Unterstützung für sieben Projekte, die mit wenig Geld viel bewegen

Zweimal im Jahr vergibt der N+Förderfonds der Bürgerstiftung Neukölln finanzielle Zuschüsse für engagierte Projekte, die sich mit viel Herzblut für ein friedliches und respektvolles Miteinander in Neukölln einsetzen.

Am vergangenen Dienstag zeichneten Friedemann Walther (r.), Vorstandsvorsitzender der Bürgerstiftung, sowie Wolfgang Hecht, der als Vorsitzender des N+Fachausschusses Projekte auch Sprecher der Jury war, sieben Projekte im Neuköllner Leuchtturm in der Emser Straße aus.

Die kleine Feier, bei der den Vertretern der Initiativen ihre Urkunden Weiterlesen

Mit vereinten Kräften

zuerich-gs_proneubritz-fruehjahrsputz_carl-weder-park_neukoellnLange bevor das Neuköllner Bezirksamt mit seiner Schön wie wir-Kampagne dazu appellierte, vor der eigenen Tür zu kehren, hatte der proNeubritz e. V. den Kampf um mehr Sauberkeit im Kiez bereits aufgenommen. Nur punktuell und temporär zwar, aber immer mit einem Erfolg, der sich in Säcken messen ließ.

Es müsse 2009 gewesen sein, als der Ortsteil-verein erstmals an einem Samstag die Anwohner zum Frühjahrsputz im Carl-Weder-Park aufrief, schätzt Bertil Wewer: „Erst seit letztem Jahr machen wir Weiterlesen

Fast 200 innerhalb von zehn Jahren

stolpersteine familie freundlich_emserstr 90 neuköllnSeit genau sechs Wochen liegen vier Stolpersteine in der Emser Straße. Vor dem Haus mit der Nummer 90 erinnern sie an Adolf und Klara Freundlich und deren Söhne Louis und Erwin.

In genau zehn Tagen wird die Zahl der Stolpersteine in Neukölln von 186 auf 193 anwachsen. Um viertel nach 10 beginnt Gunter Demnig in der Silberstein-straße 114 mit der Verlegung eines Gedenkquaders für Carl Pohle. Danach wird an der Ecke Karl-Marx-/ Jonasstraße ein Stolperstein für Erwin Volkmar ins Pflaster eingelassen, bevor es in der Geygerstraße mit denen für Deborah und Edith Wiener und Hed-wig Heymans sowie Alice Geusch  Weiterlesen

Nicht nur keine Diskussion: Entscheidung in Sachen „Stolperstein für Sigurd Franzke“ gefallen

gunter demnig_stolperstein neuköllnAuch der 29. November 2013 war ein Freitag. Außerdem war es der Tag, an dem Gunter Demnig 12 Stolpersteine in Neukölln verlegte, von der Verlegung eines 13. aber absah und sich statt- dessen Bedenkzeit für den Fall Sigurd Franzke erbat. Denn der Neuköllner, der als 27-Jähriger am 13. Mai 1939 wegen „widernatürlicher sexueller Neigungen“ zu zwei Jahren Haft verurteilt, im Oktober 1940 deportiert und am 26. März 1942 in der Tötungsanstalt Bernburg ermordet wurde, ist zwar  zweifellos ein Opfer des nationalsozialis- tischen Regimes geworden. Doch der Homo- sexuelle ist auch NSDAP-Mitglied sowie Ober- scharführer der SS und als solches zugleich Täter gewesen. „Vielleicht ist in dem Fall eine vorherige öffentliche Diskussion mit dem proNeubritz, der den Gedenkstein für Sigurd Franzke spenden will, dem Museum Neukölln und dem Weiterlesen

F wie Fastenbrechen – und Fußball

5_fastenbrechen kranoldplatz berlin-neukoellnEinen Grund zum Feiern hatten letzten Freitag nicht nur die deutschen und brasilianischen WM-Fußballer samt ih- ren Fans. Auch auf dem Kranoldplatz in Neukölln wurde gefeiert: Erstmals hat- ten ein halbes Dutzend Mitglieder des Kranold-Weder-Netzes zum gemeinsa- iftar_feuerschale_kranoldplatz neuköllnmen Iftar unter freiem Himmel eingeladen.

Rund um eine lodernde Feuerschale sollten Menschen aus dem Neubritzer Kiez die Gelegenheit haben, zusammen die Zeremonie des Fastenbrechens zu be- gehen, die derzeit – d. h. während des Ramadan – allabendlich von Weiterlesen

Es war einmal …

Wer montags, dienstags, mittwochs oder freitags zum Kranoldplatz kommt, hat definitiv den falschen Zeitpunkt erwischt. Nur donnerstags und samstags wird der Platz im Neuköllner Ortsteil Neubritz zum Wochenmarkt. Das besagt zumindest das wochenmarkt kranoldplatz_neuköllnSchild, das am westlichen Ende des Kra- noldplatzes steht und darauf hinweist, dass der Verkauf an beiden Tagen zwischen 10 und 16 Uhr stattfindet.

Eines schönen Samstags mitten im Zeit- fenster: Gähnende Leere auf dem Kranold- platz, keine Spur von Markthändlern, die ih- re Waren verkaufen, und Kunden, die von Stand zu Stand flanieren und sich mit Obst, Gemüse und anderen Lebensmitteln aus der Region eindecken Weiterlesen

Neuköllner Stolperstein als Grenzfall

gunter demnig_stolpersteine lira55 neuköllnEin Dutzend neuer Stolpersteine verlegt Gunter Demnig heute in Neukölln. Eigentlich sollten es 13 werden, doch für einen, den für Sigurd Franzke, hat Demnig sich Bedenkzeit erbeten.

Es komme schon dann und wann vor, dass er sich nicht sofort an die Arbeit mache und nach dem Studieren der Biographie eines NS-Opfers Zweifel habe, ob ihm mit einem Stolperstein gedacht werden sollte, sagt Demnig, bevor er sich auf den Weg zur fünften Station des heutigen Tages macht: „Aber so extrem hatte ich’s noch nie.“ Natürlich, räumt er ein, sei auch Franzke zum Opfer des Na- zi-Terrors geworden, doch aus seiner Lebensge- schichte gehe eben außerdem Weiterlesen

Sechs von 18: verfolgt, deportiert, ermordet

stolpersteine oderstr. 52 neuköllnEs herrscht ein Wetter, wie es novembriger nicht sein könnte. Dennoch haben sich an diesem Morgen erstaunlich viele Menschen, sogar eine ganze Schulklasse vor dem Haus Oderstraße 52 im Neuköllner Schillerkiez eingefunden. Für die Kinder ist es sicher kaum, für die Erwachsenen nur schwer vor- stellbar, was sich hier im Sommer 1942 abspielte. Vor den Augen des 12-jährigen Max wird seine Großmutter „abgeholt“. Gemeint war damals damit: aus der Familie gerissen, deportiert und ermordet zu werden. Noch unbegreiflicher, dass auch Max zusammen mit seiner Mutter ein halbes Jahr später mit dem 26. sogenannten Ost- transport des Reichssicherheitshauptamts ins KZ Auschwitz deportiert wird.

Heute werden hier zum Gedenken an diese drei Menschen Stolpersteine in den Bürgersteig eingelassen: „Hier wohnte Martha Meth / geb. Lewin / Jg. 1903 / deportiert 12.1.1943 / ermordet in Auschwitz“, informiert der eine. „Hier wohnte Max Meth / Jg. 1930 / deportiert 12.1.1943 / ermordet in Auschwitz“, besagt ein anderer. gunter demnig_stolpersteine oderstr. 52 neukölln„Hier wohnte Selma Lewin / geb. Meyer / Jg. 1868 / deportiert 31.8.1942 There- sienstadt / ermordet 28.4.1944″, verrät der dritte.

Gunter Demnig arbeitet mit seinem Assis-tenten wie ein Uhrwerk, jeder Handgriff sitzt, inzwischen hundertemal ausgeführt. Nachdem die letzte Schaufel Sand in die Fugen gefegt und die demnig_wetzlar-schule_stolpersteine meth + lewin_neuköllnMessingoberflächen geputzt worden sind, kommt ein Junge, der inzwischen in Charlottenburg zur Schule geht, mit einem Strauß weißer Rosen, die er nun um die Gedenksteine drapiert. Er gehörte der Arbeitsgemeinschaft von Schülern der damali- gen 6. Klasse der Wetzlar-Schule an, die sich mit den Hintergründen der NS-Diktatur be- fasste und sich besonders für das Leben von rassisch verfolgten Kindern inte- wetzlar-schüler_stolpersteine meth + lewin_neuköllnressierte. Auf ihrem Schulfest sammelten sie Geld für diesen Stolperstein.

Der zweite Stolperstein wurde von Verwandten gestiftet, von denen drei bei dieser Gedenkstunde anwesend sind. Herr Schicke erläutert die verwandtschaftlichen Beziehungen zu den Opfern und veranschaulicht, wie schwer es für sie auch heute noch sei, sich diesem Teil ihrer Familien- geschichte zu nähern. Von ihm ist auch zu erfahren, dass von den insgesamt sieben Kindern der Selma Lewin weitere drei mit ihren Familien in Auschwitz oder There- sienstadt umgekommen sind. Andere konnten emigrieren, z. B. nach Argentinien, oder franziska giffey_stolpersteine oderstr. 52 neuköllnunter falschem Namen in Thü- ringen unter- tauchen. So sachlich Herr Schicke (2. v. r.) das auch schildert, so bedrückend sind die Vorstellungen, die sich damit verbinden.

Auch Dr. Franziska Giffey (r.), Bezirks-stadträtin für Bildung, Schule, Kultur und Sport, dankte für das Interesse und das Engagement der Beteiligten. Der Schulleiterin der Wetzlar-Grundschule, Brigitte Schmidt, überreichte sie ebenso wie einer Angehörigen, stellvertretend für die Familie, das Buch „Zehn Brüder waren wir gewesen… Spuren Jüdischen Lebens in Neukölln“. demnig_stolpersteine meth + lewin_neuköllnGiffeys für die Pressearbeit zuständige Mitarbeiterin, Bärbel Ruben, hebt ebenfalls das Bürgerengagement hervor, das solche Aktionen erst ermög- licht. Der Pate des dritten Stolpersteins, der an Martha Meth erinnert, wohne in der Nachbarschaft, erzählt sie. Falls er anwe- send sein sollte, will er sich nicht zu erkennen geben. Gunter Demnig will wei- ter: Die Verlegung 18 neuer Stolpersteine hat er für den Vormittag in Neukölln auf dem Programm.

Schon für 5 nach 10 war die Stolperstein-Verlegung vor dem Haus Richardstraße 86 geplant, und fast auf die Minute pünktlich fährt ein rotes Auto vor, dem der Künstler Gunter Demnig sowie ein junger Mann entsteigen. Die Station in der Richardstraße ist bereits die vierte des Tages. Mit großer Routine und im Beisein von Beate Motel (r.) und Brigitta Polin- na, Vertreterinnen des Förderkreises Böhmi- sches Dorf in Neukölln e. V., der Pate der beiden Mahnmale ist, entnimmt Gunter Dem- nig  Steine aus Gehwegbelag und passt in den freien Platz die Stolpersteine für Karoline Basch, geb. Schütz, und Josef Basch ein.

Beide stammten aus Böhmen: Josef Basch wurde am 17. Mai 1879 in Reitschoves geboren, Karoline am 14.3.1875 in Myss. Am 17. November 1941 wurden die Neuköllner nach Kowno depor- tiert, wo die Nazis einige Monate zuvor ein Konzentrationslager errichtet hat- ten. Kauen, der Ort an dem beide acht Tage nach ihrer Deportation starben, ist eine alte deutsche Bezeichnung für die litauische Stadt Kaunas; Kowno ist deren russischer Name.

Mehr als diese nackten Zahlen sind von den Baschs bisher nicht bekannt. Es liegt jetzt an der Initiative jedes Einzelnen, weiteres über Karoline und Josef Basch zu recherchieren. Volker Banasiak vom Museum Neukölln, der bezirkliche Stolpersteine-Koordinator, nannte mir einige der Möglichkeiten der Spurensuche: Zum Beispiel seien das Brandenburgische Landes- hauptarchiv (dort die Akten des Oberfinanzpräsidenten Berlin-Brandenburg), die Archivalien jüdischer Gemeinden, Institutionen und Privatpersonen, Berliner Adress- bücher (verfügbar in der Zentral- und Landesbibliothek Berlin), sowie die Gedenk- stätte in Yad Vashem wertvolle Quellen.

Josef Basch und Karoline Basch. Was immer sie beruflich taten, mit wem sie im Böhmischen Dorf Kontakt hatten, wer ihre Freunde waren? Wir wissen es noch nicht. Was wir wissen: Sie wa- ren Bürger von Neukölln.

Dem Initiator der Stolpersteine, Gun- ter Demnig (r.), konnte ich noch einige Fragen stellen. 1993, erzählt er mir, habe er die Idee gehabt, durch Stol- persteine an Verfolgte der NS-Zeit zu erinnern. Ab 1996 verlegte er die ers- ten illegal im Berliner Bezirk Kreuz- berg, legitimiert wurde das Projekt erst im Jahr 2000. Seitdem werden die Stolper- steine von ihm das ganze Jahr über verlegt. Einzig Minustemperaturen unter 9 Grad, sagt er, könnten seine Arbeit verhindern. Da störte dann der Regen gleich weniger.

Eine knappe halbe Stunde später erreichen Gunter Demnig und sein Zwei-Mann- Team das sechste Etappenziel in Neukölln: Bis zum Oktober 1940 lebte Paul Fürst in der 3. Etage des Hauses in der Bruno-Bauer-Straße 17a. Dass nun ein Stolperstein an ihn erinnert, ist dem Verein  proNeubritz  zu verdan- ken, der die Patenschaft für das Messing-Mahn- mal des Mannes übernahm, der „wegen politi- scher Unzuverlässigkeit“ ermordet wurde.

Paul Fürst war zunächst Justizangestellter ge- wesen, machte sich aber später selbstständig und gründete den Neukultur- und den Kosmos-Verlag. Schon 1920 war er in die SPD eingetreten und bis zum Verbot der Partei im Jahr 1933 ihr Mitglied. Weil Fürst „so- zialistische und wissenschaftliche Bücher“ vertrieb, wurde er 1938 mit einem Berufs- verbot belegt. Zwei Jahre später beschlag- nahmte die SA den kompletten Bücher- bestand, und die Gestapo nahm Paul Fürst wegen ille- galer Arbeit in „Schutz- haft“. Nach einigen Tagen wurde er  in das KZ Sach- senhausen eingeliefert, wo er am 6. Juni 1941 um 18.30 Uhr starb. Als Todesursache nennt die vom Lagerarzt ausgestellte Todesbescheinigung, die auch in der Publikation „Widerstand in Neukölln“ dokumen- tiert ist: doppelseitige Lungenentzündung und Kreis- laufschwäche.

Bei anderen Anga- ben hätten sich die Nazi ebenfalls viel Mühe gegeben, durch absicht- lich verfälschte Daten die Spurensuche nach Geg- nern des Regimes zu erschweren, sagt Bertil We- wer vom proNeubritz-Vorstand. So werde im Ster- bebuch des Standesbeamten Paul Fürsts alte Ge- schäftsadresse in der Gontardstraße 2 als Wohn- ort genannt: „Sehr wahrscheinlich lebten aber außer Paul Fürst auch seine Mutter, seine Schwes- ter und sein Bruder während der NS-Zeit hier in der Bruno-Bauer-Straße.“ Fürsts Schwester starb, wie Recherchen des Vereins ergaben, bruno-bauer-str. 17a_neuköllnim Dezember 1944, die Mutter, die als Opfer des Natio-nalsozialismus anerkannt wurde, am 14. März 1947. Eine Entschädigungszahlung blieb Paul Fürsts Bruder Wilhelm verwehrt, der später in Moabit wohnte und bis zu seinem Lebensende unter den Folgen des Nazi-Regimes litt. „Was von 1933 bis 1945 in Deutschland den Menschen an Verbrechen und Unmenschlichkeiten angetan wurde, hat auch Gott erzürnt und er wird den Schuldigen nie ver- geben, niemals“, hielt er schriftlich fest.

„Wir gehen jetzt weiter zur Jahnstraße 12, wo der proNeu- britz einen weiteren Stolperstein für Karl Tybussek ver- legen lässt. Danach werden wir die älteren Stolpersteine in Neubritz reinigen“, kündigte Wewer zum Abschluss der Gedenkzeremonie vor Fürsts Wohnhaus an. „Scheiß- wetter!“, brummelt Gunter Demnig und setzt sich zu seinem Assistenten und seinem Fahrer ins Auto. Nachdem der 18. neue Stolperstein weiter im Süden Neuköllns verlegt ist, setzt er seine Mission in anderen Berliner Bezirken fort.

=kiezkieker / Reinhold Steinle / ensa=

Bereits erschienene Beiträge über Stolpersteine im FACETTEN-Magazin: hier!

Großputz in Neubritz

frühjahrsputz-aktion pro neubritz e.v., carl-weder-park, neuköllnNach gut 1 1/2 Stunden hatten sie genug: Manchem ziepte es im Rü- cken, anderen in die Knien und wiederum andere hatten schlichtweg Hunger.  Dabei war das, was sie vorgestern unter blauem Himmel und strahlender Sonne getan hatten, ziemlich unappetitlich. Rund 20 Leute ließen sich vom proNeubritz e. V. motivieren, in grellorangen Kehren- bürger-Westen einen Frühjahrsputz im Carl-Weder-Park  zu machen. „Mit so vielen hatten wir absolut Weiterlesen

Weshalb im Neuköllner Ortsteil Neubritz das Braune nicht mehr ins Blaue kommt

Würde es wirklich Glück bringen, in Hundehaufen zu treten, müssten in Berlin die hundekotbeutel proneubritz e.v., neukölln, foto: gabriele kantel, schockwellenreiterglücklichsten Menschen Deutsch- lands leben. Bei über 20.000 Tonnen, die jährlich hinten aus den rund 150.000 Berliner Hunden fallen und auf Bürgersteigen, Parkwegen und in Grünanlagen liegen bleiben, stehen die Chancen schließlich mehr als gut, mitten in einer Tretmine zu landen.

Die Hundehaufendichte im Neuköll- ner Ortsteil Neubritz zu reduzieren, das hatte sich der proNeubritz e. V. in den vergangenen 2 1/2 Jahren auf die Fahnen geschrieben. Sieben Dogstations richtete der Verein in Zusammenarbeit mit der Stadt & Hund gGmbh in den Straßen im Viertel zwischen Kranold- und Jahnstraße ein und bestückte die Tütenspender regelmäßig mit neuen blauen Hundekotbeuteln. Etwa 100.000 Hinterlassen- schaften, beziffert der proNeubritz e. V., seien jährlich eingetütet in den orange- farbenen BSR-Abfalleimern entsorgt worden.

Damit ist es nun vorbei: Am 15. September wurden die Dogstations zum vorläufig letz- ten Mal befüllt. Denn der kleine aktive Verein hat kein Geld mehr, für Nachschub zu sorgen. Zwischen 200 und 300 Euro wären pro Tütenspender und Jahr nötig, um Hundehaltern kontinuierlich griffbereites Verpackungsmaterial für den Dreck ihrer Vierbeiner anbieten zu können, schätzt der proNeubritz-Vorstandsvorsitzende Bertil Wewer. Bisher sei das durch private Spenden gestemmt worden; das Nachfüllen der Stationen übernahmen ehrenamtliche Patinnen und Paten: „Meist Leute, die selbst einen Hund haben und abends beim Gassi-Gehen ‚ihre‘ Box bestückten.“ Einmal pro Woche, sagt Wewer, sei das wenigstens fällig gewesen.

Um den neuen Sauberkeitsstandard erhalten zu können, versuchte der Verein im Kiez angesiedelte Hotels und Firmen mit Publikumsverkehr als Sponsoren für die Aktion zu gewinnen – erfolglos. „Die fanden die Idee auch meist gut“, so Bertil Wewer. Doch mehr Einsatz als ein Lippenbekenntnis habe letztlich keines der angesprochenen Unternehmen gezeigt.

Dabei darf das Betreiben von Dogstations im Sinne eines saubereren Umfelds durchaus als effektiv bezeichnet werden: Wo ausreichend Beutelspender be- reitstehen, schätzt man bei Stadt & Hund, erhöht sich die Zahl der Hundehalter, die die Hinterlassenschaften von Bello und Konsorten eintüten, von etwa 15 Prozent auf das über Vierfache.

=ensa=

Drei für Neubritz

Der Reuterkiez ist bekannt, der Richardkiez auch, ebenso der Rollberg-, Schiller- und Körnerkiez. Fragt man Neuköllner jedoch nach Neubritz, könnte es mit der Antwort schon ein wenig länger dauern. Möglicherweise braucht die sogar nur Gesten statt Worte: ein Achselzucken oder irritierte Blicke.

Dieses Problem ist auch den Neubritzern bestens bekannt. Einer davon ist Bertil Wewer (2. v. r.): „Der Kiez wird gerne über- sehen“, weiß er.  Dabei hat das Gebiet Ausmaße, die mit der Fläche anderer Quartiere locker mithalten können. Nördlich wird es von der Ringbahn begrenzt, südlich vom Teltowkanal, öst- lich von der Karl-Marx-Straße/ Buschkrugallee und im Westen von Hermannstraße und Britzer Damm. Um das Übersehen zu erschweren, mehr Aufmerksamkeit auf den Kiez zu lenken und die Lebensqualität der Anwohner zu verbessern, wurde vor gut 2 1/2 Jah- ren der Verein proNeubritz gegründet.

Doch jetzt wollen die Neubritzer so richtig durchstarten und dafür sorgen, dass künftig auch in der Neuköllner Bezirksverordnetenversammlung (BVV) mehr über ihren Kiez gesprochen als geschwiegen wird. Die Berlin-Wahl am 18. September soll’s richten, und die Weichen dafür sind vorbildlich gestellt: Mit Bertil Wewer, Bernd Szczepanski (2. v. l.) und Mahwareh Christians-Roshanai (l.) haben es gleich drei der Neubritzer Aktivposten in die Top Ten der BVV-Kandidatenliste der Neuköllner Grünen ge- schafft, die von Jugendstadträtin Gabriele Vonnekold (r.) angeführt wird.

=ensa=