1:29 Min.). Auf die Frage eines Teilnehmers, ob Demonstrationen im Schillerkiez ein Dauerzustand seien, hatte Steinle dagegen sehr wohl eine Antwort: „Ich konnte ihn beruhigen und das zum Glück verneinen.“ Die nächste Möglichkeit, sich davon zu überzeugen, gibt es am 25. Februar: Dann sind die International Urban Operations Conference und der 15. Europäische Polizeikongress schon Vergangenheit.

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NACHTUNDNEBEL in Neukölln

Zum 10. Mal heißt es heute ab 18 Uhr in Neukölln NACHTUNDNEBEL: Über 130 Veranstaltungen hat das sechsstündige Kunst- und Kulturfestival zu bieten. Rund 110 Orte im Norden des Bezirks betei- ligen sich diesmal am herbstlichen Pen- dant zu 48 STUNDEN NEUKÖLLN; nach Auskunft der Organisatoren sind  etwa 40 Locations sind barrierefrei oder -arm und somit auch für die Besuche Kör- perbehinderter geeignet. „Das zeigt, wie groß die Bereitschaft ist, sich auf die Bedürfnisse von Menschen mit Handicap einzulassen“, erklärte Neuköllns Behindertenbeauftragte Katharina Smaldino im Vorfeld des Events.

Mobilität lag schon immer im Fokus des Festivals, das den Untertitel „Mit dem Chauffeur durch die Neuköllner Kulturszene“ trägt. Gecharterte Großraumtaxis kut- schieren die Besucher  zum Nulltarif auf zwei Routen von einem Veranstaltungsort zum anderen, von Ausstellung zu Lesung zu Per- formance zu Film zu Konzert zu Party und wieder zurück.

Abweichend von der Abbildung im gedruckten Pro- grammheft wurde der Verlauf der Süd-Route, die den Bereich unterhalb von Selchower-, Boddin- und Erkstraße bedient, leicht nachgebessert: Statt durchgehend die Schillerpromenade abzufahren, macht sie nun einen Schlenker in die Lichtenrader Straße, um die Besucher des Kunstschaufensters el41 und des LadenAteliers Brennan direkt vor der Tür absetzen zu können. Die Nord-Route führt durch den  Flughafen- und Reuterkiez. Der Knotenpunkt der Shuttledienste liegt vor dem Schillerpalais; dort wird das maßgeblich durch die STADT UND LAND Wohnbauten-Gesellschaft mbh gesponserte Festival auch um 18 Uhr offiziell von Franziska Giffey, Neuköllns Kultur-Stadträtin, und Katharina Smaldino eröffnet.

Dass es trotz eines verkehrsplanerischen Kraftakts nicht gelingen konnte, alle Veranstaltungsorte in die beiden NACHTUNDNEBEL-Taxi-Rundkurse zu integrieren, liegt in der Natur der Dinge. Deshalb hier – statt einer Top Ten – gleich 11 Locations, die etwas abseits der Routen liegen: Liesl (Süd17), Atelier Douglas Henderson (Süd22), Wohnzimmeratelier Lorilei (Süd33), Näh & Werk Studio (Süd41), Dritter Raum (Süd42), Agora (Süd50),  Sufi-Zentrum Berlin (Nord08), Atelierhaus Wiss- mannstraße – Werkstube Mo-Skito (Nord09), Bazara (Nord56), Klötze u. Schinken (Nord57) und DruckAtelier (Nord58).

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