Wider das Vergessen: Heute beginnt das Berliner Themenjahr „Zerstörte Vielfalt“

80 Jahre ist es heute her, dass die Nazis für mehr als eine Dekade die Macht in Deutschland übernahmen. Knapp sechs Jahre später, am 9. November 2013_LOGO_300X_www1938, schlug der Antisemitismus des Regimes in staatlich organisierte Gewalt um. Diese Eckdaten, der  80. Jahrestag der Machtergreifung der National-sozialisten und der 75. Jahrestag der Novemberpogrome, sind Anlass für das Berliner Themenjahr 2013. Unter dem Motto „Zerstörte Vielfalt“  wird ab heute stadtweit mit  über 500 Veranstaltungen insbesondere an Menschen erinnert, die zur Vielfalt Berlins beigetragen hatten und nach 1933 bedroht, verfolgt, deportiert und ermordet wurden.

gedenkstätte, ausstellung, ns-zwangsarbeiterlager friedhof hermannstraße, neuköllnAuch in Neukölln bereitet man sich auf die Teilnahme am Berliner Themenjahr 2013 vor: „Verschleppt. Ge- treten. Beschimpft. Bedroht“ steht als Titel über der Führung, die am 14. April um 14 Uhr von der Evan- gelischen Kirche Berlin-Brandenburg angeboten wird und über NS-Zwangsarbeiter im kirchlichen Lager auf dem Neuköllner St. Thomas-Friedhof informiert.

„Ende einer Idylle? – Hufeisen- und Krugpfuhlsiedlung in Britz vor und nach 1933“ heißt eine Ausstellung, die hufeisensiedlung britz, unesco welterbe, neukölln, hüsungdas Museum Neukölln ab 16. Mai zeigt. Zur Einstimmung hat das Museum in seinem Blog den Themenschwerpunkt „50 Türen in die NS-Zeit“ gesetzt und schildert in ihm Schicksale von Britzern street view neukölln, lilienthalstraße, neukölln, friedhof lilienthalstraßeim Nationalsozialismus.

Schon seit einem Vierteljahr und noch bis zum 30. April ist in der Feierhalle des ehemaligen Militärfriedhofs in Neukölln immer dienstags bis sonntags (10 – 17 Uhr) die Wanderausstellung „Die polnische Minderheit im KZ“ zu sehen, bei der es um Mitglieder polnischer Verbände im Deutschen Reich in den Konzentrations- lagern Sachsenhausen und Ravensbrück geht.

Des Themas „Die politischen Häftlinge des Konzen- trationslagers Columbia-Haus 1933 – 1936“ nimmt denkmal columbia-haus_columbiadamm neuköllnsich die GDW – Gedenk- stätte Deutscher Wider- stand ab 19. Juli an. Heute erinnert nur ein Denkmal am Columbiadamm, wenige Schritte von der Neuköll- ner Bezirksgrenze entfernt, an das KZ, dem eine besondere Bedeutung unter den Berliner Konzentra- tionslagern beigemessen wird. „Es ist das einzige Lager“, so GDW-Leiter Prof. Dr. Johannes Tuchel, „das von Beginn an unter Aufsicht der SS steht und zum Ausbildungszentrum für viele spätere KZ-Komman- danten wird.“ Im November 1936 wurde das Lager geschlossen, 1938 das Gebäude abgerissen. In der Ausstellung stehen die Häftlinge im Vordergrund. Ihr Alltag wird durch ausgewählte Biographien veranschaulicht und so ein individueller Zugang zu den Schicksalen der Menschen sowie den Haftbedingungen, denen sie ausgesetzt waren, infotafeln zur geschichte des tempelhofer felds, zwangsarbeiterlager, berliner forum für geschichte und gegenwartermöglicht.

Auf dem Tempelhofer Feld wird anlässlich des The- menjahrs „Zerstörte Vielfalt“ ein Open-Air-Geschichts- pfad zur NS-Historie des Flughafengeländes angelegt: Dazu werden zunächst  im Frühjahr zu den drei bereits bestehenden Infotafeln zehn weitere installiert. Insge- samt soll der vom Berliner Forum für Geschichte und Gegenwart (BFGG) e. V. erarbeitete Infopfad einmal 27 Tafeln umfassen und so den Beschluss des Berliner Abgeordnetenhauses umsetzen, am Columbiadamm einen Gedenk- und Informationsort einzurichten.

stolpersteine für berlin 8.10.2011, gunter demnigIn das Internetportal des Themenjahres, das über alle „Zerstörte Viel- falt“-Veranstaltungen informiert, wurde auch der Datenpool des Projektes „Stolpersteine“ einge- bunden, der nun mittels einer interaktiven Stadtkarte die über 1.500 Stolpersteine in Berlin darstellt. Seit Oktober letzten Jahres liegen 123 davon vor Häu- sern in Neukölln.

=ensa=

Spurensuche auf dem Tempelhofer Feld

Wer das Tempelhofer Feld besucht, wird in der Nähe des Eingangs Columbiadamm neue Aktivitäten bemerken, bei deren Auftakt sogar schwere Baumaschinen zum archäologische ausgrabungen tempelhofer feld berlinEinsatz kamen. Was geschieht dort? An den Bauzäunen vor Ort wie auch auf der Homepage der Tempelhofer Freiheit erfährt man: Archäologische Ausgrabungen gestartet. Wer dazu von kompetenter Seite mehr erfahren will, finde sich freitags um 13 Uhr am Infopunkt Columbiadamm zu einer Gra- bungsführung ein. Ich habe es vorgestern, also am Tag mit dem geschichts- trächtigen Datum 20. Juli, gemacht. Die junge Frau, die sich zwischen Schokoriegeln und Eis am Stiel in der roten Info-Tonne aufhielt, wusste zwar nichts von den Führungen, aber da der Ort des Geschehens in Sichtweite liegt, war Prof. Dr. archäologische ausgrabungen tempelhofer feld berlin, prof. dr. reinhard bernbeckReinhard Bernbeck schnell gefunden.

Dass der Archäologe von der FU Berlin ein Sweatshirt mit dem Schriftzug „Columbia“  trug, war vielleicht gewollt. Gleichermaßen anschaulich wie sehr sensibel in seiner Wortwahl erläuterte er das Vorhaben dieser sogenannten Rettungsgrabung, die sich im nördli- chen Bereich des „Lilienthal-Lagers“ befindet. Zu (lageplan) archäologische ausgrabungen tempelhofer feld berlin, zwangsarbeiterlager, garnisonsfriedhofverdanken seien die Grabungen zum jet- zigen Zeitpunkt der Absicht, die IGA 2017 aufs Tempelhofer Feld zu holen. Dass daraus nun nichts wird, schmälere die Aktivitäten der Archäo- logen nicht. „Lediglich der Zeitdruck entfällt“, sagt Bernbeck.

Was soll denn nun aber „gerettet“ werden? Oder: Was ist überhaupt von archäologischem Inte- resse? Das sind in erster Linie Zeugnisse aus Zeiten, in denen sich an diesem Platze die Zwangsarbeiterlager der Lufthansa und der „Weser“ Flugzeugbau GmbH befanden. Letztere stellte hier von 1941 bis 1944 fast 2.000 JU87-Sturzkampfbomber her. Die jetzt dort tätigen Grabungsarbeiter, -techniker und Studenten stoßen aber auch auf Spuren ehemaliger Grabstellen, denn hier (lageplan) archäologische ausgrabungen tempelhofer feld berlin, zwangsarbeiterlager, garnisonsfriedhofbefand sich seit 1929 die erweiterte Fläche des Garnisonsfriedhofs – einem Friedhof, dessen Planungen ge- schweige denn die Ausführungen dazu jemals abgeschlossen worden sind. Auf dem Bild, das den Zustand vor dem Um- bau 1929 zeigt, ist die Friedhofserweite- rung eingezeichnet. Bereits acht Jahre später wurde die Fläche auf die heutigen Abmessungen reduziert und es wurden die notwendigen Umbettungen vorgenommen. archäologische ausgrabungen tempelhofer feld berlinNatürlich ging Prof. Bernbeck auch auf die Zeit des alten Flughafens – oder wie er sagte: des „Alten Hafens“ – ein. Entsprechendes Bildmaterial hatte er dazu bei der Hand.

Wie geht nun eine solche Grabung vonstatten? Nachdem die sogenannte Pflugschicht abgetragen ist, d. h. die Ausgrabungsfläche archäologische ausgrabungen tempelhofer feld berlin, zwangsarbeiterlager, garnisonsfriedhofmit Radladern vom Oberboden befreit wurde, beginnt die eigentliche Arbeit der Fachleute. Nun wird mit Spachtel und Pinsel gearbeitet  und  jeder Befund archäologische ausgrabungen tempelhofer feld berlin, zwangsarbeiterlager, garnisonsfriedhof(hier ein Barackenfun- damentstreifen) und je- des noch so kleine archäologische ausgrabungen tempelhofer feld berlin, zwangsarbeiterlager, garnisonsfriedhofFundstück dokumen- tiert. Die Fundstellen werden nummeriert und der Fundort gekennzeichnet  und anschließend fotografiert, in Aufsicht gezeichnet und eingemessen. archäologische ausgrabungen tempelhofer feld berlin, zwangsarbeiterlager, garnisonsfriedhofDaraus entstehen spä- ter die Grabungs- und Detailpläne. Vor allem bei unbeständigem Wetter müssen die Arbeiten recht zügig gehen, wie die Forscher bereits mehrfach erfahren mussten, denn Regengüsse vernichten gerade sichtbar gewordene Farbunterschiede im archäologische ausgrabungen tempelhofer feld berlin, zwangsarbeiterlager, garnisonsfriedhofErdreich sofort wieder.

Die  Fundstücke sind auf den ersten Blick nicht sonderlich spektakulär. Damit, auf das Tage- buch eines Zwangsarbeiters zu stoßen, rechnet hier niemand. Doch auch Kleinigkeiten wie der Bügelverschluss einer Bierflasche oder die Scherben eines Porzellangeschirrs, eines Kachelofens oder einer Industriekeramik geben den Archäologen wichtige Anhaltspunkte: Danach beginnt die zeitliche Zuordnung und z. B. die Recherche, welche Brauerei den Verschluss wann verwendet archäologische ausgrabungen tempelhofer feld berlin, zwangsarbeiterlager, garnisonsfriedhofhat. „Ein verbogener, rostiger Nagel kann bespielsweise sehr gut Auf- schluss über die Dicke einer Bret- terwand geben“, erklärt Reinhard Bernbeck. Einige seiner Schätze hat er mitgebracht und zeigt sie. Dann ist die Expedition ins dunkle Kapitel der Geschichte des Tempelhofer Feldes für uns vorbei, für die Wissenschaftler geht sie weiter.

=kiezkieker=

An die Tafeln!

Der Anfang ist gemacht: Letzten Mittwoch enthüllten Michael Müller, Berlins Senator für Stadtentwicklung, und der Staatssekretär für Kulturelle Angelegenheiten, André Schmitz, die  ersten drei Infotafeln zur Geschichte des Tempelhofer Felds. Eine klärt infotafeln zur geschichte des tempelhofer felds, zwangsarbeiterlager, berliner forum für geschichte und gegenwartüber das ehemalige Zwangsarbeiterlager auf dem Gelände auf, die beiden anderen über das KZ Columbia-Haus. „Am Ende werden es  etwa 20 Tafeln sein, die  an geschichtsträchtigen Stellen Einblicke in die Historie geben“, kündigt Daniela Augenstein von der Pressestelle der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung an. Da- bei solle ein  zeitlicher Bogen von der Rodung des Feldes bis zur zivilen Luftfahrt  im geteilten Berlin gespannt und der Zeit zwischen 1933 und 1945 besondere Aufmerksamkeit gewid- met werden.

Aber nicht nur deshalb traf man die Ent- scheidung, mit den ersten Stationen Themen der NS-Vergangenheit aufzugreifen. Ein weite- rer Grund war, dass  vom KZ Columbia-Haus wie auch vom Zwangsarbeiterlager oberirdisch längst nichts mehr zu sehen  ist.  Folglich müsse, so Michael Müller, das Leiden vieler KZ-Häftlinge und Zwangs- arbeiter an diesem Ort erst wieder in Erinnerung gerufen werden. „Die Informations- tafeln“, hofft der Senator, „werden dazu beitragen.“ Andererseits steckt auch die Forschung über das Zwangsarbeiterlager auf dem Tempelhofer Feld noch in einem Stadium, das  Fragen nach den Ausmaßen des Lagerkomplexes offen  lässt. radarturm flughafen berlin-tempelhofBodenspuren, hält die Infotafel nahe dem TIB- Softball-Feld fest, würden „erst demnächst ge- nauer untersucht“  werden.

Weitgehend erforscht ist hingegen die Ge- schichte des  Konzentrationslagers Columbia- Haus. 1896 erbaut, diente es knapp 30 Jahre als Gefängnis. In den frühen Jahren der national- sozialistischen Herrschaft, ist den Edelstahltafeln vor dem Hangar 2 des Flughafengebäudes zu entnehmen, war das Columbia-Haus eine der schlimmsten Folterstätten und das einzige offizielle KZ der SS auf Berliner Stadtgebiet. Insgesamt  seien im Columbia-Haus mindestens 8.000 Männer ein- gesperrt gewesen. Im infotafeln zur geschichte des tempelhofer felds, columbia-haus, berliner forum für geschichte und gegenwartNovember 1936 wurde das KZ Columbia-Haus schließlich aufgelöst, im Zuge des Flughafenneubaus erfolgte zwei Jah- re später der Abriss.

Das Tempelhofer Feld sei  Brenn- punkt Berliner und Deutscher Zeit- geschichte, sagte Staatssekretär An- dré Schmitz anlässlich der Enthüllung der ersten drei Infotafeln und erin- nerte: „Bevor es mit der Luftbrücke zum Symbol der Freiheit wurde, war es  lange Jahre ein Ort der Unterdrückung, und der Unfreiheit. Wir werden unserer widersprüchlichen Geschichte im 20. Jahrhundert nur dann gerecht, wenn wir sie in ihrer Gesamtheit in den Blick nehmen, gewichten und bewerten.“

Wann und wo die nächsten der deutsch-englischen Text-Bild-Tafeln aufgestellt werden, die inhaltlich vom Berliner Forum für Geschichte und Gegenwart (BFGG) in enger Kooperation mit Historikern erarbeitet wurden, lässt sich laut Daniela Au- genstein momentan noch nicht sagen. Sicher sei jedoch, dass der Gedenkpfad zur Geschichte des Tempelhofer Felds peu à peu wachsen werde.

=ensa=