Hier dezent, da opulent: Vorweihnachts-Spagat in Neukölln

Die Zeiten, als die Karl-Marx-Straße in der Adventszeit noch weihnachtlich geschmückt und beleuchtet war, sind lange vorbei. Auch Weihnachtsmarkt-Buden zwischen Ganghoferstraße und Rathaus, an denen gegessen, getrunken oder Nippes gekauft werden konnte, gehören der Vergangenheit an. Heute erinnern nur die Auslagen und Dekorationen der Geschäfte an das bevorstehende Fest, Neuköllns Magistrale selber präsentiert sich im Business as usual-Look.

Ganz anders: die Neukölln Arcaden. Schon die Fassade des Shoppingcenters hat sich in ein Lichtermeer verwandelt, in der Einkaufspassage setzt sich die atmosphärische Opulenz fort – über eine Viertelmillion Lämpchen wurden hier verbaut. Die Balustraden aller Etagen sind in funkelnde Lich- tervorhänge gehüllt, Weihnachtsbäume festlich gül- den geschmückt, und über den Rolltreppen hängen mächtige Weihnachtssterne, die halbstündlich im Takt von Weihnachtsliedern in verschiedenen Far- ben aufleuchten.

Ungleich bescheidener fällt die Inszenierung ein paar hundert Meter weiter südlich auf dem Platz der Stadt Hof aus. Das Bunteste ist hier – absehen von dem, was Passanten an und mit sich tragen – das lieblos mit Asphalt ge- flickte Wappenmosaik der Stadt Hof. Dass der lange vernachlässigte Platz seit dem 1. Advent abends etwas heller anmutet, ist dem zu verdanken, was von Fromlowitz + Schilling, den Öffentlichkeitsarbeitern der [Aktion! Karl-Marx-Straße], als „außergewöhnliche Ak- tion“ bezeichnet wird: Drei Lichtkünstler bestückten die Platane auf dem Platz mit etlichen weißen Einkaufstüten, die noch bis Anfang Januar bei Einsetzen der Dämmerung durch ein Strom-Sponsoring des Karstadt Schnäppchenmark- tes beleuchtet werden und so dem Ort ein wenig stimmungsvoller machen sollen. Dem Citymanage- ment  geht es jedoch auch noch um etwas anderes. Von einer „Doppelgleisigkeit“ spricht Sabine Slapa. Einerseits solle mit dem Projekt Weihnachts- platane zum Shoppen in den Geschäften der Karl- Marx-Straße und ihren Nebenstraßen anregt, an- dererseits aber durch die Wahl des Ortes und eine entsprechende Fokussierung auch signalisiert wer- den, „dass auf dem Platz der Stadt Hof jetzt wirklich etwas passiert“. Schon im nächsten Jahr werde die Umgestaltung angegangen, so Citymanagerin Sabi- ne Slapa, und die soll Neuköllns städtebauliches Stiefkind endlich zum Zentrum der Karl-Marx-Straße machen.

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Dinosaurier in Neuköllns einstigem Rotlichtkiez

♫ Advent, Advent, zwei Lihichtlein brenn’n … Zwar ist die stimmungsvolle Illu- minierung auf dem  Eckhaus  Allerstraße / Schillerpromenade  definitiv nicht  der  Vor-

leuchtfeuer, flughafen berlin-tempelhof, neukölln

weihnachtszeit geschuldet, sondern brennt an 365 Tagen im Jahr – vom Einsetzen der Dämmerung bis zum Morgengrauen. Doch Sinn und Zweck des Lichterglanzes werfen Fragen auf.

Bis zur Einstellung des Flugbetriebs auf dem Flughafen Berlin-Tempelhof war das anders: Damals wiesen die roten Lampen auf dem Dach des Hauses im Neuköllner Schillerkiez den Piloten den Weg zur Landebahn. Aber das ist  vor nunmehr über drei Jahren unnötig geworden. Auf anderen einst illuminierten Dächern in der ehemaligen Einflugschneise ist es seitdem zappenduster, bei besagtem Eckhaus hält man da- gegen noch an der Ära des Rotlichtkiezes fest.

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Wärmender als Tee oder Glühwein

„Natürlich kann man es damit abtun, dass es de- ren Job ist“, sagt sie, schiebt ihren Rollator ein paar Meter weiter, greift in den Baumwollbeutel, der auf der Sitzfläche liegt, zieht einen kleinen Weih- nachtsstern mit rotem Übertopf heraus und über- reicht ihn Hardo Wagner. „Ein kleines Dankeschön dafür, dass Sie bei jedem Wetter jeden Sonnabend hier auf dem Markt stehen“, erklärt sie dem zwischen überrascht und berührt schwankenden Mann, der Woche für Woche seinen Verkaufsstand mit Marmeladen, Chutneys und selbstgezüchteten Pilzen am Neuköllner Herrfurthplatz aufbaut.  Wagner lässt seinem Dankeschön die Bemerkung folgen, dass das doch selbstverständlich und ein Geschenk dafür nicht nötig sei. „Weiß ich“, entgegnet sie lächelnd, „aber diese kleine Anerkennung ist mir trotzdem ein Bedürfnis.“ Weiter geht es zum Markthändler am Nachbarstand.

Da müsse man schon viel Tee oder Glühwein trinken, bis einem von dem so warm wie von einer solch netten Geste wird, findet Hardo Wagner. Heute steht der Mann mit dem altgermanischen Vornamen wieder auf dem Schillermarkt, gewappnet gegen böigen Wind und die angekündigten Regenschauer. Vor einem Jahr waren es klirrender Frost und Schnee.

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Die süße Seite der Gentrifizierung

Klirrende Kälte, Schnee, blauer Himmel und Sonne – das Wetter hatte es gestern wahrlich gut gemeint: Mit den Aktiven vom Pro Schil- lerkiez, die einzig mit einer N+Förderung von 300 Euro den ersten Adventsmarkt auf dem Herrfurthplatz ge- stemmt hatten, ebenso wie mit denen, die heiße Getränke, Snacks oder sonstiges Wärmendes an- boten und die übli- che  Warenpalette der Schillermarkt-Händler ergänzten. „Sehr schön hier, nette Atmosphäre und zum Glück nicht so überlaufen wie auf dem Rixdorfer Weihnachtsmarkt“, waren sich auch die Besucher einig. Manche hatten den Markt zufällig auf dem Weg zum oder vom Tempelhofer Feld entdeckt, andere wollten ganz gezielt bei der Premiere dabei sein. „Schade, dass es das nicht an allen Adventssamstagen gab“, fanden viele. Mit „das“ meinten sie neben dem, was unter freiem Himmel stattfand, auch das Advents- markt-Programm in der Genezareth-Kirche: Der  augen- scheinlich auch für Jüngere of- fene 60+-Chor sang Rock- und Popsongs, Günter Stolacz Operette und Oper, die Gruppe „Tanz rund um den Globus“ machte die Fläche vor dem Altar zum Tanzparkett und Pfarrerin Elisabeth Kruse lud zum Abschluss des Programms zum Weihnachtslieder-Mitsingen ein.

Auch draußen war Mitmachen angesagt: Ein Weihnachtsmann stapfte über den Markt und belohnte Kinder, die ihm Weihnachtsgedichte aufsagten oder Lieder vorsangen, mit kleinen Geschenken. Um etwas Größeres, das nicht mit Gedichten oder Liedern bezahlt werden konnte, ging es dagegen bei einer Versteigerung am Stand der Organisatoren. Stadtteilführer Reinhold Steinle schlüpfte in die Rolle des Auktionators. „Das Haus“, erklärte er, „ist letzte Woche beim Late Light Shopping von Schülern der Akademie Schmöckwitz und Kindern gebaut worden.“ Der Erlös solle der Karlsgarten-Schule für die Um- gestaltung ihres Schulhofs zugute kommen. Die Skepsis, ob sich jemand finden würde, der bereit wäre, einen Betrag weit über dem Mindestgebot zu zahlen, war dem Moderator anfangs deutlich anzu- merken. Doch seine launige An- preisung des recyclebaren Ein- zimmerhauses zog nach und nach  mehr Schaulustige mit Ambitionen, zum Eigenheim-Besitzer zu werden, an. Die 60 Euro-Marke war schnell überschritten; am Ende fand das Haus für 70 Euro einen neuen Eigentümer. Von spon- tanen Unmutsbekundungen à la „Wir wollen solche Luxusbauten nicht hier im Kiez haben“ ließ der sich nicht einschüchtern.  „Das wird die neue Dependance unserer Firma im Schillerkiez“, verriet Christian Hoffmann stolz. Auch aus weiteren Plänen machte er kein Geheimnis: „Eine Gentrifizierung mit Leb- kuchenhäusern, das ist unser Ziel.“ Der Anfang ist gemacht.

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Passt!

Gut, die Spitze sprengt den Rahmen etwas und könnte noch ein bisschen gekürzt werden, und ein paar Strohsterne, Lametta oder Engelchen stünden dem festlich illuminierten Baum außerdem gut.

Aber sonst zeigen die Bewohner dieser Neuköllner Wohnung doch wirklich perfekt, dass der Einzug von weihnachtlichem Ambiente nicht zwangsläufig Umbau-Aktionen innerhalb der eigenen vier Wände bedeuten muss. Ein großer Pluspunkt des Konstrukts ist zudem die 3-K-Sicherheit: Kinder, Köter, Katzen laufen nicht Gefahr, die pieksige Flora durch Jagdinstinkte oder grobmotorische Bewegungen ins Wanken zu bringen. Sogar die Nervereien, Tannen- nadeln in der ganzen Wohnung zu haben, wenn das gute Stück seine beste Zeit hinter sich hat, entfallen. Einfach genial!

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Innovatives im Schatten des Late Light Shoppings

late light shopping karl-marx-straße, alte post neukölln, moritz  wermelskirchIm Körnerpark der Weihnachtsbazar, im Reuterkiez zum fünften Mal ein Adventsparcours und in der Karl-Marx-Straße das erste Late Light Shopping mit Licht- installationen und illuminierten Fassaden, late light shopping karl-marx-straße, neukölln, anzengruberstraßeoverknee- stiefelhohen dreidimen- sionalen Naturobjekten neben Marktständen in der Anzengruberstraße und einer spektakulären Public Kneipping-Aktion auf dem Platz der Stadt Hof: Neukölln hatte ges- tern einiges zu bieten.

Da wollte sich auch der Kindl-Boulevard an der Hermannstraße nicht lumpen lassen. Zusätzlich zum stimmungsvollen vorweihnachtlichen Lichterglanz, der die Passanten zum Blick nach oben animiert, wurde kurzfristig eine weitere Attraktion ins Adventssamstag-Programm aufgenommen.

Elf Eimer waren kreuz und quer auf dem Boden der Passage verteilt, und wenn man genau hinhörte, konnte man unterschiedlichste Variationen eines ploppenden Geräuschs genießen. Bauliche Mängel zu einem akustischen Adventskalender zu machen, das ist doch wirklich innovativ. Für das heute aufzustellende 12. Eimerchen ist noch reichlich Platz, beim 24. könnte es aber durchaus etwas eng werden.

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Der Neukölln-Experte

„Wie lange wohnst du jetzt eigentlich schon in Neukölln, Bruderherz?“, fragt sie ihn, als sie an der Kreuzung Karl-Marx-/Thomasstraße aufs Grün der Fußgänger-Ampel rixdorfer weihnachtsmarkt, neuköllnwarten. „Seit fast fünf Jahren. Und seit etwas über vier hier im Kiez“, antwortet er. Beide reden in einer Lautstärke miteinander, die alle im Umkreis von einigen Metern zu un- freiwilligen Ohrenzeugen macht. Da kenne man sich schon richtig gut in seinem Viertel aus, stellt sie fest. „Perfekt!“, korrigiert er.

Die Geschwister sind auf dem Weg zum Rixdorfer Weihnachtsmarkt. Auf der nördlichen Seite des Karl-Marx-Platzes geht es weiter in Richtung Richardplatz. Je näher sie ihm kommen, desto enger wird’s auf dem Bürgersteig. Sie beginnt zu maulen, dass sie sich das aber alles wesentlich idyllischer und weniger trubelig vorgestellt habe. „Auf dem Platz wird’s entspannter“, behauptet der ortskundige Bruder. Der Eindruck, es mit einem wahren Insider zu tun zu haben, verstärkt sich wenig später: „Das ist der berühmte Blutwurstritter“, teilt er seiner Schwester mit, als sie sich durch den Pulk vor der Blutwurstmanufaktur schlängeln – und zeigt dabei auf einen Mann, der definitiv nicht Marcus Benser ist.

„Mir ist das hier zu voll, das halt ich nicht aus. Lass uns umkehren!“, bittet sie, als der Rand des Weihnachtsmarktes erreicht und von der angekündigten Entspannung nichts zu spüren ist. Menschenmassen schieben sich durch den Budenzauber. „Ist aber auch extrem voll heute“, gibt der Bruder zu. Sie sei ja noch bis Dienstag hier, sagt die Frau und schlägt vor, den Besuch des Weihnachtsmarktes am Montag erneut anzugehen. „So machen wir das“, stimmt der Neukölln-Experte zu. Der Grundstein dafür, dass seine Schwester heute ohne Geschiebe und Drängelei über den Richardplatz kommt, ist gelegt – allerdings wird sie dabei auch auf Glühwein-, Waffeln- und Bratwurst-Duft verzichten müssen. Den gibt’s dort erst am zweiten Adventswochenende des nächsten Jahres wieder.

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