Ironie des Schicksals

Über 350 Menschen, die 1737 ihre böhmische Heimat verlassen mussten, um weiterhin Protestanten sein  zu können, hat  er in Neukölln, das damals  noch Rixdorf

Friedrich Wilhelm I.-Statue_Böhmisches Dorf_Neukölln

hieß, zu einem neuen Zuhause verholfen. Nun hat Friedrich Wilhelm I. selber kein Dach überm Kopf und ist den Schneeflocken, die über den Platz vor dem  Museum im Böhmischen Dorf  treiben, schutzlos ausgeliefert.

Neue Heimat Böhmisch-Rixdorf

Heute, wirklich genau heute vor 275 Jahren, am 25. März 1737, erreichten die ersten böhmischen Zuwanderer Berlin. Sie wurden in der südlichen Friedrichsstadt und in Rixdorf untergebracht. Eingeladen waren sie vom preußischen König Friedrich Wilhelm I. höchstpersönlich.

Was war geschehen? Auf der einen Seite hatte sich in weiten Landstrichen Preußens die Bevölkerung vom Aderlass des 30-jährigen Krieges noch nicht erholt, als sie von der Pest weiterhin zahlenmäßig reduziert wurde. Auf der anderen Seite gab es nach der gewaltsamen Rekatholisierung in Böhmen in den nördlich angren- zenden Gebieten Hunderte von Glaubenflüchtlingen: Manch Böhme ward – das ist bekannt – dem Kelch zuliebe Exulant.

So war es weniger ein Akt der Huma- nität als vielmehr ein wirtschaftliches Kalkül, das den Soldatenkönig bewog, in Rixdorf neun Doppelhäuser für je zwei Familien und neun Scheunen mit Kammern für sogenannte Einlieger errichten zu lassen. Dazu erhielt jeder Ackerwirt zwei Pferde, zwei Kühe und das nötige Ackergerät.

Das Leben der Parallelgesellschaft in Böhmisch-Rixdorf begann, und die Ureinwohner in nunmehr Deutsch-Rixdorf waren über diese Entwicklung herzlich wenig begeistert. Die „Neuen“ – sie stammten übrigens fast alle aus Böhmisch-Rothwasser – wurden argwöhnisch beäugt, sprachen sie doch eine fremde Sprache (Tschechisch), brachten ihre Musik und Trachten mit und hatten auch sonst ganz andere Sitten und Gebräuche. Und sie dachten nicht im Traum daran, sich zu integrieren oder gar zu assimilieren.

Ihre Gottesdienste – es gab die der Evangelisch-reformierten Bethlehemsgemeinde, der Evangelisch-böhmisch-lutherischen Bethlehemsgemeinde und der Evangelischen (Herrnhuter) Brüdergemeine – wurden bis zum ersten Weltkrieg in ihrer Muttersprache gehalten. Jede der drei Gemeinden hatte ihre eigene böhmischer gottesacker, neuköllnKirche, bzw. ihren eigenen Betsaal. Sie hatten auch einen (dreigeteilten) eigenen Friedhof, den Böhmischen Gottesacker. Hier wurden die Grabsteine immerhin bis 1820 zweisprachig, danach erst in Deutsch beschriftet. Das Grundstück für den Friedhof wurde ihnen übrigens 1751 von den deutschstämmigen Rixdorfern zugewiesen, weil diese es für nicht „anständig“ hielten, dass auf dem ihrigen weiterhin die Fremden bestattet wurden.

Ein weiteres Sprachrelikt ist auf dem Straßenschild der Kirchgasse zu finden. Ein Zusatzhinweis soll belegen, dass diese Gasse bis 1909 Mala ulicka, also Enge Gasse hieß.

Wurde auch lange Zeit der Entscheid des Hohenzollern von den Deutsch-Rixdorfern missbilligt, so schmückt sich Neukölln inzwi- schen mit seinem Böhmischen Dorf, ge- rade weil sich hier viel von dem Besonderen der ehemaligen Exu- lanten erhalten hat und gepflegt wird. Auch das im September 2005 eröffnete Museum im Böhmischen Dorf ist aus dem Bezirk längst nicht mehr wegzudenken.

Anlässlich des heutigen Jubiläums findet um 11 Uhr in der Französischen Friedrichstadtkirche am Gendarmenmarkt ein Gottesdienst (u. a. mit Pfarrer Bernd Krebs von der Ev.-ref. Bethlehemsgemeinde) zum Gedenken an die böhmische Einwanderung statt. Teile davon werden in tschechischer Sprache gehalten.

=kiezkieker=

Dufte: Neukölln hat einen Dorfbackofen

Dass das Geklapper von Hufen durch die Straßen im Neuköllner Richardkiez schallt, ist für alle, die dort leben oder sich häufig dort aufhalten, längst nichts mehr, was Aufsehen oder -hören erregt. Schließlich gehören die Pferdekutschen des Fuhr- unternehmens Schöne seit jeher zum Viertel rund ums Böhmische Dorf und tragen dorfbackofen, reformierte bethlehemsgemeinde neukölln, ganghoferkiezatmosphärisch maßgeblich zum be- sonderen Charakter des Kiezes bei.

Noch recht neu ist hingegen, dass nun zuweilen Rührschüsseln und Kuchen- formen durch die Straßen getragen werden und der Duft frischen Backwerks hinter dem Turm der Ev.-ref. Bethle- hemsgemeinde in der Richardstraße aufsteigt. Dort entstand nämlich im Sommer auf Initiative von Pfarrer Bernd Krebs, weiteren Gemeindemitgliedern und des benachbarten Alphabetisie- rungsvereins Lesen und Schreiben ein Dorfbackofen, der Ende September erstmals feierlich angeheizt wurde.

„Dass es ihn gibt und er  von den Men- schen im Kiez  zum Backen von Brot und Kuchen benutzt werden kann, muss sich natürlich erst rumsprechen“, sagt Pfarrer Krebs. Derzeit würden Flyer gedruckt, die an Kitas, Schulen und andere Einrichtungen sowie Anwohner verteilt werden sollen, um den Bekanntheitsgrad des vom Quartiersmanagement Ganghoferstraße über Soziale Stadt-Mittel finanzierten Gemeinschaftsofens zu steigern. Immer  mittwochs werde er angeheizt – wenn zuvor Anmeldungen bei der Gemeinde (Tel. 030 – 687 25 39) eingegangen sind. „Ob jemand im QM-Gebiet oder zwei Straßen außerhalb wohnt, das sehen wir aber nicht so eng“, räumt Krebs ein. Seine Vision ist, den Dorfbackofen im Garten hinter dem Kirchsaal  zum Ort der Begegnung im Kiez  zu machen.

=ensa=

Königliche Spuren im Böhmischen Dorf

Seit vor gut fünf Jahren das Museum im Böhmischen Dorf im ehemaligen Schulhaus in der Kirchgasse eröffnet wurde, lässt sich dort wunderbar auf den Spuren der böhmischen Einwanderer durch die Geschichte Neuköllns wandeln.

luisenverehrung, museum im böhmischen dorf, neukölln, königin luiseluisenverehrung, museum im böhmischen dorf, neukölln, königin luise rixdorfIn den letzten Monaten waren dort auch noch an- dere Spuren zu sehen: die von Königin Luise. „Luisen- verehrung – Wenn Königin Luise im Böhmischen Dorf gewesen wäre …“ hieß ei- ne sehenswerte Sonder- ausstellung, die im Mai er- öffnet wurde und vorgestern endete.

Es waren nur wenige Exponate, die dazu anregten, sich auf eine „heitere Spurensuche“ zu begeben: ein Nadelkissen, eine  Schatulle mit  einer heimlich  abgeschnittenen königlichen Locke,

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ein Stück Luisenkonfekt von 1806, Hut und Schirm, Bilder, eine Tasse aus Luises luisenverehrung, museum im böhmischen dorf, neukölln, königin luise rixdorfMoccatassen-Sammlung.

Nicht minder bemerkenswert waren jedoch die Be- schriftungen der liebevoll zusammengestellten Ge- genstände. Wer beim Lesen den Konjunktiv aus den luisenverehrung, museum im böhmischen dorf, neukölln, königin luise rixdorf, rixdorfer weihnachtsmarktAugen verlor, lief schnell Gefahr aus der heiteren Spur zu gera- ten. Auch ein Stück Rix- dorf-Wissen half weiter, mancher kleinen Schwindelei auf die Schliche zu kommen. Wenn, ja wenn Königin Luise in Rixdorf gewesen wäre … Den Rixdorfer Weihnachtsmarkt hätte sie 1802 kaum besuchen können, denn den gab es damals noch gar nicht.

„Übrigens hatte Luise auch nie eine Moccatassen-Sammlung“, merkt Brigitta Polinna, die Kuratorin der Ausstellung, schmunzelnd an. Und das darf man ihr glauben, denn sie kennt sich mit der Königin aus. Gut möglich, dass sich das Faible für Luise unter den Ureinwohnern Neuköllns von Generation zu Generation weiter vererbt. Zu denen gehört Brigitta Polinna zweifelsohne, und sie weiß: „Die Rixdorfer haben die Hohenzollerner schon immer ziemlich verehrt.“ Grund genug, der beliebten Königin Preußens mit einer Ausstellung zu gedacht zu haben.

_ensa_