Geschichte zum Anfassen, Lernen und Ausleihen

materialkoffer ns-zwangsarbeit_museum neuköllnEin Seifenstück, kaum größer als eine Streich-holzschachtel. Fotos von Menschen, die, sich um ein Lächeln bemühend, in ihrer Arbeits-materialkoffer zwangsarbeit_museum neukoellnkleidung posieren. Kleine Betonbro- cken und rostige Nägel, ein Rosen- kranz und Tage- buchaufzeichnun- gen. „Wir haben jetzt erst verstanden, worum es wirk- lich geht“, sagen die Schülerinnen und Schüler der 10. Jahrgangsstufe der Neuköllner Clay-Schule nach ihrer Projektwoche zum Thema Zwangsarbeit. Was vorher eine von vielen Vokabeln aus dem Geschichtsunterricht war, hat nun für sie eine völlig neue Bedeutung mit un- geahnten Dimensionen bekommen. Und eine ungeahnte Nähe: Weiterlesen

Wie würden Sie entscheiden?

Nachdem sie zuerst in der Stadtbibliothek Neukölln Station gemacht hat, ist die Ausstellung „Ausgestoßen und verfolgt“ nun im Einkaufszentrum Neuköllner Tor zu sehen. Auf Schautafeln vor der VHS-Filiale im 1. Obergeschoss gibt sie Einblicke in das  Leben der jüdischen Bevölkerung  während der Nazi-Zeit in  Neukölln. Die Aus-

begleitheft ausgestoßen und verfolgt_mobiles museum neukölln

lung kann bis zum 24. Mai während der Center-Öffnungszeiten (tgl. außer an Sonn- und Feiertagen von 7 bis 23.30 Uhr) besichtigt werden. An Werktagen Weiterlesen

Tempelhofer Erklärung gegen das Vergessen

Noch sieben Wochen, dann können sich die Berliner Wähler für den einen oder ande- ren Gesetzentwurf und damit über die Zukunft des Tempelhofer Felds entscheiden. Ausgelassen werde bei den kontrovers geführten Diskussionen über die Nutzungs- pläne jedoch „die NS-Geschichte dieses historischen Ortes“, kritisiert der Förder- verein für ein Gedenken an die Naziverbrechen auf dem Tempelhofer Flugfeld und erinnert:  „Auf  dem  Gelände existierten ein  SS-Gefängnis, das  Konzentrationslager

tempelhofer feld_berlin

Columbia-Haus sowie Zwangsarbeiterbaracken.“ Deshalb bedürfe es dringend ei- nes Gesamtkonzeptes für ein Gedenken auf dem Tempelhofer Feld Weiterlesen

Finsteres Erbe von Berliner Gemeinden in Neukölln freigelegt

st. thomas friedhof_neuköllnRechts neben dem ehemaligen Blumenladen in der Hermannstraße durch das Portal, vorbei an der neo-gotischen Kirche, die seit inzwischen 10 Jahren von der Bulgarischen Orthodoxen Ge- meinde bulgarische orthodoxe gemeinde_jerusalem-kirchhof neuköllngenutzt wird, und dann über 300 Me- ter immer geradeaus. Wer diesen Weg hinter sich hat, steht dort, wo 39 evangelische und drei katholische Gemeinden während der NS- Zeit das einzige kirchliche Zwangsarbeiter- lager betrieben.

Für über 100 aus der damaligen Weiterlesen

Spuren jüdischer Unternehmen in Neukölln

Vielfalt ist ein Begriff, der schon immer mit Neukölln in Verbindung gebracht wird. Sind es heute Einwanderer aus arabischen Ländern, der Türkei oder südlichen EU- Nationen, die mit ihren Unternehmen das gewerbliche Angebot im Bezirk mitgestal- ten, waren es früher jüdische Geschäftsleute, die völlig selbstverständlich zu Neu- kölln gehörten.  An sie erinnert der neue Hörspaziergang „Auf dem Damm“, der in 13 Stationen zwischen Hermannplatz und Maybachufer kleine und mittelständische

karstadt hermannplatz_neukölln

jüdische Unternehmen vorstellt, die bis zum Ende der 1930er Jahre im Kiez exis- tierten: Eierhandlungen, eine Likör- und eine Krepppapierfabrik, Weiterlesen

Mit Zeitzeugen durch Neukölln- und Weltgeschichte

hufeisensiedlung-ausstellung_museum neuköllnUnd jetzt? Das fragen sich wohl viele, die aus der Ausstellung  „Das Ende der Idylle?“ kommen und nun vor dem Museum Neu- museum neuköllnkölln stehen.  Wer sich den 400-seiti- gen Katalog zur Ausstellung zuge- legt hat, will viel- leicht umgehend in dem schmökern, um die noch frischen Eindrücke vom Wandel, der in der Britzer Großsiedlung mit der Machtübernahme der Nazis einherging, zu vertiefen. Andere werden eher das Bedürfnis verspüren, sich sofort in der Hufeisen- und Krugpfuhlsiedlung Weiterlesen

Tür an Tür: Einprägsame Einsichten in das Leben in der Großsiedlung Britz vor und nach 1933

„Das Ende der Idylle?“ heißt die neue Ausstellung im Museum Neukölln, und wenig idyllisch war auch deren Eröffnung am Freitagabend. das ende der idylle_großsiedlung britz-ausstellung_museum neukölln„Für so viele Leute ist die Aus- stellungsarchitektur wirklich nicht ge- macht“, entschuldigte sich Museums- leiter Dr. Udo Gößwald bei allen, die keinen Sitzplatz mehr fanden oder das Geschehen innerhalb der auf Stoff ge- druckten Nachbildung der Hufeisen- siedlung nur akustisch verfolgen konn- 3_großsiedlung britz-ausstellung_museum neuköllnten. Künftig wird es im ehemali- gen Ochsenstall, in dem das Mu- seum Neukölln seit dem Umzug nach Britz seine Sonder-ausstellungen zeigt, weniger Gedränge und viel Zeit geben, sich mit den beeindruckenden Exponaten zu beschäftigen.

Im Mittelpunkt der Ausstellung, die Neuköllns Beitrag zum Berliner Themenjahr „Zer- störte Vielfalt“ ist, stehen die Hufeisen- und Krugpfuhlsiedlung, die als Pionierprojekt des sozialen Wohnungsbaus für Arbeiter und Angestellte geplant und zwischen 1925 und 1933 als Großsiedlung  Britz errichtet  wurden. Dass die ursprüngliche  Intention,

zeitstrahl ab 1918_großsiedlung britz_neukölln zeitstrahl ab 1933_großsiedlung britz_neukölln

komfortablen Wohnraum für kleinere Haushaltskassen anbieten zu können, schon an der Weltwirtschaftskrise über weite Strecken scheiterte, ist eine Sache. Weitaus größere Auswirkungen auf das Leben in der Siedlung hatte jedoch die Machtüber- peter lösche_museum neuköllnnahme der Nazis, und speziell dieser Aspekt wird durch „Das Ende der Idylle?“ in den Fokus gerückt.

Einer, der in der Großsiedlung Britz geboren wurde, ist Prof. Dr. Peter Lösche, der als Parteien- und Wahlforscher bundesweit be- kannt wurde. 1935 waren seine Eltern, die SPD-Politiker Dora und Bruno Lösche, in die Fritz-Reuter-Allee 83 gezogen, 1945 zogen sie in eine Wohnung am Rande der Siedlung um. „Eine Idylle“, so Lösche, „herrschte in der Hufeisensiedlung aber auch vor 1933 nicht.“ Realistisch betrachtet könne man die Atmosphäre innerhalb der Solidargemeinschaft von Künstlern, SPD- und KPD-Anhängern bestensfalls als brüchige Idylle bezeichnen: „Die Anarchos hatten für die sozialdemokratischen Spießer nur Hohn und Spott übrig und umgekehrt war es nicht anders.“ Dennoch habe er beim „Rückspüren in der eigenen Biographie“ sehr positive Erinnerungen an die Siedlung, franziska giffey_museum neuköllnmit seinem Buddelkastenfreund Wolfgang Hempel sei er sogar nach wie vor befreundet. „Ich bin ein Brit- zer!“, konstatierte Lösche, und als solcher freue er sich über den Fortschritt in der regionalhistorischen Forschung, den die Ausstellung bedeutet und doku- mentiert.

Den Wert der neuen Erkenntnisse hob auch Dr. Franziska Giffey in ihrer Begrüßungsansprache her- vor: „Die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit hat eine lange Tradition in unserem Bezirk, mit der Forschung im Vorfeld der Ausstellung konnte die Geschichtsaufarbeitung entscheidend fortgeführt werden.“ Aufgrund der guten Quellenlage sei es inzwischen möglich, die Alltagswirklichkeit und Handlungs- optionen der Menschen während des Nazi-Regimes viel differenzierter 1_großsiedlung britz-ausstellung_museum neuköllnals noch vor ein paar Jahren darstellen zu können.

Rund 80 Familien jüdischer Herkunft und 130 Künstler lebten vor 1933 in der Groß- siedlung Britz. 18 Bewohner, so die Neu- köllner Kulturstadträtin, wurden Opfer des Regimes, andere zogen weg, bevor Schlim- meres passieren konnte. Parallel dazu nahm der Zuzug von Nazis verheerende Ausmaße an: Waren es 1928 noch 128 NSDAP-Mitglieder, die in der Hufeisen- und Krugpfuhlsiedlung wohnten, hatte sich ihre Zahl 12 Jahre später fast verzehnfacht. Auch Adolf Eichmann, einer der Hauptorganisatoren des Holocaust, gehörte drei Jahre lang zu den Mietern: 1945 zog einer der wenigen Auschwitz-Überlebenden in statue die deutsche familie_museum neuköllnsein ehemaliges Haus in der Onkel-Herse-Straße 34.

„Das Bezirksamt Neukölln“, hielt Giffey fest, „sieht es als eine seiner wichtigsten Aufgaben an, Erkenntnisse der Geschichtsforschung für die Gegenwart und Zukunft zu nutzen.“ Niemand solle die Gewalt unterschätzen, die von den Feinden der Demokratie ausgeht, mahnte sie mit Hinweis auf „das fatale Versagen rechtsstaatlicher Struktur“ in Sachen NSU.

Dass es in Neukölln mit der Pflege eines aufmerksamen Umgangs mit der deutschen Vergangenheit nicht immer furchtbar genau genommen wurde, beweist das Standbild „Die deutsche Familie“, 2_großsiedlung britz-ausstellung_museum neuköllndas ebenfalls in der Ausstellung zu sehen ist. Im Mai 1935 wurde die Statue des Bildhauers Bernhard Butzke im Akazien- wäldchen an der Fritz-Reuter-Allee einge- weiht, erst 2001 wurde sie dort abgebaut und eingelagert. Der Kopf des Vaters sei irgendwann abhanden gekommen.

Dafür, dass die Erinnerung an Menschen, die in der Krugpfuhl- und Hufeisensiedlung wohnten, nicht abhanden kommt, sorgt die Ausstellung „Das Ende der Idylle?“. Der udo gößwald_museum neuköllnWorpsweder Maler Heinrich Vogeler lebte hier, ebenso der Künstler Stanislaw Kubicki, der Anarchist und Dichter Erich Mühsam, der Leichtathlet Rudolf Lewy sowie zahlreiche SPD- und KPD-Parteigrößen. „Mit Beginn der Nazi-Herrschaft unterlagen sie als nichtkonforme Bewohner einer sehr ausgeprägten soziale Kontrolle und nahmen große Risiken in Kauf“, unterstrich Museumsleiter Dr. Udo Gößwald.

Es sind bedrückende Details und schier unvor-stellbare Lebensgeschichten, die von nun an durch die 2 1/2-jährige Arbeit seines Teams ins öffentliche Bewusstsein gerückt werden. „Dieses mikrohisto- rische Projekt macht deutlich, wie wichtig heute die Forschung regionaler Museen ist“, sagte Gößwald, und er sei sehr stolz auf das Ergebnis.

Seit der Vernissage ist die Sammlung des Museums um einige Schätze reicher. „Ich habe Ihnen etwas aus dem Konvolut meines Vaters als Geschenk franziska giffey+udo gößwald+peter lösche_museum neuköllnmitgebracht“, kündigte Prof. Dr. Peter Lösche an und überreichte Gößwald eine Map- pe. Die Ebert-Stiftung habe viel zu viele von diesen Akten, meinte der Britzer: „Sie sollten gefördert werden.“ Dass Lösche – zu Gößwalds sicht- licher Irritation – ständig vom Heimat- museum gesprochen hatte, obwohl das Museum Neukölln bereits seit neun Jahren auf den zweisilbigen Zusatz verzichtet, war in diesem Moment verziehen.

Die Sonderausstellung „Das Ende der Idylle? Hufeisen- und Krugpfuhl- siedlung vor und nach 1933“ wird noch bis zum 29. Dezember im Museum Neukölln gezeigt.

Zur Ausstellung ist ein 400-seitiger Katalog (18 Euro), der die Forschungs- ergebnisse detailliert dokumentiert, sowie die Begleitbroschüre „50 Türen in die NS-Zeit“ (5 Euro) erschienen.

=ensa=

Neuköllner Erinnerungs(un)kultur

Heute würde Martin Weise sein 110. Lebensjahr vollendet haben, wäre er nicht – wie so viele seiner Gesinnungsgenossen – den Naziverbreche(r)n zum Opfer gefallen und mit gerade einmal 40 Jahren zu Tode gebracht worden. Ein wahrhaft mutiger Mann, der auch nach dem Verbot des Parteiorgans „Die Rote Fahne“, für das er als Redakteur tätig war, dieses illegal weiter mit herausgegeben hat. Deshalb verhaftet, martin weise-wohnhaus_jonasstr 42_neuköllnarbeitete er nach fünf Jahren barba-rischer Haft- und Lagerbedingungen erneut publizistisch im Untergrund, diesmal für die Zeitschrift „Die innere Front“.

In seiner Neuköllner Zeit wohnte Mar- tin Weise in der Jonasstraße 42 und war ab 1929 Bezirksverordneter für die KPD – bis die Nazis es unterbunden haben. Da der Hauseigentümer gegen das Anbringen der bereits im September 1984 von der Bezirksverordnetenversamm- lung beschlossenen Neuköllner Gedenktafel an der Fassade seines Gebäudes war, wich man auf eine Metalltafel in einem Stahlrohrrahmen vor dem Haus aus: Erst im September 1998, also ganze 14 Jahre nach dem Beschluss und fast 55 Jahre nach Weises Tod, wurde martin weise-fahrradbügel_neuköllndiese schließlich aufgestellt.

Der auf der stark verschmutzten Tafel nur schwer lesbare Text lautet: „Hier wohnte Martin Weise, ge- boren 1903, Redakteur der „Roten Fahne“ und von 1929 bis 1933 Bezirksverordneter der KPD. Nach einem langen Leidensweg durch verschiedene Kon- zentrationslager und Zuchthäuser wurde er wegen seines Widerstands gegen den nationalsozialis-tischen Terror zum Tode verurteilt und am 15. No- vember 1943 im Zuchthaus Brandenburg hinge-richtet.“

beschmierte martin-weise-gedenktafel_neuköllnDer Rahmen der Gedenktafel, die in einer verdreckten ehe- maligen Baumscheibe steht, mutet wie ein Fahrradbügel an und wird offenbar auch als solcher genutzt. Als sei diese Art der Erinnerungskultur nicht schon unwürdig genug, hat man nun zum 110. Geburtstag Martin Weises noch eins draufgesetzt, das hier nur dokumentiert, aber nicht weiter kommentiert werden soll.

=kiezkieker=

Verschleppt. Getreten. Beschimpft. Bedroht.

kreuzAnlässlich des Berliner Themenjahrs „Zerstörte Vielfalt“ ist die Konfron-tation mit den immer wieder unfass- baren Gräueltaten innerhalb der Dutzend Jahre braunen Terrors groß. Dass sogar die Evangelische Kirche daran beteiligt war, indem sie ver- steckt im hinteren Teil des Fried- hofs der Jerusalems- und neuen Kir- che V an der Neuköllner Netzestraße von 1942 bis 1945 ein Zwangsarbeiterlager betrieb, ist kaum zu glauben. Über 40 christliche Gemeinden (38 evangelische und 3 katholische) waren daran beteiligt und ließen auf säulenrest_ns-zwangsarbeiter_neuköllnihren Friedhöfen über hundert aus der besetzten Sowjetunion verschlepp- te männliche Zivilisten als Totengräber schuften.

Bis vor zwei Wochen erinnerten eine Infor-mationssäule und ein Gedenkstein nahe dem Eingang dieses Friedhofs daran. Heute ist dieser Platz verwaist und nur noch der Sockel und ein Kranz aus Kieseln weist darauf hin, dass hier mehr gewesen sein muss.

Begibt man sich allerdings in den Teil, in dem die Wohn- und Wirtschaftsbaracken gestanden haben, trifft man auf eine etwas schief stehende Tafel, auf der u. a. zu lesen ist: „Hier standen von August 1942 bis April 1945 die Baracken eines hinweistafel_gedenkort zwangsarbeiterlager_neuköllnkirchlichen Zwangsarbeiter- lagers. (…) Wegen mangel- hafter Ernährung litten sie unter Hunger und Krankhei- ten. Kranken wurde in eini- gen Fällen Arbeitsverweige- rung unterstellt. Das bedeu- tete Einweisung in ein »Ar- beitserziehungslager« oder KZ. (…) Bei den häufigen Bombardements des an- grenzenden Flughafens durften die Insassen des Lagers als besonders gekenn- zeichnete »Ostarbeiter« keine Luftschutzkeller benutzen. (…) Das Lager wurde drei Mal von Bomben getroffen und brannte am 29. April 1944 nieder. Auch wenn es bei diesem Angriff, da er tagsüber erfolgte, keine Todesopfer gab, wuchs die Angst. Das Lager wurde 1944 nach der Zerstörung hinweistafel_ausstellung ns-zwangsarbeit_neuköllnnotdürftig wiederaufgebaut. Die Befreiung er- folgte am 24. April 1945 durch die Rote Armee.“

Dann ein weiteres Schild. Und wer am letzten Sonntagnachmittag diesem Hinweis folgte, traf nicht nur auf den Ausstellungspavillon, sondern auch auf Gerlind Lachenicht und eine kleine Gruppe weiterer Menschen, die der Einladung von Cross Roads gefolgt waren und ns-zwangsarbeiter-pavillon_neukölln„Berlin mit anderen Augen“ sehen wollten. Das nämlich verspricht dieses Stadtspa-ziergangsprogramm, das sich insgesamt 19 verschiedenen Themen widmet und so auch dem, der diesem Beitrag die Über- schrift gab.

Gerlind Lachenicht ist hauptamtliche Mitar-beiterin des Landeskirchlichen Archivs und dort für das Forum für Erinnerungskultur der EKBO (Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz) tätig. An diesem Tag war sie zusätzlich fürsorgliche Gastgeberin im Ausstellungspavillon auf dem St. Thomas-Friedhof und in jeder Hinsicht kompetente Spaziergangs-führerin gerlind lachenicht_crossroads_neuköllnmit großem Engagement, das nicht zuletzt daran festzumachen war, das sie die vorgesehen 1 ½ Stunden schlicht- weg verdoppelte.

Anhand der Ausstellungstafeln zeichnete sie das Schicksal derjenigen Insassen nach, die sie ausfindig gemacht und zu denen sie Kontakt herstellen konnte. Von ihr ist auch zu erfahren, dass erst im Jahr 2000 klar wurde, welche Rolle die Kirchengemeinden in diesem Zusammenhang gespielt haben, und welchen Schock das in Kirchenkreisen auslöste. Eine weitere erschreckende Erkenntnis war die, dass die Zwangsarbeiter selbst nicht wussten, dass sie für kirchliche Einrichtungen arbeiteten, was wiederum deutlich macht, dass sie keinerlei seelsorgerische Begleitung durch die Pfarrerschaft erfuhren. Es war allerdings auch das einzige Lager, das von der Kirche geplant, aufgebaut und über Jahre verantwortet wurde.

Was die Zwangsarbeiter durchmachen mussten, ist unter Anlegung heutiger Maß- stäbe unvorstellbar. Am Schlimmsten muss der Hunger gewesen sein. Und wer denkt, dass die Überlebenden durch die Rote Armee „befreit“ wurden, irrt. Denn zurück in der Heimat, wurden sie als Kollaborateure geschmäht, weil sie für Deutsche gearbeitet und nicht gegen diese die Waffe erhoben hatten. Dass dennoch die einzelnen Lebenswege ganz unterschiedlich verliefen, lässt Gerlind Lachenicht crossroads-gruppe_neuköllndurch ihre ergreifenden Schilderungen deutlich werden.

Beim anschließenden Gang über den Friedhof finden sich auch Gedenkstein und Infosäule wieder, die bewusst in die Nähe Ausstellungsraumes gebracht wurden, weil die geschäftige Hermannstraße ein zu stark trennendes Element gewesen sei. Und nun werden auch die Gestaltung und Funktion dieses Findlings erläutert:

Nachdem die oberste Ebene mit dem Sinnbild des Deckelhebens abgenommen worden war, ging es darum, einen geeigneten Sinnspruch zu finden. Man einigte sich gedenkstein_ns-zwangsarbeiter_neuköllnauf: „Der Gott, der Sklaven befreit, sei uns gnädig.“ Aus dieser zweiten Ebene ist dann für jede der beteiligten Gemeinden ein Stein mit ihrem Namen geschnitten worden, die die meisten von ihnen an einem würdigen Ort – z. B. dem Altar – aufbewahren. Jährlich am Volks-trauertrag findet eine Gedenkfeier statt, zu der Vertreter der jeweiligen Gemeinde mit ihrem Stein zusammenkommen, um ihn auf seinem Platzhalter auf der dritten Ebene zu crossroads-führung_gerlind lachenichtplatzieren. Diese Feier wird jeweils von Ange- hörigen der Evangelischen Schule Neukölln gestaltet.

Ein Schüler dieser Schule war es auch, der 2008 beim Besuch des ehemaligen Zwangs-arbeiters Wassili Miljutin, in dessen Dorf in der Ost-Ukraine einen Film mit dem Titel „Eine Reise durch die Ukraine“ gedreht hat. Dieser Film kann in der Ausstellung ange- sehen werden.

Broschüre_Erinnerungsorte gestalten_kirchliche Zwangsarbeiter NeuköllnDer NS-Zwangsarbeiter-Pavillon auf dem St. Thomas- Kirchhof in der Hermannstraße ist bis Mitte Oktober mittwochs und sonnabends zwischen 15 und 18 Uhr geöffnet. In dieser Zeit stehen Ehrenamtliche für weitere Auskünfte zur Verfügung. Dort ist auch die Broschüre „Geschichte erforschen – Menschen finden – Erinnerungsorte gestalten“ für 3 Euro zu erwerben.

Wer Authentisches zum Thema von Gerlind Lache- nicht lesen möchte, dem sei ihr Vortrag zum Tag des offenen Denkmals am 10.9. 2005  empfohlen.

=kiezkieker=

Aus Ehemaligem wird Zukünftiges: letzte Führungen durch den Bauteil H2rd

Die Orientierung auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Berlin-Tempelhof ist nicht leicht. Ortsangaben mit Begriffen wie Hangar, Tor, Eingang, Gebäudeteil und Aufgang treiben manchen Besucher an den Rand der Verzweiflung. „Das Leitsystem bauteil h2rd_ehem. offiziershotel_flughafen berlin-tempelhofmüssen wir dringend verbessern“, stellte so kürzlich auch Martin Pallgen, Presse- sprecher der Tempelhof Projekt GmbH, fest. Vergleichsweise leicht zu finden ist dagegen das ehemalige Offiziershotel – wenn man es nicht auf den Plänen sucht, fassade_bauteil h2rd_ehem. offiziershotel_flughafen berlin-tempelhofdie auf dem Areal stehen. Denn dort heißt es nur Bau- teil H2rd.

An den Ostertagen wird es in dem Trakt am Platz der Luftbrücke noch einmal richtig voll werden. Dann nämlich bietet sich die letzte Gelegenheit, das Gebäude vor seiner bevorstehenden  Sanierung und dem Umbau zu einem flur eg_bauteil h2rd_ehem. offiziershotel_flughafen berlin-tempelhofKreativzentrum zu besichtigen. Es ist das zweite Mal, dass es neu gestaltet wird, um den Be- dürfnissen einer veränderten Nutzung zu genügen.

„1935“, erklärt Birgit Ohström, „haben die Nazis mit der Errichtung des größten Baudenkmals Europas begonnen. Aber ganz fertig geworden sind sie nie, weil das Tau- sendjährige Reich eben früher als von ihnen geplant zu Ende gegangen ist.“ Von außen sah und sehe seitdem birgit ohström_berlin kompaktalles ganz wunderbar aus, sagt die Stadtführerin, „aber das war’s dann auch schon.“ 1938 zog die Hauptverwaltung der Lufthansa in das Gebäude. 1950 wurde mit dem Wiederaufbau des im Krieg weit- gehend ausgebrannten Anwesens für die US Air Force begonnen, die es in Columbia House umbenannte, hier  ihren Officers‘ Club und  ein Offizierskasino einrichtete und die vorherigen Büros in den Obergeschossen zu Offiziers-unterkünften umgestalten ließ.

Was einen dort erwartet, lässt sich im Erdgeschoss noch nicht erahnen: Der Empfangsbereich wirkt seit seiner Komplettrenovierung vor 26 Jahren edel-funktional; saal_bauteil h2rd_ehem. offiziershotel_flughafen berlin-tempelhofdas riesige ehemalige Restaurant mit dem abgewetzten blauen Velours und angestaubten verspiegelten Wand- elementen versprüht Retro-Prunk. Es riecht, als wären die Fenster und Tü- ren zur angrenzenden Terrasse seit Jahren nicht mehr geöffnet gewesen.

Als Restaurant solle es auch künftig wieder genutzt werden, informiert Bir- git Ohström. Denn der Umbau des denkmalgeschützten, viergeschossi- gen Gebäudeteils  verfolge nicht nur das Ziel, jungen und arrivierten Kreativen Büros und Ateliers anzubieten. „Zur Planung gehören auch öffentliche Bereiche mit treppenhaus_bauteil h2rd_ehem. offiziershotel_flughafen berlin-tempelhofKonferenz- und Veranstaltungssälen, eben dem Restaurant und einem Besucherzentrum mit Café.“ Ideen, das einstige Hotel wieder als Hotel in Betrieb zu nehmen, seien verworfen worden. Aus einleuch- tenden Gründen, wie sich später zeigt.

Durch das weitgehend original erhaltene Treppen- haus geht es hinauf in die 1. Etage. Birgit Ohström weist auf das Treppengeländer hin, das sich vom Keller bis unters Dach zieht: „Es ist komplett aus Aluminium.“ So wie er nach Plänen von Ernst Sage- biel, einem der bedeutendsten Architekten der NS-Zeit, gebaut wurde, ist auch der Eichensaal erhalten. Über zwei Stockwerke reicht der mit düs- terem Eichenholz vertäfelte  Raum, der zudem auf Schritt und Tritt durch Eichenblatt-Ornamente daran erinnert, weshalb er heißt, wie er heißt. Eine eingebaute Leinwand

eichensaal_bauteil h2rd_ehem. offiziershotel_flughafen berlin-tempelhofeichensaal-kronleuchter_bauteil h2rd_ehem. offiziershotel_flughafen berlin-tempelhof

machte den rund 6 Meter hohen Saal zum Konferenz- und Vortragsraum der Luft- hansa – und ein Wasserschaden in der darüber liegenden Etage große Teile des wendeltreppe_bauteil h2rd_ehem. offiziershotel_flughafen berlin-tempelhofEichenparketts kaputt.

In den einstigen Büros und späteren Hotelzimmern für durchreisende Offiziere der US Air Force ist es eine Mischung aus Verfall und amerikanischen innenarchi-tektonischen Vorlieben, die ihnen zugesetzt hat. Ram- ponierte, schwere Stores hängen vor milchigen Fenstern, die begonnene Beseitigung der Teppiche förderte edlen Parkettboden zutage,  die Wände und Decken sind so vergilbt wie die Heizkörper und Fensterrahmen, farblich dominieren Schlamm- und Brauntöne, die Bäder haben die Zeit, in der sie als modern galten, lange hinter sich. „Nach heutigen Maßstäben sind die Räume viel zu klein, um sie in einer gehoben Kategorie als Hotelzimmer vermieten zu können“, stellt Birgit Ohström fest und führt in

zimmer_bauteil h2rd_ehem. offiziershotel_flughafen berlin-tempelhofoffizierswohnung_bauteil h2rd_ehem. offiziershotel_flughafen berlin-tempelhofbad_bauteil h2rd_ehem. offiziershotel_flughafen berlin-tempelhof

die ehemalige Offizierssuite am Ende des schier unendlichen Flurs. Dass sich privilegiert fühlen konnte, wer einst in den drei Zimmern wohnen durfte, wird noch hotel-flur_bauteil h2rd_ehem. offiziershotel_flughafen berlin-tempelhofheute deutlich. Obwohl auch diesen Gemächern nicht mehr als morbider Charme geblieben ist.

Nach dem denkmalschutzgerechten Umbau wird von dem nichts mehr zu sehen. Wo nun historische Spuren durch fast acht Jahrzehnte führen, wird dann alles hell, freundlich und topmodern sein. „Es ist an der Zeit, dass aus diesem spannenden, immer mehr verfallenden Gebäude endlich was ge- macht wird“, findet Birgit Ohström. Man kann nicht anders als ihr recht zu geben.

Am 31. März und 1. April werden letztmalig vor der Sanierung und dem Umbau des Gebäudes Führungen durch das frühere Offiziershotel angeboten. Tickets kosten 10 Euro (erm. 6 Euro); eine Anmeldung ist ratsam.

=ensa=

Das Erbe unter unseren Füßen

Rostige Nägel, eine Rasiercreme-Tube, Flaschen,  Scherben von Tellern mit dem Aufdruck „Schönheit der Arbeit“, ein Schaltplan, Identitätsmarken grabungen 2012, lufthansa-zwangsarbeiterlager, tempelhofer feld berlinamerikanischer Soldaten, Emaille-Töpfe, Grabstellen und Sarg- griffe, Tuben mit Salben gegen Geschlechts- krankheiten, Gabeln, Reste von Stahlhelmen, Kämme, ein Souvenir für Ursula, Flugzeugteile:  Die vor einem Vierteljahr begonnene Spuren- suche auf dem Tempelhofer Feld (wir berich- teten)  hat ein so skurriles wie makaberes Sam- melsurium zutage gefördert. Gestern stellten die an den Grabungen beteiligten Institutionen einige der knapp 10.000 Fundstücke vor, die innerhalb weniger Wochen auf der Fläche des Lilienthal-Zwangsarbeiterlagers der Lufthansa geborgen wer- grabungsfunde 2012, lufthansa-zwangsarbeiterlager, tempelhofer feld berlinden konnten.

„Es ist besonders die Menge, die uns überrascht hat“, sagt Landes- konservator Prof. Dr. Jörg Haspel (2. v. l.), „und die Tatsache, dass vieles so dicht unter der Grasnarbe lag.“ Schon in 30 Zentimetern Tiefe wurde aus dem Suchen ein Finden. Den- noch seien es extrem schwere Gra- bungen gewesen, betont Dr. Karin Wagner (r.), die im Landesdenkmalamt Berlin den Fachbereich Archäologie leitet. grabungsfunde 2012, lufthansa-zwangsarbeiterlager, tempelhofer feld berlin, jan trenner (grabungsleitung)Schließlich hätten die Wissenschaftler in belasteten, womöglich noch mit Kampfmitteln kontaminierten Bö- den nach dem „Erbe unter unseren Füßen“ gesucht. Was das praktisch bedeutete, veranschaulicht Gra- bungsleiter Jan Trenner mit einem kniehohen Metall- gefäß, das beim Auffinden für Adrenalinschübe sorgte. Dass es sich bei dem Exponat um einen Behälter handelt, in dem Nahrungsmittel aufbewahrt wurden, sei erst durch Untersuchungen festgestellt worden.

Bei anderen Dingen war es trotz der Komplexität der Nutzung des Gebiets leichter, ihnen ihre Geschichten zu entlocken. Die Toilettenartikel sind Zeugnisse der Besatzungszeit. Die Sarggriffe gehen auf die Zeit vor dem 1. Weltkrieg zurück, als der Friedhof am Columbia- damm, der heute durch eine Backsteinmauer vom Tempelhofer Feld getrennt ist, weit bis in das ehemalige Flughafenareal hineinragte. „Die Flugzeugteile stammen von Kampfmaschinen, die  während des 2. Weltkriegs hier in den Werkshallen der Lufthansa von Zwangsarbeitern montiert und repariert wurden“, erklärt Prof. Dr. Reinhard Bernbeck (M.) vom Institut für Vorderasiatische Archäologie der FU Berlin. „Die  vielen gefundenen Nägel,  die alle  bei  7  Zentimetern umgebogen sind, lassen

grabungsfunde 2012, lufthansa-zwangsarbeiterlager, tempelhofer feld berlingrabungsfunde 2012, lufthansa-zwangsarbeiterlager, tempelhofer feld berlin

grabungsfunde 2012, lufthansa-zwangsarbeiterlager, tempelhofer feld berlingrabungsfunde 2012, lufthansa-zwangsarbeiterlager, tempelhofer feld berlin

grabungsfunde 2012, lufthansa-zwangsarbeiterlager, tempelhofer feld berlinauf die Dicke der Holzwände der 12 Meter langen Baracken des Lagers schließen.“ Etwa 4.000 Männer und Frauen aus Frankreich, Belgien und Osteuropa wur- den hier von der Lufthansa als Zwangs-arbeiter für die Rüstungsindustrie einge-setzt, schätzt man. Konkretes, so Bern- beck, gehe aus einem Forschungsbe- richt hervor, der allerdings vom Luftfahrt-Konzern  nicht zugänglich  gemacht wer- de. Der Dokumentarfilm „Fliegen heißt Siegen: Die verdrängte Geschichte der Deutschen Lufthansa“ sei diesbezüglich aber auch sehr aufschlussreich, bemerkt Professor Haspel. Durch die Grabungen auf dem Tempelhofer Feld kommt grabungsfunde 2012, lufthansa-zwangsarbeiterlager, tempelhofer feld berlinweiteres Licht in das abgedunkelte Kapitel der Vergangenheit der Kranich-Airline.

Zudem leisten die Funde einen wertvollen Beitrag zur Stadtgeschichte. Inwieweit die haptischen Relikte der Nazi-Zeit Einfluss auf die Konzepte für die künftige Nutzung des Tempelhofer Felds haben werden, ist noch unklar. Fakt ist, dass die Wissen- schaftler im kommenden Jahr gerne ihre archäologischen Grabungen im Bereich des KZ Columbiahaus und des Richthofen-Lagers fortsetzen würden. Derzeit werde grabungsfunde 2012, lufthansa-zwangsarbeiterlager, tempelhofer feld berlinmit der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung an der Verlängerung der Kooperationsvereinbarung gearbeitet, sagt Landeskonservator Haspel. Auch sei eine Experten-gruppe unter Andreas Nachama, dem Direktor der Stiftung Topographie des Terrors, eingerichtet worden, die ein Gedenkstättenkonzept für das Tempelhofer Feld entwi- ckeln werde.

„Wir begreifen die Ausgrabung und die Würdigung der Funde aber auch als Vorbereitung auf das Berliner The- menjahr 2013 und grabung 2012, lufthansa-zwangsarbeiterlager, tempelhofer feld berlin, jan trennerden Tag des offenen Denkmals im nächsten Tag“, sagt Jörg Haspel. Ersteres werde unter dem Motto „Zerstörte Vielfalt – Berlin in der Zeit des Nationalsozia- lismus“ stehen, letzter beschäftigt sich mit dem Aspekt „Jenseits des Guten und Schönen: Unbequeme Denkmale?“. Das seien doch geeignete Anlässe, sich in- tensiv mit der eminent wichtigen Frage zu beschäftigen, wie man nationalsozialis- tische Großanlagen erhalten, erschließen und für nachfolgende Generationen entwickeln kann, findet er.

=ensa=

Dahinter geht’s nicht weiter

„Muss man denn immer wieder daran erinnern?“ Diese Frage wird oft gestellt, auch und gerade im Zusammenhang mit dem 9. November. Gemeint ist nicht der Jah- restag des Mauerfalls und auch nicht der der Ausrufung der Republik in Deutschland, sondern das Gedenken an die furchtbare Pogromnacht vor nunmehr 74 Jahren, in der auch der Versammlungsort des Israelitischen Brüder-Vereins zu Rixdorf, die 1907 eingeweihte Synaehemalige synagoge isarstraße 8 neuköllngoge in der Isarstraße 8 in Neukölln, zerstört wurde. Auch heute noch eine bemerkenswerte Adresse.

Das gelb angestrichene Wohnhaus aus der Gründerzeit steht zwar in der Isarstraße, aus den Fenstern des Vorderhauses sieht man aber zur Neckarstraße hinaus, die dadurch ihren Abschluss findet und so zur Sackgasse wird. Unmittelbar daneben sieht man eine gewaltige Stützmauer, ein Relikt der Rollberge, das vor Abbruch und Bodenerosion schützt. ehemalige synagoge isarstraße 8 neuköllnDieser Schutz setzt sich auf dem engen Hof in der Isarstraße fort und ist in handwerklich gut ausgeführter Klempner- arbeit mit Blechen abgedeckt. Der Hauseigentümer wird wohl wissen, dass diese Anschüttung nicht entfernt werden sollte; dahinter befinden sich die Tiefgeschosse der ehe- maligen Kindl-Brauerei.

Im schmucklosen Quergebäude haben laut Klingeltableau die Historischen Siebenten-Tags-Adventisten ihren Ge- meindesaal. „Die sind seit vier Jahren hier und vorher die Zeugen Jehovas, aber die sind in die Naumburger Straße gezogen. Das war eine gute Nachbarschaft mit denen“, ist von einer Hausbewohnerin zu erfahren, die seit 46 Jahren hier wohnt. Von der ehemaligen Synagoge an dieser Stelle weiß auch sie nur vom Hörensagen, beziehungsweise von den Angaben auf der Berliner Gedenktafel, die an der Haus- ehemalige synagoge isarstraße 8 neukölln, berliner gedenktafel georg kantorowskyfront angebracht ist.

Georg Kantorowsky, der 1917 Rabbi- ner der Neuköllner Synagoge  wurde,  deutete die Maßnahmen, die bereits 1933 gegen die jüdische Bevölke- rung gerichtet waren, richtig und schaffte das bis dahin obligatorische Gebet für den Landesherrn ab. Zeit- gleich begannen sich die Reihen in der zuvor stark frequentierten Ge- meinde zu lichten.

Scheinbar spontan, doch in Wirklichkeit gut geplant wurden in der Nacht vom 9. zum 10. November im gesamten Reich jüdische Gotteshäuser in Brand gesteckt, jüdische Geschäfte wurden verwüstet oder fielen Plünderungen zum Opfer, viele Juden wurden misshandelt, verhaftet oder verschleppt. Wegen der vielen zu Bruch gegangen Fensterscheiben und der vielen Feuer wurde dieses Pogrom als Reichskristallnacht bezeichnet. Auch die Synagoge in der Isarstraße wurde in Schutt und Asche gelegt. Die Gemeinde traf sich seitdem in der Jugendsynagoge am heutigen Fraenkelufer. Wer konnte, emigrierte; denen, die blieben, fehlten entweder die finanziellen Mittel oder die Beziehungen. Es gab allerdings auch welche, die gern bleiben wollten, die sich nicht vorstellen konnten, dass es noch schlimmer kommen könne. So auch Georg Kantorowsky, der bei entsprechenden Empfehlungen immer gefragt hatte: „Was soll ich in Amerika, was soll ich in Shanghai?“ Es war wohl die Ironie des Schicksals, dass er nach der Deportation seines Sohnes dann doch floh und zwar via ehemalige synagoge isarstraße 8 neuköllnShanghai in die USA.

Von der alten Synagoge sind lediglich ein paar Stützmauern und damit der Grund- riss des Gebäudes erhalten geblieben. Auch eine Außentreppe, die zu Zeiten der Synagoge zur Frauenempore führte, ist noch da. Wie es im Inneren der Synagoge aussah, die religiöses Zentrum von an- ehemalige synagoge isarstraße 8 neukölln, foto: museum neuköllnfangs mehr als 2.000 Rixdorfer Juden war, zeigt Bildmaterial aus dem Archiv des Museums Neukölln.

In den Folgejahren der Pogromnacht erlosch jeg- liches jüdische Leben in Neukölln. Und so darf die Antwort auf die eingangs gestellte Frage nur lauten: „Ja, es muss!“

Wer mehr aus dieser Zeit und den jüdischen Mitbürgern in Rixdorf/Neukölln erfahren möchte, dem sei das von Dorothea Kolland heraus- gegebene Buch “Zehn Brüder waren wir ge- wesen … Spuren jüdischen Lebens in Neu- kölln”  empfohlen.

Auch sei darauf hingewiesen, dass Gunter Demnig am  29. November nach Neukölln kommen wird, um  weitere 18 Stolpersteine im Bezirk  zu verlegen.

=kiezkieker=

Im Morgengrauen

spremberger straße 1 neukölln, deportierte neuköllner: clara stern, 23. alterstransportEs wird kurz vor Sonnenaufgang gewesen sein, als Clara Stern  heute vor genau 70 Jahren  aus dem Wohnhaus in der Spremberger Straße 1 abgeholt wurde und zum letzten Mal durch die Haustür ging. Wahrscheinlich stand ein LKW in der kleinen Straße im Neuköllner Reuterkiez, und vermutlich hatte die 69-Jährige, die in Halle a. d. pflügerstraße 78 neukölln, deportierte neuköllner: louis lewinski, 23. alterstransportSaale geboren worden war, nicht mehr als einen Koffer dabei, als sie auf die Lade- fläche stieg.

Ähnliches wird sich wenig früher nur ein paar Minuten Fußweg entfernt in der Pflü- gerstraße 78 abgespielt ha- ben. Dort hatte der aus Westpreußen stammende, in- zwischen 85-jährige Louis Lewinski gewohnt.

Insgesamt 100 Berliner Juden, unter ihnen – neben Clara Stern und Louis Lewinski – auch Kurt Tucholskys Mutter Doris, wurden am 16. Juli 1942 zum Anhalter Bahnhof im Bezirk Kreuzberg gebracht. Um 6.07 Uhr startete  vom Gleis 1 der  23. Alterstransport. Ziel des regulären Reisezugs, an den zwei 3. Klasse-Personenwagen angehängt waren, war das KZ Theresienstadt, das bei der Wannsee-Konferenz als „Altersghetto für ausgesuchte deutsche Juden“ bestimmt  worden war. Wie man heute weiß, konnte diese propagandistische Verklausulierung mit „Transitlager auf dem Weg in den Tod“ übersetzt werden: Wer nicht in Theresienstadt starb, wurde in der Regel nach Auschwitz weiterdeportiert. Genau 116 Transporte mit über 9.600 Menschen verließen bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs den Anhalter Bahnhof.

Clara Stern kam im Altersghetto um; der Todesort von Louis Lewinski wird mit Minsk angegeben. An beide Verschollenen erinnert heute nichts mehr.  Weder vor der Spremberger Straße 1, wo bis zu ihrer Deportation am 4. März 1943 auch Gerda Heymann lebte, noch vor dem Haus in der Pflügerstraße 78, aus dem schon Betty Lewinski am 27. November 1941 deportiert worden war, liegen Stolpersteine.

Aktuell sind es 123 Stolpersteine, die in Neukölln der Opfer des Nazi-Regimes gedenken. Im November wird  Gunter Demnig  wieder nach Neukölln kommen, um weitere Messingtafeln zu verlegen. Ab Donnerstag ist er eine Woche lang in anderen Berliner Bezirken unterwegs.

=ensa=

Erinnerungen für die Zukunft

Eigentlich sind sie zu zwölft, doch diesmal sind nur neun Frauen und Männer ge- kommen. Nun ja, es ist Fußball-EM, da mischen viele vorübergehend ihre Prioritäten neu. Gut möglich, dass die drei Fehlenden nach den Sommerferien auch wieder am workshop-reihe "geteilte erinnerungen", hufeisensiedlung britz, museum neuköllngroßen Tisch unter dem Dach des Museums Neukölln sitzen und mit dem  Workshop „Ge- teilte Erinnerungen“  weitermachen.

Noch bis Oktober läuft er. Zweimal pro Monat trifft sich die Gruppe, die von der Ethnologin Barbara Lenz und der Künstlerin Roos Versteeg geleitet wird. Zentrales Thema der Gesprächs- und Erin- nerungswerkstatt ist die aus Hufeisensiedlung und Krugpfuhlsiedlung bestehende  Großsied- lung Britz. Um ihre Architekturgeschichte und um zeitgeschichtliche Ereignisse geht es, aber auch um die Menschen, die früher dort gelebt haben und heute dort wohnen. Auf eine Frau aus der Gruppe trifft beides zu; sie ist vor vielen Jahrzehnten in diesen Kiez im Ortsteil Britz gezogen. Andere nehmen an dem Workshop teil, weil sie eine Beziehung zu Britz haben und/oder ihr bezirkshis- torisches Wissen erweitern wollen.

Alte Fotos, Literatur über die Hufeisensiedlung und Arbeitsbögen, die die Aspekte ankündigen, die an diesem Abend diskutiert werden sollen, liegen auf dem Tisch: Gemeinschaft und Gesellschaft. Für welchen dieser Begriffe ist die von Bruno Taut nach dem Alle-wohnen-gleich-Prinzip entworfene Siedlung Beispiel? Führt(e) die geschlossen anmutende Bauweise dazu, dass die Bewohner workshop-reihe "geteilte erinnerungen", hufeisensiedlung britz, museum neuköllnsich als Teil einer Gemeinschaft  fühl(t)en? Nein, ist ein Mann überzeugt, die Bauweise an sich spiele für das Gemeinschafts- gefühl keine Rolle, das werde eher durch die Mietwirtschaft bzw. bei- spielsweise Genossenschaftswoh- nungen initiiert. Die Rentnerin aus der Hufeisensiedlung stimmt ihm zu. Sie habe den Gemeinschaftsgedanken dort zumindest nicht erlebt, sagt sie. Wohl aber habe es  Orte gegeben, an denen Gemeinschaft im Sinne von Kommunikation entstand: Die Männer aus der Siedlung hätten sich am Kiosk Berta getroffen, die Frauen am Bolle-Milchwagen, beim Teppichklopfen in den Höfen oder auch in den Waschküchen, die jedes Mehrfamilienhaus hatte. Eine Frau, die vor einigen Jahren aus Polen nach Berlin kam, erzählt, dass sich solche gemeinsamen Waschküchen in ihrer Heimat eben- falls durchgesetzt hätten und es sie noch heute oft dort gebe.

Die  Brücke von der Historie in die Gegenwart ist geschlagen. Auch das gehört zu  den An- liegen von Barbara Lenz und Roos Versteeg, die dem Erzählen durch ihren Input einen roten Faden geben und es moderieren. Eines der Ergebnisse des „Geteilte Erinnerungen“-Work- shops soll  Audio-Material für einen Hörspa- ziergang  durch die Großsiedlung Britz sein. Doch, ja, ein bisschen von Tauts Ambition, Raum für gemeinschaftliches Wohnen zu schaf- fen, sei schon umgesetzt worden: Für mehr als den kleinsten gemeinsamen Nenner reicht es nach Meinung der Workshop-Teilnehmer nicht. Die Siedlung sei ja ob der Aus- stattung ihrer Wohnungen schnell auch für Mieter attraktiv geworden, die mehr als all jene verdienten, für die sie ursprünglich konzipiert worden war. Vor allem an den Gärten sei das deutlich geworden: „Die Mieter der ersten Stunde haben sie als Nutzgärten angelegt, später wurden sie immer öfter als Ziergärten zweckenfremdet.“ Inzwi- schen, berichtet einer aus der Gruppe, werde die Rückkehr zur Anlage eines klassischen Gartens sogar vom Landesdenkmalamt gefördert.

Auch nach den Sommerferien ist für Interessierte noch ein Einstieg in den  Workshop „Geteilte Erinnerungen“  möglich; weitere Infos hier.

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Drei Pfund voller Spuren jüdischen Lebens in Neukölln

Glücklicherweise gibt es im Neuköllner Rathaus größere Räume als das Köln- Zimmer. Das wäre nämlich vorgestern Abend aus allen Nähten geplatzt, so groß war der Andrang derer, die an der Präsentation des Buches „Zehn Brüder waren wir buchpräsentation "zehn brüder waren wir gewesen ... spuren jüdischen lebens in neukölln", verlag hentrich & hentrichgewesen … Spuren jüdischen Lebens in Neukölln“ teilnehmen wollten. Deshalb wurde die Veranstal- tung kurzerhand in den BVV-Saal verlegt.

Am Vormittag hätten in dem noch Kinder einer Neuköllner Schule gesessen, um etwas über den Bezirk und die Kommunalpolitik zu erfahren, be- richtete Kulturstadträtin Franziska Giffey: „Für die Schülerinnen und Schüler ist vollkommen unvor- stellbar, was damals in der NS-Zeit auch in unserem Bezirk passiert ist.“ Entsprechend nötig sei es, immer wieder von diesem Kapitel der Geschichte zu erzählen. „Die Erziehung zu Demo- kratie, Respekt und Toleranz“, so Giffey, „muss unser wichtigstes Ziel sein.“ Neukölln betreibe daher eine sehr aktive Gedenkarbeit, die sich einerseits durch Stolpersteine als  Stück bürgerschaftlicher Erinnerungskultur im öffentlichen Raum zeige, ande- rerseits aber auch durch das von Kulturamtsleiterin Dorothea Kolland für das buchpräsentation "zehn brüder waren wir gewesen - spuren jüdischen lebens in neukölln", hentrich & hentrich, bvv-saal rathaus neuköllnBezirksamt herausgegebene Buch über die Spuren jüdischen Lebens in Neukölln.  Als eines der wichtigsten Bücher der Bezirkshistorie bezeich- nete Giffey das von 28 Autoren erstellte 608-Seiten-Werk, das glei- chermaßen eine Quelle an Wissen sei wie auch Geschichte sichtbar mache. Es erinnere in beeindrucken- der Weise daran, in welchem Ausmaß Menschenleben und Kultur von den Nazis vernichtet wurden.

„Ich lese seit Freitag unaufhörlich in dem Buch“, bekannte dann auch Hermann Simon, nachdem er ans Rednerpult getreten war. Neukölln habe, so der Direktor der Stiftung Neue Synagoge Berlin, mit der Publikation, die den Fokus auf die Juden in verlag hentrich & hentrich berlin, "zehn brüder waren wir gewesen ... spuren jüdischen lebens in neukölln"der Bezirksgeschichte legt, eine Vorreiter- rolle eingenommen. Schon vor fast einem Vierteljahrhundert war die erste Auflage des Bandes erschienen, die seit vielen Jahren vergriffen ist. Die nun veröffentlichte überarbeitete und erweiterte Neuauflage werde garantiert nicht die letzte sein, meinte Hermann Simon, während Archiv- Fotos der zerstörten Synagoge in der Isarstraße auf eine Leinwand projiziert wurden. „Wir sehen uns also 2036 bei der Präsentation der 3. Auflage wieder“, kündigte der heute 62-Jährige schmunzelnd an.

Dorothea Kolland lächelte skeptisch zurück: Im Herbst wird sie 65 und nach 31-jähriger Tätigkeit als Leiterin des Neuköllner Kulturamts pensioniert. Restlos verlag hentrich & hentrich berlin, "zehn brüder waren wir gewesen ... spuren jüdischen lebens in neukölln"überzeugt ist sie jedoch vom Wert der von ihr herausgegebenen Publikation: Wie wichtig das Erinnern an das ist, was Menschen erlebt haben, habe kürzlich Marcel Reich-Ranicki mit seiner großartigen Rede im Bundes- tag verdeutlicht. „Dieses Erinnern ist deshalb auch die wichtigste Aufgabe des Buches. Es soll Menschen und ihre Geschichten in die Köpfe der Leserinnen und Leser bringen“, so Dorothea Kolland. Ihr Wunsch sei es, dass „Zehn Brüder waren wir gewesen … Spuren jüdischen Lebens in Neukölln“ als Basiswissen in den Neuköllner Schulen verankert wird. Es täte dem Bezirk gut, wenn sich dieser Wunsch erfüllen würde.

Das bei Hentrich & Hentrich erschienene Buch kann über den Online-Shop des Verlags bezogen werden. Es wiegt 1.520 Gramm und kostet 29,90 Euro.

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Anstoß zum Nachdenken

Nur noch vier Tage, mehr Zeit bleibt nicht für den Besuch der Ausstellung „Ver- gessene Geschichte: 70 Jahre Nacht-und-Nebel-Erlass“, die anlässlich des Neu- köllner Festivals NACHTUNDNEBEL eröffnet wurde.

Sie freue sich sehr über die Ausstellung und hoffe, „dass sie einen Anstoß für ein Nachdenken über die Namensgebung der alljährlichen Kulturnacht gibt“, sagte Pfar- rerin Elisabeth Kruse bei der Vernissage in der Genezareth-Kirche. Birgit Rettner, die die Ausstellung initiierte, kuratierte und die historischen Hintergründe recherchierte, formulierte es etwas weniger deutlich: Sie solle an die ursprüngliche  Bedeutung des

Begriffs erinnern, den am 7. Dezember 1941 verordneten Nacht-und-Nebel-Erlass. Über 7.000 Menschen aus Frankreich, Belgien, den Niederlanden und Norwegen, die sich in ihren Heimatländern für die Idee der Freiheit und Humanität engagiert und somit als Widerstandskämpfer verdächtig gemacht hatten, seien damals heimlich nach  Deutschland  verschleppt  und  verurteilt  oder  inhaftiert  worden. An der Empore der Kirche hängende Portraitfotos geben den Verschwundenen Gesichter und Namen, beeindrucken und berühren.

Stelltafeln in einem Nebenraum zeigen die andere Seite des Nacht-und-Nebel-Erlasses: Kopien von historischen Originaldokumenten sowie Fotos von Wilhelm Keitel und Prof. Dr. Franz Schlegelberger, die durch die Nürnberger Prozesse als Ver- antwortliche festgestellt wurden. Darüber hinaus wird exemplarisch das Schicksal der französischen Widerstandsgruppe Renard veranschaulicht.

Die Ausstellung zum 70. Jahrestag des Nacht-und-Nebel-Erlasses ist noch bis zum 19. No- vember in der Genezareth-Kirche zu sehen. Die Kirche ist in der Regel von dienstags bis freitags zwischen 14 und 18 Uhr sowie samstags von 11 bis 17 Uhr geöffnet.

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Fünf neue Stolpersteine in Neukölln verlegt

Fast ein Jahr ist es her, seit Gunter Demnig die letzten Stolpersteine in Neukölln verlegte. Von 76 auf 118 wuchs damals an nur einem Tag (wir berichteten) die Zahl der Mahnmale für Verfolgte und Ermordete des Nazi-Regimes im Bezirk an.

stolpersteine für berlin 8.10.2011, gunter demnigHeute war Gunter Demnig wieder hier – mit einem vergleichsweise über- schaubaren Programm. Wenn er das absolviert hat, um in Mitte, Pankow, Friedrichshain, Lichtenberg und Friedrichshagen weiterzumachen, sind es 123 Stolpersteine, die in Neukölln vor Häusern liegen, in denen Menschen wohnten, die aus ihren Leben gerissen wurden.

Eine davon war Lisette Ascher. Vor dem Haus in der Jonasstraße 66, aus dem sie am 17. August 1942 abgeholt wurde, stolperstein-verlegung, lisette ascher, jonasstraße 66, neukölln, gunter demnigum mit dem 1. großen Alterstransport nach There- sienstadt deportiert zu werden, verlegte Demnig heute den ersten von insgesamt fünf Stolpersteinen stolperstein-verlegung, lisette ascher, jonasstraße 66, neukölln, gunter demnigin Neukölln. Viel ist über die da- mals 78-Jähri- ge, deren Stol- perstein von der Lehrerin Vero- nika Hitpaß ge- spendet wurde, stolperstein-verlegung, lisette ascher, jonasstraße 66, neukölln, gunter demnignicht bekannt: Am Silvestertag des Jahres 1864 kam sie in Lautenburg/Westpreußen zur Welt; zehn Tage nach der Deportation verstarb Lisette Ascher im Ghetto Theresienstadt. Sie habe unter einer Lungenentzündung gelitten und sei einer Herz- stolperstein-verlegung, lisette ascher, jonasstraße 66, neukölln, gunter demnigstolperstein-verlegung, lisette ascher, jonasstraße 66, neukölln, gunter demnigschwäche erlegen, besagt die für Li- sette Ascher ausge- stellte, digital erhal- tene  Todesfallan- zeige mit der Num- mer 23/848. „Tot 27.8.1942“ steht auf der Messingplatte des Stolpersteins, der heute zur Erinnerung an sie ins Bürgersteigpflaster eingelassen wurde.

Nur wenige Schritte entfernt, schräg gegenüber vor dem Haus Jonasstraße 5a, war stolperstein-verlegung john sieg, gunter demnig, neuköllnGunter Demnigs zweite Station seiner heutigen Stolpersteine-Tour. Hier lebte John Sieg, nach dem bereits vor fast 40 Jahren eine Straße im Berliner stolperstein-verlegung john sieg, gunter demnig, jonasstraße 5a neuköllnBezirk Lichtenberg be- nannt wurde.

Sieg, der als Sohn deutscher Migranten in den USA zur Welt kam, siedelte 1928 endgültig nach Deutschland über und trat 1929 der KPD bei, für deren Zeitung „Die rote Fahne“ er als Feuilleton-Autor arbeitete. Durch die Machtergreifung Hitlers wurde John Sieg zum Wider- standskämpfer. 1933 erfolgte die erste Inhaftierung des damals 30-Jährigen, die jedoch nicht dazu führte, dass er dem Widerstand abschwor. Nach zweijähriger stolperstein-verlegung john sieg, gunter demnig, neuköllnArbeitslosigkeit und einer Anstellung als Bauarbeiter begann John Sieg 1937 seine Tätigkeit bei der Deutschen Reichsbahn. Nebenbei gab er die illegale Zeitung „Die innere Front“ heraus. Bei der Bahn habe er stolperstein-verlegung john sieg, gunter demnig, neukölln, peter lind eisenbahnergewerkschaftsich vom Gepäckarbeiter bis zum Fahrdienstleiter des Bahnhofs Tempelhof hochgearbeitet, berichtete Peter Lind (r.) von der Eisenbahnergewerkschaft EVG, die die Patenschaft für Siegs Stolperstein übernahm, in einer An- stolperstein-verlegung john sieg, neuköllnsprache vor dem ehema- ligen Wohn- haus des Freischärlers.

Am 11. Oktober 1942 sei John Sieg am Arbeitsplatz abermals verhaftet und in die Gestapo-Zentrale gebracht worden. Vier Tage später wurde er nachmittags tot in seiner Zelle aufgefunden. Suizid sei wahrscheinlich, da Sieg bereits Monate vorher angekündigt habe, seinem Leben im Falle einer Verhaftung selber ein Ende zu setzen, um unter Folter nicht zum Verräter zu werden.

„Der Stolperstein“, so Peter Lind, „ist aber nicht nur für John Sieg. Er ist auch stolperstein-verlegung john sieg, gunter demnig, neukölln, jean-theo jost,peter lind eisenbahnergewerkschaftstellvertretend eine Erinnerung an die 450 bis 500 anderen Eisenbahner, die sich aktiv gegen das Nazi- Regime wehrten.“

Nachdem der Schauspieler Jean- Theo Jost zwei Artikel von John Sieg vorgetragen hatte, die in „Die innere Front“ erschienen waren, machte sich Gunter Demnig in den Reuterkiez auf. Dort liegen nun die Neuköllner Stol- persteine 121 – 123 für Martin Alexander (Pflügerstraße 1) sowie Luise Hartnack und Walter Radüe, die in der Lenaustraße 6 lebten.

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Der Erste von 118

Er glänzt schon lange nicht mehr. Im Laufe der Jahre wurde seine einst gülden schimmernde Messingplatte immer matter, so dass sie heute kaum noch auffällt – klara raucher, 1. stolperstein in neukölln, hermannstraße 46vor dem Haus mit der Nummer 46 in der Neu-köllner Hermannstraße.

Hier hat Klara Raucher gelebt, bis zum 6. März 1943. Dann wurde die damals 39-Jährige, deren Vater in der Nachbarschaft eine kleine Schneiderei betrieb, mit dem 35. Trans-port ins KZ Auschwitz deportiert und dort ermor-det. Über ein halbes Jahr-hundert später wurde zum Gedenken an Klara Raucher vor ihrem ehemaligen Wohnhaus der 1. Stolperstein in Neukölln gesetzt.

Inzwischen erinnern 118 dieser kleinen Mahnmale im Bezirk an Opfer des Nazi- Regimes. Am zweiten Oktober-Wochenende, so die aktuelle Planung, wird Gunter Demnig, der Bildhauer und Initiator der Stolperstein-Idee, wieder nach Neukölln kommen, um weitere Stolpersteine zu verlegen.

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Unerwünscht, verfolgt, versetzt, entlassen

Sie standen als Straßenbahnschaffner, Oberbaurat, Brandmeister, Sekretärin, Stra- ßenreiniger, Oberinspektor, Historiker oder als Direktor des Strandbads Wannsee bei der Stadt Berlin in Lohn und Brot. Sie gehörten als Angestellte, Beamte oder Ar- beiter zu den rund 100.000 öffentlich Beschäftigten der damaligen Reichshaupt- stadt, waren beliebt, erfolgreich und integer.

Doch all ihre fachlichen Fä- higkeiten und Sekundärtu- genden nütz- ten Friedrich Küter, Robert Kauffmann, Lucian David, Rosa Hartoch und Hermann Clajus 1933 nach der Machtergreifung der Nazis nichts mehr. Es erging ihnen wie Tausenden anderen: Weil sie Kommunisten, Juden, Sozialdemokraten oder einfach nur mit der „falschen“ Frau verheiratet waren, wurden sie von einem Tag auf den anderen zu unerwünschten Beschäftigten der Verwaltung, zu Staatsfeinden, die versetzt, zwangspensioniert oder entlassen wurden.

Die Ausstellung „… auf dem Dienstweg“ dokumentiert noch bis zum 14. Juli in der Stadtbibliothek Neukölln anhand von 11 Einzelschicksalen die Verfolgung von Angestellten, Arbeitern und Beamten der Stadt Berlin in der Zeit des NS-Regimes. Zugleich zeigt sie, wie Kurator Christian Dirks bei der Vernissage betonte, die maßgeblichen Akteure und Täter der Verfolgung. „Wenig bekannt ist allerdings noch über die Unterstützer, die sie auf mikropolitischer Ebene hatten“, schränkte er ein.

Insbesondere in Neukölln, so der Historiker, wurde allzu deutlich, dass „die Verwaltung weitaus weni- ger rot als geglaubt“ war. Von den berlinweit etwa 750 eliminierten städtischen Angestellten hatten 35 Prozent bis dato eine Tätigkeit beim Bezirk Neukölln inne: „Das ist ein Spitzenwert in Berlin.“

Zu denen, die ob ihrer SPD-Mitgliedschaft und der jüdischen Herkunft aus dem öffentlichen Dienst entlassen wurden, zählte auch Helene Nathan, die bis 1933 als Bibliothekarin in Neukölln tätig war. Dass die Ausstellung über Menschen, die das gleiche Schicksal wie sie erlitten, nun in der Neuköllner Stadtbibliothek gezeigt wird, die ihren Namen trägt, könnte als posthume Würdigung verstanden werden. Ausschlaggebend waren jedoch eher massive Probleme, in Neukölln überhaupt einen Ort und Termin für die so sehenswerte wie bedrückende Wanderausstellung der Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum und der Agentur Bergzwo zu finden: Das Bezirksamt Neukölln habe das Angebot, „… auf dem Dienstweg“ im Rathaus zu zeigen, dankend abgelehnt.

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65 Jahre danach in Neukölln: ein Informationspavillon als Gedenkstätte für kirchliche Zwangsarbeiter

Über 50 Jahre lang herrschte seitens der Evangelischen Kirche – zumindest nach außen – Schweigen über das, was von 1943 bis 1945 auf dem Friedhof der Jerusalemsgemeinde und Neue Kirchengemeinde an der Hermannstraße  in Neu- kölln geschah:

gedenkstätte, ausstellung, ns-zwangsarbeiterlager friedhof  hermannstraße, neuköllnÜber 100 Zwangsarbeiter aus der Sow- jetunion waren in den letzten beiden Kriegsjahren im „Berliner Friedhofslager“ kaserniert, das als einziges deutschlandweit von der Kirche geplant, finanziert und betrieben wurde.

Erst im Jahr 2000, als die Entschädigung von Zwangsarbeitern öffentlich diskutiert wurde, fing auch die Evangelische Kirche an, ihre Rolle im NS-Regime selbstkritisch zu hinterfragen. Von einer Verpflichtung, dem Schicksal der Zwangsarbeiter nachzugehen, sprach Wolfgang Huber, damals Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg, in seiner Bußtagspredigt: „Wir wollen damit nicht aufhören, bis die Überlebenden Wie- dergutmachung erfahren. Wir sagen es zu uns selbst, aber wir sagen es auch in die Öffentlichkeit: Die Zeit drängt. An jedem Tag sterben ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. Die Schuld daran, dass sie zur Arbeit gezwungen wurden, trugen unsere Väter und Mütter. Die Verantwortung dafür, das uns Mögliche zur Wiedergutmachung zu tun, liegt bei uns. Vor dieser Verantwortung versagen wir an jedem Tag, den die Wiedergutmachung weiter hinausgeschoben wird. Es gibt nicht nur eine erste, es gibt auch eine zweite Schuld.“

Weitere zehn Jahre später, am 65. Jahrestag der Befreiung des Friedhofslagers durch die Rote Armee, wurde auf dem St. Thomas-Kirchhof ein neuer Ausstellungs- und Informationspavillon als Gedenkstätte für kirchliche Zwangsarbeiter eröffnet. Und es lohnt sich, sich für den mal Zeit zu nehmen. Auf 14 Schautafeln sind die bedrückenden Erinnerungen zehn ehemaliger Zwangsarbeiter an den Lebens- abschnitt als Zwangsarbeiter festgehalten, die eindringlich vom Krieg und der Arbeit auf den Friedhöfen erzählen. Außerdem gibt Filme, Tondokumente und Kopien kirchlicher Dokumente zu sehen.

Der Pavillon auf dem St. Thomas-Kirchhof in der Hermannstraße 79 – 85 ist noch bis Oktober mittwochs und samstags von 14 bis 18 Uhr sowie nach Vereinbarung geöffnet. Weitere Infos hier!

Zum Vertiefen des Themas ebenfalls sehr lesenswert: der Vortrag von Dr. Christian Homrichhausen anlässlich der Tagung der Berliner Initiative zur Erforschung der NS-Zwangsarbeit.

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