Eine „gute Geste zur Bewahrung des Berliner Erbes tschechischer Kultur“: Liberda auf dem Böhmischen Gottesacker in Neukölln wiederbeigesetzt

Auf einer Audienz bei König Friedrich Wilhelm I. konnte Johann Liberda im August 1732 die Ansiedlung böhmischer Exulanten in Berlin bewirken. Zu Liberdas 275. Todestag, dem 9. August 2017, wurden seine sterblichen Überreste von Nachfahren der Glaubensflüchtlinge – im Anschluss an eine feierliche Gedenkveranstaltung – auf dem Böhmischen Gottes-acker wiederbeigesetzt. Liberdas Gebeine waren im April 1994 im Zuge archäologischer Grabungsarbeiten unter dem Altar der böhmisch-lutherischen Kirche in Berlin – Mitte gefunden worden. Nach einer Weiterlesen

25-jähriges Bestehen eines Neuköllner Kleinods

„Das Gespräch ist die Basis des Friedens“, begrüßte Bezirksbürgermeisterin Dr. Franziska Giffey gestern Mittag mit einem Zitat des Universalgelehrten Johann Amos Comenius die zahl-reich erschienenen Gäste im Rixdorfer Comenius-Garten. In Neukölln sind unter den gut 350.000 Einwohnern über 80 Religionsgemeinschaften und mehr als 150 Nationalitäten vertreten. An diesem Tag, an dem sich der Geburtstag des tschechischen Theologen, Philosophen und Pädagogen zum 425. Mal jährte und zugleich der nach ihm benannte Garten in Nord-Neukölln sein 25-jähriges Bestehen Weiterlesen

Unterwegs mit Kamera und Mikrofon: Kinder aus Neukölln erkundeten ihren Kiez

daz-fotoworkshop_neuköllnHenning Vierck aus dem Comenius-Garten, ein freundlich lächelnder, weiß- haariger Mann mit Leiter und Weidenkorb im Arm, hält einen grünen Apfel vor das Kamera-Objektiv. Detailaufnahmen von einem der letzten öffentlichen Fernspre- cher, der in der Karl-Marx-Straße unweit der Uthmannstraße noch in Neukölln ver- blieben ist. Kinder, die mit Mikrofon, Kopfhörer und Aufnahmegerät ausgestat- tet sind, interviewen Menschen im Handy- Shop, beim Fleischer und anderswo im Kiez. Das sind einige der Motive, die wäh- rend eines einwöchigen Jugend-Foto-Workshops entstanden, den Weiterlesen

Für ’s Leben lernen

Dass die Besucher des Comenius-Gartens etwas lernen, ist ein zentrales Anliegen von Henning Vierck. In der von ihm initiierten grünen Oase Neuköllns gibt es massig Anschauungsmaterial, um mehr über Flora und  Fauna, Philosophisches, das Leben

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an sich und den Respekt vor Mitmensch und Natur zu erfahren. Eine erste Lektion zur Wissenserweiterung gibt es aber schon am Zaun des Gartens: Weiterlesen

Wurzeln hier und dort

Die Idee, der Chronik „Čermná v proměnách staletí“ deutschsprachig zu entsprechen, hatte der Freunde Neuköllns cermna-chronik tschechische. V. bereits 2004, als das Buch anlässlich der 700-Jahr-Feier des Ortes in Tsche- chien editiert wurde. Neu belebt wurde der Gedanke buchcover_cermna-chronik_freunde neuköllns e.vallerdings erst jetzt im Ge- denkjahr der Auswanderung der Böhmen vor 275 Jahren aus dieser Gegend wieder. Und so wurde nunmehr das Original vom Verein übersetzt, bearbeitet und mit dem Titel „700 Jahre Čermná – Ge- schichte eines ostböhmischen Dorfes“ herausgegeben. Letzten Freitag stellten Manfred Herrmann, Dieter Herr- mann und Christian Kölling als Vertreter des Freunde Neuköllns e. V. die deutsche Ausgabe des Buches bei einer Pressekonferenz im Comenius-Garten vor.

(v. l.: Veronika Patočková, Vladimír Hejl, Alena Vojtková, Lenka Ptáčková und Manfred Herrmann)

(v. l.: Veronika Patočková, Vladimír Hejl, Alena Vojtková, Lenka Ptáčková und Manfred Herrmann)

Manfred Herrmann vom Vereinsvor- stand moderierte die Buchpräsen- tation und machte zunächst die Gäste aus Čermná bekannt: Vero- nika Patočková, eine der drei Über- setzerinnen des Buches, die die Veranstaltung auch dolmetschte, Vladimír Hejl, den Kurator der Ge- meinde der Evangelischen Kirche in Horni Čermná, Alena Vojtková, die amtierende Stadträtin und ehe- malige Bürgermeisterin des Ortes, sowie  Lenka Ptáčková, einer Lehrerin der Elementarschule Základní škola. „Im Ver- gleich mit der tschechischen Ausgabe ist das deutsche Werk zum Einen leicht gekürzt, andererseits aber auch durch Erläuterungen ergänzt worden“, berichtet Manfred Herrmann, der die Redaktion des Buches vorgenommen hatte. Schließlich könne nicht bei allen Lesern vorausgesetzt werden, dass ihnen Namen wie Reinhard Heydrich oder Tomáš Masaryk geläufig sind.

Anhand von projizierten Bildern, von denen die Mehrzahl im Buch enthalten ist, beleuchtet Herrmann einige Details, und so ist zu erfahren, dass Čermná 1936 geteilt wurde in Horni (Ober-) und Dolní (Unter-) Čermná, damals auch „Böhmisch Rothwasser“ genannt. Grund für die Teilung waren die seit vielen Jahrzehnten gepflegten Querelen, z. B. um die Lage von kommunalen Einrichtungen wie Schule, Feuerwehrhaus und anderen. Dazu muss man wissen, dass sich der Ort über sieben Kilometer hinzog, sodass die für die Bürger zurückzulegenden Wege in damaliger Zeit schon eine gewichtige Rolle spielten. Ein weiterer Dissenspunkt ergab sich daraus, dass die Bewohner des unteren Teils überwiegend römisch-katholisch und die im oberen protestantisch waren. Dass die Rivalität auch heute noch vorhanden ist, macht er daran fest, dass für Dolní Čermná eine eigene Chronik Buchpräsentation 700 Jahre Cermna+Vladimir Hejl+Alena Vojtkováherausgebracht worden ist.

In Horní Čermná gibt es zwei Kirchen, die Evangelische Kirche und die Wallfahrts- kirche auf dem Berg Mariánská Hora. Ein Antrag auf den Bau eines evangelischen Bethauses wurde bereits im Jahre 1785 an die Herrscher gestellt. Es sollte an einer geeigneten Stelle gebaut werden, die der katholischen Gemeinde nicht im Weg stehen und weit genug von der katholischen Kirche entfernt sein sollte. Der Eingang durfte nicht in Richtung des Hauptwegs zeigen, und es durfte keinen Turm und keine Glocke haben. Mit dem Bau wurde im Jahre 1787 begonnen. Das Kirchengebäude war sehr bescheiden. Es stand nicht an der Stelle der heutigen Buchpräsentation 700 Jahre Cermna+Bildvortrag+ev. KircheKirche, sondern einige Meter weiter in Richtung Feld.

Schon bald war es allerdings sowohl hinsichtlich der Räumlichkeiten als auch hinsichtlich des baulichen Zustands nicht mehr geeignet, so dass im Jahre 1836 der Grundstein für die neue Steinkirche gelegt wurde. Im Jahre 1839 wurde diese vollendet. Erst im Jahre 1884 erlaubte man, die Kirche um einen 23 Meter hohen Turm mit goldener Kuppel und Stern zu ergänzen.

Zur Wallfahrtskirche wird erzählt, dass der Fuhr- mann A. Keprta im Jahre 1814 eine Ladung von Mühl- steinen durch diese Gegend transportierte. Auf der holprigen Straße überschlug sich der Wagen und der Fuhrmann blieb unter dem Wagen eingeklemmt. Als er die Jungfrau Maria um Hilfe bat, erschien eine strahlende Dame, die ihm half. Im Jahre Buchpräsentation 700 Jahre Cermna+Bildvortrag+Rychta Kirche1864 wurden hier eine Kapelle und im Jahre 1875 die heutige Kirche gebaut, in deren Inneren die Kapelle erhalten blieb.

Auf dem historischen Foto ist neben der Kirche links das Haus „Rychta“ zu sehen. Ob es im Deutschen mit Bürgermeister-, Schultheißen- oder Richteramt wiederge- geben werden sollte, ist nicht eindeutig, gewiss ist, dass die dort tätigen Amtsträger nicht gewählt, sondern von der Herr- Buchpräsentation 700 Jahre Cermna+Henning Vierck+Manfred Herrmannschaft eingesetzt wurden.

Neben der zeitweilig vorhandenen Textilindustrie und der Ziegelei ist es Manfred Herrmann (r., mit Henning Vierck, dem Leiter des Comenius-Gar- tens) wichtig, auf die Sokol-Turnhalle hinzuweisen. Sie sei Symbol für eine Turnbewegung, ähnlich der Buchpräsentation 700 Jahre Cermna+Bildvortrag+Sokol-Turnhalleum Ludwig Jahn, die neben der Körperer- tüchtigung auch den nationalen Impetus beinhaltete. Aus den Mitgliedern, erklärt Herrmann, hätten sich dann auch Soldaten rekrutiert, die – obwohl sie der österreichischen Wehrpflicht unterlagen – auf Seiten der Russen oder Franzosen gegen die Österreicher kämpften, um einen Buchpräsentation 700 Jahre Cermna+Bildvortrag+Grenze Protektorat Sudetengebietunabhängigen Staat Czechoslowakei zu erlangen.

Ein besonderes Kuriosum aus der Besatzungszeit wird auf einem weite- ren Bild deutlich: Mitten durch Čerm- ná ging die Grenze zwischen Reichs- gebiet und Protektorat. Das histori- sche Foto zeige die Kontrollstelle inmitten des Ortes, erläutert Herr- Ortswappen Horni Cermnamann. Auch auf das Wappen von Horní Čermná geht er ein. Das Buch stehe für Bildung und die Linde sei das Symbol für Böhmen. Dass der Baum mit Wurzel dargestellt ist, solle die Entwurzelung der Emigrierten verdeutlichen. Diese wanderten übrigens nicht nur nach Sachsen und Preußen, sondern viele von ihnen nach Texas aus, und das nicht nur aus religiösen sondern später über- wiegend aus wirtschaftlichen Gründen.

Als Stadträtin und Ex-Bürgermeisterin Alena Vojtková um ein Statement gebeten wird, betont sie – wie Veronika Patočková (r.) übersetzt – die gute Zusammenarbeit mit den Buchpräsentation 700 Jahre Cermna+Veronika PatockováNeuköllnern, die enge Verbundenheit und dass das Buch weitere Gemeinsamkeiten in der Geschichte erfahren lasse. Sie habe gehört, dass mancher Neuköllner, wenn er nach Horní Čermná reist, sage: „Ich fahre nach Hause.“ Genau das, betont sie, sage sie selber auch, wenn sie Neukölln besuche. Es sei sehr wichtig, findet sie, dass die Menschen die Geschichte der jeweils anderen erfahren und schließt mit dem Zitat: „Wer die eigene Geschichte nicht kennt, kann nicht in der Gegenwart leben.“

Die nun in deutscher Sprache erschienene Čermná-Chronik schließt Lücken im geschichtlichen Wissen und lässt viel über den Ort erfahren, aus dem vor 275 Jahren Menschen kamen, die zu „Rixdorfer Böhmen“ wurden.

Das vom Freunde Neuköllns e. V. herausgegebene Buch „700 Jahre Čermná – Geschichte eines ostböhmischen Dorfes“ hat 208 Seiten mit diversen Karten und Fotos sowie einen Anhang über das Böhmische Dorf in Neukölln. Die Chronik kostet 9 Euro und ist im Buchhandel (ISBN 978-3-00-038870-5) oder per E-Mail-Bestellung an manfred.herrmann[at] freunde-neukoellns.de erhältlich.

=kiezkieker=

„Welch ein Reichtum“: Glaubensfreiheit und 275 Jahre Böhmisches Dorf

„Abkunft – Niederkunft – Herkunft – Ankunft – Auskunft – Unterkunft – Übereinkunft – Zukunft“  Diese Abfolge hätte als Motto zur Einladung zu einem „besonderen“ bethlehemskirche neukölln, pressegespräch glaubensfreiheit - 275 jahre böhmisches dorfPressegespräch in der Bethlehemskirche am Richardplatz dienen können, bei dem das Pro- gramm „Glaubensfreheit – 275 Jahre Böhmisches Dorf“ vorgestellt wurde. Nichts Besonderes war, dass es auch bei der von  Horst Evertz  von der [Aktion! Karl-Marx-Straße] moderierten Veranstaltung nicht ohne das akademische Viertel ging.

Nach der obligatorischen Verspätung heißt Viola Kennert, Superintendentin des evangelischen Kir- chenkreises Neukölln, die anwesenden Presse- vertreter willkommen, nimmt Bezug auf den Ort und erinnert, dass der Kirchbau älter sei als das bethlehemskirche neukölln, pressegespräch glaubensfreiheit - 275 jahre böhmisches dorf, viola kennertEreignis, nämlich die Ankunft der Böhmen vor 275 Jahren, das in diesen Tagen gefeiert wird.

Die Kirche wurde Ende des 15. Jahrhunderts gebaut und 1884 der lutherischen Bethlehems- gemeinde zur Nutzung übergeben. Seit 1912 hat sie den Namen Bethlehemskirche in Erinnerung an die Ursprungskirche, die Bethlehemskirche in Prag. Der Ort erzähle vom Ankommen, vom Heimat-Finden, vom Sich-Arrangieren mit denen, die schon da sind,  sagt Viola Kennert. 275 Jahre Böhmisches Dorf sei auch die Geschichte von Flucht. Flucht derjenigen Böhmen, die einen Ort suchten, an dem sie weder römisch-katholisch noch lutherisch sein mussten und ihre reformierte Konfession leben durften. Eine Konfession, für die Jan Hus bereits hundert Jahre vor Martin Luther gestritten hatte und dafür sterben musste.

Es war aber auch die Erfahrung, dass Integration und Zusammenleben zwar Raum gegeben, aber nicht angeordnet werden kann. Integration sei ein Stückchen Arbeit. Die Voraussetzung dafür sei, dass die Freiheit gewährt wird, den eigenen Glauben zu leben, zu gestalten und in die Gesellschaft einzubringen. Wenn das möglich wäre, würden Fremde zu loyalen Bürgern und Bürgerinnen, und das Zusammenwachsen von ganz Unterschiedlichen würde möglich, die Unterschiede würden aufgehoben, es entstünde etwas Neues. Abschließend weist Viola Kennert auf ein – wie sie findet – bedeutsames Zeichen der Zusammenarbeit der Brüdergemeine und der Rixdorfer Gemeinde hin, nämlich innerhalb der Reformationsdekade im Oktober im Gedenken an Jan Hus das Oratorium von Carl Loewe zur Aufführung zu bringen. „Vielfalt gelingt, wenn Unterschiede geachtet, vielleicht sogar geliebt werden. Ich denke, davon zeugt diese Geschichte – 275 Jahre – und die wollen wir mit unseren bethlehemskirche neukölln, pressegespräch glaubensfreiheit - 275 jahre böhmisches dorfunterschiedlichen Gaben fortsetzen. Ich freue mich über den Austausch, den wir haben werden über das weiter- gehende Programm, das entstanden ist.“ Mit diesen Worten beschließt die Superintendentin ihren Begrüßung.

Launig beginnt Neuköllns Baustadtrat Thomas Blesing: „Das letzte Mal, dass ich – glaube ich – in einer Kirche was sagen durfte, war am Tag meiner Konfirmation.“ Weiter geht es im vom ihm angekündigten „normalen Neu- kölln-Deutsch“. So gäbe es bei vielen, wenn sie Böhmen hören, die Assoziation mit böhmischem Bier, böhmischer Musik, böhmischem Schweinsbraten und böhmischen Knödeln – nicht so bei denen, die sich sowohl in Rixdorfer wie Neuköllner Zeit den Böhmen freundschaftlich verbunden fühlten und fühlen. Er selbst sei seit sechs Jahren in seiner beruflichen Eigenschaft dicht an diesem Thema dran und hätte u. a. vieles vom Comeniusgarten-Initiator Henning Vierck erfahren und gelernt, aber auch mit ihm auf den Weg gebracht. Das Vorhandensein des Böhmischen Dorfes sei zur Normalität geworden und zum Neuköllner Alltag geraten, Fremdlinge seien zu Mitbürgern geworden. Bei den Überlegungen, wer die Vorbereitungen für die Feiern zu diesem Jubiläumsjahr begleiten solle, seien Bezirksbürgermeister und -amt zu dem Schluss gekommen, bethlehemskirche neukölln, pressegespräch glaubensfreiheit - 275 jahre böhmisches dorf, thomas blesingihm diese Aufgabe zu übertragen, damit sichergestellt sei, dass auch der Bezirk seinen Anteil an dem Gesamtvorhaben habe.

Damit leitet er über zu den Absichten, die Richardstraße umzugestalten, diese u. a. mit Vorgärten und Bäumen zu versehen. Auftakt dazu wird ein 1. Spatenstich zusammen mit dem tschechischen Botschafter am 15. Juni vor dem Haus Richardstraße 97 sein. Bauarbeiten, so Blesings Credo, sind Ausdruck von Veränderung, und sollten unter diesem Gesichtspunkt akzep- tiert werden.

Mit dem Wunsch, es mögen viele Menschen anlässlich der vielen Veranstaltungen rund um das Jubiläum des Böhmischen Dorfs in diesen Bezirk finden, um feststellen zu können, wie viel Kultur – nicht nur beim Festival 48 Stunden-Neukölln – in Neukölln geboten wird, richtet er abschließend den Dank an die Initiatoren, und den Appell an die Presse, das entsprechend zu publizieren und wie in der Kirche üblich, die „Frohe Botschaft“ nach außen zu tragen.

Nun richtet der Kameramann vom tschechischen Fernsehen sein Equipment auf die nächste Rednerin, auf Lenka Štetková. Die Botschaftssekretärin vertritt den tschechischen Botschafter Rudolf Jindrák und schildert mit einigem emotionalem Ausdruck ihre Erfahrungen, die sie als Kind in Ostböhmen, in Litomyšl und dem Pflichtausflug zur „Rosenwiese”, im Nachbarort Ružový paloucek, machte. An diesem Ort, sollen sich die Glaubensflüchtlinge von ibethlehemskirche neukölln, pressegespräch glaubensfreiheit - 275 jahre böhmisches dorf, lenka stetkovahrer Heimat verabschiedet haben, bevor sie für immer ins Ausland gingen. Auch Jan Ámos Komenský war unter ihnen. Angeblich haben die Böhmischen Brüder an diesem Ort sogar einen goldenen Kelch vergraben. Dass dieser jedoch niemals gefunden worden sei, erheitert die Zuhörenden. Damals, während dieser Pflichtausflüge, hätte sie gespürt, sagt Štetková, dass es auf Ružový paloucek um etwas Trauriges gegangen sei, um den Anfang einer langen Reise. Wohin aber, warum und wie diese Reise ausging, das hätte sie damals nicht verstanden. Erst viel später, als sie begann, mehr über die Auswanderung der Exulanten in die Welt und auch nach Berlin zu lesen und als sie bei ihrem ersten Besuch des Böhmischen Gottesackers Ortsnamen ihrer Heimat entdeckte, wurde ihr damaliges Kindheitsgefühl der Traurigkeit durch ein neues Empfinden bereichert, der Gewissheit, dass es für die Böhmischen Brüder, die 1737 oder auch später nach Berlin gingen, ein Ankommen nach einer langen Reise gab, dass die genossenen Vergünstigungen und der eigene Fleiß ihnen schließlich die nötige Anerkennung verschafften.

Henning Vierck, der Initiator des Projekts „Glaubensfreiheit“, nimmt das Thema Rosenwiese seiner Vorrednerin auf  und weist auf die sich derzeit wunderschön präsentierende Rosenwiese im Comeniusgarten hin. Dann gerät er vor seinem Hintergrund als Politikwissenschaftler ins Schwadronieren. Bereits um 1968, einer Zeit, in der man über „Basisdemokratie“ nachdachte, bekam er von seinem erzkonservativen Professor Hans Maier, dem späteren Kultusminister in Bayern, bethlehemskirche neukölln, pressegespräch glaubensfreiheit - 275 jahre böhmisches dorf, henning vierckfolgenden Hinweis: „Wenn Sie etwas über Basisdemokratie wissen wollen, dann müssen Sie sich über die Brüder und Schwestern des Gesetzes Christi informieren, und das sind die Böhmischen Brüder.“ Ab da hat sich Vierck mit der Rosenwiese beschäftigt. Die Rosenwiese stehe im Übrigen für Johann Valentin Andreae, ein Nachfahre von ihm arbeite übrigens im Jugendamt Neukölln. Andreae sei derjenige, der die Rosenkreuzermär verfasst und dazu aufge- fordert habe, dass alle Wissenschaftler ihre Werke nach Tübingen schicken, sollten, damit es Gemeingut wird.

Die Rosenwiese, so Henning Vierck, stehe für Vielfalt, für Vitalität und für das Zusammenkommen ganz unterschiedlicher Blüten. Wenn Tschechen ihr Land verlassen mussten, weil sie in ihrem Land ihrem Glauben nicht nachgehen konnten, dann haben sie geweint und aus den Tränen der Trauer sei die Rosenwiese entstanden. „Als die Exulanten am 25. März 1737 hier in Rixdorf ankamen, habe der König das Schulzengericht gekauft und dort innerhalb kürzester Frist ein preußisches Kolonistendorf errichten lassen.“ Wie Soldaten hätten die Häuser an der Straße gestanden, zwei Familien in einem Haus. Das Ackergerät habe man sich geteilt. So habe die Architektur das Zusammenleben unterstützt. Das Dorf Cervená Voda, deren Bewohner geflohen waren und hier angesiedelt wurden, sei heute noch in letzten Resten sozial existent. Eigentlich, meint Vierck, müsse Manfred Motel hier stehen; er habe eine Chronik verfasst, die irgendjemand weiterführen müsse. In der 10./11. Generation leben hier Böhmen, was es seines Wissens so nur in Neukölln gäbe: „Welch ein Reichtum.“

Neukölln hätte in den letzten Jahren nicht viel an ökonomischem Reichtum, dafür aber immer viel an kulturellem Reichtum gehabt, und es gelte die kulturelle Vielfalt gerade jetzt in dem sozialen Wandel zum Nutzen der Menschen zu unterstützen, fordert Henning Vierck.

Horst Evertz merkt an, dass es insbesondere zu diesem Redebeitrag im Anschluss bestimmt viele Nachfragen gäbe – er sollte sich irren. Dann übergibt er an Dorothee Bienert, die Koordinatorin des Kulturprogramms. Einige Veranstaltungen – wie beispielsweise das Forschen von Kindern und Wissenschaftlern zum Thema „Himmel“ – würdenbethlehemskirche neukölln, pressegespräch glaubensfreiheit - 275 jahre böhmisches dorf, dorothee bienert schon laufen, erklärt sie, andere erst beginnen. Bienert verweist auf die  morgige Eröffnung der Ausstellung „Das Leben ist anderswo“  in der Galerie im Körnerpark, auf  vielfältige Führun- gen, wissenschaftliche Exkursionen und „Begehun- gen toleranter Orte“. Hingewiesen wird Auch beim Kulturfestival in zwei Wochen werde man sich dem Thema „275 Jahre Böhmisches Dorf“ widmen:  Für den 17. Juni organisiere der Ökumenische Arbeitskreis einen ökumenischen Gottesdienst mit anschließender Festveranstaltung am Denkmal Friedrich Wilhelm I. und langer Kaffeetafel. Bis zum Ende des Jahres gebe es viele weitere Veranstaltungen, die ins Programm- heft Einzug gehalten hätten: das Ramadanfest im August, das Rixdorfer Strohballenrollen Anfang Sep- tember und diverse thematische Diskussionsrunden.

Nächste Rednerin ist die in einem der Büdnerhäuser der böhmischen Brüder- gemeine aufgewachsene Dr. Cordelia Polinna. Das Engagement für ihr Projekt erklärt sie einerseits mit dieser persönlichen Situation und anderseits mit ihrer Fachkompetenz als Planungs- und Architektursoziologin. In letzterer Funktion habe bethlehemskirche neukölln, pressegespräch glaubensfreiheit - 275 jahre böhmisches dorf, cordelia polinnasie sich schon mehrfach mit benachteiligten Stadtteilen und mit Stadtteilen, die von Migran- ten geprägt sind, befasst.

Zum Programm „Glaubensfreiheit – 275 Jahre Böhmisches Dorf“ trägt Polinna die Ausstel- lung „Keine Urbanität ohne Dörflichkeit“ bei, die am 30. Juni in der Galerie im Saalbau zu sehen sein wird. Kern der Arbeit sei es gewesen, anhand des Böhmischen Dorfes zu analysieren, wie die dörflichen Strukturen am Rande einer großen Stadt den Ankömmlingen geholfen haben, sich hier heimisch zu fühlen. Wie ist die Beziehung von Dorf und Großstadt? Welche Orte machen das Böhmische Dorf zu einem Stadtlabor, in dem ausgetestet wird, wie Menschen verschiedenster ethnischer, kultureller und sozialer Hintergründe miteinander leben können? Welches sind historische Orte des Glaubens, Orte des Lernens, Orte des Arbeitens und Orte der Gemeinschaft? Das waren die Kernfragen für Cordelia rixdorf 1755, foto: -jkb-Polinna.

Sie zeigt  u. a.  ein Bild vom Relief am Sockel des Friedrich Wilhelm I.- Denkmals. Die aufgereihten Häuser im Vordergrund entsprächen durch- aus der Realität, die Hügel im Hintergrund würden jedoch nicht die Rollberge, sondern eine Reminis- zenz an die Heimat darstellen, weiß Polinna. Um die Orte der Migration heute herausfinden zu können, wurden Stadtbegehungen und Interviews mit heute hier Lebenden durchgeführt. Aus einigen der Begehungen wurden Stadtteilführungen.

Zwei dieser Stadteilführerinnen stellen sich vor, es sind Rascha und Rima Akil, die seit 2008 Stadtspaziergänge begleiten. Die einzelnen Stationen, an denen sie ihre bethlehemskirche neukölln, pressegespräch glaubensfreiheit - 275 jahre böhmisches dorf, rascha akil, rima akilpersönlichen Eindrücke über diesen Kiez an die Teilnehmer vermitteln, hätten sie selbst ausgesucht. Stolz berichten sie, dass sie ihre Führungen in deutscher, englischer, französischer und arabischer Sprache anbieten. Als sie bei der Aufzäh- lung der zahlreichen Herkunftsorte ihrer Teilnehmer auch Neukölln erwähnen, wird das mit Lachen honoriert. Sie verraten bei der persönlichen Vorstellung, mit denen sie auch ihre Touren jeweils beginnen, dass Rascha 23 ist und Informatik studiert und die 22-jährige Rima ein Jura-Studium absolviert. Ihre Eltern, erzählen sie, seien strohballenrollen, wandbild frauenschmiede neukölln1989 aus dem Libanon hierher gekom- men. „Unsere Heimat ist Rixdorf“, sind sich die beiden Schwestern einig.

Die in der Ausstellung präsentierten Orte sollen im Quartier kenntlich gemacht werden, ergänzt Moderator Horst Evertz noch. Seiner Einladung, nunmehr nach- zufragen, will niemand folgen; offenbar waren alle Beiträge hinreichend informativ.

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Neuköllns Comenius-Garten geht stiften

Irgendwie ist es bisher immer weitergegangen mit dem Comenius-Garten. Das ändert sich nun, allerdings nicht in der Form, dass der Garten geschlossen wird. comenius-denkmal, comenius-garten neukölln, förderkreis böhmisches dorf in berlin-neukölln e.v.Nein, es ist das Wort „irgendwie“, das bei der Fortschreibung der Geschichte des einzigartigen Neuköllner Kleinods ver- zichtbar sein soll.

comenius-denkmal, comenius-garten neukölln, förderkreis böhmisches dorf in berlin-neukölln e.v.

(v. l.: Thomas Blesing (Baustadtrat von Neukölln), Dr. Jiri Benes (Prager Institut für Philosophie), Henning Vierck (Geschäftsführer Comenius-Garten)

„Um den Come- nius-Garten dau- erhaft erhalten zu können, wollen wir eine Stiftung grün- den“, erklärte Geschäftsführer Henning Vierck vorgestern bei einem Pressege- spräch. Insbesondere für den Mittsech- ziger erfüllt sich damit ein Lebenstraum. Denn das Bedürfnis nach einer langfristigen Perspektive für die grüne Oase an der Richardstraße, die heute vor 20 Jahren gegründet wurde, ist kaum jünger als sie selber. „Jetzt“, sagte Vierck, „passt es einfach, den Schritt  zu echter Nachhaltigkeit zu machen.“ Einerseits sei er noch fit genug, um sich des Aufbaus der Stiftung anzunehmen. Andererseits hätten mit dem Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte und dem Institut für Philosophie der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik wichtige Kooperationspartner gewonnen werden können.

comenius-denkmal, comenius-garten neukölln, förderkreis böhmisches dorf in berlin-neukölln e.v.

(v. l.: Prof. Cornelia Müller (Garten- und Landschaftsarchitektin), SE Dr. Rudolf Jindrak (Botschafter der Tschechischen Republik), Prof. Dr. Jürgen Renn (Direktor Max-Planck-Institut Berlin)

Letzterer symboliert zudem einen Spa- gat von der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft. „Früher waren es die Glaubensflüchtlinge, die die Protestanten in ihrer böhmischen Heimat unterstützt haben, indem sie in Böhmen verbotene Bücher hier in Rixdorf druckten“, erinnerte Dr. Jiri Benes vom Institut für Philosophie in Prag. Er sei immer wieder beeindruckt, in welchem Maß in diesem Gebiet Neuköllns die Historie gepflegt werde, ergänzte Dr. Rudolf Jendrak, der  Botschafter der Tschechischen Repub- lik: „Das Böhmische Dorf und der Comenius-Garten sind Teile Böhmens in Berlin. Daher ist es mir wichtig, das Engagement zur Gründung einer Stiftung zu unterstützen.“ Auch das Neuköllner Bezirksamt wird dazu einen Beitrag leisten. „Geld können wir ja nicht beisteuern“, sagte Baustadtrat Thomas Blesing. Stattdessen sei es „ein Filetstück aus der Verfügungsmasse des Liegenschaftsfonds“, die der Bezirk gemeinsam mit dem comenius-denkmal, comenius-garten neukölln, förderkreis böhmisches dorf in berlin-neukölln e.v.Berliner Senat  als Stiftungskapital einbringe, um die Weichen für die Zukunft des Comenius-Gartens zu stellen: ein 7.332 Quadratmeter gro- ßes Areal mit zwei Gebäuden, dem comenius-denkmal, comenius-garten neukölln, förderkreis böhmisches dorf in berlin-neukölln e.v., werkstatt des wissenskleinen Seminar-Haus und der Werk- statt, die nun nach jahrelan- gem Leer- stand als Werkstatt des Wissens reichlich Platz für sehr spezielle Begegnungen bietet.

„Wir sind sehr glücklich, dass wir diesen Raum haben“, schwärmte Prof. Dr. Jürgen Renn. Der amtierende Direktor des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte kennt Henning Vierck bereits seit rund 30 Jahren: „Die Vision eines philosophischen Gartens hatte er schon damals, und es gab wohl niemanden, der sie nicht sehr gewagt fand.“ Dass solche kühnen studentischen Träume wahr werden, sei ja doch eher ungewöhnlich. Nicht minder comenius-denkmal, comenius-garten neukölln, förderkreis böhmisches dorf in berlin-neukölln e.v., werkstatt des wissensatypisch ist auch das, was mit der Werkstatt des Wissens entstand: ein Ort, an dem sich Kinder und Wissenschaftler auf Augenhöhe begegnen. Hat die Welt ein Ende? Wo ist auf der Erde oben und unten? Alle Fragen würden ernst genom- men werden, versicherte Renn. „Für uns ist das gemeinsame Forschen mit den Kindern äußerst wichtig, weil es die Insichgeschlossenheit der Wissenschaft aufbricht“, so der Wissenschaftshistoriker. „Es ist ein gemeinsamer Erkennt- nisprozess, sich der Unschuld des Erkenntnisvorgangs bei Kindern zu stellen.“ comenius-denkmal, comenius-garten neukölln, förderkreis böhmisches dorf in berlin-neukölln e.v., werkstatt des wissens, jan dillingDass die Wissenschaft ein offenes Ohr für diesen Kontext hat, sei langfristig unabdingbar.

Wie das gemeinsame Forschen in der Praxis aussieht, stellten Kinder der Klassen 1 bis 6 der benachbarten Richard-Grundschule bei einem Rundgang durch den maßgeblich durch Prof. Cornelia Müller nach dem Weltbild von Comenius gestalteten Garten vor: „Wie viele Heliumballons braucht man, um eine kleine Holzpuppe zum Abheben zu comenius-denkmal, comenius-garten neukölln, förderkreis böhmisches dorf in berlin-neukölln e.v., wissensworkshop,richard-grundschulebringen?“ lautete die Frage, aus der sich viele weitere ergaben. Was Helium ist. Welchen Einfluss die Größe der Ballons haben. Wie man jemandem, der das Wort Kilo nicht kennt, den Begriff Gewicht erklären kann. Am Ende fehlte der Ballon, der einem comenius-denkmal, comenius-garten neukölln, förderkreis böhmisches dorf in berlin-neukölln e.v.Kind aus der Hand geflutscht war, um das Experi- ment erfolgreich beenden zu können. Einerseits ein Missgeschick, andererseits aber auch dramaturgisch passend – trägt doch das aktuelle Forschungsprojekt von Kindern und Max-Planck-Wissenschaftlern in der Werk- statt des Wissens den Titel  „Zum Himmel“.

=ensa=