Griechisches Leben in Neukölln

„Etwa 2000 Griechen leben aktuell in Neukölln“, schätzt Niki Reister vom Vorstand griechisches leben in neukölln, to spiti e.v.,interkulturelles  zentrum genezareth,apostolos mavrogiorgosdes Vereins To Spiti, der in diesem Jahr sein 30-jähriges Bestehen feiert und damit das älteste interkulturelle Zentrum Neuköllns ist.

Zum Geburtstag hat sich der Verein eine sehenswerte Ausstellung geschenkt: Sie heißt „Griechisches Leben in Neukölln“ und lädt ein, zehn Menschen mit griechischen Wurzeln kennen zu lernen, etwas über deren Lebenswege und Ansichten zu erfahren.

Dimitris Voulgarakis ist mit 36 Jahren der jüngste Portraitierte, Theophilos Spiropoulos mit 85 Jahren der älteste. Ersterer wurde in Neukölln geboren, wuchs gemeinsam mit seinem Bruder Markos im Bezirk auf und lebt heute in Charlottenburg: Griechenland sei die Heimat ihrer Eltern, sagen die Brüder. Ganz anders sieht die Migrationsgeschichte des Seniors der Ausstellung aus. Er kam in Mazedonien zur Welt und erst vor 37 Jahren mit seiner Frau Anastasia nach Neukölln. 1977 unternahmen sie einen Versuch, wieder in Griechenland Fuß zu fassen, kamen jedoch bald wieder nach griechisches leben in neukölln, to spiti e.v.,interkulturelles zentrum genezareth,theophilos spiropoulos,anastasia spiropoulouNeukölln, das sie als „zweite Heimat“ bezeichnen, zurück. Hier möchten sie auch irgendwann begraben werden – „neben den Freunden auf dem Fried- hof am Hermannplatz“.

So weit denkt Apostolos Mavro- giorgos (Foto oben) noch nicht, doch es gibt eine andere Parallele zur Biographie von Theophilos Spiro- poulos: Auch der heute 39-Jährige, der in Berlin geboren wurde, migrierte kurzfristig von Deutschland nach Griechenland. Nach dem Realschulabschluss stellte er bei der Suche nach griechisches leben in neukölln, to spiti e.v.,interkulturelles zentrum genezaretheinem Ausbildungsplatz als Kfz-Mechaniker bei deutschen Autowerkstätten fest, dass es schon ob des Namens Aner- kennungsprobleme gebe. Das gelte noch heu- te, sagt er. Die Lehre machte er schließlich bei den US-Streitkräften. Weil seine deutschen Zeugnisse und Zertifikate jedoch in Grie- chenland nicht akzeptiert wurden und er keine Arbeit fand, brach er das Experiment, in der Heimat der Eltern zu leben, ab und kehrte nach Neukölln zurück, wo er noch heute mit seiner Frau und den drei Kindern lebt.

Die bilinguale Ausstellung „Griechisches Leben in Neukölln“ ist noch bis zum 26. November im Interkulturellen Zentrum Genezareth zu sehen (Öffnungszeiten: Mo. 8 – 14 Uhr, Di. – Fr. 8 – 18 Uhr, Sa. 11 – 17 Uhr).

Am 19. November  um 17 Uhr findet dort ein Erzählcafé mit Portraitierten der Ausstellung statt; zur Finissage gibt es ab 18 Uhr einen Vortrag von Prof. Thomas Eppenstein zum Thema „Interkulturelle Heimatfindung“.

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Arsch Huh Reloaded?

Seinen Wochenmarkt-Besuch lässt sich Herr Bartel nicht nehmen. An jedem dritten Samstag holt Victor ihn ab, bei jedem Wetter. „Ohne Victor müsste ich darauf verzichten“, sagt der 84-Jährige, der seit drei Jahren in einem Neuköllner Pflegeheim lebt und einen Rollstuhl braucht, um vorwärts zu kommen. Victor ist ein Stück Vergangenheit, das den Sprung in die Gegenwart von Herrn Bartel geschafft hat.

Früher wohnten sie als Nachbarn nebeneinander, zunächst ohne näheren Kontakt miteinander zu haben. Victor, der Senegalese, war für den kürbisseWitwer anfangs nur „der Schwatte“, Herr Bartel für den ein verbitterter Alter mit freund- lichen blauen Augen. Im Som- mer 2006 während der Fußball- WM begann ihre zaghafte Annäherung. Später kam das gemeinsame Kreuzworträtseln dazu: „Ich hab dadurch viel Deutsch gelernt“, sagt der 42-Jährige. „Und ich“, fügt Herr Bartel zu, „konnte von seinem enormen Wissen profitieren.“ Ein Unding sei es, dass er das immer noch nicht an Schüler weitergeben dürfe, obwohl er ein ab- geschlossenes Lehrer-Studium in seiner Heimat absolviert hat und seine Deutsch-Kenntnisse inzwischen nahezu perfekt sind.

Als es stärker zu regnen beginnt, schiebt Victor Herrn Bartel unter das Dach eines Gemüsestands. „Zum Kotzen ist das“, echauffiert sich der alte Mann, „wie dieses Land mit euch Ausländern umgeht. Dass ihr euch das gefallen lasst …“ Denen, die gar keine Ausländer seien, gehe es doch auch nicht besser, bemerkt Victor: „Aber als Steuerzahler sind wir gut.“ Und um Tore für Deutschland zu schießen, schaltet sich der Gemüsehändler, dessen Vorfahren wie die von Mesut Özil aus der türkischen Provinz Zonguldak kamen, in das Gespräch ein. „Weshalb geht ihr nicht auf die Straße und demonstriert?“, fragt Herr Bartel die beiden Männer. Sie sehen sich an und scheinen die Idee alles andere als unsympathisch zu finden.

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Ramadan Karim!

Auch sonst sind sie nicht zu beneiden: Leute, deren Job es ist, ständig von leckeren arabische backwaren, ramadan, neuköllnDingen umgeben zu sein und diese an die Frau oder den Mann zu bringen.

Ab heute jedoch, mit dem Beginn des Fastenmonats Ramadan, muss der Alltag für gläubige Muslime, die hinter Bäckerei-Theken, an Obstständen oder in Dö- ner-Buden stehen, zu einer regelrechten Quälerei wer- den. Zumindest wird’s den meisten christlich oder atheistisch sozialisierten Mitteleuropäern schwerfallen, sich die Situation anders vorzustellen. Heißer Tipp für alle, die daran interessiert sind zu erfahren, wie „ihre“ Bäckerei-Frau oder „ihr“ Imbiss-Mann es erlebt, von Sonnenauf- gang bis Sonnenuntergang nichts essen und trinken zu dürfen: Einfach mal auf den interkulturellen Dialog setzen und fragen!

Aynur, die täglich in einer Neuköllner Bäckerei von Baklava, Butterringen, Gözleme und anderen Köstlichkeiten umgeben ist, meinte gestern – sichtlich angetan, danach gefragt zu werden: „In den ersten Tagen ist es ab mittags schon hart, aber dann ge- wöhnt man sich dran. Auch an den wenigen Schlaf.“ Während des Ramadan steht sie etwa eine Stunde vor Sonnenaufgang auf, um noch ordentlich frühstücken zu können; das Abendessen mit Familie und Freunden endet selten vor Mitternacht. „Dann“, sag- te die Mittzwanzigerin, „lassen wir’s richtig krachen.“

Wie die Autorin Hatice Akyün es mit dem Ramadan hält, verrät sie heute in einem erfrischenden, offenen Interview mit der Berliner Zeitung.

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