Lebens- und Belichtungszeiten in einer neuen Neukölln-Fotoausstellung

neuköllner leuchtturm_raum für fotografie_neukoelln„Raum für Fotografie“ steht seit kurzem auf dem Schaufenster neben der Eingangstür zum Neu- köllner Leuchtturm. Und auch sonst hat sich einiges in der von Karen-Kristina Bloch-Thieß und Bernhard Thieß ins Leben gerufenen Kulturinstitution geän- dert, seit das Leuchtturmwärter-Paar im Mai 2013 in den Ruhestand gegangen ist. Der Schreibtisch, Sessel und Stühle wurden aus dem straßenseiti- gen Raum verbannt, statt eines neuen Leucht-turmwärters gibt es nun mit Leo de Munk einen Kurator. Und der hat vor allem ein Ziel: „Früher haben hier überwiegend Hobbykünstler ausgestellt, in Zukunft sollen es professionelle Fotokünstler sein und der Ort soll zu einer ernst zu nehmenden Galerie mit Platz für kommerzielle Fotografie werden.“ Am liebsten, sagt de Munk, hätte er die Neuorientierung durch die Aufgabe des Namens Neuköllner Leuchtturm noch deutlicher gemacht, doch dafür sei die Bürgerstiftung Neukölln als Betreiberin der Räumlichkeit nicht zu begeistern gewesen: „Deshalb nur der kleine Weiterlesen

Anfang und Ende im Neuköllner Leuchtturm

neuköllner leuchtturmNormalerweise ist eine Vernissage ein Grund zum Feiern: Die Einladungen sind verschickt. Was ge- zeigt werden soll, hat seinen Platz gefunden. Ge- holzobjekt_klaus freudenberg_neuköllntränke und Snacks stehen bereit. Die Gäste strömen zum Ort des Geschehens, erwartungsvoll von den Künstlern begrüßt. Das war vorgestern Abend bei der  Eröffnung der  „Wald – Holz – Märchen“-Aus-stellung im Neuköllner Leuchtturm nicht anders, und doch unterschied sich diese von allen, zu denen Karen-Kristina Bloch-Thieß und Bernhard Thieß bisher eingeladen hatten. Denn für sie läutet diese Vernissage nach fast sieben Jahren das Ende ihrer Zeit karen-kristina bloch-thieß+bernhard thieß_neuköllner leuchtturmals Leuchtturmwärter ein.

Begonnen hatte alles im Jahr 2006, als Neukölln und der Körnerkiez noch eher verrufen und abgerockt als angesagt wa- ren. Im Haus in der Emser Straße, das dem Ehepaar gehört, war neben der Geschäftsstelle der Bürgerstiftung Neu- kölln eine große Ladenwohnung frei ge- worden, für die heute die Interessenten Schlange stehen würden. „Natürlich“, sagt Karen-Kristina Bloch-Thieß, „hätten wir einfach die Jalousien runter lassen und auf bessere Zeiten hoffen können. Aber geschlossene Rollläden sind wie ein Krebs- geschwür.“ Stattdessen beschlossen die kreativen Neuköllner, den Laden selber zu nutzen, um aus ihm ein Creativ-Centrum zu machen: „Wie man karen-kristina bloch-thieß_neuköllner leuchtturmso etwas organisiert und führt, davon hatten wir keine Ahnung, doch wir entschieden, dass wir es mal drei Jahre lang ver- suchen wollen.“

Im Oktober 2006 luden sie in den frisch renovierten Räumen hinter der neuen maritimen Fassade zur ers- ten Vernissage ein: „Seestücke“ hieß die Ausstellung, die Aufnahmen zeigte, die der begeisterte Segler und Fotograf Bernhard Thieß während der Törns mit ihrem Katamaran gemacht hatte. Bereits im Vorjahr, beim NachtundNebel-Festival, hatte seine Frau begonnen, bloch-thieß märchenbilder_neuköllner leuchtturmöffentlich Ergebnisse ihres kreativen Schaf- märchen-bilder bloch-thieß_neuköllner leuchtturmfens zu präsentieren: phantasievolle Colla- gen,  Öl-auf-Leinwand-Impressionen und Por- traits sowie handge- märchenbilder bloch-thieß_neuköllner leuchtturmnähte Puppen.

Es hätte also eine Weile gedauert, bis dem Paar das Material für eigene Ausstellungen ausgegangen wäre.  Doch es ging ihm um mehr als das Zeigen der eigenen Produktivität: um das Nebeneinander von Amateur-Künstlern und renommierten Protagonisten der Kunst- und Kulturszene, um die Etablierung eines Ortes für die ganze Bandbreite des Kreativen. „Das Interesse von Künstlern, die bei uns ausstellen wollten, war von Anfang an ein Selbstläufer“, blickt Bernhard Thieß zurück. Malerei unterschiedlichster Stilrichtungen thieß+freudenberg_neuköllner leuchtturmund Techniken, Skulpturen aus ver- schiedensten Werkstoffen, Fotogra- fien, dazu eine regelmäßig stattfin- dende Kreativwerkstatt für Erwachse- ne, Ikebana-Kurse, philosophische Zirkel, Lesungen, Konzerte, und Lite- ratur-Gesprächskreise: Ohne jegliche öffentliche Förderung aber mit umso mehr Engagement verwirklichten sie ihre Idee in einem Kiez, der anfangs nur langsam aus dem künstlerisch- kulturellen Dornröschen-Schlaf erwachte, dann aber immer mehr an Fahrt aufnahm. „Und ein kleenet Körnchen haben wir zu dieser Veränderung beigetragen“, sagt Karen-Kristina Bloch-Thieß, woraufhin ihr Mann zustimmend nickt.

bertil wewer_neuköllner leuchtturmBertil Wewer (l.) tat das bei der Vernissage nicht. Von einem kleinen Körnchen könne kaum die Rede sein, widersprach das Vorstandsmitglied der Bürgerstiftung Neukölln: „Es war ein riesengroßer Fels, den ihr ins ulli lautenschläger_neuköllner leuchtturmRollen gebracht habt.“ Dem schloss sich auch Ulli Lautenschläger (r.) vom QM Körnerpark an. „Mit dem Leuchtturm, den Sie zu einer echten Institution entwickelt haben“, bescheinigte der Quartiersmanager, „haben Sie ein großes Zeichen für den Kiez gesetzt. Die Entwicklung des Kiezes ist damit auch Ihnen zu verdanken.“ Im holzobjekt klaus freudenberg_neuköllner leuchtturmSeptember wird die Bürgerstiftung den Leuchtturm als Hausherrin übernehmen – zu „sehr günstigen Konditionen“, wie Wewer betonte, und mit der Vision, ihn weiter zu einem Begegnungszentrum auszu- bauen. Der künstlerisch-kreative Schwerpunkt, kün- digte er an, werde auf Foto-Ausstellungen liegen, die offizielle Eröffnungsfeier sei für den 9. November geplant.

Dann werden auch Karen-Kristina Bloch-Thieß und Bernhard Thieß wieder dabei sein – als Gründungs-vernissage_neuköllner leuchtturmstifter, Vermieter und Gäste. Bevor es soweit ist und sie viel Zeit haben, sich ganz ihren Hobbys, der Familie und der Pflege von Freundschaften hingeben zu können, erfüllen sie sich aber noch einen Wunsch: Den, sich mit der gemeinsamen „Holz – Wald – Märchen“-Ausstellung als Leuchtturmwärter zu verabschieden. Der ehemals selbstständige Tischlermeister Bernhard Thieß hatte „schon seit Jahren Holz, Holz und immer wieder Holz fotografiert“, erzählt seine freudenberg+thieß_neuköllner leuchtturmFrau. Die wiederum hatte durch die vier Enkelkinder begonnen, sich mit den Märchen der Gebrüder Grimm zu beschäftigen. Zunächst als Vorleserin, dann auch als Malerin. Als einen mit einer ebenfalls stark ausgeprägten Affinität zum Werkstoff, den Bäume liefern, wollten sie den Holzbildhauer Klaus Freudenberg dazugewinnen – und auch das gelang.

Sieben märchenhafte Ölbilder von Karen-Kristina Bloch- Thieß zum Ansehen, dazu von der Malerin gelesene Grimm’sche Geschichten zum Anhören. Fünf Skulpturen von Klaus Freudenberg zum Bestaunen oder Berühren. Und ungezählte Aufnahmen von Bernhard Thieß, die Holz in allen Variationen, Formaten, fotokünstlerischen Perspektiven und Spielarten zeigen. Dazu im vorderen Galerieraum statt konventioneller Bilderrahmen die ausgemusterten Fenster einer ehemaligen  Neuköllner Tischlerei. All das lädt  zu einer  multiperspektivischen  Spu-

mirkaledo-quartett_neuköllner leuchtturm märchenerzählerin cornelia kurth_neuköllner leuchtturm

rensuche auf dem Holzweg ein, und auf die begaben sich bei der Vernissage nicht nur reichlich Gäste, sondern auch das Mirkaledo-Quartett und die Märchenerzählerin Cornelia Kurth.

Es fällt schwer, sich den Neuköllner Leuchtturm ohne die Thießens vorzustellen. „Wir bleiben ihm ja auch in gewisser Weise erhalten“, sagen die. Der Unterschied sei eben der, dass sie künftig dort sein können, aber nicht mehr regelmäßig – wie in den letzten Jahren – vor Ort sein müssen. „Jetzt soll das Kind alleine laufen“, finden sie.

Die Ausstellung „Holz – Wald – Märchen“ ist noch bis zum 28. Juni im Neuköllner Leuchtturm zu sehen; Öffnungszeiten: mittwochs bis freitags zwischen 14 und 19 Uhr sowie heute von 14 bis 17 Uhr.

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Ein Mann – ein Ort: Der Neuköllner Kazim Erdogan und sein Heimatdorf Gökçeharman

Kazim Erdogan war 20, als er sein im tiefsten Zentralanatolien gelegenes Heimat- dorf  Gökçeharman verließ und nach dreitägiger Busfahrt via Istanbul und München in Berlin am Bahnhof Zoo an- kam. Es war im Februar 1974. Gökçeharman hatte damals weder eine Schule noch Strom; die rund 360 Einwohner bestritten ihren Lebensunterhalt vorwie- gend durch Landwirtschaft und Viehzucht. Erdogans Vater gehörte zu den we- nigen, die eine Stelle als Bahnarbeiter bei der etwa 5 Kilometer entfernten Eisenbahnlinie gefunden hatten. Ein Glücksfall, der dem Jungen den Besuch eines Internats in Erzurum ermöglichte: Am Ende der Schul- ausbildung hatte Kazim Erdogan als erster Gökçeharmaner überhaupt das Abitur in der Tasche. Die Aufnahmeprüfung an der Universität von Ankara schaffte er problem- los, das Studium dort an- zutreten scheiterte an den finanziellen Möglichkeiten.

In Berlin Psychologie und Soziologie studieren und dann wieder zurück in die Heimat, um den Lands- leuten zu helfen, das war der Plan, mit dem der Sohn an-alphabetischer Eltern nach Deutschland gekommen war. 1979, als Kazim Erdogan sein Studium absolviert hatte, verhinderte die Regierungsbildung durch Nationalisten die Rückkehr in die Türkei. Später lernte er seine Frau kennen, bekam mit ihr zwei Töchter und schlug nicht nur familiäre, sondern auch berufliche Wurzeln in Berlin. Eine Erfolgsgeschichte, die seit 2003 insbesondere in Neukölln geschrieben wird.

Eine gänzlich andere Entwicklung nahm jedoch Erdogans Heimatort Gökçeharman,  das derzeit mit einer sehenswerten Ausstellung im Neuköllner Leuchtturm eine sehr persönliche Würdigung er- fährt. „Wir waren ja erst wirklich skeptisch, als Kazim uns fragte, ob er Fotos, die er vor 30 Jahren in seinem Dorf gemacht hat, bei uns ausstellen kann“, erinnert sich Karen-Kristina Bloch-Thieß, die – zu- sammen mit ihrem Mann – das Creativ-Centrum im Körnerkiez vor knapp sechs Jahren ein- richtete. Als sie dann die Bilder sahen, war nicht nur die Skepsis dahin, sondern auch die Gewissheit da, dass das Fotografieren ebenfalls zu Kazim Erdogans Talenten gehört.

Es sind fast 70 eindrucksvolle Fotos, die Gökçeharman und die Landschaft Zentralanatoliens porträtieren und von den Menschen erzählen, die dort in einfachsten Verhältnissen lebten. Etwa 80 Häuser standen damals in dem Dorf, das erst Mitte der 1970er Jahre zu einer Grundschule kam und zehn weitere Jahre auf die Anbindung ans Elektritizitätsnetz warten musste. Viele der Einwohner hatten Gökçeharman  seinerzeit  bereits ob  der unzumutbaren  Lebensbedingungen verlas-

sen und sich eine neue Existenz in türkischen Städten oder anderen Ländern und Kontinenten aufgebaut. Von der gesamten Ansiedlung sind heute nur noch zwei Häuser übrig.

Kazim Erdogan wird demnächst erneut in sein weitgehend verwaistes Heimatdorf aufbrechen. Mit einem Plan im Gepäck, den andere höchstwahrscheinlich nicht mal zu äußern wagen würden – aus Angst, für verrückt erklärt zu werden: Der 58-jährige Neuköllner will Gökçeharman wieder auf- bauen und zu neuem Le- ben erwecken, am ersten Haus werde schon ge- werkelt. Wer den umtriebi- gen Initiator der Sprach- woche Neukölln, von Ge- sprächsgruppen für türki- sche Männer und diversen anderen Projekten auch nur ein wenig kennt, ahnt, dass es mehr als eine fixe Idee ist, sondern dass er viel dafür tun wird, sie zu realisieren.

Die Fotoausstellung „Kazim Erdogan und sein Dorf Gökçeharman“ ist noch bis zum 28. Oktober im Creativ-Centrum Neuköllner Leuchtturm in der Emser Straße 117 zu sehen. Geöffnet ist von mittwochs bis freitags zwischen 14 und 19 Uhr.

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