Anstoß zum Nachdenken

Nur noch vier Tage, mehr Zeit bleibt nicht für den Besuch der Ausstellung „Ver- gessene Geschichte: 70 Jahre Nacht-und-Nebel-Erlass“, die anlässlich des Neu- köllner Festivals NACHTUNDNEBEL eröffnet wurde.

Sie freue sich sehr über die Ausstellung und hoffe, „dass sie einen Anstoß für ein Nachdenken über die Namensgebung der alljährlichen Kulturnacht gibt“, sagte Pfar- rerin Elisabeth Kruse bei der Vernissage in der Genezareth-Kirche. Birgit Rettner, die die Ausstellung initiierte, kuratierte und die historischen Hintergründe recherchierte, formulierte es etwas weniger deutlich: Sie solle an die ursprüngliche  Bedeutung des

Begriffs erinnern, den am 7. Dezember 1941 verordneten Nacht-und-Nebel-Erlass. Über 7.000 Menschen aus Frankreich, Belgien, den Niederlanden und Norwegen, die sich in ihren Heimatländern für die Idee der Freiheit und Humanität engagiert und somit als Widerstandskämpfer verdächtig gemacht hatten, seien damals heimlich nach  Deutschland  verschleppt  und  verurteilt  oder  inhaftiert  worden. An der Empore der Kirche hängende Portraitfotos geben den Verschwundenen Gesichter und Namen, beeindrucken und berühren.

Stelltafeln in einem Nebenraum zeigen die andere Seite des Nacht-und-Nebel-Erlasses: Kopien von historischen Originaldokumenten sowie Fotos von Wilhelm Keitel und Prof. Dr. Franz Schlegelberger, die durch die Nürnberger Prozesse als Ver- antwortliche festgestellt wurden. Darüber hinaus wird exemplarisch das Schicksal der französischen Widerstandsgruppe Renard veranschaulicht.

Die Ausstellung zum 70. Jahrestag des Nacht-und-Nebel-Erlasses ist noch bis zum 19. No- vember in der Genezareth-Kirche zu sehen. Die Kirche ist in der Regel von dienstags bis freitags zwischen 14 und 18 Uhr sowie samstags von 11 bis 17 Uhr geöffnet.

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Ausbaufähig

Über ein Drittel der insgesamt 110 NACHTUNDNEBEL-Veranstaltungsorte sei barrierefrei oder -arm. Sie hätten die Betreiber der teilnehmenden Galerien, Ateliers und Läden für die Bedürf- nisse von Menschen mit Handicaps sensibilisiert und geeignete Zugänge zu den Locations angeregt, teilten die Organisatoren bei der Eröffnung des Festivals stolz mit. Was bedeutete das für Geh-, Seh- und Hörbehinderte, die Samstagabend die Neuköllner Kulturszene erkundeten? Waren sie zuhauf unter- wegs, beglückt darüber, dass endlich auch mal an sie gedacht wurde?

Die Vielzahl der barrierefreien Angebote werde für ihre Arbeit einen spürbaren Effekt haben, prognostizierte Katharina Smaldino (r.), die Behindertenbeauftragte des Be- nachtundnebel 2011, franziska giffey, claudia simon, katharina smaldinozirks, beim  Opening im Schiller- palais: „Anrufe von Menschen mit Behinderungen, die sich darüber beklagen, dass sie zwar gerne teilgenommen hät- ten, aber nicht teilnehmen konnten, werden so ausbleiben. Schon deshalb unterstütze ich das Festival gerne“, sagte Smal- dino. Zur Form der Unterstüt- zung sagte sie nichts, verlieh stattdessen zusammen mit Kulturstadträtin Franziska Giffey (l.) zwei Anerkennungs- preise an Galerien, die sich besonders für die Integration Behinderter engagiert hatten: Einen erhielt Claudia Simon (M.), die in ihrer Ladengalerie arm und sexy mit der Gruppenausstellung „Makellos“ auch Werke von Künstlern aus dem Umfeld der Psychosozialen Initiative Moabit e. V. zeigte. Der andere Preis wurde Conny Kraus und ihrem Mohnlicht Ladenatelier zugesprochen. Sie habe einerseits, erklärte die Künstlerin, „eigenhändig eine Rampe gebaut, die die 17 Zentimeter hohe Stufe zum Laden überwinden hilft“ und zum anderen die haptischen Reize ihrer eigenen Kunst- werke ausgelotet.

„Eine großartige Unterstützung war das auch wieder nicht, die ich geleistet hab“, räumte Katharina Smaldino heute selbstkritisch in einem Telefonat ein. Sie habe den Veranstaltern für Fragen zum Thema Barrierefreiheit zur Verfügung gestanden, die Preise für den Wettbewerb organisiert und das Festival zusätzlich über ihre Kontakte beworben, wobei der Fokus auf Vereinigungen für Seh- und Hörbehinderte gelegen habe. „Nun bin ich auf die Rück- meldungen gespannt“, sagt sie – wohlwissend, dass die eher bei Beschwerden als bei Lob kommen. Unterm Strich dürfe man man bestenfalls erwarten, dass der behindertengerechte Aspekt des Events das Signal an Betroffene aussendet, dass sie erwünscht sind und ein Bewusstsein für ihre Bedürf- nisse  geweckt wurde. „Mehr als einige Seh- und Hörbehinderte und zwei oder drei Rollstuhlfahrer werden es trotzdem nicht gewesen sein, die NACHTUNDNEBEL mitgemacht haben“, schätzt Katharina Smaldino die Resonanz realistisch ein.

Einer davon war im Kiez rund um den Richardplatz unterwegs – und somit wieder mal auf vertrautem Terrain, wie er betont. Dass beim Festival erstmals auf Barrierefreiheit geachtet wurde, war ihm weder bekannt, noch bei seinen Galerienbesuchen bewusst geworden. „Wenn ich irgendwo rein will, dann komm ich da auch rein!“, sagt er selbstsicher. „Andere dauernd um Hilfe bitten zu müssen ist zwar nicht schön, aber es gehört für mich schließlich zum Alltag.“ Das sah die Rollstuhlfahrerin, die sich durch den Schillerkiez schieben ließ, ähnlich. Rampen würden den Zugang zu den Locations zweifellos erleichtern, doch auch Stufen seien überwindbar – wenn ein paar Leute mit anpacken. Und so viel Hilfsbereitschaft gebe es eigentlich immer, oft sogar ohne an sie appellieren zu müssen: „Insofern sehe ich nicht, dass sich dieses NACHTUNDNEBEL vom vorherigen unterscheidet.“ Zumal auf die Piktogramme, die im Programmheft auf Barrierefreiheit hinwiesen, im Umkehrschluss nur bedingt zuverlässig waren. Will heißen: Verschiedene ungekennzeichnete Orte erwiesen sich beim Besuch als unerwartet hürdenlos.

„Es ist ein Anfang gemacht, von dem ich mir sehr wünsche, dass er auch auf das Sommer-Festival 48 STUNDEN NEUKÖLLN übergreift“, wertet Katharina Smaldino die Premiere. Indes wünscht sich mancher Veranstalter von der Behinderten- beauftragten, dass barrierefreie Event-Angebote offensiv in entsprechenden Einrichtungen angekündigt werden und die Zielgruppe erreichen. Das sei in der Tat etwas schwierig gewesen, weil sich der Beirat für Menschen mit Behinderungen als wichtigster Multiplikator wegen der Berlin-Wahl gerade neu formiere, gibt Smaldino zu. „Beim nächsten Mal wird das leichter“, verspricht sie. Schließlich soll aus dem „Gut gedacht“ ein „Gut gemacht“ werden.

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