Neuer Fall für Hauptkommissar Magnus in Neukölln

Ein Zelt aus farbenfrohen wallenden Stoffbah- nen, über dessen Eingang ein grinsendes Gesicht hängt. Eine HiFi-Anlage samt Laut- sprecherboxen auf zwei zusammengeschobe- nen Tischen. Kahle Panoramafenster, durch die das trübe Licht des Spätnachmittags fällt. Stuhlreihen für die Zuhörer. Es war wahrlich kein stimmungsvolles Ambiente, das Dirk Josczok in der Neuköllner Stadtbibliothek bei der Vorführung seines  Hörspiel-Krimis dirk josczok, stadtbibliothek neukölln„Heldentod“  um- gab. Auch im Publikum herrschten leise oder auch lauter ausgesprochene Zweifel, ob in einer solchen Atmosphäre Span- nung aufkommen und die Zuhörer er- greifen kann.

Das Gerumpel einer U-Bahn, ein schrei- endes Baby, die auf Beruhigung bedachte Stimme einer Mutter, das Gepöbel zweier Jungmänner: In gewöhnungsbedürftiger Lautstärke dröhnt die Kakophonie des Berliner Untergrunds durch den Raum. Als die U7 in die Station Grenzallee eingefahren ist, Mutter, Kind, ein zivilcouragierter Passant sowie die Pöbler die U-Bahn verlassen haben und Ingo Struck, einer der beiden jungen Männer, tot und mit zertrümmertem Kehlkopf auf dem Bahnsteig  liegt, ist das bunte Zelt vergessen.

Hauptkommissar Kurt Magnus und sein Team nehmen die Ermittlungen auf. Wes- halb hat sich der Fahrgast, der Yana Bischof und ihr Baby erst vor den Beläs- tigungen der beiden Männer schützte und schließ- lich im Streit tödlich verletzte, klammheimlich vom Tatort verdrückt? Wer ist er? Bischofs Beschrei- bung des Helfers bringt die Beamten kein biss- chen weiter, denn die ist – aus Dankbarkeit und um den Mann vor Schwierigkeiten zu bewahren – sehr bruchstückhaft. Auch dass sie sein bei der Rangelei verlorenes Handy eingesteckt hat, verheimlicht die Frau. Nicht ahnend, in welche Gefahr sie sich selber begibt, trifft sich Yana Bischof mit ihrem Retter, um ihm sein Telefon zurück zu geben, in einer Eisdiele in den Neukölln Arcaden. Dass der Mann mit der auffälligen Narbe bei der Polizei kein Unbekannter ist, weiß sie nicht. Das ergaben zwei am Tatort gesicherte Fin- gerabdrücke, die mit dem noch unaufgeklärten Mord an Gudrun Vollberg übereinstimmten. Der fesseln- de Plot mit Neuköllner Lokalkolorit steuert unauf- haltsam auf einen  dramatischen Schlusspunkt  zu.

Die Anspannung der Zuhörer löst sich langsam, als Dirk Josczok vor die Stuhlreihen tritt und anbietet, Fragen zu beantworten. Wann er das Stück ge- schrieben habe, will eine Frau wissen. Die Eisdiele Tiziano sei doch schon lange nicht mehr in der 1. Etage der Neukölln Arcaden. 2009 habe er mit „Heldentod“ angefangen, erklärt der Autor und schildert seine Ar- beitsweise: „Die macht immer viel Arbeit für die Regie, weil ich vom Film komme und deshalb oft heftige optische Sequenzen in meinen Hörspielen unterbringe, die dann umgesetzt werden müssen.“ In die Handlung fließe indes oft ein, was er selber schon miterlebt habe. Die U-Bahn-Szene in „Heldentod“ gebe eigene Eindrücke aus Fahrten mit der U7 wieder, verrät der Kreuzberger. „Haue“, sagt er, „hab ich aber nicht während einer U-Bahn-Fahrt durch Neukölln bekommen, sondern im Wedding.“

Dirk Josczoks zweiter Hörspielkrimi um Hauptkommissar Kurt Magnus ist auch wieder in Neukölln angesiedelt, heißt „Zahltag“ und wird am 10. De- zember ab 21.33 Uhr bei Deutschlandradio Kultur gesendet.

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