Neukölln – Ústí nad Orlicí – Neukölln

Usti nad Orlici_StadtfestEs hat Tradition, dass eine Delegation der Freunde Neuköllns in die tschechische Part- Stadtfest_Usti nad Orlicinerstadt Ústí nad Orlicí reist, um dort am Stadtfest teilzu- nehmen. Am zwei- ten Juni-Wochen- ende war es wieder soweit. Auch drei Nachfahren einst nach Rix- dorf eingewanderter böhmischer Glaubensflüchtlinge hatten sich diesmal der Gruppe angeschlossen: Sie wohnen heute nicht nur in Neukölln, sondern auch in Biesenthal Hochwasser 2013_Tschechienund Braunschweig.

Dramatische Ereignisse verhinderten eine pünkt- liche Ankunft der Neuköllner in Ústí nad Orlicí. Zwei Stunden länger als üblich brauchte der Zug, Region Usti nad Labemder wegen Überflu-tungen im südli- chen Brandenburg, in Sachsen und be- sonders in der Region um Ústí nad Labem nur Schritt- tempo fahren konnte. Karel Pokorny, der Chefredakteur der Lokalzeitung Orlicky Denik, musste folglich eine Weile auf seine Gäste warten. Bei dem Gespräch mit ihm ging es vor allem um den örtlichen Arbeitsmarkt und die Nachnutzung des Areals der ehemaligen Textilfabrik Perla, die einst auch den Schlafanzug der Queen nähte und bei der vor ein paar Jahren 800 Beschäftigte ihren Job verloren. Das Abendessen im Hotel Uno wurde zusammen mit Mitgliedern des Chors Alou Vivat eingenommen, der schon in Neu- Aussichtsturms Andrluv Chlumkölln war, um beim Rixdorfer Weihnachtsmarkt aufzutreten.

Auf dem Besuchsprogramm des nächsten Tages standen der Flugplatz und ein Abste- cher in den Vorort Cernovir, wo Ende August wieder das Rolovani als tschechisches Pen- dant zum Rixdorfer Strohballenrollen Popráci stattfindet. Nach der Besteigung des Aus- sichtsturms Andrluv Chlum, die mit einem grandiosen Überblick belohnt wurde, ging Rathaus Usti nad Orlicies zum traditionellen Stadtfest auf dem zentralen Platz des Friedens. Zuvor aber wurde die Delegation aus Neukölln im Rathaus von Ústí nad Orlicís Bürgermeister Petr Hajek (3. v. r.) und seinem Stellvertreter Zdenek Espandr (4. v. r.) empfangen.

Horni CermnaAm Sonntag stand bereits am frühen Morgen die Abfahrt zum Ausflug nach Horní Cermná auf dem Programm. Aus diesem 1.000-Seelen-Ort stammen die meisten protestan- testantischen Glaubensflüchtlinge, die seinerzeit nach Rix- dorf gekommen waren. Nach dem zweisprachigen Gottes- dienst wurden die Neuköllner von der Gemeinde zu Kaffee und selbstgebackenem Kuchen eingeladen. Gemeinsam Grundschule Horni Cermnawurden anschließend die Grundschule und die auf dem 491 Meter hohen Marienberg erbaute Wallfahrtskirche Klein-Mariazell an der europäischen Wasserscheide zwischen Nordsee und schwarzem Meer besucht. Extra für die Gäste verwandelte sich die Dorfschänke von Horní Horni Cermna_Bürgermeisterin Hana MotlovaCermná zum Res- taurant, in das Bür- germeisterin Hana Motlova (r.) zum Mittagessen ein- geladen hatte. Hieran nahmen auch drei ehemalige Bürgermeister des Ortes teil – darunter Petr Silar, der inzwischen Mitglied des tschechischen Senats und Abgeordneter im Regionalparlament ist. Nach der Besichtigung des Heimatmuseums in Dolni Cermná, Heimatmuseum Dolni Cermnadessen Ausstellungs- stücke von den Anwoh- nern stammen und das auf dringend auf größere Räume hofft, wurde eine pensionierte Lehrerin besucht, die früher viele Schüler-Austausche zwischen den bei- den Partnerstädten organisiert hatte. Auf dem Rückweg machte die Gruppe noch beim Kloster auf dem Mut- tergottesberg nahe Kraliky und an einem Stausee Halt. Das Abendessen wurde in dem frisch restaurierten Fort Tvrz in Letohrad eingenommen.

Am letzten Tag ging es beim Gespräch mit einer Lehrerin des Gymnasiums in Ústí nad Orlicí erneut um das Thema Schüler-Austausch. Von 1993 bis 2007 wurde der zwischen der tschechischen Schule und der Neuköllner Clay-Oberschule prak- tiziert, von 1993 bis 2004 auch mit dem mit dem Albert-Einstein-Gymnasium. Wie es gelingen könnte, ihn zu reaktivieren, war der zentrale Punkt der Zusammenkunft, der Litomyslsich eine Stippvisite in der malerischen Friedrich Schloss LitomyslSme- tana-Stadt Litomysl anschloss, die be- sonders mit dem imposanten Schloss mit seiner außerge- wöhnlichen Sgraffi- to-Fassade zu beeindrucken wusste. Letzte Station auf dem Programm war schließlich eine Führung durch die Pädagogische Schule, in der Erzieherinnen und Erzieher schwerpunktmäßig in Musik, bildender und darstellender Pädagogische Schule LitomyslKunst ausgebildet werden. Überall in der Schule, selbst auf dem Dachboden, gibt es hier die Möglichkeit zur Präsentation eige- ner Werke.

Im nächsten Jahr kann die Städtepart- nerschaft zwischen Neukölln und Ústí nad Orlicí ihr 25-jähriges Bestehen feiern: Auf der Rückfahrt entwickelten die Freunde Neuköllns die Idee, anlässlich dieses Jubi- läums eine böhmische Linde in der tsche- chischen Partnerstadt zu pflanzen. Mal sehen, ob der Vorschlag eine Mehrheit bei den Mitgliedern findet. Ein Plätzchen würde sich sicher finden lassen.

=Bertil Wewer=

„Trauen Sie sich, das zu sehen, was Sie sehen!“

ausstellung "aufbrüche", tremezza von brentano, galerie im körnerpark neuköllnNicht mehr, aber auch nicht weniger wünscht sich Tremezza von Brentano von den Besuchern ihrer Aus- stellung  „Aufbrüche – Politische Bilder“. Mut zur eige- nen Wahrnehmung, sagt die Malerin, wolle sie den Betrachtern ihrer Werke geben.

35 Exponate, die dazu einladen, sich auf das Experi- ment einzulassen, zeigt Tremezza von Brentano derzeit in der Galerie im Körnerpark. Die Bilder entstanden in den letzten 10 Jahren und stellen „die Spitze des Eisbergs meiner eigenen Wahrnehmung von politi- schen Machthabern, Entwicklungen und Sachverhalten“ dar, erklärt die Künstlerin. Die wiederum zu be- oder auch verurteilen, sei Aufgabe der Betrachter.

In Neukölln stellt Brentano, die in Innsbruck geboren wurde und seit vielen Jahren in Köln lebt, nun schon zum vierten Mal aus. 1987 war die Premiere, Anlass die Feststellung, dass Neukölln und Köln Partnerstädte  sind: „Damals kam sogar Kölns Oberbürgermeister Norbert Burger zur Vernissage.“ Seitdem sei die Verbindung zum Neuköllner Kulturamt nie abgerissen, und so folgten 1998 und 2005 vernissage ausstellung "aufbrüche", udo gößwald, tremezza von brentano, galerie im körnerpark neuköllnweitere Ausstellungen in der Galerie im vernissage ausstellung "aufbrüche", tremezza von brentano, galerie im körnerpark neuköllnKörnerpark.

„Das ist aber ’ne Eh- re!“, fand Tremezza von Brentano, als Neu- köllns kommissari- scher Kulturamtsleiter Udo Gößwald ihre Bil- der bei der „Aufbrüche“-Vernissage mit denen von  Anton Räderscheidt  verglich. Zudem, meinte er und spielte damit auf die Omnipräsenz von Angela Merkel in Brentanos Werken an, gebe es wohl keine, die besser als Malerin für ein Porträt der Kanzlerin geeignet sei.

Doch es geht in der Ausstellung nicht nur um Bilder von einstigen und gegenwärtigen Machthabern, ihr  Mit- und  Gegeneinander und  das  Phänomen  Kapitalismus. Auch

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mit der  Medienkultur beschäftigt sich Tremezza von Brentano malerisch, strukturiert sie und entschleunigt so deren Schnelllebigkeit. Dabei ist die Kölnerin selber keine, die es mit der Langsamkeit hat. Eine Einzelkämpferin sei sie. Eine, die Tag für Tag in

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ihrem Atelier arbeitet und nach dem Leitspruch „Produktivität ist die intelligente Variante des Fleißes“ lebt. Mindestens 15 neue Bilder kämen so Jahr für Jahr dazu, sagt die Künstlerin. Und an diesen neuen hänge sie immer am meisten.

Die Ausstellung „Aufbrüche“ mit politischen Bildern von Tremezza von Brentano ist noch bis zum 26. August in der Galerie im Körnerpark zu sehen. Öffnungszeiten: Di. – So. 10 – 20 Uhr. Zur Finissage am Schlusstag liest Roland Schäfer um 17 Uhr aus der „Trilogie des Wiedersehens“ von Botho Strauß.

=ensa=

Prokrastination leicht gemacht

Für Neuköllner, die etwas auf die lange Bank schie- ben wollen, sind die Mög- lichkeiten beschränkt, das innerhalb des Bezirks zu tun. Auch die vor 34 Jahren von den Partnerstädten An- derlecht, Boulogne-Billan-court, Hammersmith, Mari- no und Zaanstad gespen- dete Bank im Rathaus Neukölln ist  – wenn über- haupt – nur unwesentlich länger als eine handels- übliche Parkbank.

Geradezu himmlische Be- dingungen bieten sich eif- rigen Prokrastinierern da- gegen am Bahnhof Süd- kreuz im Nachbarbezirk Tempelhof-Schöneberg. Dass deshalb dort alles ein wenig länger dauert als in Neukölln, darf aber bezweifelt werden.

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