Ende und Anfang in der Neuköllner Manege

jugendfreizeiteinrichtung manege, rütlistraße neuköllnEs war eine Erfolgsgeschichte. Vorgestern endete sie. Der  ge- meinsame Weg der Manege und des Fusion e. V., der vor 14 Jah- ren die Manege erfand und seit- dem zu dem machte, was sie wurde,  ist abgeschnitten. Für die Manege, eine der erfolgreichsten Jugendeinrichtungen mit kunst- und bildungsorientiertem Ansatz in Neukölln, geht es zwar weiter – aber unter der Leitung eines neuen Trägers. Heute nimmt der seine Arbeit auf. Wie aus bestens informierten Kreisen zu erfahren war, ist es die Technische Jugendfreizeit- und Bildungsgesellschaft (tjfbg) gGmbh, die vom Neu- köllner Bezirksamt vor 2 1/2 Wochen im Hauruck-Verfahren zum Nachfolger des Fusion e. V. ernannt wurde.

„Selber denken! Machen!“, das waren schon immer die Leitmotive des Projekts. Und die Jugendlichen, die bis dato nicht eben durch konstruktives Handeln aufgefallen waren, machten. Das einst abgerockte Haus jugendfreizeiteinrichtung manege, rütlistraße neuköllnWetzlar wurde für sie zum zweiten Zuhause, erhielt ein frisches Innenleben nebst einer spektakulären Fassade. Die vermüllte Rütlistraße wurde entrümpelt und als Jugendstraße angelegt. Im Sommer 2003 zogen die beiden riesigen, in einem Gemein- schaftsprojekt erstellten Frösche an die Ecke Rüt- li-/Weserstraße. „Der Bezirk Neukölln“, so der Fu- sion e. V., „gab uns die Möglichkeit, neue Ideen zu erproben und  neue Methoden und Standards in die Jugend- und Sozialarbeit praktisch einzubringen, in einem Feld, wo traditionelle Methoden nicht mehr weiter kamen.“ Über 600.000 Euro akquirierte der Verein in den letzten neun Jahren an zusätzlichen Mitteln, um seine vielfältigen Projekte durchführen zu können, die von den Jugendlichen begeistert angenommen wurden.

Trotz jahrelanger erfolgreicher Arbeit flatterte dem Fusion e. V. im letzten Sommer – wie auch sämtlichen anderen freien Trägern der Jugendhilfe – die  Kündigung ins Haus. Bereits im Frühjahr 2011 war die direkt gegenüber vom Campus Rütli gelegene Manege aus dem Zuständigkeitsbereich der Bezirksamt-Abteilung Jugend in das Ressort Bildung/Schule übergegangen. Ein wegweisender Akt, der technokratisch die künftige Ausrichtung der Jugendeinrichtung zementiert und deutlich macht, dass diese sich mehr denn je an den Bedürfnissen des jugendfreizeiteinrichtung manege, rütlistraße neuköllnLeuchtturmprojekts in der Neuköllner Bildungslandschaft orientieren wird. Die ausgesprochene Kündigung des Fusion e. V. wurde zurückgezogen und der Vertrag erst bis zum April und später bis zum 30. Juni verlängert. Parallel wurde im April vom Bezirks- amt Neukölln wie angekündigt ein  Interessenbekundungsverfahren auf den Weg  gebracht, das die Träger- schaft für die Manege neu aus- schrieb. „Natürlich hätten wir uns darauf auch bewerben können“, sagt Wolfgang Janzer vom Fusion e. V., der zusammen mit seiner Frau Maria Galves de Janzer die Manege leitete, „aber das wollten wir aus mehrerlei Gründen nicht.“ Einer sei die Respektlosigkeit für die geleistete Arbeit und das Engagement, die sich „aus dem ganzen Verfahren und der Tatsache, dass es durchgeführt wird“, erkennen lasse. „Zweitens, weil wir den Verlust jeglicher Autonomie in der asymmetrischen Konstruktion des Campus Rütli–Projekts für kontraproduktiv halten. Wenn die Ineffizienz des Bildungssystems Ursache und Initialzündung des Campus Rütli–Projekts war, dann wird durch die Dominanz von Schule und die Unterordnung der anderen Module unter das Schulsystem, der Bock zum Gärtner gemacht.“ Und außerdem mache der Bezirk in seinem Interessenbekundungsverfahren ein finanzielles Angebot, das ein kleiner freier Träger nicht annehmen kann. Mit der angebotenen Summe ließen sich die Standards, die in der Manege etabliert wurden, nicht halten: „Eine Reduktion der Qualität aufgrund der begrenzten Mittel kommt für uns aber nicht infrage.“ Millionen würden für die Hardware des Cam- pus Rütli in Beton gegossen, kri- tisieren die Janzers, doch für die zum Betreiben der Hardware erforderliche Software gehe das Bezirksamt auf Schnäppchenjagd.

Dass der Fusion e. V. überhaupt eine Chance gehabt hätte, das Interes- senbekundungsverfahren für sich zu entscheiden, darf auch aus einem anderen Grund bezweifelt werden. Die Frage, ob der Campus Rütli ein Musterprojekt sei, beantwortete Marta Galvis de Janzer im August letzten Jahres in einem Interview mit dem Online-Schülermagazin Tonic mit einem klaren „Nein!“. Daraufhin, so die Janzers, seien sie von der Verwaltung zu einer Stellungnahme aufgefordert worden, die sie auch abgaben – ohne jemals eine Reaktion darauf erhalten zu haben. „Wo kommen wir denn hin, wenn man als Träger einer bezirklichen Einrichtung sein Recht auf freie Meinungsäußerung abgeben muss?“, fragt sich Wolfgang Janzer.  Irgendjemand müsse es doch einfach mal sagen, unterstreicht er das Statement seiner Frau.

„Unser Projekt in Neukölln ist damit beendet. Vielleicht pas- sen wir wirklich nicht in die  neue Bildungslandschaft, die hier entsteht und die sich in Zukunft im Einklang mit der Gentrifizierung des Bezirks justieren muss“, konstatierte der Fusion e. V.-Vorstand bereits im Mai in seiner hier veröffentlichten Erklärung. Sie schließt mit dem Satz: „Den Kindern und Jugendlichen der Manege wünschen wir, dass es ihnen gelingen möge, den  Ort, an dem sie aufgewachsen sind und der sie geprägt hat, als ihr Haus zu erhalten.“ Und es sind nicht nur die Janzers, die sich wünschen, dass auch unter der tjfbg-Trägerschaft eine partizipative Ebene für die Manege-Kids besteht und sie ihr Motto  „Gebt ihr uns keine Chance, geben wir uns eine!“  weiterhin leben, um die Erfolgsgeschichte fortzusetzen.

=ensa=

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Mit der Zeitschleife im Nacken und Kontinuität im Blick: Offener Brief der „berliner jungs“ zur Kündigung freier Jugendhilfe-Träger in Neukölln

Die Sommerferien hatten gerade begonnen und die Neuköllner Jugendstadträtin Gabriele Vonnekold (Grüne) eben ihren Urlaub angetreten, als Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD)  das Fallbeil in den Haushalt des Jugendamts krachen ließ: Da sich abzeichnen würde, dass der Jahresetat des Ressorts um 4,1 Millionen Euro überzogen werde, kündigte der Bezirk rund 50 freien Trägern der Jugendhilfe zum 30. September. Ähnliches hatte sich bereits im letzten Jahr abgespielt.

Zu den Betroffenen der Neuköllner Haushaltspolitik nach „Und jährlich grüßt das Murmeltier“-Manier gehören auch die berliner jungs. Jetzt nehmen sie in einem offe- nen Brief  Stellung:

berliner jungs, Fachstelle zur Prävention von sexueller Gewalt an Jungen, ist von der Kündigungswelle der sozialen Leistungen in Neukölln betroffen, und das in einem pädosexuellen Schwerpunktgebiet Berlins.

  • Jeder vierte Junge wurde durch Pädosexuelle angesprochen.
  • Jeder zwölfte Junge hat konkrete sexuelle Übergriffe erlebt.
  • (Quelle: Studie FU Berlin 2004)

berliner jungs hilft betroffenen Jungen direkt und ohne bürokratische Hürden durch:

  • Streetwork in pädosexuellen Aktivfeldern mit Infos für Jungen und Eltern;
  • Prävention gegen sexuelle Gewalt an Schulen, Kinder- & Jugendein- richtungen, Kitas; u.a. Präventionsmodul „Jibs-Jungen informieren, bera- ten, stärken“ (mit Theater, Selbstbehauptung, Wissensvermittlung zu Täter- strategien, inkl. Elternabend, Lehrerschulung & Fachberatung bei Bedarf)
  • Beratung für betroffene Jun- gen und Angehörige, sowie für Fachkräfte.

In 2010 halfen und berieten wir mehr als 500 Jungen; mehr als 325 Neuköllner Fachkräfte holten sich bei uns Informationen und Unterstützung und es gingen mehr als 40 Hinweise auf pädosexuelle Aktivitäten in eng umgrenzten Sozialräumen ein. Dieses fachliche Angebot würde wegfallen: Das bedeutet aktiven Täterschutz. Die Vielzahl an Hinweisen zeigt, dass pädosexuelle Täter in Neukölln flächendeckend aktiv sind. Bis vor einigen Jahren gab es in Neukölln eine ausgeprägte pädosexuelle Kneipenstruktur, wo sich Männer mit Jungen im Grundschulalter trafen. Geblieben sind neuköllnweit  „Offene Wohnungen“ (Täter laden Jungen unter 14 zu sich ein, zu Internet, Computerspielen, aber auch Alkohol, Pornografie, um sie auf sexuelle Übergriffe vorzubereiten). Und Pädosexuelle sind auf Spielplätzen, in Einkaufscentern oder im Internet unterwegs. Seit 2005 wird die Arbeit von berliner jungs durch das Ju- gendamt Neukölln gefördert. Neukölln nimmt damit eine Vorreiterrolle in der Prävention von sexueller Gewalt gegen Jungen ein.

Mit Betroffenheit haben wir erfahren, dass auch andere wichtige Neuköllner Projekte von den Kürzungen betroffen sind. berliner jungs arbeitet eng mit unterschiedlichen Koopera- tionspartnern wie Schulstatio- nen, Jugendclubs und Bera- tungsstellen zusammen. Sie sind oft die ersten Ansprech- partner der Kinder und Jugend- lichen, die von sexueller Gewalt betroffen sind. Auf Hilfen zur Erziehung (HzE) besteht ein gesetzlicher Anspruch, der sich immer auf einen individuellen Bedarf gründet. Auf den Anstieg der Bedarfe im Bereich der HzE mit einer Kürzung im Bereich der Prävention zu reagieren, bedeutet Kindern und Jugendlichen Möglichkeiten zu nehmen Probleme und Konflikte zu thematisieren, bei Kinderschutzfällen Hilfe einzufordern. Damit steigt die Gefahr, dass Bedarfe von Kindern und Jugendlichen spät oder gar nicht „erkannt“ werden. Für den Arbeitsbereich von berliner jungs bedeutet es, dass Jungen, die von sexueller Gewalt bedroht und/oder betroffen sind, allein gelassen werden.

„Es ist fachlich unvertretbar, dass die verschiedenen Formen der Jugendhilfe gegeneinander ausgespielt werden. Die sog. freiwilligen sozialen Leis- tungen der Jugendhilfe wirken präventiv und setzen ein, bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist. Sie sind ebenso wichtig wie die gesetzlichen Hilfen zur Erziehung!“ (aus: Pressemitteilung des Paritätischen Wohlfahrtsver- bandes zur „vorsorglichen Kündigung“ durch das Bezirksamt Neukölln)

Das Team von berliner jungs                                 Berlin, den 07.07.2011
Ansprechpartner: Henk Göbel, Koordination Neukölln

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