„Die nächsten Schritte der Grabungen auf dem Tempelhofer Feld müssen ganz genau überlegt werden“

gedenktafel_thf-hauptportalKriegsenkel werden Erwachsene der Jahrgänge zwischen 1960 und 1975 genannt, die den Zweiten Weltkrieg zwar nicht selbst erlebt haben, die aber aufgrund der Kriegserlebnisse ihrer Eltern und Großeltern unter dem Schatten der Kriegstraumata ihrer Vorfahren leiden. Den Begriff hat die Autorin Sabine Bode geprägt, nachdem sie 2003 bei ihren Recherchen für das Buch „Die vergessene Gene- ration“ auf dieses Phänomen stieß, das darauf hinweist, dass auch Nachkommen, die in Sicherheit und Wohlstand aufwuchsen, ein geschichtliches Erbe tragen – egal ob sie es wollen oder nicht.

Die Geschichte des Flughafens Tempelhof während der Zeit des National-sozialismus will der Verein THF 33-45 in lebendiger Erinnerung halten. Für ein Werkstattgespräch lud er am vergangenen Donnerstag in die Weiterlesen

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Hörmuseum auf dem Tempelhofer Feld eröffnet

hoerstationen_hörmuseum tempelhofer feld_berlinAuf dem Tempelhofer Feld trifft man immer wieder einmal auf temporäre Installationen. So ragen seit letztem Freitag in unmittelbarer Nähe des nördlichen Grillplatzes sechs Stahlrohre mit Photovoltaikelementen an der Spitze in den Himmel. In Brusthöhe sind gelbe Kästchen angebracht, denen man durch Knopfdruck Töne entlocken kann bzw. können sollte. Bei der Einweihung des Parcours, der das Hörmuseum Tem- pelhofer Feld bildet, funktionierte das aber nur bei vier hörstation_hörmuseum tempelhofer feld_berlindieser Hörstationen, die anderen bleiben stumm.

An den Kästchen sind unter Verwendung von Doppelkreuzen Schlag-wörter (oder Neudeutsch: Hashtags) angeklebt, die ihre Haltbarkeit noch beweisen werden müssen. Das Audio-Erlebnis einer Station, an der es tatsächlich etwas zu hören gibt, beginnt mit einer Toncollage von Besucherbefragungen zur aktuellen Nutzung Weiterlesen

Das Erbe unter unseren Füßen

Rostige Nägel, eine Rasiercreme-Tube, Flaschen,  Scherben von Tellern mit dem Aufdruck „Schönheit der Arbeit“, ein Schaltplan, Identitätsmarken grabungen 2012, lufthansa-zwangsarbeiterlager, tempelhofer feld berlinamerikanischer Soldaten, Emaille-Töpfe, Grabstellen und Sarg- griffe, Tuben mit Salben gegen Geschlechts- krankheiten, Gabeln, Reste von Stahlhelmen, Kämme, ein Souvenir für Ursula, Flugzeugteile:  Die vor einem Vierteljahr begonnene Spuren- suche auf dem Tempelhofer Feld (wir berich- teten)  hat ein so skurriles wie makaberes Sam- melsurium zutage gefördert. Gestern stellten die an den Grabungen beteiligten Institutionen einige der knapp 10.000 Fundstücke vor, die innerhalb weniger Wochen auf der Fläche des Lilienthal-Zwangsarbeiterlagers der Lufthansa geborgen wer- grabungsfunde 2012, lufthansa-zwangsarbeiterlager, tempelhofer feld berlinden konnten.

„Es ist besonders die Menge, die uns überrascht hat“, sagt Landes- konservator Prof. Dr. Jörg Haspel (2. v. l.), „und die Tatsache, dass vieles so dicht unter der Grasnarbe lag.“ Schon in 30 Zentimetern Tiefe wurde aus dem Suchen ein Finden. Den- noch seien es extrem schwere Gra- bungen gewesen, betont Dr. Karin Wagner (r.), die im Landesdenkmalamt Berlin den Fachbereich Archäologie leitet. grabungsfunde 2012, lufthansa-zwangsarbeiterlager, tempelhofer feld berlin, jan trenner (grabungsleitung)Schließlich hätten die Wissenschaftler in belasteten, womöglich noch mit Kampfmitteln kontaminierten Bö- den nach dem „Erbe unter unseren Füßen“ gesucht. Was das praktisch bedeutete, veranschaulicht Gra- bungsleiter Jan Trenner mit einem kniehohen Metall- gefäß, das beim Auffinden für Adrenalinschübe sorgte. Dass es sich bei dem Exponat um einen Behälter handelt, in dem Nahrungsmittel aufbewahrt wurden, sei erst durch Untersuchungen festgestellt worden.

Bei anderen Dingen war es trotz der Komplexität der Nutzung des Gebiets leichter, ihnen ihre Geschichten zu entlocken. Die Toilettenartikel sind Zeugnisse der Besatzungszeit. Die Sarggriffe gehen auf die Zeit vor dem 1. Weltkrieg zurück, als der Friedhof am Columbia- damm, der heute durch eine Backsteinmauer vom Tempelhofer Feld getrennt ist, weit bis in das ehemalige Flughafenareal hineinragte. „Die Flugzeugteile stammen von Kampfmaschinen, die  während des 2. Weltkriegs hier in den Werkshallen der Lufthansa von Zwangsarbeitern montiert und repariert wurden“, erklärt Prof. Dr. Reinhard Bernbeck (M.) vom Institut für Vorderasiatische Archäologie der FU Berlin. „Die  vielen gefundenen Nägel,  die alle  bei  7  Zentimetern umgebogen sind, lassen

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grabungsfunde 2012, lufthansa-zwangsarbeiterlager, tempelhofer feld berlinauf die Dicke der Holzwände der 12 Meter langen Baracken des Lagers schließen.“ Etwa 4.000 Männer und Frauen aus Frankreich, Belgien und Osteuropa wur- den hier von der Lufthansa als Zwangs-arbeiter für die Rüstungsindustrie einge-setzt, schätzt man. Konkretes, so Bern- beck, gehe aus einem Forschungsbe- richt hervor, der allerdings vom Luftfahrt-Konzern  nicht zugänglich  gemacht wer- de. Der Dokumentarfilm „Fliegen heißt Siegen: Die verdrängte Geschichte der Deutschen Lufthansa“ sei diesbezüglich aber auch sehr aufschlussreich, bemerkt Professor Haspel. Durch die Grabungen auf dem Tempelhofer Feld kommt grabungsfunde 2012, lufthansa-zwangsarbeiterlager, tempelhofer feld berlinweiteres Licht in das abgedunkelte Kapitel der Vergangenheit der Kranich-Airline.

Zudem leisten die Funde einen wertvollen Beitrag zur Stadtgeschichte. Inwieweit die haptischen Relikte der Nazi-Zeit Einfluss auf die Konzepte für die künftige Nutzung des Tempelhofer Felds haben werden, ist noch unklar. Fakt ist, dass die Wissen- schaftler im kommenden Jahr gerne ihre archäologischen Grabungen im Bereich des KZ Columbiahaus und des Richthofen-Lagers fortsetzen würden. Derzeit werde grabungsfunde 2012, lufthansa-zwangsarbeiterlager, tempelhofer feld berlinmit der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung an der Verlängerung der Kooperationsvereinbarung gearbeitet, sagt Landeskonservator Haspel. Auch sei eine Experten-gruppe unter Andreas Nachama, dem Direktor der Stiftung Topographie des Terrors, eingerichtet worden, die ein Gedenkstättenkonzept für das Tempelhofer Feld entwi- ckeln werde.

„Wir begreifen die Ausgrabung und die Würdigung der Funde aber auch als Vorbereitung auf das Berliner The- menjahr 2013 und grabung 2012, lufthansa-zwangsarbeiterlager, tempelhofer feld berlin, jan trennerden Tag des offenen Denkmals im nächsten Tag“, sagt Jörg Haspel. Ersteres werde unter dem Motto „Zerstörte Vielfalt – Berlin in der Zeit des Nationalsozia- lismus“ stehen, letzter beschäftigt sich mit dem Aspekt „Jenseits des Guten und Schönen: Unbequeme Denkmale?“. Das seien doch geeignete Anlässe, sich in- tensiv mit der eminent wichtigen Frage zu beschäftigen, wie man nationalsozialis- tische Großanlagen erhalten, erschließen und für nachfolgende Generationen entwickeln kann, findet er.

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Spurensuche auf dem Tempelhofer Feld

Wer das Tempelhofer Feld besucht, wird in der Nähe des Eingangs Columbiadamm neue Aktivitäten bemerken, bei deren Auftakt sogar schwere Baumaschinen zum archäologische ausgrabungen tempelhofer feld berlinEinsatz kamen. Was geschieht dort? An den Bauzäunen vor Ort wie auch auf der Homepage der Tempelhofer Freiheit erfährt man: Archäologische Ausgrabungen gestartet. Wer dazu von kompetenter Seite mehr erfahren will, finde sich freitags um 13 Uhr am Infopunkt Columbiadamm zu einer Gra- bungsführung ein. Ich habe es vorgestern, also am Tag mit dem geschichts- trächtigen Datum 20. Juli, gemacht. Die junge Frau, die sich zwischen Schokoriegeln und Eis am Stiel in der roten Info-Tonne aufhielt, wusste zwar nichts von den Führungen, aber da der Ort des Geschehens in Sichtweite liegt, war Prof. Dr. archäologische ausgrabungen tempelhofer feld berlin, prof. dr. reinhard bernbeckReinhard Bernbeck schnell gefunden.

Dass der Archäologe von der FU Berlin ein Sweatshirt mit dem Schriftzug „Columbia“  trug, war vielleicht gewollt. Gleichermaßen anschaulich wie sehr sensibel in seiner Wortwahl erläuterte er das Vorhaben dieser sogenannten Rettungsgrabung, die sich im nördli- chen Bereich des „Lilienthal-Lagers“ befindet. Zu (lageplan) archäologische ausgrabungen tempelhofer feld berlin, zwangsarbeiterlager, garnisonsfriedhofverdanken seien die Grabungen zum jet- zigen Zeitpunkt der Absicht, die IGA 2017 aufs Tempelhofer Feld zu holen. Dass daraus nun nichts wird, schmälere die Aktivitäten der Archäo- logen nicht. „Lediglich der Zeitdruck entfällt“, sagt Bernbeck.

Was soll denn nun aber „gerettet“ werden? Oder: Was ist überhaupt von archäologischem Inte- resse? Das sind in erster Linie Zeugnisse aus Zeiten, in denen sich an diesem Platze die Zwangsarbeiterlager der Lufthansa und der „Weser“ Flugzeugbau GmbH befanden. Letztere stellte hier von 1941 bis 1944 fast 2.000 JU87-Sturzkampfbomber her. Die jetzt dort tätigen Grabungsarbeiter, -techniker und Studenten stoßen aber auch auf Spuren ehemaliger Grabstellen, denn hier (lageplan) archäologische ausgrabungen tempelhofer feld berlin, zwangsarbeiterlager, garnisonsfriedhofbefand sich seit 1929 die erweiterte Fläche des Garnisonsfriedhofs – einem Friedhof, dessen Planungen ge- schweige denn die Ausführungen dazu jemals abgeschlossen worden sind. Auf dem Bild, das den Zustand vor dem Um- bau 1929 zeigt, ist die Friedhofserweite- rung eingezeichnet. Bereits acht Jahre später wurde die Fläche auf die heutigen Abmessungen reduziert und es wurden die notwendigen Umbettungen vorgenommen. archäologische ausgrabungen tempelhofer feld berlinNatürlich ging Prof. Bernbeck auch auf die Zeit des alten Flughafens – oder wie er sagte: des „Alten Hafens“ – ein. Entsprechendes Bildmaterial hatte er dazu bei der Hand.

Wie geht nun eine solche Grabung vonstatten? Nachdem die sogenannte Pflugschicht abgetragen ist, d. h. die Ausgrabungsfläche archäologische ausgrabungen tempelhofer feld berlin, zwangsarbeiterlager, garnisonsfriedhofmit Radladern vom Oberboden befreit wurde, beginnt die eigentliche Arbeit der Fachleute. Nun wird mit Spachtel und Pinsel gearbeitet  und  jeder Befund archäologische ausgrabungen tempelhofer feld berlin, zwangsarbeiterlager, garnisonsfriedhof(hier ein Barackenfun- damentstreifen) und je- des noch so kleine archäologische ausgrabungen tempelhofer feld berlin, zwangsarbeiterlager, garnisonsfriedhofFundstück dokumen- tiert. Die Fundstellen werden nummeriert und der Fundort gekennzeichnet  und anschließend fotografiert, in Aufsicht gezeichnet und eingemessen. archäologische ausgrabungen tempelhofer feld berlin, zwangsarbeiterlager, garnisonsfriedhofDaraus entstehen spä- ter die Grabungs- und Detailpläne. Vor allem bei unbeständigem Wetter müssen die Arbeiten recht zügig gehen, wie die Forscher bereits mehrfach erfahren mussten, denn Regengüsse vernichten gerade sichtbar gewordene Farbunterschiede im archäologische ausgrabungen tempelhofer feld berlin, zwangsarbeiterlager, garnisonsfriedhofErdreich sofort wieder.

Die  Fundstücke sind auf den ersten Blick nicht sonderlich spektakulär. Damit, auf das Tage- buch eines Zwangsarbeiters zu stoßen, rechnet hier niemand. Doch auch Kleinigkeiten wie der Bügelverschluss einer Bierflasche oder die Scherben eines Porzellangeschirrs, eines Kachelofens oder einer Industriekeramik geben den Archäologen wichtige Anhaltspunkte: Danach beginnt die zeitliche Zuordnung und z. B. die Recherche, welche Brauerei den Verschluss wann verwendet archäologische ausgrabungen tempelhofer feld berlin, zwangsarbeiterlager, garnisonsfriedhofhat. „Ein verbogener, rostiger Nagel kann bespielsweise sehr gut Auf- schluss über die Dicke einer Bret- terwand geben“, erklärt Reinhard Bernbeck. Einige seiner Schätze hat er mitgebracht und zeigt sie. Dann ist die Expedition ins dunkle Kapitel der Geschichte des Tempelhofer Feldes für uns vorbei, für die Wissenschaftler geht sie weiter.

=kiezkieker=