Beeindruckende Bilanz einer spontanen Idee

„Gib etwas zurück an Berlin“, dachte sich Annamaria Olsson, die 2008 aus Schweden für das Studium und um als Journalistin zu arbeiten in die Stadt gekommen war, als sie 2012 mit einem spontanen Eintrag bei Facebook die Gruppe „Give Somthing Back To Berlin“ (GSBTB) initiierte. Die Botschaft ihrer Initiative, die ein Jahr später förmlich gegründet wurde, lautete: Jeder Mensch kann etwas Gutes für seinen Aufnahmeort Berlin tun, unabhängig von Staatsangehörigkeit, sozialer Herkunft oder Aufenthaltsdauer in der Stadt.

Am Donnerstag vergangener Woche richteten Annamaria Olsson (l.) und Lucy Thomas (M.), Geschäftsführerin bei GSBTB, im Sharehaus in der Weiterlesen

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Szenen des Alltags

desiree nick_fotoausstellung altenpflege_bürgerzentrum neukölln„Damit wir uns im Alter treu bleiben können“, fordert die durch eine Maskenbildnerin in die Jahre gekommene Désirée Nick. Unter dem Oberschenkel und der mit Altersflecken über- säten Hand der Entertainerin der Hinweis, dass Altenpflege, weil wir immer älter werden, ein Berufsfeld mit Sinn und Zukunft ist. „In ein paar Jahren gibt es bürgerzentrum neuköllnmehr Menschen über 65 als unter 18″, infor- miert der Schriftzug außerdem. Im Bür- gerzentrum Neukölln, wo die Foto-Ausstellung „Gepflegt in der Gegen- wart“ am letzten Mittwoch eröffnet wurde, kommen unter 18-Jährige schon jetzt nicht mehr vor. Das unter der Leitung des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Berlin ste- hende Gebäude, das bis zum November 2013 „Haus des älteren Bürgers“ hieß, hat seitdem zwar einen neuen Namen, aber das Publikum besteht nach wie vor fast 4_altenpflege-fotoausstellung_bürgerzentrum neuköllnausschließlich aus Senioren.

„Schöne Bilder“, meint eine Mitarbeiterin des Hauses, bevor sie in ihrem Büro verschwindet. Das leise hinter ihrer Be- merkung klingende Fragezeichen bleibt draußen. Ja, es sind schöne Bilder, die nun hier im Atrium-Café des Bürger- zentrums bei der vom Paritätischen Wohl- fahrtsverband Berlin und der Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales initiierten Ausstellung gezeigt werden, zweifellos. Es sind 17 Schwarz-Weiß- Fotografien, die in ambulanten paritätischen Pflege-Einrichtungen entstanden, Szenen des Mitein- anders von Pflegenden und Gepflegten widerspiegeln und den  „Fokus auf  das  Hier

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und Jetzt der Berliner  Pflegelandschaft“ lenken sollen. „Die ausgestellten Fotos machen deutlich, was die Altenpflegerinnen und –pfleger tagtäglich leisten und zeigen zugleich, wieviel Wärme Pflegende von Menschen, die sie betreuen, zurück- erhalten“, so Mario Czaja, Berlins Senator für Gesundheit und Soziales, bei der Vernissage. Doch das ist nicht das alleinige Ansinnen der in die Kampagne „Gepflegt in die Zukunft“ eingebetteten Ausstellung. „Wir wollen“, so Czaja, „mehr Menschen für den Altenpflegeberuf begeistern.“ Zudem solle die Aufmerksamkeit der Öffent- lichkeit auf die große 3_altenpflege-fotoausstellung_bürgerzentrum neuköllnLeistung Pflegender gelenkt, ihr Ansehen in der Gesellschaft gesteigert und ihnen so gebührende Aner- kennung gezollt werden.

Dass mit dieser Ausstellung jedoch solche hehren und wichtigen Ziele erreicht werden, ist fraglich. Denn die Fotos von Christiane Weidner, Frederic Brueckel, Michael Janda, Rais Khalilov und Martin Thoma, ehren- amtlichen Fotografen des Paritätischen, zeigen nur einen Bruchteil des beruflichen Alltags Pflegender und beschränken sich weitestgehend auf die Darstellung der angenehmen Aspekte der Tätigkeit. Das harte Pflichtprogramm, das gleichermaßen zur ambulanten wie zur stationären Pflege gehört, lassen sie – der schönen Bilder zuliebe – komplett aus.

Die Ausstellung „Gepflegt in der Gegenwart“ ist  noch bis zum 9. Januar im Atrium des Bürgerzentrums Neukölln (Werbellinstr. 42; Öffnungszeiten: Mo. – Fr. 9 – 17 Uhr) zu sehen. Danach, ab 15. Januar, wird die Ausstellung im Gebäude der Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales gezeigt.

=ensa=

Mit der Zeitschleife im Nacken und Kontinuität im Blick: Offener Brief der „berliner jungs“ zur Kündigung freier Jugendhilfe-Träger in Neukölln

Die Sommerferien hatten gerade begonnen und die Neuköllner Jugendstadträtin Gabriele Vonnekold (Grüne) eben ihren Urlaub angetreten, als Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD)  das Fallbeil in den Haushalt des Jugendamts krachen ließ: Da sich abzeichnen würde, dass der Jahresetat des Ressorts um 4,1 Millionen Euro überzogen werde, kündigte der Bezirk rund 50 freien Trägern der Jugendhilfe zum 30. September. Ähnliches hatte sich bereits im letzten Jahr abgespielt.

Zu den Betroffenen der Neuköllner Haushaltspolitik nach „Und jährlich grüßt das Murmeltier“-Manier gehören auch die berliner jungs. Jetzt nehmen sie in einem offe- nen Brief  Stellung:

berliner jungs, Fachstelle zur Prävention von sexueller Gewalt an Jungen, ist von der Kündigungswelle der sozialen Leistungen in Neukölln betroffen, und das in einem pädosexuellen Schwerpunktgebiet Berlins.

  • Jeder vierte Junge wurde durch Pädosexuelle angesprochen.
  • Jeder zwölfte Junge hat konkrete sexuelle Übergriffe erlebt.
  • (Quelle: Studie FU Berlin 2004)

berliner jungs hilft betroffenen Jungen direkt und ohne bürokratische Hürden durch:

  • Streetwork in pädosexuellen Aktivfeldern mit Infos für Jungen und Eltern;
  • Prävention gegen sexuelle Gewalt an Schulen, Kinder- & Jugendein- richtungen, Kitas; u.a. Präventionsmodul „Jibs-Jungen informieren, bera- ten, stärken“ (mit Theater, Selbstbehauptung, Wissensvermittlung zu Täter- strategien, inkl. Elternabend, Lehrerschulung & Fachberatung bei Bedarf)
  • Beratung für betroffene Jun- gen und Angehörige, sowie für Fachkräfte.

In 2010 halfen und berieten wir mehr als 500 Jungen; mehr als 325 Neuköllner Fachkräfte holten sich bei uns Informationen und Unterstützung und es gingen mehr als 40 Hinweise auf pädosexuelle Aktivitäten in eng umgrenzten Sozialräumen ein. Dieses fachliche Angebot würde wegfallen: Das bedeutet aktiven Täterschutz. Die Vielzahl an Hinweisen zeigt, dass pädosexuelle Täter in Neukölln flächendeckend aktiv sind. Bis vor einigen Jahren gab es in Neukölln eine ausgeprägte pädosexuelle Kneipenstruktur, wo sich Männer mit Jungen im Grundschulalter trafen. Geblieben sind neuköllnweit  „Offene Wohnungen“ (Täter laden Jungen unter 14 zu sich ein, zu Internet, Computerspielen, aber auch Alkohol, Pornografie, um sie auf sexuelle Übergriffe vorzubereiten). Und Pädosexuelle sind auf Spielplätzen, in Einkaufscentern oder im Internet unterwegs. Seit 2005 wird die Arbeit von berliner jungs durch das Ju- gendamt Neukölln gefördert. Neukölln nimmt damit eine Vorreiterrolle in der Prävention von sexueller Gewalt gegen Jungen ein.

Mit Betroffenheit haben wir erfahren, dass auch andere wichtige Neuköllner Projekte von den Kürzungen betroffen sind. berliner jungs arbeitet eng mit unterschiedlichen Koopera- tionspartnern wie Schulstatio- nen, Jugendclubs und Bera- tungsstellen zusammen. Sie sind oft die ersten Ansprech- partner der Kinder und Jugend- lichen, die von sexueller Gewalt betroffen sind. Auf Hilfen zur Erziehung (HzE) besteht ein gesetzlicher Anspruch, der sich immer auf einen individuellen Bedarf gründet. Auf den Anstieg der Bedarfe im Bereich der HzE mit einer Kürzung im Bereich der Prävention zu reagieren, bedeutet Kindern und Jugendlichen Möglichkeiten zu nehmen Probleme und Konflikte zu thematisieren, bei Kinderschutzfällen Hilfe einzufordern. Damit steigt die Gefahr, dass Bedarfe von Kindern und Jugendlichen spät oder gar nicht „erkannt“ werden. Für den Arbeitsbereich von berliner jungs bedeutet es, dass Jungen, die von sexueller Gewalt bedroht und/oder betroffen sind, allein gelassen werden.

„Es ist fachlich unvertretbar, dass die verschiedenen Formen der Jugendhilfe gegeneinander ausgespielt werden. Die sog. freiwilligen sozialen Leis- tungen der Jugendhilfe wirken präventiv und setzen ein, bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist. Sie sind ebenso wichtig wie die gesetzlichen Hilfen zur Erziehung!“ (aus: Pressemitteilung des Paritätischen Wohlfahrtsver- bandes zur „vorsorglichen Kündigung“ durch das Bezirksamt Neukölln)

Das Team von berliner jungs                                 Berlin, den 07.07.2011
Ansprechpartner: Henk Göbel, Koordination Neukölln

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