„Home Sweet Home“: Kinopremiere eines Neuköllner Heimatfilms

rollberg-kino neuköllnDie Anspannung ist Julia Seedler anzumerken, als sie vor dem glitzernden Vorhang des Saals 2 im Rollberg-Kino steht und das Publikum begrüßt. Kaum julia seedler_home sweet homegeschlafen hätten sie und ihre Kollegen Andreas Umpfenbach und Michael Bau- mann in der Nacht vor dieser Filmpremiere, sagt sie, blickt in die noch ziemlich lichten Reihen und kündigt an, dass man ein paar Minuten später anfangen werde, „weil einige Protagonis- ten vielleicht noch kommen“.

Seedlers Wahrscheinlichkeitsrechnung geht auf: Als das Licht im Saal erlischt und sich der Vorhang für den Film „Home Sweet Home“ öffnet, ist der Großteil der Kino- sessel okkupiert. „Die besten Plätze sind weg“, mault ein Mann aus dem großen Schwall derer, die das akade- mische Viertel komplett ausgereizt haben. Der dokumentarische Film, der nun beginnt, ist der öffentlich sichtbare Auftakt eines dreiteiligen Soziokulturprojekts zum Thema Heimat, das von Julia Seedler und ihrem Team in den vergangenen Monaten unter der Trägerschaft des Schillerpalais e. V. im Neuköllner Schillerkiez durchgeführt wurde. Eigentlich hätte der Film schon im Oktober gezeigt werden und die gesamte Veranstaltungsreihe Ende Dezember home sweet home-plakatabge- schlossen sein sollen. Das habe sich aber wegen der Finanzierung des mit Fördermitteln in fünfstelliger Höhe ausstaffierten Projekts ver- zögert. Zudem erwies sich die Suche nach Ver- einen und Initiativen, deren Mitglieder vor der Kamera Rede und Antwort stehen wollten, als schleppend. „Sechs Protagonisten kommen im Film vor, etwa doppelt so viele haben wir angesprochen“, berichtet Julia Seedler, die selber in den letzten drei Jahren im Kiez am Rande des Tempelhofer Felds gewohnt hat: „Kriterien waren, dass die Vereine in den Bereichen Jugendarbeit, Sozialbe- ratung, Eltern- oder Schularbeit aktiv sind, unterschiedliche Organisationsformen re- präsentieren und sich längere oder auch erst seit kürzerer Zeit im Kiez engagieren.“

Was bedeutet Heimat in einem sich wandelnden Kiez? Wie erleben Neuköllner ihren Bezirk? Wofür engagiert man sich und warum? 1_home sweet home_rollberg-kino neuköllnDas beantworten zunächst vier Mitglieder vom Quartiersrat des Schillerkiezes. Dass das Viertel sich verändert und neue Leute zuziehen, sei erstmal kein Problem, findet einer. Schwierigkeiten bereite es ihm höchstens, wie die Neuen sich verhalten und wie wenig sich viele für das neue Wohnumfeld samt der alteingesessenen Nach- barn interessieren. Von einem Engagement für den Kiez ganz zu schweigen. In diesem Punkt nähmen sich jedoch Alte und Neue nichts. Das Resultat sei, dass beispielsweise der Bewohneranteil innerhalb des Quartiersrats gänzlich unreprä- sentativ für die Bevölkerungsstruktur im Kiez ist. Das trifft auch auf die Initiative 2_home sweet home_rollberg-kino neuköllnKiezschule für alle zu, in der sich überwiegend Eltern ohne Migrationshintergrund zusammengeschlossen haben, um die schulischen Möglichkeiten für ihre Kinder im Kiez auszuloten und zu verbessern. Der offene Elterntreff Karlsgartenschule wurde hingegen von Migranten ins Leben gerufen, um Hilfestellung für zugewanderte Eltern zu leisten. Im Film kommen Vertreter beider Initiativen innerhalb einer Passage zu Wort . „Das war uns schon deshalb wichtig“, erklärt Seedler, „weil bei der gegen- wärtigen medialen Berichterstattung häufig untergeht, dass der überwiegende Teil der Menschen im 3_home sweet home_rollberg-kino neuköllnSchillerkiez migrantische Wurzeln hat.“ Bei den anderen drei Protagonisten des Films, dem Al-Huleh e. V., dem Schilleria Mädchentreff und der Taschengeldfirma steht dieser Aspekt im Mittel- punkt der Arbeit – sei es per Satzung verankert oder durch die Klientel bestimmt. Er habe drei Heimaten, sagt ein Mitglied des Al-Huleh e. V.: Palästina, wo die Eltern geboren wurden, er aber selber noch nie war. Den Libanon, wo er zur Welt kam, und Berlin, die Stadt, in der er seit Jahrzehnten lebt. Ein Mädchen, das häufig in der Schilleria anzutreffen ist, bringt den Mädchentreff zwar nicht mit dem Begriff 4_home sweet home_rollberg-kino neuköllnHeimat in Verbindung, ein zweites Zuhause, findet sie, sei er aber schon.

Knapp 30 Stunden Interview-Material sind im Rah- men des Projekts entstanden, rechnet Julia Seedler. Für den Film „Home Sweet Home“ wurden sie auf 55 Minuten zusammengeschnitten. Was an dem Streifen beeindruckt, ist die Intensität, die durch das Stilmittel, alle Gesprächspartner vor einer schwarzen Wand zu interviewen, erreicht wurde: „Wir wollten sie ganz bewusst aus ihrem Kontext heben und nicht die Vereinsräume als Kulisse nutzen.“ Eine Schwäche von „Home Sweet Home“ ist indes, dass die Konzentration auf die Themen Heimat und Engagement sowie den Kiezbezug streckenweise stark abflaut und so in eine örtliche und inhaltliche Beliebigkeit abrutscht. Das macht jedoch das wett, was die Interviewten zu sagen haben. Ob die interessanten Diskussions- impulse, die sie liefern, auch für Gesprächsveranstaltungen außerhalb der Projekt- laufzeit genutzt werden, stehe noch nicht fest, sagt Julia Seedler. Erwünscht sei es durchaus, dass dem entstandenen Werk zu mehr Nachhaltigkeit verholfen sind, und Ideen gebe es auch bereits.

Der Film „Home Sweet Home“ wird morgen um 19.30 Uhr nochmals im Schillerpalais vorgeführt, wo die Kurzfilme der einzelnen Protagonisten dann auch  bis zum 17. März  zu sehen sind.

Am 9. und 10. März führen die Protagonisten auf einem performativen Kiez- parcours zu verschiedenen Orten im Quartier.

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Gekommen um zu bleiben

Natürlich könnten sie es so machen, wie schon viele Neuköllner Eltern es gemacht haben: Stand die Einschulung des Kindes bevor, verließen sie Neukölln und zogen in weniger verrufene Bezirke mit angeseheneren Schulen, um die Weichen für einen optimalen Start in die Bildungskarrie- re des Nachwuchses zu stellen.

Doch die über 20 Eltern, die schon jetzt zur noch jungen Initiative „Kiez- schule für alle“ gehören, haben an- deres vor: Sie wollen in ihrer ver- trauten Umgebung bleiben und sich zum Wohle ihrer Kinder in eben der für ein besseres Grundschulangebot engagieren. „Ich wohne seit vielen Jahren hier im Kiez“, sagt eine Mutter, meint damit den Schillerkiez und spricht aus, was alle in der Runde denken: Ihre Tochter werde 2012 eingeschult. „Aber wir wollen deshalb weder umziehen, noch wollen wir uns und dem Kind die tägliche Fahrerei zu einer weiter entfernten Schule zumuten!“

Zwei staatliche Grundschulen gibt es im Viertel: die Karl-Weise-Schule, die einen gebundenen Ganztagsbetrieb garantiert, und die Karlsgarten-Grundschule, eine ver- lässliche Halbtagsschule. Bei ersterer habe sie bereits hospitiert und festgestellt, dass die Schule, deren Angebote und die Lehrer okay seien, erzählt die Mutter. Einen großen Nachteil habe sie jedoch auch erkennen müssen: „Da sind wirklich viele Kinder aus bildungsfernen Familien.“ Für ihre Tochter wünsche sie sich definitiv ein Lernen in einem besser durchmischten Umfeld. Ein Vater hört sich die Bedenken, Erfahrungen und Begehren, die die Elternteile in der kurzen Vorstellungsrunde offenbaren, aufmerksam an. Sein Sohn gehe seit einigen Wochen in die Karl-Weise-Schule, berichtet er und verrät schmunzelnd: „Dafür müssen wir uns nun vor der Familie und Freunden ständig rechtfertigen. Insofern hab ich einerseits ein Selbst- verteidigungsinteresse am Thema dieser Initiative, andererseits aber auch ein Anliegen: Schickt eure Kinder zur Weise-Schule!“

Das liegt auch im Interesse von Tanja van Hal, die als Lehrerin dort tätig ist. Eine bessere Durchmischung der Schüler- schaft sei auch seitens der Schule sehr erwünscht, bestätigt sie und erläutert den Anwesenden die Praxis des jahrgangs- übergreifenden Lernens (JÜL), den Ganz- tagsbetrieb, die jüngst an der Schule ein- geführte Begabtenförderung sowie einige der angebotenen Projekte. Ihre Kollegin Anja Kieffer betreut als Erzieherin im Tandem mit der Lehrerin die Klassen. „Ich bin wirklich glücklich über die Initiative und darüber, dass es immer mehr engagierte Eltern im Kiez gibt, die ihre Kinder hier zur Schule schicken wollen“, sagt sie.

Für die, denen das im nächsten Jahr bevorsteht, drängt die Zeit: In der letzten Oktober- und der ersten Novemberwoche muss die Entscheidung für die in 2006 Geborenen gefallen sein und die Anmeldung erfolgen. Auf  über ein halbes Dutzend Kinder der versammelten Eltern trifft das zu. Grundsätzlich sei sie von der Karlsgarten-Grundschule positiv überrascht gewesen, erzählt die Mutter eines Fünfjährigen und verweist auf das dort angesiedelte SINUS-Transfer-Projekt, das einen Schwerpunkt auf Mathematik und naturwissenschaftliche Fächer legt. Nur: „Vom Hort der Schule kann man wirklich nicht begeistert sein.“ Andere stimmen dem Eindruck zu, das Schlagwort „Kinderaufbewahrung“ fällt. Susann Worschech, eine der Urheberinnen der Initiative „Kiezschule für alle“, denkt laut über die Möglichkeit einer Schülerladen-Gründung als Hort-Alternative nach. Doch den auf die Schnelle aus dem Boden stampfen zu wollen, wäre unrealistisch – und den Eltern geht es eindeutig ums Machbare.

Welche Wünsche haben wir an eine Schule? Was sind Ängste und was begründete Bedenken bei der Auswahl der Schule? Wie ist es um die Kooperationsbereitschaft der Schulen bestellt? Wie würden sie beispielsweise auf die Forderung reagieren, eine größere Gruppe von Kindern der Initiative geschlossen in einem Klassen- verband zu beschulen? Das sind die Fragen, die akut zu klären sind, finden sie.

Die Initiative „Kiezschule für alle“ trifft sich am 31. Oktober um 20.30 Uhr wieder; der Ort steht noch nicht fest, kann aber per E-Mail an kiezschule-fuer-alle[ätt]gmx.de erfragt werden. Weitere engagierte Eltern sind herzlich willkommen.

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