Ein gutes Beispiel – in Neukölln

tag der sinti und roma_wildenbruchbruecke neuköllnGestern, nachmittags gegen 14 Uhr: Rund 80 Menschen haben sich mit bunten Tulpen auf der Wildenbruchbrücke in Neukölln ein- gefunden, um wie überall auf der Welt den Internationalen Tag der Sinti und Roma zu begehen. Einige tragen eine grüne und blaue Flagge mit rotem Chakra. Die Farben der Fahne stehen symbolisch für Himmel und Erde, während das Rad an den gemein- samen indischen Ursprung der Roma und Sinti erinnert. Die Versammelten werden gleich ihre Blumen über die Brüstung ins Wasser werfen, als Erinnerung an die Opfer, die der Porajmos Weiterlesen

„In Mitte wird die Problematik totgeschwiegen“: Neukölln startet als erster Berliner Bezirk Impf-Aktion an Schulen

impfung_dr. gundert_hans-fallada-schule neuköllnRoxana guckt lieber weg. Wie der Arzt die feine Kanüle in ihren linken Oberarm piekst und den Impfstoff injiziert, das will sie nicht sehen. „Nein, hat nicht weh getan“, lässt die Neunjährige Dr. Dietrich Gundert wissen, als der ein Pflaster auf spritze_grundimmunisierung von neuköllner kinderndie Einstich- stelle klebt.

Roxana und ihre vier Ge- schwister, die gestern ebenfalls geimpft wurden, ge- hören zu den 90 Kindern, die in den letzten 2 1/2 Jahren überwiegend aus Rumänien nach Neukölln kamen und nun die Hans-Fallada-Schule besuchen. „Roma-Kinder machen damit fast ein Viertel der gesamten Schüler-hans-fallada-schule_neuköllnschaft aus“, stellt Schulstadträtin Dr. Franziska Giffey fest, die kürzlich den 3. Neuköllner Roma- Statusbericht  veröffentlichte. Auf das in dem thematisierte Problem fehlender Impfnach- weise von Kindern zugewanderter Familien aus Südosteuropa  reagiert der Bezirk nun mit einer großangelegten Impfaktion zur Grund- immunisierung. Dazu habe, so Giffey, insbe- sondere Prof. Dr. Rainer Rossi, Chefarzt des Bereichs Kinder- und Jugendmedizin im Vivan- tes Klinikum Neukölln,  geraten, um die Gefahr der Ausbreitung von Infektionskrankheiten an Schulen effektiv einzudämmen. Den Eltern von 802 Kindern, die derzeit Willkommens- oder Regelklassen von Neuköllner Schulen besu- chen, wird nun diese Grundimmunisierung ihrer Töchter und Söhne gegen Tetanus, Diphterie, Keuchhusten, Kinderlähmung, MMR (Masern, Mumps, Röteln), Hepatitis B sowie Meningokokken angeboten.

Zwar könne man nicht sagen, dass die Kinder per se keinerlei Impfschutz in ihren Herkunftsländern erhalten haben, schränkt die Lehrerin Anita Wodatschek ein. „Aber ob und wann sie wogegen geimpft wurden, das hängt stark davon ab, ob sie impfpass_grundimmunisierung von neuköllner kindernländlich oder in einer Stadt gewohnt haben, und dokumentiert ist es oft auch nicht.“

Voraus ging der Impf-Aktion ein Info- Abend für die Eltern, bei denen sie von den Sprachmittlern der Schule behutsam in die Problematik einge- führt wurden. „Schriftliche Mitteilungen an die Eltern bringen auch in der Muttersprache meist wenig, weil viele An- alphabeten sind“, weiß Schulleiter Carsten Paeprer. Wichtig sei zudem, ihnen zu verdeutlichen, dass die Kinder nicht geimpft werden sollen, weil sie Roma-Kinder sind, sondern weil ihnen das fehle, was in Deutschland vom Säuglingsalter an zur gesundheitlichen Basisversorgung gehört. Dass die sechsfache Grundimmu-nisierung, die in fünf Durchgängen durchgeführt wird, im schulischen Umfeld am besten aufgehoben ist, um die notwendige Kontinuität zu erlangen, davon sind nicht giffey+paeprer+liecke_hans-fallada-schule_neuköllnnur Paeprer (M.) und Giffey (r.) über- zeugt, sondern auch der Neuköllner Gesundheitsstadtrat Falko Liecke (l.).

„Roma-Familien haben oft keine Krankenversicherung“, weiß Liecke. „Oder sie haben eine in ihrem Her- kunftsland, die aber für die Kosten- übernahme nicht zuständig ist, wenn der Hauptwohnsitz nach Deutsch- land verlegt wurde.“ Konsequenz dieser bisher auf bundes- und europapolitischer Ebene vernachlässigten Sachlage sei, dass Arztbesuche aus finanziellen Gründen vermieden werden und Patienten erst als Notfälle der völlig überlaufenen Ret- tungsstelle im Mutter-Kind-Zentrum des Vivantes Klinikums vorgestellt würden und nicht abgewiesen werden dürfen: „Die Kosten müssen dann aus der Bezirkskasse beglichen werden.“ Aus der wurden auch 127.000 Euro für die Anschaffung von Impfstoff vorfinanziert. Später würden die Kosten vom Berliner Senat erstattet.

Für die medizinisch fachgerechte Durchführung der für die Kinder kostenlosen Grundimmunisierung greift der Bezirk auf pensioniertes Personal wie beispielsweise Dr. Dietrich Gundert, den ehemaligen Leiter des kommunalen Kinder- und Jugend- gesundheitsdienstes, zurück. Wie viele der 802 neu zugezogenen Kinder im Rahmen der Aktion zunächst an der Hans-Fallada-, der Eduard-Möricke- und der Rixdorfer-Schule komplett durchgeimpft werden müssen, steht noch nicht fest. „Mehrere hundert sind es definitiv, wenn ein gewisser Impfstatus an den Schulen vorhanden sein soll“, ist Franziska Giffey überzeugt. Im Bezirk Mitte, ergänzt Stadtrat Liecke, habe man übrigens ganz ähnliche Probleme: „Aber in Mitte wird die Problematik tot- geschwiegen. Warum, weiß ich nicht.“ In Neukölln geht man einen anderen Weg.

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