Effektive Chancenvergeudung

Dem Schillerpalais geht’s miserabel. Die 2002 an der Neuköllner Schiller- promenade eröffnete Galerie sei akut von der Schließung bedroht nachdem Mitarbeiterstellen und Regiegelder ge- strichen wurden, teilte der Trägerverein kürzlich mit. Eine zweiwöchige Bene- fizveranstaltung, bei der Exponate ver- steigert werden, solle nun helfen, das Aus abzuwenden und eine Umstruktu- rierung von der Galerie zum Showroom mit Kunst-Shop-Charakter einzuläuten. Letzten Freitag wurde begonnen das neue Konzept in die Tat umzusetzen.

Dessen Alltagstauglichkeit erweist sich jedoch bereits jetzt – oder: noch? – als sehr fragwürdig. Gestern Nachmittag: Der Mann, der in der heißen Phase der Rettung des Schillerpalais die Galerie-Aufsicht hat, würdigt eintretende Besucher keines Blickes. Mit einem Kopfhörer auf den Ohren und einem so unsichtbaren wie unübersehbaren „Nicht stören!“-Schriftzug auf der Stirn starrt er auf den Monitor, der vor ihm auf dem Schreibtisch steht. Die an ihn gerichtete Begrüßung bleibt unerwidert.

An den Wänden hängen die Werke der Künstler, die zum Erhalt der Kultureinrichtung beitragen  wollen: groß- und kleinformatige  Bilder verschiedenster Stilrichtungen, Ob-

jekte und Collagen. Alle sind nummeriert und sollen versteigert werden; ein Teil des Erlöses geht an die Künstler, der andere ans Schillerpalais. Auf dem Tisch im hinteren Bereich des Ausstellungs- raumes steht eine Auktionsbox. Zettel, auf denen Gebote abgegeben werden können, liegen bereit. Am 5. August, erfährt man, werde das höchste Ge- bot pro Werk ermittelt, wer es ab- geben hat, erhalte den Zuschlag und bekomme eine Benachrichtigung. „Mit Ihrem Gebot unterstützen Sie unseren Kunstraum“, informieren die Auktionsscheine weiter und weisen zugleich auf Bedingungen hin, mit denen man sich einverstanden erkläre. Sie liegen nicht aus.

Das wisse er nicht, er sei ganz neu hier und außer ihm sei niemand da, antwortet der Mann am Schreibtisch bräsig auf die Frage, was denn in den Bedingungen stehe. Ebenso unbekannt scheint ihm seine Rolle bei der Rettung des Schillerpalais zu sein. Statt durch rudimentäre Freundlichkeit und Auskunftsbereitschaft zu Solidarität zu motivieren, zwingt er förmlich zur Beschäftigung mit äußerst konträren Fragen:

Wie soll der angepeilte Kunstverkauf mit enthusiastischen Mitarbeitern wie diesem funktionieren? Ist die Präsenz des Schillerpalais e. V. durch kostenträchtige Galerie- räume und personell abzudeckende Öffnungszeiten wirklich ein Muss? Lohnt es sich, sich ausgerechnet für dessen Erhalt zu engagieren? Insbesondere vor dem Hintergrund, dass es auch um die weitere Existenz anderer Neuköllner Kulturbetriebe nicht wesentlich besser bestellt ist.

=ensa=

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