Szenen des Alltags

desiree nick_fotoausstellung altenpflege_bürgerzentrum neukölln„Damit wir uns im Alter treu bleiben können“, fordert die durch eine Maskenbildnerin in die Jahre gekommene Désirée Nick. Unter dem Oberschenkel und der mit Altersflecken über- säten Hand der Entertainerin der Hinweis, dass Altenpflege, weil wir immer älter werden, ein Berufsfeld mit Sinn und Zukunft ist. „In ein paar Jahren gibt es bürgerzentrum neuköllnmehr Menschen über 65 als unter 18″, infor- miert der Schriftzug außerdem. Im Bür- gerzentrum Neukölln, wo die Foto-Ausstellung „Gepflegt in der Gegen- wart“ am letzten Mittwoch eröffnet wurde, kommen unter 18-Jährige schon jetzt nicht mehr vor. Das unter der Leitung des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Berlin ste- hende Gebäude, das bis zum November 2013 „Haus des älteren Bürgers“ hieß, hat seitdem zwar einen neuen Namen, aber das Publikum besteht nach wie vor fast 4_altenpflege-fotoausstellung_bürgerzentrum neuköllnausschließlich aus Senioren.

„Schöne Bilder“, meint eine Mitarbeiterin des Hauses, bevor sie in ihrem Büro verschwindet. Das leise hinter ihrer Be- merkung klingende Fragezeichen bleibt draußen. Ja, es sind schöne Bilder, die nun hier im Atrium-Café des Bürger- zentrums bei der vom Paritätischen Wohl- fahrtsverband Berlin und der Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales initiierten Ausstellung gezeigt werden, zweifellos. Es sind 17 Schwarz-Weiß- Fotografien, die in ambulanten paritätischen Pflege-Einrichtungen entstanden, Szenen des Mitein- anders von Pflegenden und Gepflegten widerspiegeln und den  „Fokus auf  das  Hier

1_altenpflege-fotoausstellung_bürgerzentrum neukölln 2_altenpflege-fotoausstellung_bürgerzentrum neukölln

und Jetzt der Berliner  Pflegelandschaft“ lenken sollen. „Die ausgestellten Fotos machen deutlich, was die Altenpflegerinnen und –pfleger tagtäglich leisten und zeigen zugleich, wieviel Wärme Pflegende von Menschen, die sie betreuen, zurück- erhalten“, so Mario Czaja, Berlins Senator für Gesundheit und Soziales, bei der Vernissage. Doch das ist nicht das alleinige Ansinnen der in die Kampagne „Gepflegt in die Zukunft“ eingebetteten Ausstellung. „Wir wollen“, so Czaja, „mehr Menschen für den Altenpflegeberuf begeistern.“ Zudem solle die Aufmerksamkeit der Öffent- lichkeit auf die große 3_altenpflege-fotoausstellung_bürgerzentrum neuköllnLeistung Pflegender gelenkt, ihr Ansehen in der Gesellschaft gesteigert und ihnen so gebührende Aner- kennung gezollt werden.

Dass mit dieser Ausstellung jedoch solche hehren und wichtigen Ziele erreicht werden, ist fraglich. Denn die Fotos von Christiane Weidner, Frederic Brueckel, Michael Janda, Rais Khalilov und Martin Thoma, ehren- amtlichen Fotografen des Paritätischen, zeigen nur einen Bruchteil des beruflichen Alltags Pflegender und beschränken sich weitestgehend auf die Darstellung der angenehmen Aspekte der Tätigkeit. Das harte Pflichtprogramm, das gleichermaßen zur ambulanten wie zur stationären Pflege gehört, lassen sie – der schönen Bilder zuliebe – komplett aus.

Die Ausstellung „Gepflegt in der Gegenwart“ ist  noch bis zum 9. Januar im Atrium des Bürgerzentrums Neukölln (Werbellinstr. 42; Öffnungszeiten: Mo. – Fr. 9 – 17 Uhr) zu sehen. Danach, ab 15. Januar, wird die Ausstellung im Gebäude der Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales gezeigt.

=ensa=

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Nach 30 Jahren: Aus für das Haus des älteren Bürgers

Haus des älteren Bürgers NeuköllnNicht nur Neuköllner kennen das Gebäude in der Werbellinstraße 42. Doch wer am Wochenan- fang das Haus des Älteren Bürgers passierte, der name ist wegwunderte sich: Der Name war weg. Und das in der Woche, in der die Einrichtung ihr 30- jähriges Jubiläum feiert. Doch dann handwerkliche Ak- tivitäten: Die Hausnummer ist schon wieder angebracht. handwerkliche arbeiten_bürgerzentrum neuköllnAha, könnte man denken, die Ziffern und Buchstaben sind zum Fest be- stimmt gereinigt worden. Doch weit gefehlt: Nach 30 Jahren verschwindet der Name dieser Institution. Sie Weiterlesen

Bonus unerwünscht

hilde wittur_schillerpalais neukölln„Schade, dass die Ausstellung jetzt vorbei ist“, findet Hilde Wittur. Zehn Tage lang waren im Schillerpalais in Neukölln Werke von ihr und anderen Künstlern schillerpalais neuköllnzu sehen, die als geistig behindert gelten. Ob Hilde Wittur sich auch selber als das empfin- det? Die Frage ist ob- solet. In solchen Kate- gorien denkt die 65- Jährige nicht. Schon bei der Frage, ob sie sich als Künstlerin bezeichnen würde, wird es deutlich: Sie male gerne und viel, sagt sie lächelnd. „Manchmal kommt Kunst dabei raus, manchmal aber auch nicht“, konstatiert David Permantier. Er arbeitet bei der Lebenshilfe Berlin Weiterlesen

Lernen, dass das Lernen auch Spaß machen kann: 30 Jahre Alphabetisierung in Neukölln

1_30 jahre lesen +schreiben ev neuköllnDer Begegnung zweier Frauen ist es zu verdanken, dass letzten Freitag in Neukölln ein rundes Jubiläum gefeiert 30 jahre lesen +schreiben ev neukölln_haus des älteren bürgerswerden konnte: Eine der beiden war An-Alphabetin und zur Meisterin des Ver- tuschens geworden – bis sie das Leiden unter ihrem Defizit nicht mehr aushielt und sich das Leben nahm. Die andere heißt Marie-Luise Oswald, studierte damals, in den 1970er Jahren, Päda- gogik und kam durch die Verzweiflungstat der anderen Frau zu einer Lebensaufgabe: Die, Menschen zu helfen, die nicht lesen und schreiben können.

1980 erstellte Oswald als Co-Autorin für das Bundesmi- nisterium für Bildung und Wissenschaft eine der ersten Studien zur Alphabetisie- rung in Deutschland. 1983 gründete sie zusammen mit anderen in Neukölln den Verein  Lesen und Schreiben  (LuS e. V.), der sich seitdem dafür Weiterlesen

Tür ist offen!

2_seniorentheatergruppe sultaninen_nachbarschaftsheim neuköllnMit Frau Yildirim hat Kerstin Schneider leichtes Spiel. Die Tür zur Wohnung der gehbehinderten Rentnerin steht – wie meistens – offen. Deshalb muss die Wohnberaterin nicht mal klingeln, um Frau Yildirim den Umzug in eine schöne, sonnige Wohnung mit allem Komfort schmackhaft zu machen. Um sie herum würden nur Menschen ihrer Peergroup leben, schwärmt Kerstin Schnei- der. Weil Frau Yildirim aber mit dem Begriff nichts anzufangen weiß und sich ihre Zukunft in einer Biergruup weder vorstellen kann noch will, spricht die Wohnberaterin dann doch das Wort „Alten- heim“ unverblümt aus. Wenig später ist der Ver- trag unterschrieben, der Umzug besiegelt, und der Luxus-Sanierung Weiterlesen

Viel Rummel um Neuköllns Sozialstadtrat Szczepanski

„Nur ’ne halbe Stunde, mehr Zeit hab ich nicht“, sagt Bernd Szczepanski, als er an einem der Biertische vor der Bühne der Neuköllner Maientage Platz nimmt. Kaffee ja, Kuchen nein, zu gemütlich soll es nicht werden. Er müsse noch seinen Unter- senioren-nachmittag_neuköllner maientagesuchungsbericht über den Einsatz von Bezirksamtsmitarbeitern bei der Erstellung des Buschkowsky-Buches „Neukölln ist überall“ abgeben. Die rund 200 Senioren, die sich auf Ein- ladung von Maientage-Organisator Thilo-Harry Wollenschlaeger und dem Neuköllner Bezirksamt zu Kaffee, Kuchen und einer anschließenden Rummelrunde eingefunden haben, können es wesentlich entspannter angehen. „Die Ersten waren schon um 1 hier, also zwei Stunden vor Beginn der Veranstaltung“, erzählt Wol- lenschlaeger (l.). „Da hatten wir noch gar nicht geöffnet, aber wir Schausteller sind ja thilo-harry wollenschlaeger+bernd szczepanski_neuköllner maientageflexibel.“

Das ist der Grünen-Politiker Szczepanski auch, muss er sein, denn vorherseh- und planbar ist nur ein Teil seines Alltags. Die Begrüßungsansprache ist kurz und der Situation angemessen, dass wohl kaum jemand gekommen ist, um sich lange Politikerreden anzuhören. Ein bisschen Rückschau in eine Zeit, als auch Bernd Szczepanski zu den begeisterten Rummel- gängern gehörte, und ein bisschen Vorschau: „Seien Sie vorsichtig, dass sie nicht so viel Kuchen essen, dass Sie hinterher in den Karussells eine Tüte brauchen, und sozialstadtrat bernd szczepanski_neuköllner maientageamüsieren Sie sich schön!“ Wer den Sozialstadtrat beim anschließenden Shakehands beobachtet, käme nicht auf die Idee, dass er es eilig hat. Das ist eine seiner Stärken, neben den fachlichen Kompetenzen.

Auf den Rummel, der heute für Szcze-panski ansteht, hätte er ebenso wie seine Fraktion am liebsten verzichtet. Den zettelten drei Mitglieder der Neu- köllner SPD-Fraktion an, die bei der letzten Bezirksverordnetenversammlung – entgegen vorheriger Absprachen – mit Nein statt mit Enthaltung abstimmten, als es um den Antrag auf Verlängerung der Amtszeit des Sozialstadtrats ging, der rein formell an seinem 65. Geburtstag in den Ruhestand geschickt werden würde. Nun soll heute ab 17 Uhr in einer Sonder- sitzung im BVV-Saal erneut über den Antrag abgestimmt werden. Es deute alles darauf hin, dass das Ergebnis diesmal in seinem Sinne ausfallen werde, sagt Bernd

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Szczepanski. Doch leise Zweifel sind nicht zu überhören. Schließlich hatte sich die Situation im Vorfeld der letzten Abstimmung nicht anders dargestellt.

Beim Bühnenprogramm für die Neuköllner Senioren ist Entertainer Pauly nun von alten Berliner Liedern zu einem Quiz übergegangen. Wie heißt der Bezirksbür- germeister, wie die Neuköllner Ortsteile und welche ist die längste Straße im Bezirk? Wer zuerst die richtige Antwort ruft, bekommt Preise, die sonst nur mit etwas pauly+senioren-nachmittag_neuköllner maientageGlück an der Losbude zu gewinnen sind.

Morgen wird keine Einladung und kein blau- es Bändchen brauchen, wer Bernd Szcze- panski reden hören und sprechen will: Von 14 bis 15 Uhr bittet der Sozialstadtrat zur Bürgersprechstunde ins Haus des Älteren Bürgers. „Mal gucken, wer kommt“, sagt er. Sonderlich bekannt sei das Angebot noch nicht, groß jedoch der Bedarf, ein offenes Ohr für Sorgen im sozialen Bereich zu finden: „Häufig geht es um Mietprobleme.“ Aber auch bei unterschiedlichsten anderen Anliegen versucht er weiter zu helfen, das reiche von Gesundheitsthemen bis hin zu Anwohnerärgernissen um vermüllte Straßen und Wege. Er ist ja flexibel.

=ensa=

Denn sie wissen nicht, was es alles gibt

1. interkultureller seniorentag neuköllnComputerkurse, Tanz- und Theatergruppen, Gymnas- tikstunden, Bastel-, Strick- und Singnachmittage, Aus- flüge in andere Bezirke und das Berliner Umland – es ist ja nicht so, dass sich Neuköllner Senioren mangels Alternativen in den eigenen vier Wänden einigeln müssen. Ange- bote für sie gibt es reichlich, wenn auch nicht in jedem Kiez, was vor allem Alten mit Mobilitätseinschränkungen den Zugang erschwert. Zudem, so die Erfahrungen 1. interkultureller seniorentag neukölln, haus des älteren bürgers neuköllneinschlägiger Einrichtungen, reagieren besonders Senioren mit Migrationshintergrund mit größter Zu- rückhaltung auf die Offerten.

Deshalb fand gestern auf dem Vorplatz des Neuköll- ner Rathauses der 1. Interkulturelle Seniorentag statt. An diesem schönen Herbsttag gehe es vorrangig um Menschen, die im Herbst des Lebens stehen, betonte 1. interkultureller seniorentag neukölln, candan ögütcu (navitas ggmbh), bernd szczepanski (sozialstadtrat neukölln)Sozialstadtrat Bernd Szczepanski (r.), der auch Schirmherr der Veranstaltung war, bei seiner Eröffnungs-ansprache. Es gebe von Hilfs- und Beratungs-organisationen viele Angebote zur Freizeit-gestaltung und sozialen sowie rechtlichen Aspekten im Bezirk, doch die, so Szczepanski seien oft nicht bekannt: „Diesem Informations-defizit  soll der Seniorentag  abhelfen.“ Candan Ögütçü (l.), Geschäftsführer der navitas gGmbH, die den Infotag gemeinsam mit dem Neuköllner Bezirksamt organisierte, unterstrich dieses Anliegen und hob die Verantwortung des Landes hervor, das für Einwanderer zur zweiten Heimat wurde. „Sie sind als junge Leute gekommen und haben mitgeholfen, Deutschland zu einem lebenswerten Land zu machen.“ Folglich seien jetzt alle gefordert, diesen Menschen auch ein lebens- 1. interkultureller seniorentag neukölln, navitas ggmbhwertes Altern  zu ermöglichen – trotz sprachlicher Barrieren und kultureller Traditionen, die von denen der Mehr- heitsgesellschaft abweichen.

Mit dem interkulturellen Seniorenzen- trum EM-DER, dessen Name mit „Verein für die Rentner“ frei übersetzt werden kann, ist Ögütçüs Einrichtung schon seit 2006 im Bereich der kul- tursensiblen Altenhilfe aktiv. Andere Instititutionen haben erst später be- gonnen, multiethnische Bedürfnisse in ihren Programmen zu bedienen, oder scheinen dem noch ein gutes Stück hinterher zu hinken. Weil entsprechendes Personal fehlt oder das Umdenken auf die grundsätzliche Neuausrichtung der Angebote für Senioren konzentriert ist, die eben längst nicht mehr mit 75 per se alt und einzig auf gemütliche Kaffee-und-Kuchen-Runden aus sind.

=ensa=