Fast 200 innerhalb von zehn Jahren

stolpersteine familie freundlich_emserstr 90 neuköllnSeit genau sechs Wochen liegen vier Stolpersteine in der Emser Straße. Vor dem Haus mit der Nummer 90 erinnern sie an Adolf und Klara Freundlich und deren Söhne Louis und Erwin.

In genau zehn Tagen wird die Zahl der Stolpersteine in Neukölln von 186 auf 193 anwachsen. Um viertel nach 10 beginnt Gunter Demnig in der Silberstein-straße 114 mit der Verlegung eines Gedenkquaders für Carl Pohle. Danach wird an der Ecke Karl-Marx-/ Jonasstraße ein Stolperstein für Erwin Volkmar ins Pflaster eingelassen, bevor es in der Geygerstraße mit denen für Deborah und Edith Wiener und Hed-wig Heymans sowie Alice Geusch  Weiterlesen

Im Morgengrauen

spremberger straße 1 neukölln, deportierte neuköllner: clara stern, 23. alterstransportEs wird kurz vor Sonnenaufgang gewesen sein, als Clara Stern  heute vor genau 70 Jahren  aus dem Wohnhaus in der Spremberger Straße 1 abgeholt wurde und zum letzten Mal durch die Haustür ging. Wahrscheinlich stand ein LKW in der kleinen Straße im Neuköllner Reuterkiez, und vermutlich hatte die 69-Jährige, die in Halle a. d. pflügerstraße 78 neukölln, deportierte neuköllner: louis lewinski, 23. alterstransportSaale geboren worden war, nicht mehr als einen Koffer dabei, als sie auf die Lade- fläche stieg.

Ähnliches wird sich wenig früher nur ein paar Minuten Fußweg entfernt in der Pflü- gerstraße 78 abgespielt ha- ben. Dort hatte der aus Westpreußen stammende, in- zwischen 85-jährige Louis Lewinski gewohnt.

Insgesamt 100 Berliner Juden, unter ihnen – neben Clara Stern und Louis Lewinski – auch Kurt Tucholskys Mutter Doris, wurden am 16. Juli 1942 zum Anhalter Bahnhof im Bezirk Kreuzberg gebracht. Um 6.07 Uhr startete  vom Gleis 1 der  23. Alterstransport. Ziel des regulären Reisezugs, an den zwei 3. Klasse-Personenwagen angehängt waren, war das KZ Theresienstadt, das bei der Wannsee-Konferenz als „Altersghetto für ausgesuchte deutsche Juden“ bestimmt  worden war. Wie man heute weiß, konnte diese propagandistische Verklausulierung mit „Transitlager auf dem Weg in den Tod“ übersetzt werden: Wer nicht in Theresienstadt starb, wurde in der Regel nach Auschwitz weiterdeportiert. Genau 116 Transporte mit über 9.600 Menschen verließen bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs den Anhalter Bahnhof.

Clara Stern kam im Altersghetto um; der Todesort von Louis Lewinski wird mit Minsk angegeben. An beide Verschollenen erinnert heute nichts mehr.  Weder vor der Spremberger Straße 1, wo bis zu ihrer Deportation am 4. März 1943 auch Gerda Heymann lebte, noch vor dem Haus in der Pflügerstraße 78, aus dem schon Betty Lewinski am 27. November 1941 deportiert worden war, liegen Stolpersteine.

Aktuell sind es 123 Stolpersteine, die in Neukölln der Opfer des Nazi-Regimes gedenken. Im November wird  Gunter Demnig  wieder nach Neukölln kommen, um weitere Messingtafeln zu verlegen. Ab Donnerstag ist er eine Woche lang in anderen Berliner Bezirken unterwegs.

=ensa=