„Es kommt auf die Bedürfnisse an“

Karin Kramer im Mai 2013 in der Galerie bauchhund

Karin Kramer im Mai 2013 in der Galerie bauchhund

An eine Begegnung, die schon einige Jahre zurück liegt, kann ich mich noch gut erinnern: Ich bereitete damals eine Führung durch die Gewerbe- und Dienst- leister-Szene des Richardkiezes vor und sprach auch Karin Kramer an, die mit dem namensgleichen Verlag schon lange in diesem Neuköllner Kiez beheimatet ist. Sie empfing mich in ihrem kleinen Büro, das nach  Büchern  roch  und chaotisch aussah.

Die Idee der Gewerbetouren fand sie zwar toll, beteili- gen wollte sie sich daran mit dem Karin Kramer Verlag jedoch nicht. Großes Aufheben hat die Verlegerin nie um ihre Tätigkeit gemacht. Selbst viele Nachbarn aus der Niemetzstraße wissen deshalb vermutlich bis heu- te nicht, was im Ladenbüro des Altbaus mit der Haus- nummer 19 passiert.

Seit 44 Jahren gibt es den Karin Kramer Verlag nun- mehr, seitdem führten Karin und Bernd Kramer ihn zu- sammen. Mindestens acht Belletristik- und Sachbü- cher, in denen es vornehmlich um Anarchismus, Anar- chie und Utopien ging, gaben sie pro Jahr heraus. Auf solche Themen Weiterlesen

Durch Zeit und Raum: Entdeckungen an der Karl-Marx-Straße

Die Verlegerin Karin Kramer weiß es ganz genau: 1120 Gramm wiege das Buch, sagt sie über das Werk, das die Autorin Cornelia Hüge liebevoll „mein dickes Kind“ nennt. Offiziell heißt es „Die Karl-Marx-Straße – Facetten eines Lebens- und Arbeits- raums“; gestern wurde es in der Galerie im Saalbau vorgestellt.

Sammlern von Neukölln-Literatur dürfte der Titel bekannt vorkommen – zu Recht, denn er erschien bereits vor neun Jahren in einer ersten Auflage, die jedoch lange vergriffen ist. Anlass für die aktualisierte Neuauflage sind aber vor allem die Veränderungen, die die Karl-Marx-Straße in den letzten Jahren erfuhr. Eine davon, die Einsetzung des City-Managements [Aktion! Karl-Marx-Straße], das mit dem Ziel Hermannplatz um 1888 (aus: "Die Karl-Marx-Straße - Facetten eines Lebens- und Arbeitsraums")angetreten ist, die Magistrale Neuköllns „zu alter Blüte und Größe“ zu bringen, spielt auch bei der Finanzierung von Hüges Buch eine nicht unwesentliche Rolle. „Sie kommt über eine Verknüpfung der Abteilung Bau- wesen des Bezirksamts mit der [Aktion! Karl-Marx-Straße] zu- stande“, erklärte der Neuköllner Baustadtrat Thomas Blesing. Die inhaltliche Klammer liegt ebenfalls auf der Hand. „Das Buch“, so Horst Evertz vom City-Management-Träger BSG, „gibt wertvolle Hinweise auf die Qualitäten der Straße und ist als Leitfaden für ihre zukünftige gestalterische Entwicklung zu Karl-Marx-Platz/Hohenzollernplatz um 1902 (aus: "Die Karl-Marx-Straße - Facetten eines Lebens- und Arbeitsraums")sehen.“ Bereits im nächsten Jahr, kündigte Evertz an, starte ein Projekt mit Fokus auf der Fassadengestaltung.

Knapp 300 Seiten mit informa- tiven Texten und Abbildungen verschiedener Epochen, die den Wandel der Karl-Marx-Straße skizzieren, umfasst Cornelia Hü- ges „dickes Kind“. Die Kunsthistorikerin nimmt die Leser mit auf einen Spaziergang, der am Hermannplatz beginnt und direkt hinter dem S-Bahn-Ring am Neuköllner Tor endet, stellt Plätze und längst der Ver- gangenheit angehörende sowie aktuelle Geschäfte vor und  lenkt die Aufmerksamkeit Karl-Marx-Straße um 1960 (aus: "Die Karl-Marx-Straße - Facetten eines Lebens- und Arbeitsraums")auf Gebäude und das, was hinter den Fassaden war und ist. „Und das verändert sich oft schnell“, erinnert sich Cornelia Hüge an den Kampf mit dem Redaktionsschluss. „Aktuell“, sagt sie, „herrscht eindeutig wieder eine bessere Stimmung auf der Karl-Marx-Straße.“ Vor allem marXity, das neue Gebäu- de an der Stelle des alten Hertie-Hauses, werde von vielen Geschäftsleuten als Symbol des Neubeginns empfunden. Dafür, dass Altes nicht in Vergessenheit gerät, sorgt Hüges Buch.

„Die Karl-Marx-Straße – Facetten eines Lebens- und Arbeitsraums“ ist in Buchhandlungen sowie direkt beim Karin-Kramer-Verlag erhältlich und kostet 18 Euro.

=ensa=