Hier die Erwartungen, da die Wirklichkeit

Es gehört zu den markantesten Gebäuden der Karl-Marx-Straße und den bedeutend- sten Baudenkmälern Neuköllns: die Alte Post. 1906 wurde sie als Kaiserliches Post- amt 1. Klasse eingeweiht, Anfang der 1980er Jahre aufwändig restauriert und erwei- tert und 2003 – mit dem Umzug des Hauptpostamts 44 in die Neukölln Arcaden – ge- schlossen. Seitdem ist der prächtige Bau zur Nutzlosigkeit verdammt,  selbst die Zeit,

alte post neukölln

als er temporär kulturell bespielt wurde, liegt inzwischen wieder Jahre zurück. Ideen, wie die an Investoren veräußerte Alte Post künftig genutzt werden könnte, Weiterlesen

Geschlossen um zu bleiben

Der jetzt etwa auch noch? An der Ecke Karl-Marx-/Saltykowstraße, einst ein Nadelöhr für Fußgänger, ist es ruhig geworden. Die Schriftzüge und Markisen des Birlik Markets birlik-market_karl-marx-straße neuköllnsind abmontiert, die Rollläden herun- tergelassen. Alles deutet darauf hin, dass sich nach anderen alteingeses- senen Einzelhändlern auch diese  In- stitution von Neuköllns Magistrale ver- abschiedet hat und demnächst mit grellen Plakaten nach einem neuen Mieter für die Gewerbe-Immobilie ge- sucht wird, die seit einer gefühlten Ewigkeit den türkischen Supermarkt Weiterlesen

Neuköllner Absichten – vom Turm des Rathauses

rathaus-turm neuköllnVor jeder Absicht steht eine Absicht: Eines schönen Freitags hatten wir die, um 16 Uhr eine „Janz weit oben“- Tour mit dem Stadtleben e. V.  zu machen und vom Rat- haus-Turm auf den Bezirk zu blicken. Das Dumme war nur, dass Vincent Kelbel nicht die Absicht hatte, pünktlich zum Start der ersten von drei Führungen am Treffpunkt zu erscheinen. Mit fast einer halben Stunde Verspätung kam der Wirtschaftsinformatik-Student angeschlurft. Er sei nur so was wie der Aushilfsführer, meinte er, bevor er im nächsten Moment mit – für eine Aushilfe – erstaunlichen Kenntnissen überraschte: „Freitags um 4 kommt selten jemand.“ Die Nachfrage, wie er das denn Weiterlesen

Der Irre entgangen

Erregte Diskussion zwischen zwei Männern im besten Rentenalter auf der Karl-Marx-Straße. In Höhe der Magdalenenkirche stehen sie, wedeln mit den Armen und zeigen ein herz für touris, berlin-neuköllnabwechselnd mal in nordwest- liche und mal in östliche Rich- tung.

Ein paar Schritte entfernt zwei junge Leute, offensichtlich Tou- risten, die spanisch miteinander sprechen während sie etwas in ein Smartphone tippen, und dann entschlossen Kurs auf den S-Bahn-Ring nehmen.

Dass der Anlass für ihren Dis- put weg ist, merken die beiden Männer erst, als die Touris schon außer Sichtweite sind. Er wolle, sagt der, der die Ortsunkundigen in Richtung Rollbergkiez geschickt hätte, einen Besen fressen, wenn sie dort nicht auf die Brusendorfer Straße gestoßen wären. Er lebe zwar erst seit 25 Jahren in Neukölln, entgegnet der andere, habe das aber einige Jahre an der Ecke Briese-/Bornsdorfer Straße getan. Der bisher phonmäßig Überlegene wird plötzlich ganz leise: „Da hab ich doch glatt die Brusendorfer- mit der Bornsdorfer Straße verwechselt. Ersparen Sie mir das mit dem Besen und gehen mit mir ’ne Molle zischen? Ich lad Sie ein.“

Begehrlichkeiten

 

Idyll und Verfall liegen auf Neuköllns Magistrale, der Karl-Marx-Straße, manchmal nah beiein- ander. Während die Dachterrasse der Neuköll- ner Oper bei vielen den Wunsch nach einer Pause auf dem urbanen Hochsitz weckt, wünscht man sich ein paar Meter weiter – in Höhe der Hausnummer 145 –  nur noch, nicht von bröckelndem Mörtel oder gleich dem ganzen Erker erschlagen zu werden.

Cool, hip und trendy

Mit diesen Adjektiven wird der Norden von Neukölln gern beschrieben – wenn nicht gerade Attribute mit Negativtouch angebrach- ter erscheinen.

Auch Neuköllns hauptigste Hauptstraße, die Karl-Marx-Straße, soll durch generöse finanzielle Injektionen für Baumaßnahmen und ein Citymanagement den Quantensprung in Sachen Imagewechsel hinkriegen: vom rummeligen Eldorado für 1 Euro-Shopper zum „Broadway Neukölln“. Nicht nur die Schnäppchenjäger sollen sich dort künftig wohlfühlen, sondern auch für alle anderen soll die Magistrale zum angesagten Aufenthaltsort werden. Davon ist sie allerdings nach über zwei Jahren Citymanagement noch so weit entfernt wie Neukölln von New York.

Neulich auf der Karl-Marx-Straße: Eine mit großen, vollen Plastiktüten vom  Karstadt-Schnäppchen-Center bestückte Frau – optisch zur Kategorie derer gehörend, bei denen Gentrifizierungsphobiker von heftigen Adrenalinschüben geschüttelt werden – zieht ihr Smartphone aus der Jackentasche: „Hättest du mir das vorher gesagt, wäre ich gerne mitgekommen, Babette“, sagt sie in einer Lautstärke, die das Mithören leichter als das Weghören macht. „Jetzt geht’s leider nicht“, beschwindelt sie die Anruferin, „weil ich gerade zum Shoppen am Kudamm bin.“

=ensa=

Da kriegt man sooo ’nen Hals!

Wer das in Neukölln zu hören bekommt, muss es nicht zwangsläufig mit jemandem zu tun haben, der gerade vor Wut brodelt. Es könnte auch ein Shopping-Tipp sein.