Zeitreise statt Durchblick an einem Neuköllner Schaufenster

Sie sind ein sensibles Völkchen: diejenigen, die Neukölln vor den Auswir- kungen ganz normalen Lebens (sprich: Verände- rungen) schützen wollen. Schon wer einen Farb- eimer, mehrere Laminat-Gebinde oder Designer-Armaturen aus dem Koffer- raum wuchtet, um die eigene Wohnung etwas aufzuhübschen, gerät leicht in den Verdacht, die Aufwertung beschleunigen zu wollen.

Noch heikler ist es, wenn plötzlich die Rollläden vor den Fenstern und Türen lange oder noch länger abgeschotteter Gewerbe-Immobilien verschwinden und im Laden Renovierungsarbeiten zu erkennen sind. Dann fährt der Puls der Gentrifizierungs- paranoiker Achterbahn. Dass in diesem Zustand äußerster Erregung nicht mehr darauf  geachtet werden kann, dass – wie im Fall des ehemaligen Nogat Stübchens

nogat stübchen neukölln, bz 31.7.1974

eine BZ-Ausgabe vom 31. Juli 1974 an den Schaufenstern klebt, die Wiederbelebung der Immobilie also ökonomisch wie bausubstanziell mehr als überfällig sein sollte, ist bedauerlich – und doch irgendwie verständlich.

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Nach Neukölln geschwappt

Wer sich im Norden Neuköllns auskennt und häufig im Bezirk aufhält, weiß, wie lästig sie sind: diese Heerscharen von Touristen, die sich mit Reiseführern und Kameras durch die Straßen jenseits des Reuterkiezes wälzen, in Kneipen, Cafés und Restaurants südlich des Hermannplatzes einfallen und in den Geschäften zwischen Neuköllner Schiffahrtskanal und Tempelhofer Feld ihre Reisebudgets verjubeln, dass die Kassen nur so klingeln. Es war folg- lich nur eine Frage der Zeit, wann die einschlägigen Beschützer vor dem Bösen die Besucher des Bezirks in die Liste ihrer Feindbilder aufnehmen und – nach Kreuz- berger Vorbild – mit dem Touristen-Bashing begin- nen würden.

Nun sind erste Anzeichen dafür aufgetaucht, dass die Welle es nach Neukölln geschafft hat. Unweit der Schmierereien schloss vor nicht langer Zeit ein winziges Café, weil die Ausgaben über den Einnahmen lagen. In Sichtweite wird demnächst ein Delikatessenladen mit Gastronomie-Segment er- öffnen, um den Kampf ums Überleben aufzunehmen. Die Unterstützung durch Touristen wird dabei sicher gerne angenommen.

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Alles schon dagewesen

Noch ist nichts von ihm zu sehen, wird nur gemunkelt, dass er entstehen soll: ein Feinkostladen im Schiller- kiez. Wahrscheinlich, dass er wieder die Gentrifizie- rungsphobiker und Alles-soll-so-bleiben-wie-es-ist- Sympathisanten auf den Plan rufen wird. Doch be- vor die da waren und bevor das Wort Gentrifizierung überhaupt erfunden wurde, gab es im Schillerkiez längst einen Feinkostla- den – nur ein paar Schritte von einem Pelzgeschäft entfernt. Solche Zeichen dafür, dass der Kiez schon bessere Zeiten erlebt hat, findet man überall.

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Wo sie recht haben …

gentrifizierungshysterie neukölln,schwachmaten-logikZumindest die Mieter der Häuser, an denen  Gentrifizierungsparanoiker ihre verquasten Weisheiten hinterlassen, werden das bestätigen.

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