Überflieger Rixdorf

Eigentlich wurde die Tafel am Spielplatz zwischen Karl-Marx- und Richardplatz rixdorf_friedrichshain_prenzlauerberg_neukoellnaufgestellt, um über Umbauten im Comenius-Garten zu informieren. Doch insbesondere ihr unterer Teil ist mittlerweile zur öffentlichen, mit verschiedenen Stickern beklebten Pinnwand mutiert, auf der Veranstaltungen und Meinun-gen kundgetan werden. Wohnungsangebote findet man dagegen nur selten. Nicht, weil es sinnlos wäre und ohnehin keiner nach Rixdorf will, sondern weil kaum jemand da weg will.

„Das Böhmische Dorf ist die Keimzelle der deutsch-tschechischen Beziehungen“

neueröffnung böhmisches dorf neuköllnAutofahrer, die gestern Mittag vom Richardplatz in die Richardstraße abbiegen wollten, hatten Pech. Auch in gesperrte richardstraße_neueröffnung böhmisches dorf neuköllnumgekehrter Richtung gab es für sie kein Durch-kommen. Denn die Straße, die seit einiger Zeit keine Großbaustelle mit Schika- nen für Fußgänger und gesperrte richardstraße_neueröffnung böhmisches dorf neukoellnden rollenden Verkehr mehr ist, war gesperrt – um am 20. Jahrestag der Städtepartnerschaft von Prag und Berlin ihre Neu- eröffnung zu feiern. „Neueröffnung des Böhmischen Dorfes“ hieß es gar in den Einladungen. Außerdem war davon die Rede, dass die elfte Generation von Nachfahren böhmischer Einwanderer das Weiterlesen

Was schlüpft aus dem Riesen-Ei vom Böhmischen Platz?

riesenei böhmischer platz_neuköllnWundersame Dinge ereigneten sich am vergan- genen Samstag auf dem Böhmischen Platz. Seitdem liegt ein riesiges Ei auf dem Bambus, der schon Wäscheständer, ein Kunstwerk na- mens 777 Galgenstricke sowie Bücher-, Weih- nachts- und Maibaum gewesen ist. Jetzt, nach- dem direkt neben ihm das mysteriöse Ei aus riesenei böhmischer platz_neukoellndem Weltall auf die Erde fiel, hat er eine neue Funktion als Nest bekom- men. So stellt sich die Situation jedenfalls nichts ahnenden Passanten dar.

Die Hintergründe sind un- spektakulärer: In der ersten Woche der Osterferien führte der Schauspieler und Regisseur Artur Albrecht für die Volkshoch- schule Neukölln mit 20 Kindern und Jugendlichen aus der Nachbarschaft des Böhmischen Platzes das Projekt „Kultur macht stark: Von Weiterlesen

Früher, heute und später?

Der 1. November 1899 war ein wichtiger Tag für Neukölln, das damals noch Rixdorf hieß und eine eigenständige Stadt war: An diesem Mittwoch vor 115 Jahren bekam Rixdorf eine örtliche Kriminalpolizei, und in der  Hermannstraße 227  wurde die  ers-

hermannstr flughafenstr_neukölln

te Polizeidirektion eingerichtet. Das Haus an der Kreuzung Flughafenstraße gibt es schon lange nicht mehr; die Adresse verkam zu einer „schwierigen Ecke“, die nach einer  städtebaulichen Neuordnung  verlangt, davon aber noch weit entfernt scheint.

Rixdorfer Vereinigung

Der 3. Oktober ist nicht nur gesamtdeutsch von Bedeutung. Auch für Neukölln bzw. Rixdorf  hat das Datum eine historische Relevanz: Denn es war  am 3. Oktober  1874,

musik bading_neukölln

also vor genau 140 Jahren, als Benjamin Schwarzenberg, ein Nachkomme böhmi- scher Exulanten, und Anna Marie Bading die  erste  Zivilehe  in Rixdorf  schlossen.

„Sie war eine coole Sau!“

tim renner_gedenktafel-enthüllung inge meysel_berlin-schönebergEs waren ungefähr 50, überwiegend ältere Menschen, die sich gestern Nachmittag vor dem Haus Heylstraße 29 im Bezirk Schö- neberg versammelten, um bei der Enthül- lung der Gedenktafel für Inge Meysel an- wesend zu sein. Als erster Redner würdig- te Berlins Kulturstaatssekretär Tim Renner die gebürtige Neuköllnerin. Dass während der kurzen Ansprache die vor der Gedenk- tafel angebrachte Hülle herunter fiel, sich die Tafel also selber enthüllte, kommen- tierte Renner spontan mit  „Dies hätte Inge Meysel sicher gefallen!“. Mit der Einschät- zung lag er sicher nicht falsch. Ob es der berühmten Schauspielerin aber gefallen hätte, vom Kulturstaatssekretär als „coole Sau“ bezeichnet zu Weiterlesen

Berlin würdigt eine berühmte Neuköllnerin

geburtsurkunde ingeborg charlotte hansenAls sie am 30. Mai 1910, „früh so um acht Uhr herum“, geboren wurde, hieß Neu- kölln noch Rixdorf, der nördliche Teil der Karl-Marx-Straße noch Berliner Straße und sie  Ingeborg Charlotte Hansen. Unter der Register-Nummer 699 dokumentierte der Standesbeamte des Königlichen Stan- desamts II Rixdorf, dass Margarete Han- sen, die nicht nur keinen Beruf, sondern überdies keinen Ehemann hatte, Mutter einer Tochter geworden war. Das sei anders geplant gewesen, schrieb eben die in ihrer 1991 erschienenen Autobiographie „Frei heraus – Mein Leben“. Doch die vor- herige Hochzeit scheiterte daran, dass die Papiere der Dänin Margarete Hansen nicht rechtzeitig aus deren Heimat in Berlin ankamen. „Meine Eltern“, so Weiterlesen

Vom Logo Rixdorfs zum Logo Neuköllns

Rixdorf war schon seit über vier Jahren eine Stadt, als es endlich auch sein Stadt- wappen bekam. Zwei Dutzend Entwürfe hatte es gebraucht, so die Überlieferung, bis einer vom Königlichen Heroldsamt genehmigt wurde: Am 29. Mai 1903 schließlich verlieh  Kaiser Wilhelm  II. der Stadt Rixdorf  ihr Wappen. Mit dem Hussitenkelch als

stadtwappen rixdorf_bezirkswappen berlin-neukoelln

Referenz an die böhmischen Exulanten, die 1737 nach Rixdorf gekommen waren, einem roten brandenburgischen Adler und dem Johanniterkreuz, das Weiterlesen

Steinerne Zeitzeugin

Auch der 25. März 1879 war ein Dienstag. Bedeutsamer für Neukölln, das damals noch Rixdorf hieß, war aber: Es war der Tag, an dem an der Karl-Marx-Straße, die damals noch Bergstraße hieß, die  Magdalenenkirche eingeweiht wurde. Nur 20 Mo-

magdalenenkirche_neukölln

nate waren seit der Grundsteinlegung vergangen, dann konnte das Weiterlesen

Auf den Spuren von Hermann Boddin

boddinstr_neuköllnEr hat alles, was auch Neuköllns amtie- render Bürgermeister irgendwann be- kommen könnte. Eine Straße mit seinem Nachnamen, einen Platz, der nach ihm benannt wurde, und eine U-Bahn-Station sowie eine Schule erinnern ebenfalls an den, der heute vor 140 Jahren Erster Amts- und Gemeindevorsteher von Rix- dorf wurde: Hermann Boddin.

Ein Vierteljahr vor seinem 30. Geburtstag übernahm der gebürtige Brandenburger das Regiment über die kurz zuvor vereinigten Orte Deutsch-Rixdorf und Böhmisch-Rixdorf mit ihren insgesamt rund 15.000 Ein- wohnern. 25 Jahre später, als Rixdorf etwa 90.000 Bürger zählte und Weiterlesen

Unvergrünt

Zu den Fragen, mit denen sich selbst Neukölln-Insider gehörig ins Schleudern bringen lassen, gehört die nach dem Gartenkulturpfad des Bezirks. Dabei ist der absolut keine neue gartenkulturpfad neukölln_route 1_richardplatzEinrichtung: Schon seit 2007 gibt es den Gartenkulturpfad Neukölln mit seinen fünf Routen durch Parks, Gartenanlagen sowie weitere grüne Sehenswürdigkeiten zwi- schen Hermannplatz und Rudow.

Nun ist momentan zugegebener- maßen noch wenig Grünes zu sehen, das hat aber auch unge- heure Vorteile: Architektonische Besonderheiten, auf die der  Flyer und das 62-seitige Booklet des Gartenkulturpfads Neukölln eben- falls aufmerksam machen, sind nicht hinter saftigem Blattwerk versteckt und ungehindert zu be- trachten oder zu fotografieren. Die Erkundung botanischer Highlights Neuköllns kann dann bei einer späteren Begehung des Gartenkulturpfads nachgeholt werden.

Ironie des Schicksals

Über 350 Menschen, die 1737 ihre böhmische Heimat verlassen mussten, um weiterhin Protestanten sein  zu können, hat  er in Neukölln, das damals  noch Rixdorf

Friedrich Wilhelm I.-Statue_Böhmisches Dorf_Neukölln

hieß, zu einem neuen Zuhause verholfen. Nun hat Friedrich Wilhelm I. selber kein Dach überm Kopf und ist den Schneeflocken, die über den Platz vor dem  Museum im Böhmischen Dorf  treiben, schutzlos ausgeliefert.

Zwischen Karl-Marx-Straße und Sonnenallee

Er sei Neu-Neuköllner und wohne am Richardplatz, sagt der junge Mann, Typ Hipster mit Nerd-Brille und einigen anderen charakteristischen Utensilien, der gerade die ausstellung "keine urbanität ohne dörflichkeit - das böhmische dorf als stadtlabor", galerie im saalbau neuköllnGalerie im Saalbau verlässt. „Von der Geschichte Neuköllns hab ich bisher nicht viel gewusst“, gibt er zu. Das sei nun – nach dem Besuch der Aus- stellung „Keine Urbanität ohne Dörflichkeit“ – an- ders. Jetzt werde er doch manches in seiner Nach- barschaft mit anderen Augen sehen und beim Anblick des Ist-Zustands auch an Vergangenes denken, meint er: „Obwohl ja vieles so erhalten ist, ausstellung "keine urbanität ohne dörflichkeit - das böhmische dorf als stadtlabor", galerie im saalbau neuköllnwie es früher war.“

Auch darüber, dass das Bestehen des Böhmischen Dorfs in seiner ursprünglichen Form vor rund 30 Jahren auf der Kippe stand, informiert die Aus- stellung, die von Studenten des Fachbereichs Planungs- und Architektursoziologie der TU Berlin gemeinsam mit Prof. Dr. Cordelia Polinna sowie der Designerin Sophie Jahnke konzipiert und realisiert wurde. Es waren nicht zuletzt die engagierten Proteste der Nachfahren der böhmischen Exulanten, die seinerzeit die Umsetzung des vom Senator für Bau- und Wohnungswesen vorgelegte „städtebau- liche Erneuerungskonzept für die historischen Tei- le Rixdorfs“ verhinderten.

Daran könne sie sich noch gut erinnern, bemerkt eine Anwohnerin der Richardstraße, die schon an diversen Veranstaltungen anlässlich des 275-jährigen Bestehens des ausstellung "keine urbanität ohne dörflichkeit - das böhmische dorf als stadtlabor", galerie im saalbau neuköllnBöhmischen Dorfes teilgenommen hat. Nun flaniert die 72-Jährige mit einer Freundin, die für ein paar Tage aus Ulm zu Besuch ist, durch die populärwis- senschaftlich aufbereitete Historie ihres Kiezes. Die zahlreichen Interviews mit Menschen, die im oder am Rande des Böhmischen Dorfs leben, findet sie ausstellung "keine urbanität ohne dörflichkeit - das böhmische dorf als stadtlabor", galerie im saalbau neuköllnbesonders spannend: „Viele der Leute kenne ich ja gut oder flüchtig, aber bei den Gesprächen geht es normalerweise um Alltäg- liches und nicht, wie hier, konzentriert um ein Thema.“ Insofern erfahre sie nicht nur von kaum Bekannten Neues, sondern auch ausstellung "keine urbanität ohne dörflichkeit - das böhmische dorf als stadtlabor", galerie im saalbau neuköllnvon denen, die ihr vertrauter sind.

Cordelia Polinna, die selber Nachfahrin einer böhmischen Einwandererfamilie ist, und ihr Team spiegeln durch die Auswahl der Interviewpartner die gesamte Bandbreite derer wider, die heute in der 275 Jahre alten Ansiedlung wohnen oder arbeiten. Wie hat sich das Leben dort verändert? Herrschen immer noch Strukturen vor, die als dörflich be- zeichnet werden können, oder gibt Urbanität den Ton an? Welche Rolle spielen heute die Kirche, Gasthäuser, Schulen und Läden als Treffpunkte? Auf diese und ausstellung "keine urbanität ohne dörflichkeit - das böhmische dorf als stadtlabor", galerie im saalbau neuköllnviele andere Fra- gen gibt die Ausstellung über ihre Protagonisten Antworten. Manche haben sogar die Interviewer überrascht. „Dass sich die Gesprächspartner unserer geplanten Interviews schon länger mit dem Gebiet auseinandergesetzt haben, war natürlich hilfreich“, sagt Cordelia Polinna. „Aber trotzdem haben sie spontan spannende Sachen gesagt.“ Schwieriger sei es verständlicherweise bei Ad hoc-Interviews gewesen, auf Menschen zu treffen, die mit Aussagekräftigem statt relativer Einsilbigkeit reagieren. Dokumentierte Gespräche ausstellung "keine urbanität ohne dörflichkeit - das böhmische dorf als stadtlabor", galerie im saalbau neuköllnmit böhmischen Nachfahren schließen die Klammer von der Vergangenheit in die Gegen- wart eines Dorfs, das von jeher durch Einwan- derer geprägt wurde.

Historische und aktuelle Orte der Migration im Mikrokosmos Böhmisch-Rixdorf von der Gale- rie in den Stadtraum zu übertragen und sie dort zu markieren, das hätte eigentlich ergänzend zur Ausstellung geschehen sollen. Leider sei die Arbeit an diesem Punkt des Rahmen- programms aber aus triftigen persönlichen Gründen zum Erliegen gekommen, bedauert Cordelia Polinna. Doch auch der Weg in die bezirkliche Galerie an der Karl-Marx-Straße lohnt sich allemal für jene, für die das Böhmische Dorf kein böhmisches Dorf mehr sein soll.

Die Ausstellung „Keine Urbanität ohne Dörflichkeit – das Böhmische Dorf als Stadtlabor“ ist  nur noch bis zum 23. September in der  Galerie im Saalbau  zu sehen. Öffnungszeiten: 10 – 20 Uhr

=ensa=

Beziehungsweise

Die Weisestraße liegt im Neuköllner Schiller- kiez und ist eine Paral- lelstraße zur prominen- ten Schillerpromenade. Letztere ist der Ku- damm des Schillerkie- zes, erstere dafür ein kleines Stück länger. In der Weisestraße ist auch die Karl-Weise-Grundschule ansässig. Viele haben diese – oft nicht ganz freiwillig – näher kennen gelernt.

Wer war aber dieser Karl Weise? Als Schüler brachten ihm seine Streiche häufig Prügel ein und mehr als einmal wechselte er die Schule. Auch nicht immer auf eigene Initiative hin. Dass einmal eine Schule seinen Namen trägt hat er zu Lebzeiten nicht mehr erlebt. Oder sollte man besser sagen: nicht mehr erleben müssen? Doch zurück ganz an den Anfang.

Karl Weise wurde im November 1813 in Halle an der Saale geboren. Sein Kreißsaal war der Kellerraum einer Essigbrauerei. Mit seinen Geschwis- tern hätte er eine eigene Fußball- mannschaft plus eines Auswechsel- spielers stellen können; insgesamt zwölf Kinder gehörten zur Familie.

Als Sohn eines Zimmermanns erlernte auch Karl ein Handwerk – das des Drechslers. Nach seiner Lehre ging er, wie damals üblich, für drei Jahre auf Wanderschaft. In Berlin, wo er von 1842 bis 1848 lebte, schloss er bei einem Berliner Drechslermeister seine Meisterprüfung ab. Im Mai 1848 zog er nach Freienwalde (heute ist es eine 12.000 Einwohner-Stadt, die sich Bad Freienwalde nennt) und lebte dort bis zu seinem Tode im Jahr 1888.

Kinder hatte Karl Weise auch. Jedoch brachte er es nur auf eine halbe Fußballmannschaft. Beide Geschlechter paritätisch verteilt. Neben Auguste, Henriette Clara und Ottilie Marie Adophine gab es einen Karl Friedrich, einen Friedrich Wilhelm karl weiseund einen Barnim Friedrich Johannes. Barnim? Ein Blick in wikipedia zeigt, dass Freienwalde noch innerhalb der Begrenzung der Barnimhochfläche liegt. Daher nur Mut, wenn Sie überlegen, Ihren Sohn Berlin oder Neukölln zu nennen.

Als Karl Weise von 1842 bis 1848 in Berlin wohnte und lebte, besuchte er nicht ein einziges Mal Rixdorf, das damals noch weit vor den Toren Berlins lag. Weshalb dann die Benennung einer Straße, dies im Jahre 1894, und der Namensgeber für eine Schule in Rixdorf? Gemach.

Neben seinem Beruf als Drechslermeister pflegte Karl Weise noch ein großes Hobby. Er drechselte mit Leidenschaft Verse. Theodor Fontane hat Karl Weise in Freienwalde besucht und beginnt seine schriftliche Schilderung dieses Besuches passenderweise mit einem Vers:
Drechselt Pfeifen in guter Ruh
Und macht auch wohl
´nen Vers dazu.
Aus der Begegnung zwischen Fontane und Karl Weise entwickelte sich eine Freundschaft, die lebenslang anhielt. Als Karl Weise im Alter zu verarmen drohte, weil die aufkommende Zigarettenraucherei seiner Pfeifendrechslerei, von der er hauptsächlich lebte, schwer zu schaffen machte, wurde er u. a. von Fontane finanziell unterstützt. In einem Brief von Fontane aus dem Jahr 1862 findet sich folgende Bemerkung: „Von sechs bis acht reizende Fahrt nach dem Schlossberg, von acht bis elf mit dem Dichter und Drechslermeister Weise beim Biere geplaudert.“ Theodor Fontane widmete Karl Weise in seinen „Betrachtungen durch die Mark Brandenburg“ ein ganzes Kapitel mit dem Titel „Hans Sachs in Freienwalde“.

Jetzt aber schlussendlich zu der Beziehung zwischen Rixdorf und Karl Weise. Im Jahre 1874 trug er im Rixdorfer Handwerker-Verein sein Gedicht mit dem Titel „Loblied auf Rixdorf“ vor, dessen Eingangssätze abschließend zitiert werden. Dieser Vortrag und das Gedicht waren der Anlass, dass dann im Jahr 1894 im Schillerkiez eine Straße seinen Namen bekam: Weise- straße. Glücklicherweise hat sich bei der Namensgebung für die Schule niemand nach den Schulerfahrungen des jungen Karl Weise erkundigt. Obwohl, eigentlich hätte er mit seinem damaligen Betragen gut auch in heutiger Zeit die Karl-Weise-Grundschule besuchen können. Weshalb er in seinem Gedicht eingangs schreibt, dass er 10 Jahre in Berlin gewesen sei, obwohl es doch nur sechs Jahre waren? Vielleicht erinnerte er sich nicht mehr richtig daran oder ihm kam die Zeit länger vor. Oder die zehn Jahre sind einzig und allein dem Versmaß geschuldet.

Hier nun der Anfang seines Gedichts „Loblied auf Rixdorf“:

Zehn Jahre einst in Berlin gewesen
und heute Rixdorf erst gesehen?
Wo hätt´man je gehört, gelesen,
dass so Entsetzliches geschehn! –
Drum, Freunde, wahr´ ich keiner Zunge,
die heut mich durch den Gruss blamiert,
solch´ Dichter ist ein fauler Junge,
der nie nach Rixdorf hinspaziert!
Doch zwischen sonst und jetzt, ihr Lieben,
liegt vieles, ja das wissen wir,
wär´ Rixdorf, wies einst war, geblieben,
so wär´t ihr allesamt nicht hier.
Jetzt ist im Glanz und Schmuck gegeben.
Doch wem verdankt´s auch dieser Ort?
Des Volkes geistig regerm Streben,
der Bildung und dem freien Wort.
Wer von Berlin nach Rixdorf reiste,
den gab man einst verloren schon,
und wen der Sand nicht ganz verspeiste,
der hiess Fortunas Lieblingssohn.
So klangs vor mehr denn dreissig Jahren,
drum stand nach Rixdorf nie mein Sinn,
denn nichts als Dünger sah man fahren,
aus Spree-Athen nach Rixdorf hin.
Jetzt gibt´s Palais und prächt´ge Strassen,
dass jedes Augen staunen muss,
nicht eine Kuh sieht man mehr grasen,
auch fährt, und ich mach´ keine Phrasen,
jetzt schon dorthin ein Omnibus.

=Reinhold Steinle=
(unter Zuhilfenahme von Hainer Weißpflugs Artikel „Hans Sachs in Freienwalde“)

Reinhold Steinle ist am 26. Mai wieder in der Gegend rund um die Weisestraße unterwegs. Seine Stadtführung „Vom Schillerkiez zum Roll- bergviertel“ startet um 15 Uhr am Backparadies in der Hermannstr. 221. Anmeldung erwünscht: Tel. 53 21 74 01; die Teilnahme an der mindestens 90-minütigen Tour kostet 10 Euro (erm. 7 Euro).

Neukölln feiert

Die Festivitäten rund um das 650-jährige Jubiläum der ersten urkundlichen Er- wähnung Rixdorfs sind gerade vorbei, endeten mit dem Jahr 2010, da wird in Neukölln schon wieder gefeiert. Weißes Konfetti fällt über dem Bezirk vom Himmel, die Hausdächer sind dezent gepudert. Zudem haben zahlreiche Neu- köllner kahle Straßen- bäume mit Dingen ge- schmückt, die ihnen einst lieb waren. Allüberall Re- likte, die das Loslas- sen-Können symbolisie- ren, denn um das geht es am heutigen Feiertag.

Man schrieb den 27. Ja- nuar 1912, als Kaiser Wilhelm II. das Gesuch des damaligen Oberbürgermeisters Curt Kaiser geneh- migte, Rixdorf in Neukölln umzubenennen und so dem mit dem Namen Rixdorf verbundenen Image ein Ende setzte.

=ensa=

Königliche Spuren im Böhmischen Dorf

Seit vor gut fünf Jahren das Museum im Böhmischen Dorf im ehemaligen Schulhaus in der Kirchgasse eröffnet wurde, lässt sich dort wunderbar auf den Spuren der böhmischen Einwanderer durch die Geschichte Neuköllns wandeln.

luisenverehrung, museum im böhmischen dorf, neukölln, königin luiseluisenverehrung, museum im böhmischen dorf, neukölln, königin luise rixdorfIn den letzten Monaten waren dort auch noch an- dere Spuren zu sehen: die von Königin Luise. „Luisen- verehrung – Wenn Königin Luise im Böhmischen Dorf gewesen wäre …“ hieß ei- ne sehenswerte Sonder- ausstellung, die im Mai er- öffnet wurde und vorgestern endete.

Es waren nur wenige Exponate, die dazu anregten, sich auf eine „heitere Spurensuche“ zu begeben: ein Nadelkissen, eine  Schatulle mit  einer heimlich  abgeschnittenen königlichen Locke,

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ein Stück Luisenkonfekt von 1806, Hut und Schirm, Bilder, eine Tasse aus Luises luisenverehrung, museum im böhmischen dorf, neukölln, königin luise rixdorfMoccatassen-Sammlung.

Nicht minder bemerkenswert waren jedoch die Be- schriftungen der liebevoll zusammengestellten Ge- genstände. Wer beim Lesen den Konjunktiv aus den luisenverehrung, museum im böhmischen dorf, neukölln, königin luise rixdorf, rixdorfer weihnachtsmarktAugen verlor, lief schnell Gefahr aus der heiteren Spur zu gera- ten. Auch ein Stück Rix- dorf-Wissen half weiter, mancher kleinen Schwindelei auf die Schliche zu kommen. Wenn, ja wenn Königin Luise in Rixdorf gewesen wäre … Den Rixdorfer Weihnachtsmarkt hätte sie 1802 kaum besuchen können, denn den gab es damals noch gar nicht.

„Übrigens hatte Luise auch nie eine Moccatassen-Sammlung“, merkt Brigitta Polinna, die Kuratorin der Ausstellung, schmunzelnd an. Und das darf man ihr glauben, denn sie kennt sich mit der Königin aus. Gut möglich, dass sich das Faible für Luise unter den Ureinwohnern Neuköllns von Generation zu Generation weiter vererbt. Zu denen gehört Brigitta Polinna zweifelsohne, und sie weiß: „Die Rixdorfer haben die Hohenzollerner schon immer ziemlich verehrt.“ Grund genug, der beliebten Königin Preußens mit einer Ausstellung zu gedacht zu haben.

_ensa_

Was für’n Hin und Her

s-bahnhof sonnenallee rixdorf, neuköllnErst Richardsdorp, danach Rieksdorf, später Rixdorf und dann schließlich Neukölln. Vor fast 100 Jahren, am 27. Januar 1912, bekam der Bezirk diesen Namen. Damit, dass Neu- kölln schöner klingt als Rixdorf, hatte die Um- benennung allerdings nichts zu tun. Der An- lass war vielmehr, dass Rixdorf damals äu- ßerst verrufen war und in Berlin nicht zuletzt dank Gassenhauern à la „In Rixdorf ist Musi- ke“ als Inbegriff des Frivolen galt.

Da die Zeitzeugen der wilden Ära Rixdorfs in- zwischen ausgestorben sind, denen die Er- wähnung des Namens ein grelles Schamrot ins Gesicht treiben könnte, und es mit dem Image Neuköllns auch nicht zum Besten be- stellt ist, steht dem Bezirk nun also offenbar eine Umbenennung mit Retro-Charme bevor. Nahe des alten Ortskerns am Richardplatz, am S-Bahnhof Sonnenallee, wurde schon mal damit begonnen.

_ensa_