Späte Ehrung für frühe Kletterkünste

Viel Zeit war nicht, um sie zu entdecken. Nur drei Tage lang zierten 13 blaue Kera- mikkacheln den Körnerpark: Die deutsch-kanadische Künstlerin Belle Santos hatte bernhard thieß_the blue plaque_körnerpark neuköllnsich mit den Objekten namens The Blue Plaque am letzten Wochenende am B_Tour Festival beteiligt, das zu experimentellen geführten Stadttouren einlud.

Auch Bernhard Thieß, der bis vor we- nigen Wochen zusammen mit seiner Frau den Neuköllner Leuchtturm be- trieb, widmete die Künstlerin eine ihrer blauer Kacheln, die Continue reading

“Er ist schon ein recht arroganter Typ”

flamingo_tilman geiger_rixdorfer schmiede neuköllnAus welcher Richtung der Wind weht, ist ihm ziemlich wumpe. “Er ist schon ein recht arroganter Typ”, findet auch Tilman Geiger. Der Kunstschmied, der zusammen mit Martin Böck in der Schmiede in Rixdorf am Neuköllner Richardplatz arbeitet, hat den silber glänzenden Flamingo gebaut, der sich als Blickfang über dem Zaun des Grundstücks dreht. “In Anlehnung an Wet- terhähne auf Kirchturmspitzen”, ergänzt er, das Wort Anlehnung betonend. Denn dass sich der rund 40 Continue reading

Weniger Montagsmuffel in Neukölln?

Bei deutschen Arbeitnehmern ist er besonders unbeliebt (und entsprechend beliebt als Begründung für schlechte Laune, Lustlosigkeit und Aggressionen): der Montag, der durch das Inkrafttreten der DIN 1355 den Sonntag im deutschen Kalender von der

montagsmotto_neukölln

Pool Position des Wochenanfangs verdrängte. Heute ist wieder so einer, und falls die Stimmung in Neukölln besser als andernorts sein sollte, dann könnte Continue reading

Liebes Tagebuch!

Ist das Kunst oder kann das weg? Ja! Mit ihrem Journal à ciel ouvert, das anlässlich des Festivals 48 Stunden Neukölln entstand, wollen Hélène Pintier und Roberto Duarte nicht nur Gedanken von Anwohnern und Besuchern des Flughafenkiezes  öf-

journal a ciel ouvert_boddinplatz_neukölln journal a ciel ouvert_boddinplatz neukölln

fentlich zugänglich machen. Zugleich geht es ihnen auch um den Verfallsprozess des Tagebuchs unter freiem Himmel. Noch sind die mit Kreide auf das Pflaster vom Bod- dinplatz geschriebenen Texte gut zu lesen und könnten die Verweildauer manches Passanten auf dem Platz deutlich verlängern.

Alles andere als paradiesisch

Zuerst dachte ich, dass der Bambus auf dem Böhmischen Platz zum Krawatten-paradies geworden ist. Aber es ist das Kunstwerk  “777 Galgenstricke”, das hier  vor

artus unival_777 galgenstricke_neukölln 777 galgenstricke_artus unival_neukölln

vor einigen Tagen eingeweiht wurde. Seine Installation, teilt der Künstler Artus Unival mit, soll ein “symbolischer Ausdruck der  Kritik an Schlips- und Nadelstreifenanzug-Trägern“ in Wirtschaft und Politik, zugleich aber auch ein “ökologisches Expe- riment” sein: Da die Schlipse aus unterschiedlichsten Materialien von Seide bis Polyacryl bestehen, würden sie unterschiedlich abgebaut werden. So, hofft Artus Unival, entsteht auf dem Platz im Neuköllner Richardkiez ein “lebendiges Denkmal”.

=Reinhold Steinle=

Zum Greifen nah

Wer in Berlin bis zum Horizont gucken will, geht normalerweise aufs Tempelhofer Feld. Dass er mitten in Neukölln, in der Saltykowstraße, viel besser zu sehen ist, ist kaum  bekannt. Mehr noch: In dieser Straße kann man den Horizont sogar anfassen -

rixdorfer horizont_werner brunner+monique rival_saltykowstraße neukölln

den Rixdorfer Horizont! Vor gut 15 Jahren malten  Werner Brunner und Monique Rival ihn auf die Fassade des Eckhauses, das außerdem viel Platz für Theatralisches bot.

Umgarnt

Zwar wird auch bei Bäumen häufig von Menschenhand nachgeholfen, doch sie wür- den es durchaus alleine schaffen,  ihre Stämme mit immer neuen Mustern zu ver- zieren. Letzteres lässt sich von den Pfählen der Verkehrsschilder und Straßenlaternen oder von Ampelmasten nicht  behaupten. Legt  bei ihnen keiner Hand an, bleiben sie,

platane_körnerpark neukölln umhäkelter laternenpfahl_neukölln

wie sie erschaffen wurden. Meist sind es Aufkleber, die das verhindern. Mehr Mühe hat man sich mit einem abgerüsteten, zum Fahrradbügel umgewidmeten Pfahl in der Altenbraker Straße im Neuköllner Körnerkiez gemacht: Der wurde, kunstvoll umhäkelt, zum wahren Eyecatcher.

Nichts für den ersten Blick

Manchmal  kommt – wie dieses Bild beweist – StreetArt  in Neukölln subtil  daher und

streetart_neukölln

verrät erst bei genauem Hinsehen ihren Sinn (oder Unsinn). Insofern unterscheidet sich die Kunst auf der Straße kein bisschen von der, die manchmal, angekündigt von verschwurbelten Beschreibungen, in Galerien und Ateliers gezeigt wird.

Yes, indeed!

Seit einer gefühlten Ewigkeit liegt eine hell- bis dunkelgraue Wolkendecke über Ber- lin. Da kommt  das optische Pendant, das sich  in Sichtweite der  Neuköllner  Bezirks-

kunst am zaun_tempelhofer feld_berlin

grenze am Zaun um das Tempelhofer Feld präsentiert, gerade recht: Aus bunten, miteinander verschlungenen Bändern entstand am Columbiadamm ein StreetArt- Werk, das Labsal für Augen und Seele ist und gern öfter beweisen darf, dass es auch perfekt vor eine himmelblaue Kulisse passt.

Mich laust der Affe!

Der Gorilla ist weg! Jahrelang stand die mächtige Metallskulptur vor dem Haus in der Hermannstraße 47 – dort  fehlt sie nun, und das Entsetzen  ist groß. Es ist  ein wenig

gorilla_batman elektronik neuköllnbatman elektronik_neukölln

so, als wäre klammheimlich die Friedrich Wilhelm I.-Statue von ihrem Sockel gesägt worden oder der Buddy-Bär vom Rathausvorplatz verschwunden. Doch wer sich ein wenig in der Umgebung umsieht, kann erleichtert feststellen: Der Gorilla, Werbe- träger für Muharrem Batmans Elektroschrottkunst, ist nicht weg, sondern nur um- gezogen – vor die  ehemalige Postfiliale  auf der Straßenseite gegenüber.

Natürlich verhüllt

Die Bewohner des Hauses, das an der Ecke Richardstraße/Herrnhuter Weg steht, haben reinweg gar nichts von dem Wandbild, das die Fassade des Gebäudes ziert. Auch direkte Gegenüber, die sich daran erfreuen können, gibt es nicht Aber vom Frühling bis zum Frühherbst ist ohnehin nur wenig von diesem Kunststück im öffentlichen Raum zu sehen, weil es vom Laub des Baumes, der davor steht, fast komplett verdeckt wird.

Schwarz-weiß-Malerei

fassaden-bemalung berthelsdorfer straße neukölln, streetart

… in der Berthelsdorfer Straße in Neukölln.

Ohne Wenn und Aber

An der Frage “Ist das Kunst oder kann das weg?” scheiden sich oft die Geister, nicht nur in Neukölln. In dem Fall dürften sich aber alle einig sein:  Das  kann nicht weg!

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Heute hier, morgen dort: das Freiluft-Atelier von William Wires

william wires, streetpainting reuterkiez neuköllnDaran, dass Menschen mit Fotoappa- raten durch die Straßen von Neukölln schlendern, um Augenblicke auf Zel- luloid oder Speicherkarten zu bannen, haben sich die meisten Neuköllner längst gewöhnt. Alles andere als all- täglich ist dagegen das Prozedere, mit dem William Wires aus seinen Neukölln-Eindrücken Bilder macht.

Ein Bürgersteig in der Friedelstraße, mitten im hippen Reuterkiez. Der Landwehrkanal ist gut 100 Meter entfernt, die längst über die Bezirksgrenzen hinaus bekannte Eisdiele  Fräulein Frost, mit der sich der Schauspieler Carsten Andörfer ein zweites Standbein aufgebaut hat, auf der william wires, streetpainting reuterkiez neukölln, fräulein frostStraßenseite direkt gegenüber. William Wires’ Galerie braucht nicht viel Platz: Zwei Tafeln, die Werke des Mittfünfzigers im Postkar-tenformat zeigen, lehnen an seinem Fahrrad. Das Atelier ist noch kleiner: Mit einem Qua- dratmeter kommt der Künstler aus, wenn er in aller Öffentlich- keit seine Staffelei aufstellt, um unter freiem Himmel zu arbei- ten. Natürlich könnte er ebenso Fotos seiner Wunschmotive machen und aus diesen Vor- lagen in seinem Kreuzberger Atelier Öl-auf-Leinwand-Werke schaffen, sagt Wires. Aber … Einerseits ist er nicht nur Maler, sondern auch Architekt. Und andererseits: “Eine Kamera sieht viel weniger und ganz anders als die Augen, und ich  will  malen, was  ich  sehe.” Die Farben, die Dreidimensionalität, die Perspektive und die At- william wires, streetpainting reuterkiez neuköllnmosphäre – alles solle so authen- tisch wie möglich sein.

Der Aspekt des Miteinanders dieser vier Komponenten ist es auch, der das schmucklose Haus auf der Straßenseite gegenüber für William Wires malenswert macht. Ja, bestä- tigt der Freiluft-Maler, auf den ersten Blick wirke es sehr schlicht und unauffällig, aber die fein abgestimm- ten Farbnuancen seien interessant. Ob ein Geschäft im Haus ist, dessen Inhaber als  Käufer des Bildes infrage kommen könnte, ist für den gebürtigen Amerikaner irrelevant. Wirklich groß sei das Interesse bei Berliner Gewerbetreibenden nicht, gemalte Außenansichten in ihren Läden präsentieren zu können. William Wires wird trotzdem weiter mit seinem mobilen Atelier durch die Stadt ziehen, um zu malen, was andere fotografieren.

In der Galerie Rutil (Liegnitzer Straße 34 in Berlin-Kreuzberg) ist noch bis zum 27. Mai die Ausstellung “Confronting Comfort” mit Werken von William Wires zu sehen. Geöffnet ist donnerstags bis sonntags von 15 – 18 Uhr.

=ensa=

Eingewickelt und umklammert

Was woanders noch für Bewunderung sorgt und Nachahmer aktiviert, konnte sich in Neukölln nie wirklich durchsetzen: Guerilla Knitting, also das  – auch Yarn Bombing genannte – Bestricken von Bäumen, Laternenpfählen und Regenrohren, kam im Bezirk nie über einige wenige Exponate hinaus. Ob das neue Streetart-Genre Guerilla Wrapping erfolgreicher wird  und das  Straßenbild in Neukölln  auffallender verändert,

wird sich zeigen. Ein Anfang ist jedenfalls gemacht, und das Talent, stricken oder häkeln zu können, bei dieser künstlerischen Spielart lässlich. Unverzichtbar ist dagegen eine gewisse feinmotorische Begabung, was auch für die gilt, die Gas- laternen durch geklammerte Backenbärte zu Gesamtkunstwerken machen wollen.

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Einfach mal abhängen

Bei Sameheads in Neuköllns Richard-straße wird ein Exempel dieses Zustands äußerster Entspannung rund um die Uhr zur Schau gestellt.

Weniger leger ist der heutige Tag für Emine Demirbüken-Wegner, die zu den 1240 Mitgliedern der Bundesversamm- lung gehört, die ab 12 Uhr im Plenarsaal des Reichstags über die Neubesetzung des Bundespräsidentenamts entschei- den. Zu Neukölln hat die 50-jährige CDU- Politikerin, die seit 2006 dem Berliner Abgeordnetenhaus angehört und im Be- zirk Reinickendorf lebt, eine besondere Beziehung: Sie war 7 Jahre alt, als ihre Familie von der Türkei nach Neukölln übersiedelte. Damals, heißt es, war sie das erste und einzige türkische Kind in ihrer Grundschulklasse. Rund 20 Jahre später, 1988, erlebte Emine Demirbüken-Wegner wieder etwas bisher Dage- wesenes: Sie wurde als erste Frau mit türkischen Wurzeln Integrationsbeauftragte eines Berliner Bezirks – Neukölln war es nicht, sondern Schöneberg.

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Poller mal anders: eine Welle für Neukölln

Sicher, es hätten nicht unbedingt Hunderte von Pollern sein müssen. Ein Bruchteil davon hätte auch gereicht, um das Problem des Wildparkens auf der Mittelinsel der Sonnenbrücke über dem Neuköllner Schiffahrtskanal in den Griff zu be- kommen. Und natürlich wäre es ebenfalls nicht nötig gewesen, die einzelnen Pflöcke mit was- serblauer Zwei-Komponenten-Farbe zu lackie- ren. In dezentem Grau hätten sie genauso ihren Zweck erfüllt. Au- ßerdem sind da noch die beiden Schwimmer, die durchs stilisierte Nass pflügen und aus der Ordnungsmaßnahme für Autofahrer  Kunst im öffentlichen Raum machen: “Welle” heißt die mit Stadtumbau West-Mitteln für den Bereich Neukölln-Südring finanzierte Installation, die der Berliner Künstler Egidius Knops auf einer 50 Meter langen Fläche schuf. In der vergangenen Woche wurde das Werk vollendet.

“Sechs Meter lang und 2 Meter 80 hoch sind die beiden Schwimmer”, erklärt Knops. Als Referenz an Britta Steffen, Franziska van Almsick und andere erfolgreiche Athleten der SG Neukölln seien die bemalten Aluminium-Silhouetten zu sehen, die zwischen den Pollern be- festigt wurden. Die wiederum bilden ob ihrer Lackierung und unterschied- licher Höhen zwischen 50 und 140 Zentimetern eine Welle nach.

Den kostenlosen Stellplätzen und dem unfallträchtigen Ein- und Aus- parken auf der Sonnenbrücke wurde nun also durch Egidius Knops’ nicht unumstrittenes Kunstwerk ein Ende gesetzt. Schon während der Bauphase be- schäftigte Kritiker die Frage, ob das Geld in einem Bezirk wie Neukölln nicht sinnvoller eingesetzt werden könne. Um der Situation vorzubeugen, dass vom Ehrgeiz, die Poller zählen zu wollen, gepackte Autofahrer im Schneckentempo die Brücke überqueren und damit eine neue Gefahrenquelle schaffen: “Es sind genau 500″, verrät mit Knops einer, der es wissen muss.

=ensa=

Einfach mal vom Äußeren aufs Innere schließen

Nicht nur Gesichter, sondern auch Hausfassaden können veranschaulichen, dass aufgetragene Farbe nicht automatisch zu dem Effekt führt, dass etwas als bunt bezeichnet werden kann. Zarte Pastelltöne, die längst verblasst oder von einer schmuddeligen Schicht bedeckt sind, geben in vielen Straßenzügen optisch den Ton an. Der Mut zu Farben, die alleine oder in Kombination mit anderen für Buntheit sorgen, ist eher selten.

Auch die Fassade des Hauses in der Reuterstraße 31 in Neukölln ist alles andere als bunt. Ins Auge sticht sie trotzdem. Unzählige Kreise, die sofort an Luftblasen erinnern, wurden auf die weißgrundige Hauswand gepin- selt, hinter der die Tauchschule Dive- crew Berlin ihr Büro hat.

Neukölln wäre bunter und um etliche Hingucker reicher, wenn dieses Bei- spiel Schule machen würde und noch mehr Gewerbeeinheiten eine pas- send gestaltete Fassade bekämen. Das könnte bestenfalls die Fluktua- tion etwas bremsen und außerdem neue Betätigungsfelder für Künstler eröffnen.

=ensa=

Klarer Fall

“Ist das Kunst oder kann das weg?” Mit dieser Frage ist nicht nur die Berliner Stadtreinigung (BSR) tagtäg- lich in Neukölln konfrontiert, sondern auch jeder, der sich wachen Auges durch den Bezirk bewegt.

Dass die Antwort so ein- deutig mit einem Votum für die Kunst ausfällt wie bei dieser illuminierten, in lufti- ger Höhe baumelnden In- stallation, ist zugegebener- maßen eher selten. Umso häufiger fällt die Entschei- dung berechtigterweise pro Müll aus.

=ensa=

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