Der erste Stolperstein in Rudow erinnert an einen überzeugten Kriegsgegner

Ein Held im klassischen Sinn ist Otto Laube sicherlich nicht gewesen: Der 1888 geborene Mann war oft erwerbslos und allenfalls prekär als Bauarbeiter oder Kraftfahrzeugfahrer beschäftigt. Seit 1909 kam der ungelernte Arbeiter wiederholt wegen Eigentumsdelikten mit dem Gesetz in Konflikt. Weil er im Ersten Weltkrieg desertierte, saß Laube bis nach der November-Revolution 1918 zwei Jahre lang in Haft. „Dass er auch unter der NS-Diktatur aus seiner Kriegsablehnung keinen Hehl machte, kostete ihn das Leben“, befanden Abiturienten aus Weiterlesen

Neuer Stolperstein in Neukölln: für Hans Erich Kantorowsky

sonnenallee 68_stolperstein hans erich kantorowsky_neukoellnHans Erich Kantorowsky war einer von über 160.000 Menschen jüdischen Glaubens, die 1933, als die Nazis die Macht übernahmen, in Berlin lebten. Und er war der Onkel von Lee Angress (M.), der Tochter von Hans‘ banasiak_angress_berliner_stolperstein kantorowsky_neukoellnacht Jahre jüngerer Schwester Eva. Hans kam 1913 als erstes Kind von Frieda und Dr Georg Kantorowsky zur Welt, 1917 wurde der Vater Rabbiner der Neuköllner Synagoge in der Isarstra- ße. Nur wenige Minuten Fußweg waren es bis zur Wohnung der Familie in der Sonnenallee 68: Hier erinnert seit vorgestern ein Stolperstein an Hans Erich Kantorowsky, der sich schon früh einer kommunis- tischen Widerstandsgruppe angeschlossen hatte, 1933 nach Prag Weiterlesen

Gedenken an drei weitgehend Unbekannte: Stolpersteine für Daniel und Lucie Glassmann und Rosalie Rahel Brühl

stolpersteine rosalie brühl+lucie glassmann+daniel glassmann_neuköllnWenn in Neukölln Stolpersteine verlegt werden, geht das normalerweise recht flott. Eine Vier- telstunde vielleicht, mehr Zeit braucht es nicht, bis das neue kleine Denkmal für ein Opfer des Nazi-Regimes in den Bürgersteig gelassen ist und eine Messingplatte zwischen Pflaster-steinen glänzt. Sind es gleich mehrere, dauert biebricher straße 6_neuköllnes nur unwesentlich länger.

Schon ob des Zeitfaktors war die gestrige Verlegung der Stolpersteine für Lucie und Daniel Glassmann und Rosalie Rahel Brühl in der Biebricher Straße 6 eine besondere. Denn die Schüler und Lehrer der benachbarten Evangelischen Schule Neukölln (ESN), die zusammen mit den Ev. Kirchenkreisen Neukölln und Teltow-Zehlendorf die Patenschaft für die Protagonisten der Gedenkstätte übernommen haben, organi-olgierd bohuzewicz_evangelische schule neuköllnsierten eine gut 1 1/2-stündige, beein- druckende Zeremonie zu Ehren der Ermordeten.

Die begann mit einer Andacht in der mit Kindern und lana lutz+felicitas thiele_evangelische schule neuköllnJugendlichen der Klassen- stufen 5 bis 10 vollbesetzten Aula der Schule. Musiklehrer Olgierd Bohuszewicz (r.) setz- te hier gemeinsam mit seiner Kollegin Cornelia Gnaud- schun (l.) und Schülerinnen und Schülern stimmungs- cornelia gnaudschun+wp musik 10_evangelische schule neuköllnvolle musikalische Akzente in einem von der Neuköllner marita lersner+8c_evangelische suchule neuköllnKreisjugendpfarrerin Mari- ta Lersner (r.) mitgestal- teten Programm. „Ich fin- de, wir sollten viel mehr stolpern“, leitete die Pas- torin zu den von banal bis global changierenden Stolpergedanken des 8c-Quintetts über. Eine Schüle- rin bekannte, oft über ihre eigene Ruppigkeit im Umgang mit anderen Menschen zu stolpern, bei einer anderen ist es die Ungerechtigkeit, die sie innerhalb der eigenen Familie erlebt. „Ich stolpere oft darüber, wie unbedacht die Menschheit thorsten knauer-huckauf_ev schule neuköllnmit der Schöp- fung umgeht“, gab der einzige Junge der Gruppe zu bedenken.

Thorsten Knauer-Huckauf (r.), seit dem Tod von Klaus-Randolf Weiser  kommissari- scher Schulleiter der ESN, konzentrierte sich in seiner Ansprache ganz auf das Stolpern, das die Stolpersteine bewirken sollen. Sie seien Erinnerung an die eigene stolperstein-verlegung_biebricher str. 6_neuköllnGeschichte und eine Zeit, in der Deutsch- land durch die Schandtaten der Nazis seine Menschlichkeit verloren habe. Nur wenige hätten sich sich damals dem Regime entgegengesetzt, viele hätten tatenlos zugesehen – bei Diskriminierung, Pogrom und Deportationen. „Stolper- steine“, so Knauer-Huckauf, „machen die Lücken kenntlich, die die Opfer der Nazi-Herrschaft gelassen haben. Ihr Schick- michael rohrmann+esn_stolpersteine neuköllnsal soll uns Mahnung für unser eigenes Handeln sein.“

Es war Jakob Rohrmann, ein Schüler der Evangeli- schen Schule Neukölln, der sich in einer MSA-Prü- fung mit dem Thema Stolpersteine beschäftigt hatte und so auf das Schicksal der drei Deportierten aus der Biebricher Straße gestoßen war. Gestern hielt sich der Jugendliche bescheiden im Hintergrund und überließ seinem Vater das Reden und Handeln: Normalerweise ist Neukölln nicht Michael Rohrmanns Beritt. „Eigentlich engagiere ich mich nur im michael rohrmann_stolpersteine brühl+glassmann_neuköllnKreis Teltow-Zehlendorf für das Projekt Stolper- steine, aber nach Rücksprache mit Gunter Demnig war es problemlos möglich, hier mal eine Ausnahme zu machen“, sagt er, die drei jeweils etwa 2 Kilogramm schweren Steine von der Schule zum Ort des Geschehens balan- cierend.

„Im Gegensatz zu anderen Opfern wissen wir über die drei, die in diesem Haus wohnten, sehr wenig“, berichtet er den Delegierten, die jede Klasse geschickt hat. Daniel Glassmann, der am 30. Mai 1870 in Posen geboren worden war, wohnte laut Adressbuch seit 1935 hier, wurde als Haushaltsvorstand geführt und war Rentner. Lucie Glassmann war rund 24 Jahre jünger. „Sie könnte michael rohrmann_stolpersteine-verlegung_neuköllnseine Tochter gewesen sein“, vermutet Michael Rohrmann. In welchem Verhältnis Rosalie Rahel Brühl zu den Glassmanns stand, sei ebenfalls nicht bekannt: „Sie war 10 jünger als Herr Glass- mann. Vielleicht seine Lebensgefährtin?“ In wel- cher Wohnung sie gemeinsam lebten, auch das konnte bislang nicht in Erfahrung gebracht werden.

Was man indes weiß, ist, dass Daniel Glass- mann am 25. Januar 1942 nach Riga deportiert und dort ermordet wurde. Lucie Glassmann und Rosalie Rahel Brühl waren bereits zwei Monate vorher, am 14. November 1941, abgeholt und nach Minsk gebracht worden, wo sie ihr Leben lassen mussten.

christiane peter+esn-schüler_stolpersteine-verlegung neuköllnWie dieses Leben nach Hitlers Machtüber- nahme ausgesehen hat, macht die Lehre- rin Christiane Peter (r.) gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern der 10. Jahr- gangsstufe deutlich. In der Gedenkstätten-woche, die an der ESN alljährlich im November veranstaltet wird, hatten die Jugendlichen über den Alltag der Juden esn_stolpersteine_biebricher str. 6 neuköllnwährend der NS- Zeit recherchiert: Nächtliche Ausgangssperren, der Kennzeichnungszwang, das Verbot der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel, Berufsverbote, die stetige Verschlechterung der Lebens- mittel- und Hygieneartikel-Zuteilung, die Pflicht zur Abgabe stolpersteine_biebricher str. 6 neuköllndes Führerscheins.

„Kannst du dir das vor- stellen?“, flüstert ein Mädchen einem ande- ren zu. Das schüttelt den Kopf. Beide drappieren rote Rosen um die von Michael Rohrmann verlegten Stolpersteine. „Die Pflege dieser drei Steine wird zur Tradition an unserer Schule werden“, verspricht Thorsten Knauer-Huckauf.

Er werde auch darauf achten, dass sie immer schön glänzen, kündigt ein Mann an, der ein paar Häuser weiter wohnt. Seine Mutter, sagt er, müsste die drei De- portierten gekannt haben. Nach ihnen fragen kann er sie nicht mehr, weil sie schon vor Jahren gestorben ist. „Wir haben leider über so vieles nicht gesprochen“, bedauert der 63-Jährige noch heute.

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