„Wenn der Architekt nichts weiß, macht er einen Kreis“: Installation auf dem Tempelhofer Feld offiziell eingeweiht

Entwurf Gerhard Schlotter_TRG-Installation Tempelhofer Feld_BerlinNur ein Jahr hatte es gedauert, bis aus einer Idee Realität wurde. Auf Initiative des interreligiösen Vereins Treffpunkt Religion und Gesellschaft (TRG) war auf dem Tempelhofer Feld die Instal- lation „Zusammenkommen, ausein- andersetzen, gemeinsam weiterge- TRG-Installation Tempelhofer Feld_Berlinhen“ verwirklicht und Ende November letzten Jahres der Öffentlichkeit anver- traut worden. Vorgestern hatte der Ver- ein erneut eingeladen, um ganz offiziell diese Installation in Gebrauch zu neh- men. Es wurde eine gelungene Veran- staltung.

Selbst das Wetter spielte mit, denn entgegen der Regenprognose herrschte schöns- tes Tempelhofer Feld-Wetter mit Sonne und viel Wind, und Cornelia Weiterlesen

An einem Tisch

tag der offenen moschee 2012, sehitlik-moschee neukölln„Wo ist bitte um 14 Uhr die Podiumsdiskussion?“, fragt die alte Dame und spricht dabei seeehr langsam und deutlich. Die junge Muslima, die neben der Tür zum Gebetssaal im tag der offenen moschee 2012, sehitlik-moschee neuköllnErdgeschoss der  Şehitlik-Moschee steht und zum Service-Team der Moschee gehört, hört ihr lächelnd zu. „Die ist oben in der 1. Etage. Gehen Sie einfach links oder rechts die Treppe hoch! Wenn es Sie interessiert, können Sie auch nach der Diskussion an einer Führung durch die Moschee teilnehmen. Die beginnt um 15 Uhr“, erklärt sie in tadellosem, akzentfreiem Deutsch. Irritation dominiert das Mienenspiel und die Stimme der Besucherin, als sie „Danke für die Auskunft“ stammelt und den Weg zur rechten Treppe einschlägt. Diese Art  der

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Ansprache sei gerade beim Tag der offenen Moschee keine Seltenheit, sagt die Frau mit dem Kopftuch verständnisvoll. Da merke man sehr deutlich, wie viele Leute in ihrem Alltag nie mit Muslimen im Speziellen oder Menschen mit Migrationshinter- grund im Allgemeinen zu tun haben und in Klischees festhängen.

Die breite Tür zum prächtigen Hauptsaal mutiert zum Nadelöhr. „Schuhe aus!“ gilt für die, die hinein wollen. Wer barfuß oder auf Socken heraus kommt, findet kaum Platz, um wieder ins Schuhwerk zu schlüpfen.

Am Tisch im Gebetsraum haben Elisabeth Kruse, die Pfar- rerin der benachbarten Genezareth-Gemeinde, Levi Salomon vom Jüdischen Forum für Demokratie und gegen Antisemi- tismus und Ron Weber von der Şehitlik-Moschee neben der Moderatorin Platz genommen. Das Thema, das sie in der kommenden Stunde diskutieren wollen, ist brandaktuell und heißt „Schmähung, Meinungsfreiheit, Religion – wie gehen wir als tag der offenen moschee 2012, sehitlik-moschee neuköllnGesellschaft damit um?“.

tag der offenen moschee 2012, sehitlik-moschee neuköllnMit der an die Christin in der Runde gerichtete Frage, wann die Grenzen der Mei- nungsfreiheit erreicht sind, eröffnete die Moderatorin das Gespräch. „Ich begrei- fe“, erklärte Elisabeth Kru- se, „wie sehr das so ge- nannte Mohammed-Video eine Zumutung für die Muslime sein muss,“ Aber sollte es nicht doch möglich sein, frage sie sich, Kritik, die unsachgemäß und beleidigend ist, einfach zu ignorieren?“ Leider, so die Pfarrerin, sei jedoch genau das Gegenteil passiert: Viele Muslime hätten sich aufstacheln und zu Gewalt verleiten lassen. „Mit Gewalt auf Schmähungen zu reagieren, gehört absolut nicht zu unserer Religion“, entgegnete Ron Weber. Schon die  Aufrufe zu Gewalt seien grundsätz- lich falsch und ein Zeichen dafür, dass „nicht alle Muslime repräsentieren, was unsere Religion von uns möchte.“ tag der offenen moschee 2012, sehitlik-moschee neuköllnWas man jedoch bedenken müsse, ist der hohe Stellenwert, den die Propheten bei den Gläubigen haben. Daher würde man sich für sie einsetzen, wie man es bei- spielsweise auch bei Beleidigungen gegenüber Familienmitgliedern tun würde. „Die Schmähungen sind ein Angriff auf die Demokratie“, stellte Levi Salomon klipp und klar fest.

Mit der Frage, wie man auf politische Ebene mit dem Problem umgehen solle, ging es in die nächste Runde. „Es kann nicht Aufgabe unseres Staates sein, Religionsgemeinschaften vor Kritik zu schüt- zen“, fand Elisabeth Kruse. In einer freien Gesellschaft, fuhr sie fort und erntete damit Applaus, müssten alle Religionen lernen, etwas auszuhalten: „Auch das Aus- halten von Verletzungen gehört zur Demokratie.“  Dem wollte Levi Salomon nur bedingt folgen. Trotzdem müssten irgendwo Grenzen gezogen werden, da „demokratiefeindliche Phänomene gesellschaftsver- nichtend sind und die gesamte gesellschaftliche Ord- nung infrage stellen.“ Nur wo ist die Grenze zwischen Meinungsfreiheit und Beleidigung, griff Ron Weber, der von Hause aus Jurist ist, Salomons Argumentation auf. Letzteres sei definitiv ein Straftatbestand, ersteres ein Grundrecht. Grenzüberschreitungen seien oft fließend und müssten folglich tag der offenen moschee 2012, sehitlik-moschee neukölln, elisabeth kruse, levi salomon, ron weberimmer im Ein- zelfall geklärt werden.

Große Einigkeit herrschte indes in einem Punkt: Solidarität und der Zu- sammenhalt der Religionen seien das A und O. „Nur gemeinsam sind wir stark“, konstatierte Levi Salomon (2. v. l.) „Wichtig ist“, so Elisabeth Kruse (r.), „dass wir uns besser kennen lernen und das Vertrauen zueinander wachsen lassen.“ Dann könne es auch möglich sein, sich gegenseitig mit Dingen zu konfrontieren, die für den anderen etwas sperrig sind. Anlässe wie der Tag der offenen Moschee und eine grundsätzliche Öffnung in die Gesellschaft, wie sie von der Şehitlik-Moschee praktiziert werde, seien für das Verständnis unverzichtbar, betonte Ron Weber (l.): „Dass es hier so voll ist, beweist doch, dass sich die Gesellschaft für Muslime, den Islam und unsere Moschee interessiert.“ Und das erlebe man hier täglich bei den Führungen.

Auch die alte Dame hat sich entschieden, an einer teilzunehmen. „Obwohl ich nur ein paar Kilometer entfernt in Steglitz wohne“, erzählt sie, „kannte ich die Moschee bisher nur aus dem Fernsehen und der Zeitung.“ Aufgeschreckt durch die Vorfälle rund um den Film habe sie nun aber beschlossen, sich eingehender mit der Religion zu beschäftigen. Man könne ja auch mit 83 noch etwas dazulernen.

=ensa=