Erstmals breite Beteiligung an Aktionen rund um dem Welt-Alpha-Tag

„Noch nie gab es in Berlin rund um den Weltalphabetisierungs-Tag am 8. September so viele Aktionen wie in diesem Jahr. Wir feiern diesmal im kleinen Kreis und haben niemanden offiziell eingeladen, weil bei uns gerade gebaut wird und im Hof ein großes Gerüst steht“, sagte mir Urda Thiessen, Geschäftsführerin des 1983 gegründeten Lesen und Schreiben e. V., am Tag vor dem Aktionstag beim diesjährigen Hoffest des Vereins am Freitagmittag im Herrnhuter Weg.

In ganz Berlin wurden knapp 30 Veranstaltungen ge-zählt. Allein in Neukölln hatten der Lernladen und der Jobpoint in der Passage am U-Bahnhof Karl-Marx-Straße ihre Weiterlesen

Abschied von Berlins Pionierin für Alphabetisierung

Mit über 50 Bündnispartnern trägt das Alpha-Bündnis Neukölln die Themen Alphabetisierung und Grundbildung in die Öffent-lichkeit, denn noch immer ist An-Alphabetismus ein großes Tabu-Thema. Schätzungsweise 28.000 Menschen in Neukölln haben – obwohl sie Deutsch sprechen – Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben. Sie können nicht gut genug lesen und schreiben, um am gesellschaftlichen Leben in angemessener Weise teilzuhaben und im Beruf zurecht zu kommen. Viele besitzen zudem keine ausreichende Grundbildung. Ihnen fehlen grundlegende Kenntnisse in Mathematik, PC-Kompetenz Weiterlesen

Wie Parteien die Tore zu ihren Wahlprogrammen öffnen

Jedes Jahr am 8. September ist der Weltalphabetisierungs-Tag. Zwei Tage vorher, am lesen und schreiben e.v., neukölln,weltalphabetisierungstag, aktionsbündnis alphabetisierung und grundbildung neuköllnkommenden Mittwoch, wollen Aktive vom Bündnis für Alphabetisierung und Grundbildung auf dem Alfred-Scholz-Platz mit Passanten ins Gespräch kommen. Vielleicht wird dabei auch über Politik und die bevorstehende Bundestagswahl gesprochen. Jedenfalls bieten fast alle großen Parteien seit der Bundestagswahl 2009 vereinfachte Zusammenfassungen ihrer offiziellen Wahlpro-gramme in „Leichter Sprache“ an. Leichte Sprache bedeutet: Kurze Sätze, keine Fremdwörter, viele Verben, wenig Substantive und möglichst Weiterlesen

40 finanzierte Lernerplätze für etwa 28.000 Neuköllner Analphabeten

Lange stand das Alpha-Bündnis Neukölln, das durch seine Netzwerkarbeit für Alphabetisierung und Grundbildung ganz praktisch Menschen hilft, die Schwierigkeiten mitwehinger dem Lesen und Schreiben haben, selbst vor einer ungewissen Zukunft, doch seit September hat das Helferbündnis eine neue Projektkoordinatorin, und im Oktober fand wieder ein Netzwerktreffen statt.

„Ich wünsche mir, dass hier alle Fäden zusammen laufen“, sagt Ida Wehinger (r.), die an ihrem Computer im Büro der GesBiT mbH in der Karl-Marx-Straße 122 sitzt. Die Pädagogin und Erziehungswissenschaftlerin arbeitet als Netzwerkkoordinatorin für das Alpha-Bündnis Neukölln mit Weiterlesen

Alpha-Bündnis Neukölln vor einer ungewissen Zukunft

plenum_alpha-bündnis neuköllnZum vielleicht letzten Mal traf sich das Plenum vom Alpha-Bündnis Neukölln am vergangenen Freitag. Es war diesmal beim Quartiersmanagement Ganghofer- straße zu Gast. Um weiter arbeiten zu können, braucht das Bündnis für Alphabetisierung und Grundbildung einen Träger, der die Projektverwaltung vom jetzigen übernimmt. Noch ist niemand gefunden.

Trotzdem ließen sich rund 40 anwesenden Bünd- nispartner ihre gute Stimmung nicht verderben: 280 Mitarbeiter aus Bürgeramt, Jugendamt, Berufsbil- dungs- und Jugendeinrichtungen sowie Stadtteil- mütter und Quartiersmanager haben inzwischen eine Alpha-Kompetenz-Schulung bzw. eine Sensibilisierungs-Schulung besucht. Bei nunmehr 15 Weiterlesen

ABC oje, oje: Hilfe für die, die helfen sollen

ingan küstermann_alpha-kompetenz-schulung_LuS berlin-neuköllnMehrere Berater und Beraterinnen von drei sozialen Einrichtungen in Neukölln trafen sich am vergangenen Dienstag zu einer kostenlosen Schulung für den Alpha-Kompetenz-Aufkleber: Sie wollten lernen, was sie beachten müssen, wenn sie Menschen beraten, die nicht so gut lesen und schreiben können. Die Idee der Schulung kommt vom Alpha-Bündnis Neukölln.

Denn allein in Neukölln leben schätzungsweise 28.000 Menschen, die Hilfe beim Lesen und Schreiben brauchen, um im Leben zurecht zu kommen. Sie können keinen Wahlzettel lesen und kein Kochrezept. Sie verstehen oft nicht einmal die Fernsehzeitschrift mit vielen Bildern. Fachleute nennen diese Menschen funktionale Analphabeten. Obwohl funktionale Analphabeten vielleicht Weiterlesen

Lob für die Grundbildungs- und Alphabetisierungsarbeit in Neukölln

werkstatt_lesen und schreiben ev neuköllnJedes Jahr am 8. September ist der Weltalphabetisierungs-Tag. Der Verein Lesen und Schreiben (LuS) lud letzten Freitag zum Tag der offenen Tür ein, um daran zu erinnern. In der LuS-Werkstatt hängt ein gelb lackiertes Fahrrad unter der Decke. Am Rad ist ein Schild an- gebracht. Darauf steht, dass es 28.000 An-Alphabeten in Neukölln gibt. Auf dem Hof gab es Bratwurst, Hamburger, Salate und Kuchen zu essen. Und es gab Säfte, Brause sowie Kaffee zu trinken. Die Besucher sprachen viel miteinander darüber, wie alle Menschen Weiterlesen

Hilfe anbieten, ohne Scham zu bewirken

aktion alpha-kompetenz_berlin-neuköllnMeist reichen schon Kleinigkeiten, damit  Unbehagen in Angst umschlägt: mit Schriftstücken übersäte Schau- fenster oder Kugelschreiber und Formulare direkt neben der Eingangstür. Es sind Signale, die abschreckend wirken – auf alle, die nicht oder nur unzureichend lesen und schreiben können. Also auf etwa 28.000 Men- schen, die in Neukölln leben, oder mehr als 300.000 Berliner. Gedanken über die Wirkung solcher Alltäg- lichkeiten macht sich aber kaum jemand, weil das Thema Analphabetismus im Bewusstsein derer, die lesen und schreiben können, häufig die Relevanz einer Marginalie hat. Zu unvorstellbar ist ein Leben in einer Parallelwelt ohne diese Fertigkeiten.

So ergeht es zum Leidwesen der Betroffenen auch vielen, die bei ihrer Arbeit in sozialen oder kulturellen Einrichtungen, Ämtern, Arztpraxen und medizinischen Bera- tungsstellen häufig mit funktionalen An-Alphabeten zu tun haben. Insoweit unter- scheidet Neukölln sich nicht von anderen Berliner Bezirken – und Weiterlesen

Neuköllnisch-kreuzbergische Kooperation baut das Grundbildungszentrum Berlin auf

plenum alpha-bündnis neuköllnSchon vor fast eineinhalb Jahren gab Bildungssenatorin Sandra Scheeres bekannt, dass Berlin ein Grundbil-dungszentrum bekommen werde. Danach wurde es still um das für  rund 300.000 Berliner mit defizitärer Alpha- betisierung und Grundbildung  geplante Projekt. Im Okto- ber letzten Jahres erinnerte Scheeres wieder daran: Man strebe an, in Berlin ein Grundbildungszentrum (GBZ) einzurichten, warb sie beim 30-jährigen Jubiläum des Lesen und Schreiben e. V., der bereits 2012 das Alpha-Bündnis Neukölln ins Leben gerufen hatte, um den Problemen von An-Alphabetismus und Bildungsschwä- che auf Bezirksebene auf neuen Wegen zu begegnen.

Es war Sandra Scheeres‘ Mitarbeiterin Sabine Theuser, die Ende letzter Woche endlich mit spruchreifen Neuig- keiten über das stadtweite Engagement aufwarten konnte. „Im Mai dieses Jahres wird der Aufbau des Berliner Grundbildungszentrums beginnen“, Weiterlesen

Lernen, dass das Lernen auch Spaß machen kann: 30 Jahre Alphabetisierung in Neukölln

1_30 jahre lesen +schreiben ev neuköllnDer Begegnung zweier Frauen ist es zu verdanken, dass letzten Freitag in Neukölln ein rundes Jubiläum gefeiert 30 jahre lesen +schreiben ev neukölln_haus des älteren bürgerswerden konnte: Eine der beiden war An-Alphabetin und zur Meisterin des Ver- tuschens geworden – bis sie das Leiden unter ihrem Defizit nicht mehr aushielt und sich das Leben nahm. Die andere heißt Marie-Luise Oswald, studierte damals, in den 1970er Jahren, Päda- gogik und kam durch die Verzweiflungstat der anderen Frau zu einer Lebensaufgabe: Die, Menschen zu helfen, die nicht lesen und schreiben können.

1980 erstellte Oswald als Co-Autorin für das Bundesmi- nisterium für Bildung und Wissenschaft eine der ersten Studien zur Alphabetisie- rung in Deutschland. 1983 gründete sie zusammen mit anderen in Neukölln den Verein  Lesen und Schreiben  (LuS e. V.), der sich seitdem dafür Weiterlesen

„Kein marginales, sondern ein tiefgreifendes Thema für die Gesellschaft“

unbelehrbar-plakat_eingang sputnik-kino kreuzberg„Der Film ist wirklich optimal“, findet Sigi, und er muss es wissen. Nicht weil er ein renommierter Filmkritiker ist, sondern weil in der Geschichte, die der Film „Unbelehrbar“ erzählt, sehr viel von sei- ner eigenen steckt. Vorgestern saß Sigi zusam- aussicht_sputnik-kino kreuzbergmen mit vielen anderen über den Dächern Kreuz- bergs im Sputnik-Kino, dem höchsten Kino Berlins, um sich die Leinwand-Version seiner Vergangenheit anzu- sehen. Und plötzlich schien der bittere Cocktail aus Unsicherheit, einem deso- laten Selbstwertgefühl, Verzweiflung und läh- mender Hilflosigkeit  wieder zum Greifen nah. Dass eine weite Etappe von Sigis Vita von einer Frau gespielt wird, macht keinen Unterschied. Die Emotionen, die Ellen in Anke Hentschels Film „Unbelehrbar“  durchlebt, kennen keine Geschlechtergrenzen. Nicht oder kaum lesen und schreiben zu können, ist für alle Betroffenen belastend – für etwa 7,5 Millionen Volljährige in Deutschland, also 14 Prozent aller Erwachsenen.

Die Schauspielerin Lenore Steller gibt ihnen mit ihrer Verkörperung der Ellen ein brillantes, zu Empathie animierendes Gesicht: Wie das Gros der funktionalen An- UNBELEHRBAR_Standfoto_CMYKAlphabeten mogelte sie sich irgend- wie durch ihre schulische Laufbahn. Als sie im Alter von 40 Jahren von ihrer Vorgesetzten dazu gedrängt wird, durch eine Weiterbildung ihre beruf- lichen Möglichkeiten zu verbessern, reagiert die Küchenhilfe zunächst trotzig: „Ich brauch keine Möglich- keiten!“ Aber dann reift in ihr doch zwischen Zweifeln und Ängsten ein Jetzt-oder-nie-Gefühl heran, und sie beschließt, den Ehemann und die beiden Kinder im Teenager-Alter in der bran- denburgischen Kleinstadt zurück zu lassen, um in Berlin einen Alphabetisierungs-Lehrgang zu machen. Völlig auf sich allein gestellt, wird aus der anfangs ver- unsicherten, zögerlichen, schüchternen Ellen eine mutige, optimische Frau, die bereit ist, die überall aufgestellten Hürden in der fremden Umgebung zu nehmen und die anke hentschel_unbelehrbar-regisseurin_sputnik-kino kreuzbergWelt der Schriftsprache zu erkunden.

Auch für Regisseurin Anke Hentschel (l.) war die filmische Umsetzung des Themas An-Alphabetismus eine Heraus-forderung. „Es war ein Zeitungsartikel darüber, der mich sehr bewegt und mir den Impuls gegeben hat, es probieren zu wollen“, erzählte sie nach dem Ende des Films bei einer Gesprächsrunde, an der mit Marion und Peter auch zwei ehemalige funktionale An-Alphabeten vom Neuköllner Verein Lesen und Schreiben sowie Dr. Ulrich Raiser (l.) von der Berliner Senatsverwaltung für Bildung teilnahmen. Mit dem Film „Unbelehrbar“, sagte sie, sei eine Metapher für Orientierungslosigkeit unbelehrbar-expertengespräch_sputnik-kino kreuzbergentstanden. Durch die exzellente Besetzung und insbesondere die her- ausragende Leistung von Lenore Stel- ler funktioniert die perfekt. Um sich die Rolle zu erarbeiten, die so schwierig sei wie die, eine Blinde zu spielen, nahm die Hauptdarstellerin – wie schon die Regisseurin – im Vorfeld Kontakt zu Betroffenen auf.

Mit dem Ergebnis, dass auch Peter und Marion, bewegt vom Film bestä- tigten, sich in vielen Situationen wie- dererkannt zu haben. „Noch heute“, gestand der 53-Jährige, „hab ich ein mulmiges Gefühl, wenn ich einen Formular oder einen Bewerbungsbogen ausfüllen muss.“ Denn sich als Erwachsener das anzueignen, was man als Kind verpasst hat, sei ein langer, anstrengender Weg. Für Marion begann der, als sie selber Kinder hatte: „Da hab ich begriffen, dass ich jetzt endlich den Arsch hoch kriegen und lesen und schreiben lernen muss.“ Das Problem sei allerdings, unterstrichen beide, dass es filmrollen_sputnik-kino_berlin-kreuzbergviel zu wenige Hilfsangebote und Kurse gebe.

Dem konnte Dr. Ulrich Raiser nur zustimmen: „Man müsste viel mehr Geld für die Bereiche Alphabetisierung und Grundbildung in die Hand nehmen, aber es ist doch leider nicht so leicht, das zu kriegen.“ Der Film, sagte er, sei sehr wichtig, um zu auf breiter Ebene zu verdeutlichen, dass es sich um kein mar- ginales, sondern um ein tiefgreifendes Thema für die Gesellschaft handelt. Durch das Ansehen von „Unbelehrbar“ habe nun jeder die Chance nachzuvollziehen, worum es eigentlich geht, wenn von An-Alphabetismus die Rede ist.

„Unbelehrbar“ läuft zurzeit im hackesche höfe kino, im Lichtblick-Kino und im Sputnik-Kino; ab 18.4. ist er im filmkunst 66 und im Film Cafe zu sehen.

Heute steht die Regisseurin Anke Hentschel nach der 20 Uhr-Vorführung für Gespräche bereit, morgen nach der 18 Uhr-Vorführung (beide im Licht- blick-Kino) ist die Autorin Katharina Schlender ebenfalls dabei. Am 20. April gibt es eine Sondervorführung mit Anke Hentschel und der Hauptdarstellerin Lenore Stelle im filmkunst 66 (Uhrzeit erfragen).

=ensa=

Vier Lesungen und drei Lebenspremieren

text thomas_lus neuköllnThomas ist nervös, immer wieder guckt er sich den Text an, den er selber geschrieben hat und gleich vortragen soll. „Das hier“, sagt er, „ist schon ganz warthe-mahl_neuköllnanders als sonst.“ Sonst ist alles vertrauter, die Menschen und die Umgebung. Hier im Warthe-Mahl ist Thomas noch nie zuvor gewesen, und von den etwa 40 Leuten, die gekommen sind, um ihm und sechs weiteren Teilnehmern der LuS-Schreibwerkstatt zuzuhören, kennt er etliche nicht. Außerdem hat er das Vorlesen in letzter Zeit etwas vernachlässigt. Das zerrt nun alles schreibwerkstatt-gruppe_LuS Neuköllnan den Nerven des Mannes, der sich erst als Erwachsener an das Beherr- schen des Schriftsprachlichen heran- tastete.

Für Siggi, Kay und Enrico, drei andere aus der Gruppe, für die die öffent- liche Lesung zugleich eine Lebens- premiere bedeutet, ist die Situation noch strapaziöser. Auch wenn es ihnen weniger anzumerken ist, weil eben jeder anders mit Stress umgeht. „Das ist für sie so, als wenn wir auf eine Bühne vor 500 Leuten gestellt werden und dann einen Vortrag über ein Thema halten müssen, mit dem wir uns eher wenig auskennen“, veranschaulicht die beim Neuköllner Alphabetisierungsverein Lesen und Schreiben (Lus) tätige Diplompädagogin Ingan Küstermann.

daniel+klaus_lus neuköllnZuerst stellt sich Daniel an der Seite des ehrenamtlichen Schreibwerkstatt-Betreuers Klaus (r.) der Herausforderung. Der schlaksige, junge Mann ist ein großer Fan Presley-Fan und so handelt auch seine Geschichte „Elvis ist Elvis“ vom thomas+klaus_lus neuköllnLeben des King of Rock ’n‘ Roll.

Danach ist Thomas dran. Er wechselt sich beim Vor- lesen seiner Erlebnisse bei den „Olympics in Mün- chen“ mit Klaus ab. Dass er nicht nur ein Fußball-Fan ist, sondern selber im Tor steht, hat ihn im letzten Jahr zu den Special Olympics, dem Sportevent für Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung, in die bayerische Landeshauptstadt geführt. Was er nicht aufgeschrieben hat, erzählt er stolz: Zum Beispiel, dass er Teamchef der Kicker-Elf war, und dass er – der ehemalige funktionale An-Alphabet – bereits zwei Bücher mit jetta_lus neuköllnGeschichten gefüllt hat, die nun in der Neuköllner Stadtbibliothek ausgeliehen werden können.

Jetta macht es kürzer. Ihre Einführung in das, was sie anschließend vorträgt, dauert fast länger als ihre Lesung mit dem Titel „Letztens haben wir gereimt!“. Manchmal, warnt sie schmunzelnd, würden die Reime zwar inhaltlich keinen Sinn machen, aber dafür würde siggi_lus neuköllnsich alles reimen. Zudem wird ihr Spaß am spielerischen Umgang mit Sprache mehr als deutlich.

Mit Siggi, der seit 1 1/2 Jahren an der Schreib-werkstatt teilnimmt, beginnt die Serie der Lebenspremieren. Vorgelesen, sagt er, habe er schon oft, aber dass er eine eigene Geschichte vorliest, das sei das erste Mal. „Der Herbst“ hat er das nachdenklich stimmende Stück genannt, das er für sein Enkelkind geschrieben hat, und in dessen Zentrum der Verkehrsunfall mit einem Kind steht.

Auch die Geschichte von Kay, die „Das Leben ist kein Ponyhof“ heißt, nimmt – wie schon der Titel vermuten lässt – eher einen melodramatischen als heiteren Verlauf. Es sei die erste, erzählt er, die er sich selbstständig ausgedacht und alleine geschrieben hat. Letzteres gilt auch für „Der Leopard und sein Freund“, eine phantasievolle Shortstory von Marcus, die von zwei Raubkatzen handelt, die auf dem Tempelhofer Feld leben. Dazu, sie auch selber vorzulesen, fehlt dem Autor noch der enrico_lus neuköllnMut. Das übernimmt Sabine, die dienstälteste Ehren- amtliche im Betreuerteam der Schreibwerkstatt.

Enrico hat die Hemmungen inzwischen abgelegt, dazu zu stehen, dass auch er zu den Lese- und Schreibschwachen bzw. funktionalen An-Alphabeten gehörte. „Allerdings“, räumt er ein, „ist es heute das erste Mal, dass ich öffentlich etwas vorlese.“ Nein, gibt er zu, von ihm selber stamme „Die Geschichte vom Blumentopf und vom Bier“ nicht. Einen sehr persönlichen Bezug hat das sehr philosophische Stück dennoch: Es endet damit, dass der Protagonist ein Bier trinken geht. „Ich geh lieber ’ne Cola trinken“, nimmt Enrico Anlauf für sein zweites Outing des Abends, „denn ich bin trockener Alkoholiker.“ Davon, dass er es ebenfalls schaffen wird, irgendwann eigene Geschichten vorzutragen, ist auszugehen.

„Kommen Sie in die Welt der Menschen, die die Schrift jeden Tag für sich neu erobern“ – mit diesem Satz hatten die Teilnehmer der Schreibwerkstatt vom Lesen und Schreiben e. V. zu ihrer Lesung eingeladen. Die stilistische und thematische Vielseitigkeit der Geschichten überraschte und beeindruckte das Publikum. Dass die Zahl der funktionalen An-Alphabeten in Neukölln auf 28.000 geschätzt wird, dürfte niemanden mehr überraschen, denn die ist längst bekannt.

=ensa=

Abwärtstrend umgekehrt

In den Bestseller-Listen befindet sich „Neukölln ist überall“, des Bezirksbürger-meisters einstiger Verkaufsschlager, längst im Sinkflug. Secondhand-Exemplare des Buches, das neu knapp 20 Euro kostet, sind inzwischen für den Gegenwert von 10 buschkowsky-buch_ebay-versteigerung_jusos neuköllnFeinkost-Bouletten zu haben.

Dramatisch umgekehrt wurde der Abwärtstrend nun von den Neuköllner Jusos: In einer Gemein- schaftsaktion kommentierten sie das Buch kri- tisch, ergänzten es und versteigerten das so entstandene Unikat bei eBay. Gestern fiel nach 10-tägiger Gelegenheit zum Mitbieten zu Guns- ten des Alphabetisierungsverein Lesen und Schreiben der Auktionshammer: Für 97 Euro, also den fünffachen Wert des Originals, wechselt der 400-Seiten-Wälzer den Besitzer.

„Die Aktion hat gezeigt, dass unsere angeregte kritische Rezeption des Buches von Heinz Buschkowsky auf breite Zustimmung trifft“, freut sich Martin Hikel, BVV-Mitglied sowie Vorsitzender der Jusos Neukölln, und dankt allen Bietern. Sicher auch im Namen des Lesen und Schreiben e. V., der den ersteigerten Gewinn vollständig erhalten wird. Durch die Versteigerung konnte auch „auf ein anderes oft unterschätztes Problem in unserer scheinbar so gut gebil- deten Gesellschaft“ hingewiesen werden. „Funktionaler Analphabetismus“, so Hikel, „ist nicht nur in Neukölln, sondern in ganz Deutschland ein viel zu häufig auftretendes Phänomen. In dieser Hinsicht ist Neukölln tatsächlich überall.“

=ensa=

Was ist ein Wort? Warum schreibt man nicht „NT“ statt „Ente“? Wie finde ich etwas im Lexikon?

Der Weltalphabetisierungstag ist zwar erst morgen, aber in Neukölln beim Lesen und Schreiben e. V. wird schon heute an ihn erinnert. Gefeiert wird er nicht, denn dazu gibt weltalphabetisierungstag, tag der offenen tür, lesen und schreiben e.v. berlin-neuköllnes wahrlich keinen Grund angesichts 7,5 Millionen Volljähriger unter 65, die laut Level-One Studie (leo) in Deutschland leben und als funktionale An-Alphabeten ihren Alltag meistern. Die bestenfalls einfachste Sätze lesen und oft nur wenige Wörter schreiben können. Dass  58 Prozent der 7.500.000 Menschen mit Deutsch als Muttersprache aufwuchsen, ist ein weiterer alar- mierender Fakt, den die Studie zur Literalität aufdeckte.

In Berlin, schätzt man, liegt die Zahl der funktionalen An-Alphabeten bei 300.000 – das heißt: etwa jeder elfte erwachsene Hauptstädter kann mit dem, was ihn hinter der Tür zur Welt des Schriftsprachlichen erwartet, nur wenig bis gar nichts anfangen. Ob das Defizit vom Umfeld  unentdeckt bleibt oder bemerkt wird, hängt einerseits von der Geschicklichkeit des Betroffenen ab, andererseits aber auch von der Sensibilität des Gegenübers für die Problemlage. Schließlich lässt sich An-Alphabetismus nicht wie ein Schnupfen an der triefenden Nase oder ein ver- knackster Knöchel am Humpeln erkennen. Und es gibt auch keine Checkliste mit 10 Punkten, die man nur abgleichen muss, um zu wissen: Aha, das ist einer von denen, alphabetisierung, alpha-bündnis neuköllndie nicht/kaum lesen und schreiben können.

Auch Siggi, der in Nordrhein-West- falen aufwuchs und lebte, bis er nach Berlin kam, mogelte sich lange durch. Dass er irgendwann beim Arbeitsamt auf eine Sachbearbeiterin stieß, die ahnte, welches Problem er hat, und ihn auf die gangtägigen Alphabetisierungskurse beim Lesen und Schreiben e. V. aufmerksam machte, sei sein großes Glück gewesen, sagt er. Überzeugt, dass ein VHS- Lehrgang, bei dem in Abendkursen in der Kindheit versäumter Stoff nachgeholt wird, lesen und schreiben e.v. neukölln, alphabetisierung, grundbildungnichts für ihn gewesen wäre.

Heute ist Siggi  Botschafter für Alpha-betisierung und quasi beratend dabei, wenn sich das  Alpha-Bündnis Neukölln  zum Plenum trifft. Vorrangige Ziele des Projektes, das unter der Schirmherrschaft von Bildungsstadträtin Franziska Giffey steht, sind die  interdisziplinäre Vernetzung  im Bezirk tätiger Einrichtungen, die mit An-Alphabeten in Kontakt kommen, und die Vorbereitung von ihren Mitarbeitern auf solche Situationen. Sprich: Es geht um das Erkennen, es mit Menschen mit eklatanten Literalitätslücken zu tun zu haben und deren Vermittlung in Alpha- lus lesen und schreiben e.v. berlin-neukölln, alphabetisierung und grundbildungbetisierungskurse. Doch es ist nicht das Erlernen des Lesens und Schrei- bens allein, auf dem das Augenmerk liegt. „Es geht ganz grundsätzlich um die Förderung der Grundbildung der Betroffenen“, hält Theresa Hamilton fest, die das Projekt gemeinsam mit Claire Paturle-Zynga leitet. Erst das Gesamtpaket aus Alphabetisierung, Allgemeinbildung, mathematischer, personaler, methodischer, digitaler sowie sozialer Kompetenz ermögliche eine angemessene Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.

Damit, dass die Einen lernen und ihre Fähigkeiten auf Vordermann bringen, ist es allerdings nicht getan. Auch die Gesellschaft um sie herum ist gefordert. Die  Igno- ranz für das Thema An-Alphabetismus aufzugeben, wäre ein erster Schritt, sind sich die Betroffenen einig.

=ensa=

Und das in Neukölln …

Wirklich kurz ist der Aufenthalt in einer Bibliothek nur für die, die lediglich Bücher abgeben wollen. Sonst dauert er länger. Wie lange, das hängt in erster Linie davon ab, wie konkret die Vorstellungen bezüglich der Leih-Lektüre sind. Je mehr Bücher hör(spiel)box, stadtbibliothek neukölln, lesen und schreiben e.v., krimoangelesen werden müssen, um eine Entschei- dung treffen zu können, desto mehr Zeit vergeht.

Nun könnte die Verweildauer der Nutzer in der Stadtbibliothek Neukölln weiteren Aufwind be- kommen: dank einer blauen Box, die das Ergeb- nis eines Projekts der Künstlerin krimo mit Teilnehmern der Alphabetisierungskurse beim Lesen und Schreiben (LuS) e. V. ist. In ihr steckt das Hörspiel „Und das in Neukölln – Die Ratte Rix, ihre Freunde und der Raub des roten BMWs“. Etwa ein Jahr hätten nach ersten technischen Experimenten die Arbeiten daran gedauert, rund 20 Leute seien beteiligt gewesen, erzählt krimo.

Aus 12 kurzen Episoden ist ein flotter Streifzug durch den Norden des Bezirks entstanden. Eine von den LuS-Lernern  erdachte und geschriebene Geschichte um die Ratte Rix, einen BMW-Fahrer, den Reporter Rudi Rastlos und andere Personen und Tiere zieht sich als roter Faden durch das Hörspiel. Unterbrochen wird die phantasievolle Fiktion von Interviews, die die ehemaligen funktionalen Analphabeten mit Angestellten verschiedener Neuköllner Institutionen über deren Arbeitsalltag führten: Dass Bezirksbürgermeister Buschkowsky zuweilen in der Rathaus-Kantine anzu- treffen ist, erfährt man da beispielsweise. Ebenso, dass es schon vorkam, dass Tauben durch offene Fenster in Rathausbüros flatterten, um dort ihre Runden über den Schreibtischen zu drehen.  Und der Kassiererin des Stadtbads Neukölln entlockten die Hörspielmacher den Namen eines prominenten Schauspielers, der häufig zu den Badegästen gehört.

Ergänzend zum Hörspiel finden sich in der Box von den LuS-Schülern gelesene eigene Stücke und Texte, die noch mehr Gründe dafür liefern, dass der Besuch der Bibliothek in den Neukölln Arcaden etwas länger als üblich dauern könnte. Knapp 50 Minuten  muss einkalkulieren, wer nur das Hörspiel hören will. Das komplette Audio-Programm bringt es auf rund zwei Stunden.

Die Hör(Spiel)Box steht noch bis zum 2. Mai in der Stadtbibliothek Neukölln. Danach macht sie Station vor dem Neukölln Info Center (NIC), bevor sie zum Kunst- und Kulturfestival 48 Stunden Neukölln im Info-Café des LuS e. V. aufgestellt wird.

=ensa=

Dufte: Neukölln hat einen Dorfbackofen

Dass das Geklapper von Hufen durch die Straßen im Neuköllner Richardkiez schallt, ist für alle, die dort leben oder sich häufig dort aufhalten, längst nichts mehr, was Aufsehen oder -hören erregt. Schließlich gehören die Pferdekutschen des Fuhr- unternehmens Schöne seit jeher zum Viertel rund ums Böhmische Dorf und tragen dorfbackofen, reformierte bethlehemsgemeinde neukölln, ganghoferkiezatmosphärisch maßgeblich zum be- sonderen Charakter des Kiezes bei.

Noch recht neu ist hingegen, dass nun zuweilen Rührschüsseln und Kuchen- formen durch die Straßen getragen werden und der Duft frischen Backwerks hinter dem Turm der Ev.-ref. Bethle- hemsgemeinde in der Richardstraße aufsteigt. Dort entstand nämlich im Sommer auf Initiative von Pfarrer Bernd Krebs, weiteren Gemeindemitgliedern und des benachbarten Alphabetisie- rungsvereins Lesen und Schreiben ein Dorfbackofen, der Ende September erstmals feierlich angeheizt wurde.

„Dass es ihn gibt und er  von den Men- schen im Kiez  zum Backen von Brot und Kuchen benutzt werden kann, muss sich natürlich erst rumsprechen“, sagt Pfarrer Krebs. Derzeit würden Flyer gedruckt, die an Kitas, Schulen und andere Einrichtungen sowie Anwohner verteilt werden sollen, um den Bekanntheitsgrad des vom Quartiersmanagement Ganghoferstraße über Soziale Stadt-Mittel finanzierten Gemeinschaftsofens zu steigern. Immer  mittwochs werde er angeheizt – wenn zuvor Anmeldungen bei der Gemeinde (Tel. 030 – 687 25 39) eingegangen sind. „Ob jemand im QM-Gebiet oder zwei Straßen außerhalb wohnt, das sehen wir aber nicht so eng“, räumt Krebs ein. Seine Vision ist, den Dorfbackofen im Garten hinter dem Kirchsaal  zum Ort der Begegnung im Kiez  zu machen.

=ensa=

„Arbeit in Neukölln“: Eine Ausstellung zeigt Schritte auf dem Weg von Möglichkeiten zu tatsächlichen Chancen

Als Galerie bezeichnet man Räum- lichkeiten, die für die Präsentation von Werken der Bildenden Kunst genutzt werden. In der Galerie im Saalbau in Neukölln ist das grundsätzlich nicht anders. Oft steht bei den dortigen Ausstellungen aber ein anderer As- pekt mindestens gleichwertig neben dem künstlerischen: der soziokultu- relle. Ein Paradebeispiel dafür ist die aktuelle Ausstellung mit dem Titel „Arbeit in Neukölln – Neue Einsichten und Aussichten“, die Freitag eröffnet wurde und gewissermaßen mit Fotos, Statements, Objekten und Audio-Interviews das gleichnamige Projekt des Lesen und Schreiben  (LuS) e. V. dokumentiert, das  ge- ringqualifizierte Langzeitarbeitslose in Kontakt mit neun Neuköllner Arbeitgebern bringt – vom Marzipanhersteller Moll über die Blechschilder-Fabrik Plakat-Industrie bis hin zum Beherbergungsbetrieb Hüttenpalast.

„Tolle, spannende Fotos“ seien es, die nun in der Galerie im Saalbau zu sehen sind, sagte Kulturamt-Chefin Dorothea Kolland bei der Vernissage – und dem ist un- bedingt zuzustimmen. Nicht minder spannend als die Ergebnisse, die der Fotograf Nick Großmann und die Projektteilnehmer als Amateur-Fotografen lieferten, sind jedoch die Vorgeschichten. Eine spielte sich im 1904 gegründeten Neuköllner Familienunter- nehmen Plakat-Industrie ab:

„Klar“, gibt Geschäftsführer Heiko Buettner zu, „ist der Kontakt mit An-Alphabeten erstmal eine Begegnung mit einer fremden Welt.“ Youssef N. war es, der sie ihm näherbrachte und im Ge- genzug einen Blick hinter die Kulissen des re- nommierten Blechemballagen-Herstellers wer- fen durfte. Seine Eindrücke geben nun sehr gelungene Fotos und ein Interview mit Heiko Buettner wieder. „Zeugnisse waren für mich schon immer Schall und Rauch“, sagt der Herr über 30 Arbeitsplätze. Seine eigenen seien auch oft nicht so doll gewesen. „Entscheidend ist das Zwischenmenschliche“, findet er. Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und ordentliches Arbeiten erwarte er von seinen An- gestellten: „Und wenn man wie Youssef Offsetdrucker oder Druckvorlagenhersteller werden will, braucht man selbstverständlich auch ein gutes Auge.“ Buettner will dem jungen Mann unbedingt die Chance geben, den Wunschberuf einem Realitäts-Check zu unterziehen. Der nächste Schritt sei ein dreiwöchiges Praktikum, für das Youssef sogar ein kleines Taschengeld bekomme. „Wenn er sich da bewährt und feststellt, dass ihm die Branche gefällt, steht einer Ausbildung in unserem Betrieb nichts im Weg“, versichert Heiko Buettner. Problematisch könne es natürlich in der Berufsschule mit Youssefs Defiziten im Bereich des Lesens und Schreibens werden, ahnt er, doch da werde sich bestimmt eine Lösung finden lassen.

Auf Erfolgsgeschichten wie diese hatte Ingan Küstermann gehofft, die das durch PEB-Fördermittel finanzierte Projekt „Arbeit in Neukölln“ für den Alphabetisierungsverein LuS ins Leben rief und leitet. „Dass Firmen die Tore für unge- lernte Langzeitarbeitslose öffnen, ist schon ungewöhnlich“, so ihre Erfahrung. Für An- Alphabeten und Menschen mit lückenhafter Grundbildung sei die Chance für einen Einstieg ins Arbeitsleben noch schwie- riger. Entsprechend herzlich fiel ihr Dank an die neun Unternehmen aus, die bislang zur Kooperation gewonnen wer- den konnten, zu Betriebsführungen ein- luden und sich von Arbeitsuchenden interviewen ließen. Diese Erstkontakte einschließlich der Sensibilisierung für die Probleme und Fähigkeiten von An-Alpha- beten seien eine Zwischenstation ge- wesen: „Angestrebt wird durch das Projekt aber, einen Übergang von Praktika in Arbeit zu schaffen.“ Darum, Möglichkeiten in tat- sächliche Chancen zu verwandeln, gehe es bei dem im März nächsten Jahres endenden Projekt.

Die Ausstellung „Arbeit in Neukölln – Neue Ein- sichten und Aussichten“ ist noch bis zum 16. Ok- tober in der Galerie im Saalbau in der Karl-Marx-Straße in Neukölln zu sehen. Geöffnet ist von Dienstag bis Sonntag zwischen 12 und 20 Uhr; der Eintritt ist frei.

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„villen dank für ihr versetenis“

Die Chance, täglich mit mindestens einem von ihnen zu sprechen, ist rein rech- nerisch selbst bei einem nicht übermäßig ausgeprägten Kommunikationsgebaren lesen und schreiben e.v., neukölln,weltalphabetisierungstag, aktionsbündnis alphabetisierung und grundbildung neuköllngroß: Über 316.000 Berliner gehören zu denen, die nicht oder nicht aus- reichend lesen und schreiben kön- nen, die totale oder funktionale An- Alphabeten sind. Das ist knapp jeder zehnte Hauptstädter. In Neukölln  sind mindestens 28.000 Erwachsene be- troffen. Über sie wird jedoch eher sel- ten gesprochen.

Einmal im Jahr, am Weltalphabeti- sierungstag, der heute sein 45. Jubi- läum feiert, ist das anders. Danach flaut das öffentliche Interesse an Menschen wie Frauke und ihrem Alltag meist rasch wieder ab – die Probleme, die nicht nur die Betroffenen sondern auch die Gesellschaft an sich tangieren, aber bleiben.

Anlässlich des Weltalphabetisierungstags lädt der Neuköllner Verein Lesen und Schreiben heute von 14.30 bis 18 Uhr zum Tag der offenen Tür ein. Eine gute Gelegenheit, sich über Alphabetisierungsangebote sowie das von LuS e. v. und Lokale Agenda 21 initiierte Aktionsbündnis Alphabetisierung und Grundbildung Neukölln zu informieren, das auch vom FACETTEN-Magazin ausdrücklich unterstützt wird.

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Von der grauen Maus zum Rebell

Irgendwann war er da: Der Moment, in dem Frauke beschloss, dass sich in ihrem Leben etwas ganz Entscheidendes ändern muss. „Ich wollte einfach nicht mehr von anderen abhängig sein, wenn es darum geht, etwas lesen oder schreiben zu müs- sen“, sagt sie. Natürlich habe sie es in der Schule gelernt, aber eben nicht richtig, und im Laufe der Jahrelus lesen und schreiben e.v., alphabetisierung, neukölln, aktionsbündnis alphabetisierung grundbildung neukölln hätten sich die Defizite immer weiter ver- festigt. So lange, bis irgend- wann nur noch Unsicherheit, Scham und Minderwertigkeits- gefühle übrig waren. „Bis vor anderthalb Jahren war ich eine graue Maus, jetzt bin ich ein Rebell“, verrät Frauke, die ei- gentlich einen anderen Vor- namen hat, schmunzelnd.

Viel Stolz darauf klingt mit, dass sie nun nicht mehr zu den – laut LEO-Studierund 316.000 Berlinern zwischen 18 und 64 Jahren gehört, die kaum oder nicht ausreichend lesen und schreiben können. In Neukölln, so die Schätzungen, gebe es mehr als 28.000 funktionale An-Alphabeten. Frauen und Männer, die sich das Aussehen von U-Bahn-Stationen einprägen müssen, um im ÖPNV vorwärts kommen zu können, die theoretische Führerscheinprüfung mündlich ablegen und sich in ihrer Parallelwelt  fern des Schriftsprachlichen irgendwie durchmogeln.

Du kannst nicht lesen und schreiben? Die Aussage „Du kannst nix“, hören lese- und lesen und schreiben e.v., alphabetisierung, analphabeten, neukölln, city vhsschreibungeübte Menschen sehr oft.

Erwachsene sind für die Schule zu alt, denkt man. Man ist nicht zu alt, um Lesen und Schreiben zu lernen. Eine Möglichkeit ist es, sich auf die Suche zu ma- chen. Da kommt man in Berlin zu „Lesen und Schreiben e. V.“. Hier sehen uns Mitarbeiter nicht als dumm an. Sie machen einen Schreibtest, was wir vom Schreiben so noch wissen. Die erste Stunde hat man geschafft. Es ist nicht leicht, sich an die Stunden mit Rechnen, Schreiben und Lesen zu gewöhnen, wenn man das all die Jahre seinen Kindern überlassen hat.

Die Holzwerkstatt, der Garten, der PC, das alles gehört auch zum Tag im Verein. Mit Holz arbeiten macht Spaß. Der Garten ist im Sommer und im Herbst was Gutes. Auch dort ist das Lesen und Schreiben angesagt, wie in der Holzwerkstatt. So lernt man auch Lesen und lesen und schreiben e.v., alphabetisierung, analphabeten, neuköllnSchreiben. Rechnen ist mit acht Stunden in der Woche dabei. Rechnen ist für die Holzwerkstatt wichtig.

Die ersten zwei Wochen waren die Hölle für mich. Das frühe Aufstehen, das lange Lernen, einen Text lesen oder schreiben war nicht so einfach. Der Garten ist eine Abwechslung zum Un- terricht, so wie die Holzwerkstatt. Pause haben wir auch: 20 Minuten Frühstück, Mittagessen gibt es um 12 Uhr. Donnerstags ist eine Sitzung. An diesem Tag können wir nach der 4. Stunde unsere Termine erledigen.

Die Angst zu versagen wurde kleiner, wir lernten uns besser kennen, die Gruppe wuchs zusammen.

Frauke war seit gut einem Monat beim Verein Lesen und Schreiben, als sie diesen Text mit tatkräftiger Unterstützung  und aufmerksamem Korrektorat zu Papier brachte. „Heute“, sagt sie, „würde er ganz anders aussehen.“ Nicht vom Inhalt her, doch die Formulierungen wären geschliffener, die Übergänge runder. Sie habe eben viel gelernt in den 1 1/2 Jahren Alphabetisierungsunterricht – nicht nur über den Umgang mit Sprache, sondern auch über den mit anderen Menschen und sich selber.

=ensa=

… 18, 19, 20, 1, 2, 3 …

Wird hier für etwas geworben, ein Beitrag im Feuilleton angekündigt oder über die Geburt von Sechslingen informiert? Wer nicht gerade der chinesischen Schriftsprache mächtig ist, könnte diesen Zeitungsausschnitt drehen und wenden und würde trotzdem nicht das Geringste verstehen.

So – oder so zumindest fast so – geht es rund vier Millionen Menschen in Deutschland, wenn sie Ge- schriebenes in deutscher Sprache sehen, denn sie sind Analphabeten. Genau genommen: funktionale An- alphabeten. Gegenüber totalen Analphabeten haben sie den Vorteil, dass sie immerhin einzelne Schriftbilder lesen oder ihren Namen schreiben können. Doch ihre Kenntnisse reichen – trotz Schulbesuch! – bei weitem nicht aus, um den Alltag zu meistern ohne aufzufallen.

Wenn sie über Sonderangebote auf dem Laufenden sein wollen, brauchen sie Hilfe, was wiederum ein vor- heriges Outing bedeutet. Entschließt sich der Hersteller der Butter, die sie schon lange kaufen und mögen, das Aussehen der Verpackung gründlich zu ändern, ist der Artikel für sie plötzlich fremd und unauffindbar. Sollen sie spontan etwas aufschreiben, haben sie  eine akute Sehnenscheidenentzündung, die Brille vergessen oder eine andere Entschuldigung parat, es nicht tun zu können. Dass Turmstraße, Rathaus Neukölln, Alexan- derplatz oder Spandau auf dem Schild im U-Bahn-Tunnel steht, wissen sie nur, wenn sie sich zuvor die Optik und Umgebung eingeprägt haben. Müssten sie sich beim Fernsehen nur auf ihre Augen verlassen, hätten sie keine Chance, einen Batzen Geld für die richtige Antwort auf die Frage zu gewinnen, ob Kota Kinabalu a) auf Borneo liegt oder b) der Name einer renommierten Designerin ist – selbst wenn sie es wüssten. Etwa jeder 20. in Deutschland führt dieses Leben, Seite an Seite mit allen, die lesen und schreiben können.

Heute ist Weltalphabetisierungstag, um an die Problematik zu erinnern. Übermorgen wird er mit einem Tag der offenen Tür beim Neuköllner Verein Lesen und Schreiben (LuS) gefeiert, der als einzige Einrichtung Berlins ganztägige Alphabetisierungskurse für Erwachsene anbietet. Zusammen mit der Ortsgruppe der Lokalen Agenda 21 initiierte er jüngst das Aktionsbündnis Alphabetisierung und Grundbildung Berlin-Neukölln, um den etwa 15.000 Analphabeten in Neukölln eine noch stärkere Lobby geben zu können.

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