Die Sache mit dem Glück und dem Mitteilungsbedürfnis

Wem es nicht reicht, dass ihm die eigene Gemütsverfassung anzusehen ist, der nutzt in Neukölln gern mal eine Hauswand, um seine Stimmungslage nebst Lebensphi- losophie  kundzutun. Dass  die Bewohner  dieses Hauses in der  Reuterstraße  nicht

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glücklich über das Mitteilungsbedürfnis des Glücklichen sein dürften, liegt auf der Hand, da die Entfernung seiner Weisheiten aus ihren Kassen bezahlt wird.

Große Kunst eines kleinen Jungen

Die Ansage, die Wände seines Zimmers nicht zu bemalen, dürfte bei Frieder auf taube Ohren stoßen. Vielleicht reizen die vergleichsweise mickrigen Ausmaße den Dreijährigen aber auch gar nicht: Schließlich hat er die ganze Seitenwand des  Hau- ses Britzer Damm 181 für sein großes Kunstwerk „Meine Oma“ zur Verfügung gestellt

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bekommen. Die Suche nach Bildnissen weiterer Familienmitglieder in der Neuköllner Wohnanlage ist übrigens zwecklos: Wie eine Mitarbeiterin der Hausverwaltung auf Anfrage mitteilte, handelt es sich bei Frieders Gemälde um ein Unikat.

Rätselhaftes Neukölln

Ob wir ihr sagen können, wo sie während ihres letzten Neukölln-Besuchs dieses Foto aufgenommen habe, fragte uns eine  Leserin aus  Worms und überließ uns das

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Bild. Wir reichen die Frage mal weiter. Wo kann man diese Fassade fotografieren?

Nicht suchen müssen alle, die längere Texte ungern am Bildschirm lesen, nach der 4. Ausgabe unseres Sommer-E-Papers: Die gibt es hier als pdf-Download.

Abschreckendes Beispiel

Natürlich kann man sich über Entgleisungen aufregen oder lustig machen, die die Kombination aus Sommer und Textilien im Straßenbild mit sich bringt. Auch in Neu- kölln weit oben in den Charts der saisonalen No-Gos: Socken in Sandalen. Wahlwei-

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se kann man sich aber genauso in Toleranz üben und vor Augen halten, dass die Hit- liste Luft nach oben lässt – wie die Fassade eines Hauses in der  Allerstraße  zeigt.

Wider der landläufigen Meinung

Dass sich Gegensätze wie das Runde und das Eckige nicht unbedingt anziehen müssen, bewiesen gestern nicht nur die deutschen und polnischen Nationalkicker mit ihrem torlosen Remis. Auch in Neukölln bewegen sich das vielleicht eckigste Eck-

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haus und das mutmaßlich rundeste Gebäude kein bisschen aufeinander zu: Ersteres steht seit Jahr und Tag an der Erlanger-/Reuterstraße, letzteres am Britzer Damm, dazwischen liegen über drei Kilometer.

Hinter wilden Tieren

Es ist mehr als ein Hauch von Afrika, der neuerdings durch die Selchower Straße in Neukölln weht. Eine ganze Savannenlandschaft zieht sich seit letzter Woche am Parterre des Hauses mit der Nummer 33 entlang. „Vielen gefällt das“, weiß Álvaro Sendra González, „mir aber gar nicht.“ Dem Spanier gehört der Laden, über dem Pequod Books  steht  und an dessen Tür  nun ein Zettel  mit dem Hinweis „Nein, hier

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selchower str 33_neuköllnwird kein Elefantenfutter verkauft“ klebt. Das sei seine Art von Protest, sagt er. Alle Be- mühungen im Vorfeld Einfluss auf die Motiv-auswahl zu nehmen, seien leider geschei- tert: „Gegen eine Fassade mit etwas Lite- rarischem oder Maritimem hätte ich ja gar nichts gehabt.“ Doch diese Vorschläge von Álvaro Sendra González waren es nicht, die realisiert wurden.

Hinter den wilden Tieren und der afrikani- schen Steppe ist das genaue Gegenteil der Fall. Mit Pequod Books setzt der Fotograf, der vor über sieben Jahren nach Berlin kam, von A bis Z seine eigene Idee eines vielsprachigen Antiquariats um. Benannt ist der Laden nach dem Schiff, mit dem Kapitän Ahab in Herman Melvilles pequod books_neuköllnRoman Moby Dick jagte: „Eines meiner Lieblingsbücher.“ Im Angebot sind Klassiker der Weltliteratur, aber auch Sachbücher, Dictionarys, Kinderbücher und jüngere Belletristik in über 15 verschiedenen Sprachen. „Englische Bücher sind natürlich die Topseller, weil das die Sprache ist, die die meisten meiner Kunden können“, sagt der Jungunternehmer. Auch deutsche Werke füllen viele Meter in den fast deckenhohen Regalwänden. Über- schaubarer ist die Auswahl an pequod books_neuköllnBüchern in serbischer, türkischer, lateinischer, chinesischer, finnischer, spanischer, hebräischer, spanischer oder rumänischer Sprache. Doch anders als in anderen Secondhand- Buchhandlungen sind sie hier  nicht als multilinguales Potpourri zusammengewürfelt, sondern feinsäuber- lich  sortiert.

Für etwa 12.000 Bücher wäre im Laden Platz. Knapp 8.000, schätzt Álvaro Sendra González, stehen derzeit in den Regalen, um für maximal 6 Euro neue Besitzer zu finden: „Der Durchschnittspreis liegt bei 3,50 Euro, und wer mir ein Buch verkauft, kriegt dafür einen Euro.“ Mehr Bücher in deutschen Dialekten, überlegt er, hätte er gerne. Dann könnte auch diese Sparte ein Extrafach bekommen. Eines wird aber sicher nie bei Pequod Books in der  Selchower Straße 33  verkauft werden: Elefantenfutter.

=ensa=

Neukölln holt auf

So richtig kann sich Dennis noch nicht für Neukölln erwärmen. Seit drei Wochen wohnt der Viereinhalbjährige mit seiner Mutter in der neuen Wohnung zwischen Sonnenallee und Neuköllner Schiffahrtskanal. Seitdem hat er ein kleineres Zimmer als vorher, geht in eine neue Kita und muss mit der U-Bahn fahren, um die Jungs zu treffen, mit denen er bisher gespielt hat. „Schöneberg ist schöner“, war noch bis vor fassadenbemalung_hertzbergstr. 1 neuköllnwenigen Tagen die trotzig-traurige Standardantwort, wenn jemand ihn fragte, wie es ihm in der neuen Umgebung gefällt.

Aber nun – seit Dennis die Entdeckung schlechthin gemacht hat – holt Neukölln in seiner Gunst auf. Grund dafür ist die auf Initiative der Kreativen Gesell- schaft Berlin dinosaurier_hertzbergstr. 1_neuköllnbunt bemalte Fassade des Hauses, das direkt am Richardplatz in der Hertzbergstraße steht. Sie zeige, wie es hier früher aus- gesehen hat, dass Neukölln mal ein Dorf war und wie die Menschen gelebt haben, hat seine Mutter ihm erklärt, während sie in Richtung Sonnenallee am Wandbild ent- lang spazierten.

Plötzlich, am Ende der bemalten Fassade, blieb der Jun- ge wie angewurzelt stehen. „Ein Sausier!“, staunte er, mit leuchtenden Augen auf das Urzeitviech starrend, und hakte begeistert nach, ob hier früher etwa Sausier gelebt hätten. Das „Sicherlich!“ der Mutter besiegelte, dass Dennis Neukölln nun ein ganzes Stück lieber mag.