„villen dank für ihr versetenis“

Die Chance, täglich mit mindestens einem von ihnen zu sprechen, ist rein rech- nerisch selbst bei einem nicht übermäßig ausgeprägten Kommunikationsgebaren lesen und schreiben e.v., neukölln,weltalphabetisierungstag, aktionsbündnis alphabetisierung und grundbildung neuköllngroß: Über 316.000 Berliner gehören zu denen, die nicht oder nicht aus- reichend lesen und schreiben kön- nen, die totale oder funktionale An- Alphabeten sind. Das ist knapp jeder zehnte Hauptstädter. In Neukölln  sind mindestens 28.000 Erwachsene be- troffen. Über sie wird jedoch eher sel- ten gesprochen.

Einmal im Jahr, am Weltalphabeti- sierungstag, der heute sein 45. Jubi- läum feiert, ist das anders. Danach flaut das öffentliche Interesse an Menschen wie Frauke und ihrem Alltag meist rasch wieder ab – die Probleme, die nicht nur die Betroffenen sondern auch die Gesellschaft an sich tangieren, aber bleiben.

Anlässlich des Weltalphabetisierungstags lädt der Neuköllner Verein Lesen und Schreiben heute von 14.30 bis 18 Uhr zum Tag der offenen Tür ein. Eine gute Gelegenheit, sich über Alphabetisierungsangebote sowie das von LuS e. v. und Lokale Agenda 21 initiierte Aktionsbündnis Alphabetisierung und Grundbildung Neukölln zu informieren, das auch vom FACETTEN-Magazin ausdrücklich unterstützt wird.

=ensa=

Eine schwierige Aufgabe und ihre Lösung

Das Tempelhofer Feld ist ein circa 400 Hektar großes Areal direkt am hoch- verdichteten Neuköllner Norden. Über den aktuellen Planungstand zur Nutzung dieses Geländes berichteten letzte Woche zwei Vertreter der Tempelhof Projekt GmbH  im Köln-Zimmer des Rathauses Neukölln bei einer  gemeinsamen Veran- staltung von Lokaler Agenda 21 und Volkshochschule Neukölln.

Die Planung, an der die Senats- verwaltungen für Stadtentwick- lung und Finanzen, die Se- natskanzlei sowie die drei An- rainerbezirke Tempelhof-Schö- neberg, Neukölln und Fried- richshain-Kreuzberg mitarbei- ten, sieht sich unterschied- lichsten Forderungen gegen- über: Wollen einige  das Ge- lände bebauen, fordern andere, es einfach so zu lassen wie es ist. Die  Tempelhof Projekt GmbH steht also vor keiner einfachen Aufgabe.  Für deren Lösung wurde ein eingängiges Konzept erarbeitet, das auf folgenden sechs Leitbildern basiert:

1. Leitbild „Bühne des Neuen“: Nutzung des Flughafengebäudes für qualitätsvolle Ausstellungen und Messen, um finanziellen Defizite in anderen Bereichen aus- zugleichen oder zu verhindern.

2. Leitbild Thema „Wissen und Lernen“: Bildungscluster mit Zentral- und Lan- desbibliothek sowie Gedenkstätte für das ehemalige KZ Columbia-Haus.

3. Leitbild Thema „Saubere Zukunftstechnologien“:  Industrieansiedlung auf dem Gelände als Ergänzung zu denm Standorten in Adlershof und Tegel nach Schließung des dortigen Flughafengeländes.

4. Leitbild Thema „Sport und Gesundheit“: Vielfältige Nutzungsmöglichkeiten für individuelle Breitensportler und Vereine.

5. Leitbild Thema „Integration der Quartiere“: Voraussetzungen für die Verbindung hochverdichteter Wohnquartiere in Neukölln und Tempelhof mit dem Gelände schaffen.

6. Leitbild Thema „Dialog der Religionen“: Schaffung von Begegnungsstätten der Weltreligionen.

Detailliert sind die Pläne der  Tempelhof Projekt GmbH  hier nachzulesen.

In der Lokalen Agenda 21 der Stadt Berlin (Abgeordnetenhausbeschluss Drs. 15/3245), dem SPD, Linke und einige Parlamentarier der Grünen im Sommer 2006  zustimmten, fehlen leider genaue Aussagen zur Nutzung des ehemaligen Flughafengeländes vollständig. Alle, die für eine naturnahe Nutzung des Geländes eintreten, können sich allerdings  am Kapitel 4 der Berliner Agenda 21 mit dem Titel „Berlin in der märkischen Landschaft“ orientieren.  Die Broschüre steht hier zum Download bereit.

Der nächste öffentliche Auftritt der Tempelhof Projekt GmbH ist heute ab 18.30 Uhr bei der öffentlichen Sitzung des Ausschusses für Stadtplanung und Bauen der BVV Friedrichshain-Kreuzberg.

=Christian Kölling=

Gewollt und nicht gekonnt

Vielleicht lag es am Termin, vielleicht am Thema, vielleicht an der Bewerbung der Veranstaltung, vielleicht aber auch am Ort, wo sie stattfand: Im Rahmen der Tage des interkulturellen Dialogs rathaus neukölln, rathausturm neuköllnhatte die Lokale Agenda 21 Neukölln Freitagnachmittag zu einem Gespräch über Werte ins Puschkin-Zimmer des Neuköllner Rathauses eingeladen. Doch Protagonisten für das, was  landläufig als „interkulturell“ bezeichnet wird, blieben der Diskussion in Berlins 160-Nationen-Bezirk fern. Aus dem Dialog zwischen der Minder- und Mehrheitsgesellschaft, den die 2003 gestartete Veranstaltungsreihe anzukurbeln versucht, wurde nichts. Aufschlussreich und konstruktiv war er trotzdem – gewissermaßen auch interkulturell, vor allem aber intergenerativ.

Vier Frauen und zwei Männer aus drei Generationen saßen zusammen, um darüber zu reden, welche Werte ihnen wichtig sind, welche für das gesellschaftliche Miteinander wichtig erscheinen und wie diese bewahrt werden können.

Zur Eröffnung der Diskussion brachte Moderator Christian Kölling das Grundrecht der freien Meinungsäußerung ins Spiel. Das sei ein enorm wichtiger Wert, sagte er und erntete dafür Zustimmung. „Ich empfinde aber schon ein gewisses Unbehagen“, schränkte eine Frau ein, die sich als Neuköllnerin mit bayrischem Migrations- hintergrund vorgestellt hatte,  „dass bestimmte Dinge nicht angesprochen werden können, ohne in eine bestimmte Ecke geschoben zu werden.“ Auch darüber hätte sie gerne mit Menschen geredet, die ihre Wurzeln außerhalb Deutschlands – und Bayerns – haben.

Die Frage, ob in anderen Ländern und Kulturen völlig andere Werte wichtig sind und vermittelt werden, macht sich im Puschkin-Zimmer breit – ebenso die Unlust, darüber zu spekulieren. „Der Wert, Teil der Gesellschaft zu sein, ist jedenfalls bei vielen nicht so ausgeprägt“, weiß eine Sozialarbeiterin, die auch beruflich ständig mit der Heraus- forderung konfrontiert ist, Migranten zur gesellschaftlichen Teilhabe zu bewegen. „Ob das klappt oder nicht“, so ihre Erfahrung, „ist vorrangig bildungsabhängig.“ Viele, und das beträfe Deutsche ebenso, seien von der Komplexität überfordert.

Bildung ist ein Wert, sind sich die Diskutanten einig. Plötzlich ist das Wort Hu- mankapital da, und mit ihm die Überlegung, ob der Wert des Menschen nicht viel zu sehr an Bildung festgemacht werde. Wieder fehlt jemand, der den Aspekt aus dem Dunstkreis des hiesigen Werteschemas hieven kann. Der vielleicht sogar noch etwas dazu sagen kann, wie es um universale Werte und ihre unterschiedliche Ausprägung bestellt ist. Wie es sich beispielsweise in anderen Kulturkreisen mit Rücksichtnahme und Respekt verhält. Früher, erinnert sich die Frau mit dem bayrischen Zungenschlag, habe es ständig „Das macht man nicht!“ geheißen. Heute habe sie dagegen das Gefühl, dass jeder macht, was er will. „Diese laute Telefoniererei in der U-Bahn ist zum Beispiel völlig selbstverständlich geworden“, moniert sie. „Ob ich mir die Intimitäten aus dem Leben anderer anhören will, interessiert niemanden.“ Inzwischen sei sie froh, wenn diese Gespräche in einer für sie unverständlichen Sprache stattfinden: „Das stört mich dann wenigstens nicht beim Lesen.“

„Werte“, schlägt einer aus der Runde vor, „müssen besser kommuniziert werden. Vielleicht brauchen wir aber auch eine stärkere Normierung von Werten.“ Das könnte das Miteinander verbessern und gäbe zugleich Kindern und Jugendlichen etwas, woran sie sich erst orientieren und später reiben können.

=ensa=

… 18, 19, 20, 1, 2, 3 …

Wird hier für etwas geworben, ein Beitrag im Feuilleton angekündigt oder über die Geburt von Sechslingen informiert? Wer nicht gerade der chinesischen Schriftsprache mächtig ist, könnte diesen Zeitungsausschnitt drehen und wenden und würde trotzdem nicht das Geringste verstehen.

So – oder so zumindest fast so – geht es rund vier Millionen Menschen in Deutschland, wenn sie Ge- schriebenes in deutscher Sprache sehen, denn sie sind Analphabeten. Genau genommen: funktionale An- alphabeten. Gegenüber totalen Analphabeten haben sie den Vorteil, dass sie immerhin einzelne Schriftbilder lesen oder ihren Namen schreiben können. Doch ihre Kenntnisse reichen – trotz Schulbesuch! – bei weitem nicht aus, um den Alltag zu meistern ohne aufzufallen.

Wenn sie über Sonderangebote auf dem Laufenden sein wollen, brauchen sie Hilfe, was wiederum ein vor- heriges Outing bedeutet. Entschließt sich der Hersteller der Butter, die sie schon lange kaufen und mögen, das Aussehen der Verpackung gründlich zu ändern, ist der Artikel für sie plötzlich fremd und unauffindbar. Sollen sie spontan etwas aufschreiben, haben sie  eine akute Sehnenscheidenentzündung, die Brille vergessen oder eine andere Entschuldigung parat, es nicht tun zu können. Dass Turmstraße, Rathaus Neukölln, Alexan- derplatz oder Spandau auf dem Schild im U-Bahn-Tunnel steht, wissen sie nur, wenn sie sich zuvor die Optik und Umgebung eingeprägt haben. Müssten sie sich beim Fernsehen nur auf ihre Augen verlassen, hätten sie keine Chance, einen Batzen Geld für die richtige Antwort auf die Frage zu gewinnen, ob Kota Kinabalu a) auf Borneo liegt oder b) der Name einer renommierten Designerin ist – selbst wenn sie es wüssten. Etwa jeder 20. in Deutschland führt dieses Leben, Seite an Seite mit allen, die lesen und schreiben können.

Heute ist Weltalphabetisierungstag, um an die Problematik zu erinnern. Übermorgen wird er mit einem Tag der offenen Tür beim Neuköllner Verein Lesen und Schreiben (LuS) gefeiert, der als einzige Einrichtung Berlins ganztägige Alphabetisierungskurse für Erwachsene anbietet. Zusammen mit der Ortsgruppe der Lokalen Agenda 21 initiierte er jüngst das Aktionsbündnis Alphabetisierung und Grundbildung Berlin-Neukölln, um den etwa 15.000 Analphabeten in Neukölln eine noch stärkere Lobby geben zu können.

_ensa_