„Der Bezirk hat für die Karl-Marx-Straße alles getan, was ein Bezirk kommunalpolitisch tun kann“

16.Aktion KMS-Treffen_Marcel Weber_SchwuZ Berlin-Neukölln„Wir sind ein Teil des ganzen Gentrifizie- rungsprozesses, den wir nicht verteufeln wollen, weil er ein natürlicher Entwicklungs- prozess der Stadt ist. Wir wollen aber die Leute von Anfang an mit ins Boot holen und sensibel mit dem Thema umgehen. Wir müssen nicht Experimente wie in Prenzlauer Berg wiederholen“, mit diesen Worten for- mulierte Marcel Weber, Geschäftsführer des SchwuZ, seine Erwartung an das 16. Tref- fen der [Aktion! Karl-Marx-Straße], das vorgestern Abend in den Räumen seines Veranstaltungszentrums für homosexuelle Männer und Tunten in der Neuköllner Rollbergstraße stattfand. Auch wenn die überwältigende Mehrheit der Anwesenden den Wunsch von Marcel Weber vermutlich teilte, das Wort Gentrifizierung fiel im Lauf des Abends nicht ein einziges Mal mehr. Bezirksstadtrat Thomas Blesing und die Lenkungsgruppe der [Aktion! Karl-Marx-Straße] hatten vielmehr Weiterlesen

In Sichtweite – und darüber hinaus

waffelkaffel-umzug_neuköllnEnttäuschung dürfte sich auf die Mienen derer legen, die nur ab und zu ins Waffelkaffel kamen. Und nun: In der Schillerpromenade, zwischen Hermann-straße und Tempelhofer Feld, wo bisher das kleine Café war, ist das Schaufenster abgeklebt. Selbst der Wegweiser zum neuen Domizil wurde inzwischen entfernt. Wobei der auch nur bedingt hilfreich war: Wer es mit detektivischem Spürsinn nach dem Tag des Sommeranfangs geschafft hat, die Herrfurthstraße 9 als Ziel zu entlarven, konnte dort, wo sich ein Gastro- nomiebetrieb an den anderen reiht, zwar auf ein offenbar neu eröffnetes Café stoßen, aber weit und breit kein Waffelkaffel sehen. Aus gutem Grund, denn Weiterlesen

Geschlossen um zu bleiben

Der jetzt etwa auch noch? An der Ecke Karl-Marx-/Saltykowstraße, einst ein Nadelöhr für Fußgänger, ist es ruhig geworden. Die Schriftzüge und Markisen des Birlik Markets birlik-market_karl-marx-straße neuköllnsind abmontiert, die Rollläden herun- tergelassen. Alles deutet darauf hin, dass sich nach anderen alteingeses- senen Einzelhändlern auch diese  In- stitution von Neuköllns Magistrale ver- abschiedet hat und demnächst mit grellen Plakaten nach einem neuen Mieter für die Gewerbe-Immobilie ge- sucht wird, die seit einer gefühlten Ewigkeit den türkischen Supermarkt Weiterlesen

So kann man ’s auch sagen

Auch in Neukölln ist es längst nicht so, dass Interessenten für jede Immobilie Schlange stehen, sobald die Vormieter das Feld geräumt haben. Eines dieser Exemplare, an dem bislang niemand Gefallen fand, soll nun endlich neu vermietet werden – als  Ladengeschäft mit Erfahrung. Was sich  hinter der kuriosen  Formulie-

ladengeschäft mit erfahrung_neukölln eisdiele capri_sonnenallee neukölln

rung verbirgt, ist, dass die Gewerbe-Immobilie insbesondere reichlich Erfahrung in Sachen Leerstand vorweisen kann: Seit Frau Ho Weiterlesen

Ballast abwerfen

antiquariat buchexil-neuköllnUlrike Tschackert hat in den letzten Tagen fleißig Zettel geklebt. Überall im Schillerkiez zwischen Hermannstraße und Tempelhofer Feld ist nun zu lesen: Nachmieter gesucht! 75 qm Gewerbe- räume, Allerstraße 43 (Buchexil) zum 1.8.2012  Auch die Möglichkeit, über virtuelle soziale Netzwerke Interessen- ten zu finden, wurde nicht antiquariat buchexil-neuköllnausgelassen. Dass sich die Nachmieter- Frage derma- ßen kurzfristig klärt, ist trotzdem unwahrscheinlich. „Aber je früher jemand kommt, der den Laden haben will, desto besser“, findet die Buchexil-Chefin. Die Last, den Vertrag bis zum Ende der regulären Laufzeit am Jahresende zu erfüllen, wäre sie gerne los.

Am 1. Juli 2007 eröffnete Ulrike Tschackert die antiquarische Buchhandlung, die von Anfang an auf zwei Standbeine setzte: den Online-Verkauf und die Laufkundschaft. antiquariat buchexil-neuköllnWer nun aber denkt, dass letztere Klientel durch die stetigen Verände- rungen im Kiez und den vermehrten Zuzug bildungsnaher junger Leute einen kometenhaften Aufstieg hin- legte, hat sich getäuscht. „Von denen profitieren zwar die Gastronomen, doch Bücher bestellen sie übers Internet oder sind gleich ganz auf Kindle umgestiegen.“ Das führe nicht selten zu der absurden Situation, erzählt die Buchhändlerin, dass Paketdienste Büchersendungen des führenden Internet-Versandhauses zur Weitergabe an nicht angetroffene Nachbarn bei ihr im Laden abliefern: „So schofelig, die Annahme der Päckchen zu verweigern, will ich aber nicht sein.“ So weit, im Sinne der Kundenbindung auch noch Bestellungen für antiquariat buchexil-neuköllnden Platzhirsch anzunehmen, wird sie allerdings nicht gehen, da dessen Geschäftsmodell keine Buchhändler-Rabatte vorsieht und folglich zum Null-Tarif gearbeitet werden müsste.

Doch es gibt weitere Gründe als die zuneh- mende Internet-Affinität für den Rückgang der Laufkundschaft: Termine bei Physiotherapeuten und Ärzten als Folge  gesundheitlicher Proble- me  machten es für Ulrike Tschackert immer komplizierter, die Öffnungszeiten des Buchexils einzuhalten. „Dazu kommt, dass ich es körper- lich einfach nicht mehr schaffe, schwere Bücher- kisten anzuheben oder zu schleppen.“ In erster Linie das habe zu der Entscheidung geführt, den Laden aufgeben zu wollen. Die Erfahrung, mit überzogenen Mieterhöhungen konfron- tiert zu sein, die schon viele Gewerbetreibende in Neukölln machen mussten, blieb antiquariat buchexil-neuköllnihr – trotz des inzwischen zweiten Haus- eigentümerwechsels – erspart. Die Miete, sagt Ulrike Tschackert, sei sehr fair, anders könne man das nicht nennen.

Was diese Aussage unterstreicht, ist, dass die Unternehmerin dem Haus in der Allerstraße treu bleibt und im Hinterhaus einen Lagerraum für den weit im fünf- stelligen Bereich liegenden Buchbestand angemietet hat. „Das Buchexil-Neukölln  gibt es ja weiterhin“, kündigt sie an, „nur eben den Laden nicht mehr.“ Künftig werde also alles über das bereits etablierte Online-Segment laufen. „Und das wird auch weiterhin gut laufen“, ist Ulrike Tschackert überzeugt und klingt dabei eher erleichtert als zweckoptimistisch.

Überall im Laden stapeln sich leere Bananenkisten, die darauf warten, mit Büchern bepackt und über den Hof getragen zu werden: „Wenn ein Nachmieter da ist, haben wir hier ganz schnell ausgeräumt.“ Außer dem würden aber auch noch Leute gesucht, die Bananenkisten abzugeben haben.

=ensa=

Omnipräsent in Neukölln: Geheimnisträger Tagesspiegel

Nach der Geschäftsaufgabe eines Ladens in akzeptabler oder besserer Kiezlage kam es in Nord-Neukölln im letzten Jahrzehnt normalerweise zu folgendem Szenario: Irgendwann wur- den die Schaufenster mit türkischen oder arabischen Zeitungen abgeklebt und hinter dem Sichtschutz begannen die Vorbereitungen für die Eröffnung eines Handyshops oder eines als Kulturverein, Imbiss oder Spätkauf getarnten Spielcasinos. Beliebt waren die neuen Nachbarn bei niemandem.

Heute dagegen sind es meist im stattlichen nordischen Format ge- druckte Tagesspiegel-Ausgaben, die vorübergehend verbergen, mit wel- chem Geschäftsmodell es der Neu- mieter versuchen will. (Die Berliner Morgenpost sieht man – obwohl gleich groß – seltener, andere Berliner Tageszeitungen wegen ihrer kleineren Formate kaum.) Ist die Phase der Renovierung und mit ihr die der Geheimniskrämerei vorbei, wird das bedruckte Papier entfernt und der Blick auf ein neues Café, eine Galerie oder ein Designer-Atelier frei. Auch diese Branchen sind den Anwohnern nicht per se will- kommen, sondern für manchen ein Synonym für Gentrifizierung. Beliebter als Daddelbuden sind sie in aller Regel aber doch.

=ensa=

Anders als es scheint

Auch wenn Neuköllns Haupteinkaufsstraße stre- ckenweise anderes vermuten lässt: Es ist durchaus nicht so, dass per se kein Interesse am Anmieten von Gewerbe-Immo- bilien im Norden des Bezirks besteht. Oft ist in den Kiezen das genaue Gegenteil der Fall, was man wieder- um an unmissver- ständlichen Botschaften der aktuellen Mieter erkennen kann. „Ohne den Zettel kämen wir zu nichts, weil wir ständig Leute im Geschäft stehen hätten, die wissen wollen, ob der Laden zu haben ist“, sagt einer, der reichlich einschlägige Erfahrungen mit einem unverzettelten leeren Schaufenster gemacht hat.

.