Freiwillig in den Knast

Schon während des Kulturfestivals 48 STUNDEN NEUKÖLLN haben viele die Gele- genheit  genutzt, sich  zwanglos  etwas genauer im ehemaligen  Neuköllner Gerichts-

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gefängnis in der  Schönstedtstraße  umzusehen. Das kann man auch  am kom- menden Samstag wieder tun: Dann ist im „Café Schönstedt“ genannten Ex-Knast von 15  bis 18  Uhr  letztmalig  die  Ausstellung  „Positioning  Osmotic  Impulses“  zu

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sehen. Zwar nicht mehr in einem Umfang wie vor zwei Wochen beim Kulturspektakel, als  22 internationale Künstler 30 Zellen  in Installationen verwandelten, aber beeindrucken  kann auch das dezimierte  Restangebot, das sich über die 1. Etage im

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Trakt A erstreckt. Ebenfalls in die Verlängerung (Zeiten s. o.) geht die beeindruckend bedrückende Ausstellung  „Lebenszellen“  im Erdgeschoss des Backsteinbaus. Sechs  Künstler haben für die die  Lebenswege von  Menschen recherchiert und skiz-

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ziert, die als Asylhäftlinge in der Schönstedtstraße einsaßen und ihnen mit der Ausstellung temporäre Denk- und Mahnmale gesetzt.

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Kunst im Knast

„Viele wissen gar nicht“, meint Martin Steffens, Leiter der 48 Stunden Neukölln, „dass es in Neukölln überhaupt ein Gefängnis gibt.“ Viel zu sehen ist von der 1901 eingeweihten Haftanstalt an der Schön- stedtstraße in der Tat nicht. Man muss schon hoch auf den Rathausturm, um einen Blick auf den Komplex werfen zu können, der als „Café Schön- stedt“  zum Modellprojekt des Jugendvollzugs wurde, nun aber bereits seit 23 Jahren in seiner eigent- lichen Funktion ausgedient hat.

Seitdem wird der Bau aus der Kaiserzeit haupt- sächlich als La- gerfläche vom Be- zirksamt genutzt, zuweilen finden auch Dreharbeiten für Kino- und Fernsehfilme und Schulungen für Voll- zugsbeamte dort statt. Mit Neuköllns größ- tem Kunst- und Kul- turfestival kommt die abgerockte Location am übernächsten Wo- chenende zu neuen Ehren: 43 Künstler präsentieren unter der Regie des Instituts für Raumforschung im Hof sowie in den Gängen, Zellen und Aufenthaltsräumen bei freiem Eintritt Objekte, Malerei, Installationen, Performances und musikalische Einlagen.

Doch schon das Gebäude an sich greift das diesjährige Festival-Motto „Luxus Neukölln“ wunderbar auf – und führt es zugleich ad absurdum. „Ein 1989 ge- planter Umbau der Gefängnistrakte in Büros wurde aus Kostengründen nicht realisiert“, schreibt Cornelia Hüge in ihrem Buch über die Karl-Marx-Straße. Stattdessen leistet sich der Bezirk nun den Luxus, seit über zwei Jahrzehnten eine Immobilie in bester Lage im Winter zu beheizen, im Sommer durchzulüften und von Januar bis Dezember mit Strom und Wasser zu versorgen.  Darauf, dass letzteres schon seit langer Zeit stetig aus dem Wasserhahn dieser sechs Quadratmeter großen Zelle tropft, deutet einiges hin. Doch es stört ja niemanden.

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